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Die Wahrheit · 1903-11-06 · Heft 41 (6.11.1903) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1903
Issue
Heft 41 (6.11.1903)
Date
1903-11-06
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Nr. 41. Keilage zur Zeitschrift „Die Wahrheit." 23. Ial»rg. Fachliche Vorbilduny jüdischer Lantoratskaiididaien. ii. . Der zweite Aufsatz der iu Nr. 39 dieser Blätter vorkouimendeu Abhandlung stammt vom Kollegen S. Rappaport in New-Aork. Zwischen der englischen Onginaliassnng und der deutschen Uebersetzung durch Herrn Maurice Klempcrer scheint ein kleines Kluftchen zu gähnen, indem einzelne SleÄen der Darbietungen dadurch etwas unklar erscheinen, weil mnsiklechniiche Ausdrücke in nickt musikalischem Sinne, und wieder allgemeine und landläufige Worte als musikalische Kunstbezeichnungen angeführt werden. Doch so viel ist aus dem sonst schätzenswerthen Aufsatze \u entnehmen, daß es sich im Großen und Ganzen um einen Nothschrei zur e i n h e i t l i cke n G e st a l t u n g der jüdischf musikalischen Liturgie bandle. Zur Bekräftigung dieses allgemein anerkannten und schon so oft erörterten Gedankens werden in löblicher Absicht Hinweise auf Zweck und Ziel der Musik und des Gesanges im Allgemeinen angeführt, um, zu den nothwendigen Rücksolgerung zu gelangen, welche Ergebnisse durch die religiöse Musik (Gesang) anzustreben feien und erstrebt werden sollen. Zur Klarlegung dieser angedeuteten ästhetischen Studie gestatten wir uns einige Sätze der deutschen Uebersetzung wortgetreu anzuführen. Der Uebersetzer schreibt: „Man scheint vielmehr sich an den Ausspruch Johannes Brahms zu halten, der sagte: Jede Musik ist eine heilige Musik und alle wirklichen Musiker sind ihre Priester; au uns ist es, deren Einzelheiten zu einem Ganzen zu bilden. Diese Definition könnte man wohl ^ür die reine, von anderen Ncbenumständen unabhängige Kunstmustk, die rein ästhetische Zwecke verfolgt, gelten lassen. Doch iür den einfachen, stimmungsvollen religiösen Gesang, welcher seinen höchsten Effekt und seine wirkliche Höhe in Chören erreicht rmd der überdies in Jahrhunderte alten Formen und in der wollkonnnenen Abtrennung alles Weltlichen und Alltäglichen seinen Ausdruck findet, kann dies nicht gelten. Erstere ist die Manifestation der Religio» in Schönheit und Kunst, während letztere in der Religion selbst Schönheit und Kunst sucht", u. f. w. Wie Teufclcheu im Hexeusabbath huschen die schier unzählbaren Geistesblitze in diesen wenigen Säyen an uns vorüber und scheinen stch selbst darüber zu wunderil, daß man sie zur Beweissührung einer so naheliegenden und allgemein verständlichen Thmsache, wie die e-uheitliche Gestaltung des liturgischen Synagogengesanges, aus weitabliegenden Geisteskammern und .in solch' unnöthigem Massenaufgebote herbeigeholt. — Und, gestehen wir es nur offen, auch w:r stehen hier vor einem Räthsel. Hat der verehrte Herr College Rappapori bezüglich der in diesen Blättern, im „Indischen Eantoi". in der „Deborah" und selbst j« hebräischer Sprache im „Hamagid" (1901) und in Brochuren rc. verfolgten gleichartigen Arbeiten gar nichts erfahren? — Nur riefe Voraussetzung könnte als Enlschttlülguugsgrnttd dafür gelten, daß dieser oben angeführte Gegenstand so ausführlich und eindringlich^ gleichsam als Novum behand-lt erscheint. Doch stellen wir uns auf den Sraurpnukk, daß bis nun nach der Äügedeuleten Rickmng keinerlei Vorschläge gemacht worden wären, Md chepeptiren Die fönst daukenswerthe Kundgebung des Herrn i^vllrgen'NappaPort ^die einheitliche Gestalltuigder musikalischen rj*) dlnch jüdische Componistrn betheiligteu sich an solchen ^om- Positionen. Synagogenlilurgie" als eine ganz neue Erscheinung, io ist aus der vorliegenden Erörterung nicht za entnehmen, an welcher Stelle der Hebel anzusetzen sei, um eine einheitliche Kunstbeftrebnttg beim liturgischen Synagogengesange zu erreichen. Meint Herr R. . . die Chöre/ Melodien. Chasonns oder gar nur das cantorale Recitativ allein? Der Autor spricht in einem Äthem? zuge und mit derselben Begeisterung von jeder dies-r angeführten Einzelheiten, ohne dabei den Riegel des Hinterthürchens aus der Hand zu lassen, der zu den vornehmen Hallen moderner Mufikennvickelilng führt; er versteigt sich sogar, nachdem er früher wchmuthsvoll den traditionellen Standpunkt pries, der eine moderne Abänderung der Laäwad-vsabla-Melodie verpönte, zu dem radical-fortschrittlichen Aus» nie: ^uanaioa saora als fortschreitende göttliche Kunst anfgefäßt, muß . im Kontakt und Einklang mit der musikalischen Cultur und Kunst der Außemvelt gehalten werden, und wir dürfen uns den großen Fortschritten der treibenden Kraft der Musik unserer Zeit, sowie dem 'tiefen. Bedürfnisse für deren Entfaltung, die instinktiv nach mehr Expansion in der Tempelmusik ruft, nicht verschließen." Alio die ehrwürdigen Traditionsgesänge heilig halten und den Einwirkungen der modernen Musik sich nicht verschließen dürfen, das wird etwas schwer halten, und dennoch liegt die Lösung dieser einfachen Frage ganz offen vor .uns, wenn wir die Erscheinungen unseres modernen Synagogengesanges im Spiegel des beispielsweise katholischen Kirchengesanges betrachten. Hier wie dort sind drei Gattungen von Gesäugen vorhanden, die künstlerisch behandelt werden müssen, und zwar. 1-. die sogegenannt' n Austnhrnngsnuinmern, 2. Recilalionen des Funktionärs und 3. der Gemeindegesang. Der katholische Kirchengesäng, dessen künstlerische Ausgestaltung die größten Musikheroen aller Zeiten sich zur Lebensausgabe machten, ruhte auf der Basis der Kirchentonarten, welche im Großen und Ganzeil noch heute, trotz des gewaltigen Aufschwunges der weltlichen Musik, beim Gerneiudegesauge und den Recitationen des Geistlichen fest gehalten werden. Einer wesentlich anderen Erscheinung begegnen wir jedoch im Entwicklungsgänge der Aufführungsuummern, der „Messe". Bon Ockeghtin (der die erste räumlich ausgedehnte Messe componirt haben soll) bis auf Palestrina u»ld von da bis aus nufere Tage gab es keinen Coinponisten. der nicht durch die Schöpfung einer oder mehrerer Messen die Musiklitteralnr der Kirche bereichert hätte.*)' ' Wir sehen also, daß bei diesem Kirchengcsangszweige nicht allein keine Einheitlichkeit angestrebt,*) sondern dem Flügelschlage zeitgemäßer Fortentwicklung Thür und Thor geöffnet wurde; bezüglich des Geineindegesanges (Ehoräle), wie bei den Recitalionen des Geistlichen wird jedoch ftrenge daraus gesehen, daß bei diesem Zweige des liturgischen Gesanges Kirchemöne zur Basis dienen müssen, wie dieselben vor Jahrtansenden verzeichnet wurden, und es w'.rd selbst der höchstgestellte Geistliche es . nicht wagen, beim Kyrie, Gloria rc. nur einen der vorgesckriebenen Töne selbstgefällig zu ändern. Ganz dasselbe ist bei dem Gemeinde gesauge (Choräle) der Fall. Diese Töne (musica sacra) galien und gelten als heilig, wutden in ihrer Uuai.tastbalk it in sämmtliche Kirchen der Welt verpflanzt und brachten daher jenes Wunder zu Wege, welches wir heute unter der Bzeeichuuyg „Einheitlichkeit des Kirchengesanges". anftaune».;; 3 -, Nun bei 11!..--Fn der Nachahmung dieser histor schert Vorgänge liegt die Möglichkeit, auch -Ms MsaiümtZ^E üuserrs^ *) Höchstens in riwaiger Berücksichtigung des KirchMftileS. .

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