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Die Wahrheit · 1903-11-20 · Heft 43 (20.11.1903) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1903
Issue
Heft 43 (20.11.1903)
Date
1903-11-20
Page
– (sequence 3)
Language
German
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\) Redaction und Administration: Wien, II/,. Novaragaffe 27 K. k. öftere. Poltivarcassa Eheck-Conto Nr. 846.251 Inserate Vrrngsiprrts: Ganzjährig. , c . ff. 12.— Halbjährig . ... ff. 6.— Für Cultusbeamte: Ganzjährig.... ff. 10.— 20 Heller per Nonpareille-Zeile. Abonnements- und JnserationSbeträge sind in Wien zahlbar und klagbar. Erscheint jeden Freitag. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit 1“ Für Ausland: Ganzjährig . . .8 Mark. 6 Rubel oder 18 FcS «r. 43. Wien, 20. November 1903. Inhalt r Zur Lage in Rußlang. — Bibelkunde und Babelfunde. — Die Kolonisation Palästinas. — Ein Protest gegen das Ostafrika-Projekt. Die Juden und der Talmud. — Verschiedene Nachrichten. — Ideen zur besseren Pflege unserer Liturgie. — Löjähriges Amtsjubliäum. Zur Lage in Rußland. Mit allgemeiner Spannung werden die Ergebnisse des am 19. d. M. beginnenden Kischinewer Prozesses erwartet. Der Umstand, das; die Verhandlungen bei verschlossenen Türen durchgeführt werden sollen, beweist am besten, wie wenig aufrichtig die Betheuerungen der russischen Regierung waren, und mit den geheimen Verhandlungen will sie jedensalls verhindern, daß mehr als ihrlieb ist, in die Oeffentlichkeit dringt. . Mittlerweile fahrt Herr v. Plehwe fort, sich bei jeder sich ihm darbietenden Gelegenheit durch schöne Redensarten als Freund der Juden zu deklarieren, was freilich mit seinen Taten in krassem Widerspruche steht. Diese an ihm schon öfters beobachtete Haltung nahm er auch kürzlich bei einer Unterredung mit einem hervorragenden Vertreter der englischen Presse ein. In ben letzten Tagen weilte nämlich einer der Eigentümer des „Daily Telegraph", Herr Wolf, in Petersburg. Wie nun erzählt wird, war der Hauptzweck seiner Reise nach Rußland der Wunsch, sich mit der Lage der russischen Juden und mit der Stimmung der russischen Regierung gegen ihre jüdischen Untertanen bekannt zu machen. Am 25. Oktober wurde Herr Wolf von dem Minister des Innern, Herrn von Plehwe, empfangen und er hatte mit ihm eine längere Unterredung. Wie zu erwarten war, bemühte sich der russische Minister, den englischen Journalisten zu überzeugen, daß die Beziehungen der russischen Regierung zu den Juden die allerhumansten seien, und er wies besonders darauf hin, daß er persönlich keinerlei feindliche Gefühle gegen seine Mitbürger jüdischen Glaubens hege; im Gegenteil strebe er danach, ihre Lage zu erleichtern, zu welchem Zwecke in dem ihm unterstellten Ministerium entsprechende Projekte bereits ausgearbeitet würden. Auf die Entgegnung Herrn Wolfs, daß die große Masse der jüdischen Bevölkerung sich in einer traurigen Lage und in vollständiger Rechtlosigkeit befinde, antwortete Herr v. Plehwe, daß die Rechtsbeschränkungcn durch die Notwendigkeit hervorgerusen würden, und daß für die Juden der beste Ausweg — die Auswanderung fei. Herr Wolf zweifelte an der Wirksamkeit dieser Maßregel und bemerkte, daß Rußland, wenn es die Juden zur Auswanderung in andere Länder zwinge, sich eine Menge Feinde im Auslände schaffe. Davon habe Rußland sich unlängst überzeugen können, als das Blutbad von Kischinew eine starke"Erregung der öffentlichen Meinung in den Vereinigten Staaten hervorrief, die bis dahin stets im freundschaftlichsten Verhältnis zu Rußland gestanden hätten. Indessen, so rügte Herr Wolf hinzu, ließe sich doch in Rußland genügend Raum für alle russischen Untertanen finden, z. B. sei es nicht zu verstehen, warum die Regierung den Juden die Einwanderung in die Mandschurei verbiete. Augenscheinlich sei es notwendig, in diesem Gebiete eine russische Industrie zu schaffen, es in ökonomischer Beziehung zu beleben, und zu diesem Zwecke würden die Juden ein sehr brauchbares Element abgeben. Herr von Plehwe zeigte sich sehr ei freut über diesen Gedanken. „Das ist eine gute Idee," soll er bemerkt haben, „das muß besprochen werden, wenn Generaladjutaut Alexejew hierherkommt." Im Zusammenhänge mit vorstehender Nachricht, deren Glaubenswürdigkeit allerdings noch weiterer Bestätigung bedarf, scheint auch nach folgende Meldung zu stehen: Das Anerbieten der englischen Regierung, den Juden in Uganda (Britisch Ostafrika) Land für eine Kolonie zu überlassen, soll in Petersburg zu Erwägungen geführt haben, die ein günstigeres Geschick für die Juden in Rußland herbeiführen können. Der offizielle „Warszawski Dnewnik", das Organ des Warschauer Gouvernements, schreibt wörtlich: „In Wirklichkeit würde dann (im Falle der Ausführung des Uganda-Projekts) der beste Teil der Judenschaft, der am meisten produktive, jener der am meisten befähigt ist, dem Staate Positives und Wertvolles zu geben, aus Rußland auswandern. Wir werden einen Teil unserer Untertanen, denen wir große Kräfte für die Lebensfähigkeit des russischen Reiches entnehmen könnten, an England abgeben. England aber wird die Juden benützen, um Erfolge zu erzielen, die zu erzielen wir uns als unfähig erwiesen haben. Warum aber sollen wir England ein Geschenk machen? Wäre es unmöglich, bei uns ein Gebiet in oer Mandschurei oder am Pamir oder sonst irgendwo den Juden anzubieten, wo ein mit Autonomie versehenes Gemeinwesen unter russischer Oberhoheit geschaffen werden könnte?" Zu diesem Artikel ist zu bemerken, daß »Warszawski Dnewnik" ein offiziöses russisches Organ ist, das bisher eine durchaus judenfeindliche Haltung einnahm und die Auswanderung der Juden aus Rußland für zweckmäßig erklärte. Wer da nun glaubt, daß derartige Nachrichten auf eine Verbesserung der momentanen Lage der Juden mn Rußland schließen lassen und daß die Zeit der Maßregelungen vorüber ist, der irrt sich gewaltig; denn die russische Regierung hat erst kürzlich neue Maßregeln getroffen. Sie betreffen die kranken

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