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Die Wahrheit · 1903-11-13 · Heft 42 (13.11.1903) · page 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1903
Issue
Heft 42 (13.11.1903)
Date
1903-11-13
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr.-42 Die Wahrheit Seite S ' ' „Mein ehrwürdiger' Freund! - Wir wissen es alle genau,! l aß wir unschuldig sind an dem Verbrechen, das uns von den Feinden angedichtet wird. Vielleicht werden aber böse Kreaturen behaupten, daß Dir ein solcher Brauch deshalb nicht bekannt ist, weil dieses Geheimnis nur den Rabbinern in Israel anvertraut wird. Sie werden dich als ehrlichen Menschen hinstelleu, um die Möglichkeit einer barbarischen Vorschrift in Israel aufrechtzuerhallen. Deswegen erkläre ich hiermit mit der ganzen Autorität des jüdischen Rabbinates, daß dieses Schandmal unseres Zeitalters eine Pure Verleumdung ist. Mich hat die Vorsehung begnadet, vierzig Jahre Oberrabbiner von Großbritannien zu sein./ Mein hochseliger Vater war Rabbiner in Deutschland. Er/hat diese Würde von seinem Vater geerbt; sein Vater von . meinem Urgroßvater, und so fort zehn Geschlechter in aufsteigender Linie, l eren Häupter hervorragende Rabbiner in Israel waren. Thora und Tradition verpflanzten sich demnach in meiner Familie vom Vater auf den Sohn bis auf den heutigen Tag. Vielleicht ist Keiner so eingeweiht und berufen, über Recht und Vorschrift, Satzung, Brauch und Lebensführung im Judenthum ein Urteil abzugeben, wie ich. Ich spreche dies gewiß nicht aus Ueberhebnng. Was hat denn ein hinfälliger Greis in meinem Alter auf dieser Erde noch zu hoffen? Ich bin täglich, stündlich vorbereitet, vor dem Rkchterthron Gottes zu erscheinen, der in Schauern heiliger Andacht uns anbefohlen: „Du sollst nicht morden!" »Du sollst nicht falsch schwören!" Ich bin mir meiner Verantwortung voll und ganz bewußt und erkläre mit ganzer Seele und -nut ganzem Herzen: Der höchste Richter sei mein Zeuge! Ich schließe mich voll und ganz dem Eide an, den der fromme Manasse den Israel und nach ihm der würdige Moses Mendelssohn geschwo.en. Nachdem diese beiden Großen in Israel gesprochen, sollten meine Worte überflüssig sein; auch ist eS‘ja in unserer aufgeklärten Heimat nicht nöthig, diese Verleumdung zu widerlegen. Wer weiß aber, ob mein Schwur nicht dort jenseits des Meeres dienlich sein könnte. Alt und gebrochen gehe rch dem Tode entgegen; ich lege diesen Schwur in deine Hand. So ich lüge, sollen meine Gebeine nicht auferstehen, wenn der Allmächtige die Gräber sprengen wird." Zweiundvierzig Jahre später war TiszaEszlar auf der Tagesordnung: jüdische Schächter wurden bezichtigt, zu rituellen Zwecken ein vierzehnjähriges Mädchen umgebracht zu haben. „Cs wäre ein Unrecht" — so schrieb damals das Präsidium der israelitischen Ländeskanzlei in semer Eingabe an den Ministerpräsidenten Ungarns — »wenn wir unsere Konfession, die Jahrhunderte lang durch solche stets als Lügen offenbarte Verleumdungen, so vielen Heimsuchungen und Verfolgungen ausgesetzl gewesen, gegen die jetzt sich erhebende Anklage vertheidigen wollten vor Ein. Exzellenz, dessen staatsmännische Weisheit kein Vorunheil kennt." Und zur Ehre Ungarns sei es gesagt, daß diese Voraussetzung auf voller Wahrheit beruhte. Die ungarische Regierung hat die diesbezüglichen Eingaben und Vorschläge der Juden unerledigt fast nicht übernachten lassen. Der Minister- Präsident forderte in Cirknlar-Verordnnngen die Jurisdictionen aus, jede Ausschreitung gegen die Juden im Keiure zu ersticken, jedes derartige Bestreben in schärfter Weise zu ahnden und vor kommerrden Falls sofort an das Strafgericht Anzeige zu machen. Und nun möge es der himmlische Richter dem seligen Oberstaatsanwalt Kozma zum Guten gedenken, daß er nicht mit stoischer Ruhe eine zuwariende Stellung beobachtete, sortbern, als rr wahrgenommen, daß die Bemühungen der unteren Justizörgane aus total falscher Fährte waren,- den bluthungrigeu Untersuchungsrichter anwies, seine Thäligkeit einznstellen und eine neue, auf strenger und gerechter Basis durchgeführte Untersuchung an Ort und Stelle in eigener Person zu beaufsichtigen. Auch die Rabbinner Ungarns haben aus diesem Anlasse eine Kundgebung veröffentlicht. „Unsere Menschenwürde" — so Ich neben die seitens einer Rabbiner-Versammlung delegierten Herren Rabbiner Leopold Lipsitz und