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Die Wahrheit · 1903-11-13 · Heft 42 (13.11.1903) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1903
Issue
Heft 42 (13.11.1903)
Date
1903-11-13
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Die Wahrheit. mit allen Attributen religiöser Weibe. Und die schwörenden Rabbiner wußten sich Eins mit der ganzen jüdischen Gesammtheit und sie verfaßten einen Eidesschwur, der in seiner apodiktischen Form, alle Möglichkeiten der gegen Israel erhobenen Verdächtigungen ein für allemal ausschließt. Viele Hunderte Rabbiner, aus verschiedenen Weltgegend ew hatten bereits vorher in wahrhaft rührenden Kundgebungen und mit eigenhändiger Namensfertigung ihre eidesstattliche Zustimmung zur Schwurleistung gegeben, und die früher keine Kenntnis davon hatten, beeilten sich auf telegrafischem Wege aus voller Seele mitzuschwören. Sie beschworen es alle, im Namen des ganzen jüdischen Volkes, daß Judentum, Judenheit und jüdische Sekten mit den Blutanklagen, die man gegen sie erhoben, absolut nichts gemein haben; niemals, nirgends gemein hatten. So sei denn dieser heilige Eid, diese vollgültige Verwahrung ganz Israels gegen den ihn angetanen Schimpf, eine Proclamation an die gesammte Menschheit, um die Gewissen in Aufruhr, die Geister zur Besinnung zu bringen! * * T " Verfasser des Berichtes stellt uns noch nachfolgendes Schreiben, das er in den letzten Tagen vom Vizepräsidenten des Congresses, dem greisen Oberrabbiner von Alexandrien Hazan Pascha, erhielt, zur Verfügung. Dasselbe hat folgenden Wortlaut: „Ich erhielt Ihre geschätzte Schrift über den Congreß und veranlaßte sofort eine italienische, französische und arabische Uebersetzung derselben, die ich auch drucken lassen werde. Dieser Tage hatte ich auch Gelegenheit, mit dem hierländischen Vertreter des Sultans, Marschall Gazi Pascha, über diese Angelegenheit zu sprechen Er freute sich sehr über den Akt der Eidesleistung und meinte, wenn auch böswillige Menschen, die die Blutbeschuldigung nur als Vorwand benützen, nicht überzeugt sein wollen, so wird doch nunmehr jeder Zweifel verschwinden bei solchen, die den Verdacht hegten, daß dies vielleicht als Geheimnis der Rabbiner bewahrt wurde. Nur müssen auch die jüdischen Kreise dafür sorgen, daß diese Schrift die weiteste Verbreitung in den nichtjüdischen Massen finde." Die Kolonisation Palästinas. Von Dr. Alfred Noisig. (Fortsetzung.) Zwei große politische Maxmien, die durch viele Beispiele in der Weltgeschichte erhärtet sind, sprechen für dieses System. Die erste lautet: Nur eine zähe, eiserne, unverrückt auf ein Ziel losgehende Politik hat Aussichten auf wirklichen Erfolg. Die zweite: Wo sich eine erwünschte territoriale Erwerbung mit Waffengewalt nicht durchführen lätzt, dort gelangt man durch planmäßiges, wirthschaftliches Vordringen, auf dem Wege' von Verträgen und friedlichen Acquisitionen an's Ziel. Ein solches Vorgehen empfiehlt die ganze bisherige kolonial-politische Erfahrung. Alle gesunde, zu wirklicher Blüthe gelangten staallichen Neubildungen der letzten Zeiten fiub auf dem Wege der spontanen Einlvanderung. der allmählichen wirthschaftlichen Okkupation des Landes und der schließlichen politischen Konsolidierung und Emanzipierung entstanden. Dasselbe System empfiehlt auch die volkswirthschaftliche Theorie. Die von mir entwickelten Ideen ierfuhren auf dem letzten Zionisten-Kongreß die kräftigste Unterstützung von einem Natioualökonomen, den die Vertreter des offiziellen Zionismus mit Recht zu den ihrigen zählenHerr Dr. Franz Oppenheimer hat sich in seinem ausgezeichneten Referat zweifellos alle Mühe gegeben, der zionistischen Leitung entgegenzukommen, aber seine wissenschaftliche Ueberzeügung stimmt vollständig unt der meinigeu überein, so sehr, daß er selbst in den Details des Kolonisations-Plaues ein identisches Vorgehen empfiehlt. Und obwohl Dr Oppenheimer sich für kein, politisches Koloniat-Programm, weder für Palästina noch für Ostafrika, offen ausspricht, muß er es dennoch vom rein kolonialtechnischen Standpunkte hervorheben, daß die Brsiedelung Palästinas viel aussichtsreicher sei, als die irgend eines anbei eit Landstriches, 9fr. 42 weil „die Zuweisung der herrlichsten Ackerbreiten