Menächem Katz — „wird um Füßen getreten durch oäs Gerücht, daß man der Untersuchung ein religiöses .Gepräge äüfzudrücken geneigt ist. Wir sind an einem Punkte, augelangt/ wo Schweigen eine schwere Unterlassungssünde wäre. Wohl beschleichen uns Scham, Betrübniß und Schmerz, auf unsinnige Beschuldigungen, wie den Blutbedarf zu religiösen Zwecken, antworten zu mü"en, aber das Pflichtgefühl drängt alle anderen Gefühle in den Hintergrund." Das Manifest schließt mit einem Appell an die Glaubensbrüder : „Vermeldet jede unnütze, aufreizende Polemik, seid bescheiden im Auftreten, lasset keine Verbitterung in Enern Gemüthern aufkommen, unterdrücket keine edle Regung, seid selbst gegen Gegner wohlthätig, und so wird es Euch gelingen, die Feinde von heute zu Freunden von morgen umzuwandeln, um gemeinschaftlich das Wohl und das Gweiheu d^s Vaterlandes zu fördern. Die Nacht der Jrrthümer wird endlich weichen. Recht, Wahrheit und Erkenntnis werden zur Macht gelangen." Und es ward Abend und es ward Morgen, aber noch immer nicht Tag. „Es ist ein vergebliches Bemühen", sagt ein altes Sprichwort, „die Natur selbst mit einer Heugabel auszutreiben"; fast noch schwieriger aber ist es, gegen Vorurtheile anzukämpfen. Kaum waren siebzehn Jahre seit Tisza-Eszlar verflossen, und wieder mußte das Judenthum und mit ihm die nichtjütische Welt eine gleich schwere Demüthiguug erfahren. Durch die Hallen eines österreichischen Gerichtshofes schritt das Gespenst des alten Blutmärchens, und auf dieser Grundlage wurde ein Todesurteil verhängt. Die Holzstöße, aus denen Hexen und Jud n ihr Leben ausgehaucht, sind längst zu Asche nieaergebrannt. Im Jahre 1782 wurde in Europa das letzte gerichtliche Todesurtheil wegen Hexerei gesprochen und vollzogen; im Jahre 1821 wurde in Europa das letzte Hexengesetz aufgehoben : wann wird endlich auch dieses Schandmal verblödeter Jahrhunderte der Vergessenheit preisgegeben werden? „Diesmal" — so verlautbarte damals der „Verein gegen Antisemitismus" in Wien — tritt speziell an die Jndenschaf: die gebieterische Pflicht heran, wie ein Mann aufzusteheu, Alles aufzubieten, um den Fall klarzustellen und so zu verhindern, daß der Glaube au diesen jüdischen Verbrecheusparagrafen in die denkträgen Volksmassen sickere und dort zur Ueberzeugung werde." Was hätte aber das arme Judentum machen sollen, um diese entsetzliche, scheußliche Anklage von sich abzuwälzen? Rabbinate und Vorstände zahlreicher Kultusgemeinden haben zu Protesten ihre Zuflucht genommen. „Wir werden, wie es unsere Väter getan haben, mit Gut und Blut für die Ehre und Reinheit unserer Religion einlreten und sie gegen den schändlichen Anwurf der Blutbeschuldigung verteidigen", so lautete die Devise der Wiener Kultusgemeinde, deren großartige Protest-Kundgebung durch ihren Seelenhirten einen mächt gen Widerhall in den weitesten Kreisen gefunden. Trotz alldem wurden in jüngster Zeit wieder in verschiedenen Landern die höchsten und heiligsten Ideale Israels durch bluttriefende Anklagen in den Staub gezerrt. . Die ungeheuerliche Verdächtigung mit allen Nachwehen zügelloser Brutalität wurde wieder lebendig. In namenlos verstümmelten Leichen, geschändeten Heiligtümern und Todeszuckuugeu der unter Mörderhäaden geendeten Seelen wiederholte sich der alte Golnsjammer, mit alle» grauenerregenden Einzelheiten. Was sollte wieder geschehen, um die gräßlichste Verlogenheit, mit welcher nicht nur das Bibelvolk selbst, sondern auch die Gesammtmenschheit verlästert und herabgewürdigt wi^d, zu zertreten? Auch unseren Vorfahren fehlten die Kraft und die Mittel ihre Rettung selbst herbeiznführen. Aber der Ernst, womit sie ihre Lage erkannten und beherzigten, die schmerzvolle Ergebung, mit der sie zu leiden verstanden, hat sie in ihrem Gottvertraueu angespornt. zu tun, was sie unter den herrschenden Verhältniffeu tun konnten. Die Edlen Israels, auf welche das Auge der jüdischen Gesammtheit gerichtet war, beteuerten von Fall zu Fall ihre Unschuld, und „es wandelten Völker zu ihrem Lichte, und Könige vertrauten ihrem Rechte." Mit gepreßtem, verwundetem Herzen erhoben nmr abermals die Torahwächter Israels, die die Aenßerungen der jüdischen Gesammlheit in den leisesten Spuren auffuchen, ihre Ha»d zum Schwure. Diesmal geschah es aber vor der größten Oeffentlichkeit,

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