in Kanada oder Argentinien nicht imstande sein würde, die Kräfte Ahsver's so anzuspaunen, wie die Ansiedelung in einer ärmsten Steppe, durch die der Jordan stießt und auf die der Libanon herabschaut." Die Wichtigkeit dieses Momentes, daß nämlich das Gefühl, das ideale Motiv, die Hiitleitung der Kolonisatioit nach. Palästina, gerade vom praktischen Standpunkte, als rein wirthschaftlicher Faktor sehr in Betracht kommt, kann nicht genug nachdrücklich,betont werden. Die Natur selbst hat es eben so eingerichtet, daß die großen idealen Gefühle der Individuen und der Nation zugleich, die feste-Grundlage des sozialen und wirthschaftlichen Baues bilden. Nur mit ihrer Hilfe kann auf dem-Wege der langsamen Ueberleitung ein so unendlich schwieriges Werk, kann das Wunder zustande gebracht werden, daß ein Volk, welches, durch Jahrtausende vom Boden losgerissen war, wieder Ackerbau treiben lernt. Nun aber stellen wir die Frage: Worauf gründen die .Anhänger einer sofortigen Massenkolonisation mit autonomer Grundlage ihre Zuversicht, daß diese Methode zu guten Ergebnissen führen würde? Wie können sie es wahrscheinlich machen, daß ein jüdisches Staatswesen in Ostafrika gedeihen könnte? Jede neue Ansiedelung in einem unbekannten und noch dazu in einem subtropischen Gebiete ist ein wirthschaftlich und hygienisch riskanter Versuch. Erst im vorigen Jahre ging die Nachricht durch die Blätter, daß in Uganda ein Uebel mit tätlichem Ausgang. die sog. Schlafkrankheit, endemisch sei, die viele Tausende von Eingeborneil dahinraffe. Im letzten Sommer sollen 50000 Schwarze daran gestorben sein. Zum Glück waren es noch nicht jüdische. Neger. Beginnt man in kleinerem Maß stades so fallen weniger Opfer. Wirft man aber — das bemerkt auch Oppenheimer mit voll'm Recht — Millionen von Stadtproletariern in ein landwirthschaftliches Gebiet hinüber, so muß das ein Chaos ergeben, daß nur mit beispielloser Noth enden kann, und das die Ueberzähligen durch Hunger, Typhus uub Cholera aus dem Wege räumen muß. Die moralische Befriedigung, daß man über politische Rechte verfüge, daß man sich einer gewissen nationalen Autonomie erfreue, kann unter solchen Umständen wenig, helfen. .... Vergessen wir eins nicht: völlig leer ist weder Palästina noch Ostafrika. Selbst wenn wir eine politische Konzession erreichen würden, so wären wir damit noch keineswegs die wirthschaftlichen, faktischen Herren des Landes geworden. Der lange Kampf, welcher zur Eroberung der etttscheidenden ivirthschaftlichcn Positionen nöthig ist, wird uns nie erspart bleiben, nur daß die Landesbevölkerung sich viel heftiger wehren und uns viel größere Ungelegenheiten bereiten wird, wenn wir mit einem Charter in der Hand eindringen. Nur diese Voraussetzung jedoch, daß der Weg der Autonomie und der Massenkolonisation das einzig Richtige sei, hat den politischen Zionismus veranlaßt, sein Augenmerk dem ostafrikanischen Projekte zuzuwenden. Dies hat sich n. A. auch bei der Erledigung des El-Arisch-Planes gezeigt. Warum sind wir gegen Ostafrikar Es gibt zunächst dafür einen Hauptgrund, dessen Giltigkeit von den Aussichten des ostafrikanischen Planes ganz unabhängig ist: Ich bin gegen Ostafrika einfach, weil ich für Palästina bin. Weil ich überzeugt bin, daß wir keinen Grund haben, das Palästinawerk zu unterbrechen und ein anderes zu beginnen; weil ich ferner überzeugt bin, daß wir zwei Heimsiälleu, eine in Ostafrika und eine in Palästina, weder gleichzeitig noch nacheinander gründen können — ans wirthschaftlichen und aus moralischen Rücksichten. Ein Volk soll nicht zwei Vaterländer haben, cs soll keine politische Bigamie treiben. Die armen, unstäten, hin und hergetriebenen Söhne Ahasver's haben lange zwei bis drei Vaterländer gehabt — wir wollen endlich e i n Vaterland, ein Vaterland haben. Und sollen wir etwa Palästina opfern, weil wir, die wir Jahrtausende gewartet, zwanzig bis dreißig Jahre nicht mehr warten wolle», oder gar, weil Ostafrika bessere wirthschastliche Aussichten bietet? lLie ein Bräutigam, der seine Angelobte verläßt, weil er ein Mädchen mit größerer Mitgift gefunden hat? Nimmermehr! Valästina ist die Braut des jüdische» Bolkes. Seit zweitausend

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