Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1903
- Issue
- Heft 41 (6.11.1903)
- Date
- 1903-11-06
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3063163-3063204--02731-3069432- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Die Wahrheit Seite & Nr. 41. das Gefühl der Rechtsunsicherheit, läßt wirkliche Gewalttätigkeiten oder sonstige Rechtsverletzungen besorgen und gefährdet dadurch den Frieden im Staate." Es sei notwendig, daß alle Organe der Staatsverwaltung sich mit jenem Geiste erfüllen, von welchem diese oberstgerichtliche Entscheidung durchweht wird. Der Vortragende brachte im Weitern ein reichhaltiges Tatsachenmaterial für die erfolgreiche Abwehr der Blutbeschuldigungen, der Verleumdungen und Herabwürdigungen der jüdischen Religion, der Beleidigung einzelner Staatsbürger jüdischen Glaubens, der Einschränkung der persönlichen Freiheit, der Bedrohung von Leben und Gesundheit durch antisemitische Exzesse. Zum Schlüsse appellierte der Redner an den Gemeinsinn und die Opferwilligkeit sowohl der Anwesenden, als auch der leider zahlreich Abwesenden, mit allen Kräften diesen Kampf ums Recht zu unterstützen und die Erwägungen des täglichen Broterwerbes nicht etwa den idealen Bedürfnissen des Rechtsschutzes vorangehen zu lassen. Nachdem der Redner unter stürmischem Beifalle geschlossen, dankte der Vorsitzende demselben für seine lichtvollen Ausführungen. Zur Hebung des Tempelbesuches. Hochinteressant sind die mir infolge meines Artikels „Zur Hebung deS Tempelbesuches' zugegangenen Briefe und veröffentlichten Antworten, die sich fast alle, bis auf einige Zu stimmungen von hervorragenden Persönlichkeiten, blos an den Titel »reines Artikels hielten, ohne auf den darin enthaltenen Hauptgedanken einzugehe», der die Hebung des Cantorenstandes bezweckt. Ich möchte sagen, sie griffen in ihrem Eifer nVi “in tttm Daß der schwache Tempelbesuch auch auf die von den werthen Herren Einsendern genannten Ursachen zurückzusühren sei, habe ich niemals bezweifelt, ich wollte blos den Finger an eine offene Wunde unseres Gottesdienstes legen und so die Aufmerksamkeit der berufenen Kreise auf eine Frage lenken, welche bisher fast 'ganz vernachläßigt und unbeachtet geblieben war. Wir leben heute im Zeitalter des Fortschrittes und da verlangen wir mit Recht akademisch und seminaristisch gebildete Rabbiner, pädagogisch geschulte Religionslehrer und auch mit fachmännischem Wissen ansgestattete Cantoren. Für die Heranbildung der ersteren haben wir bereits durch Errichtung von besonderen Lehranstalten gesorgt. Wollen wir nun eine volle Harmonie in unserem Gottesdienste haben, so bedarf es dazu auch einer Lehranstalt für unsere Cantoren. Aus solchen hervorgegangene Herren werden würdige Vertreter ihres Fachtsein, sie werden unseren Gottesdienst feierlicher, weihevoller und damit auch anziehender machen können. Ich möchte daher nochmals das löbliche Curatorium des hiesigen Seminars ersuchen, meiner Anregung näher zu treten, und ich bin gerne bereit, auf Verlangen mit weiteren Ansführungen zu dienen. Zum Schluffe möchte ich noch bemerken, daß ich im Einzelnen auf die mir zuteil gewordenen Antworterl zu erwidern, verzichten muß, da ich durchaus keilte Poleutik eröffnen wollte, sondern durch meinen Vorschlag nur der guten Sache zu dienen bezweckte. Im Uebrigen verweise ich auf einen in der „Oesterr.- uua. Cantoren-Zeitung" Nr. 40 hierüber erschienenen Artikel. * * * St—g. Die vorwöchentlichen dankenswerthen Ausführungen des geehrten Herrn Einsenders über die Ursachen der geringen Theilnähme an dem Tempelbesuche wären gewiß geeignet, die Atffmerksamkeit der maßgebenden Kreise auf die klägliche Qualification vieler, ja selbst in den größeren Gemeinden wirkender Functionäre zu lenken. Es ist dies ein Uebelstand, tvelcher nicht genug oft in den Fachblättern selbst, sondern auch zumeist von dem tempelbesuchenden Publikum hart. empfunden und zum Gegenstände unliebsamer, der Würde des Gottesdienstes diametraler Erörterungen gemacht wird. Dieser wunde Punkt in den eultuellen Eiilrichtungen vieler unserer Gemeinden könnte jedoch nur dann einer gedeihlichen Lösung zugeführt werden, wenn die langjährigen und gewiß lobenswerthen Bestrebungen des Wiener Cantoren-Bereines hinsichtlich der Eröffnung eines Lehrcurses in einem der bestehenden Seminare für angehende Cantoren ein williges Ohr der Cultusgemeinde-Repräsentanzell fänden. Nur in diesem Falle könnte es successive dazu kommen, daß zur Zelebrierung des Gottesdienstes in erster Linie in ihrem Berufe ausgebildete, mit der uöthigeu Intelligenz und dem ganz besonders erforderlichen hebräischen Wiffen ausgestattete Fachmänner vor den Altar des Herrn hintreten und die gottesdienstlichen Functionen mit vollem Verständnis, mit Würde und Innigkeit zum Vortrage bringen würden. Es ist selbstverständlich, daß bei zweckdienlicher Regelung dieser so wichtigen Angelegenheit das Ansehen des Cantoren« standes nach jeder Richtung hin nur gehoben werden könnte. Arnold Stößler»Olmütz. * * Es ist eine bedauerliche Thatsache. daß der Tempelbesuch in den Landgemeinde» ein überaus spärlicher ist, und so klingt es zuweilen wie eine Satyre, wenn sich der Cantor mit der geschmückten Thora am Arme von der offenen Bundeslade zur Gemeinde wendet und ihr mit erhobener Stimme »Sch’ma Jisroel« zuruft. „Wo ist Kol Mroel?" — Die Gemei»»de» Mitglieder stehen vor ihren Ladenlüren und starren hinaus ins leere Nichts, im ganzen Tempel aber glänzt der einzige Ctzlinderhut des Tempelvorstehers, dann sitzen einige Minjanlepte in allen Winkel des Tempels zerstreut und büßen gähnend hier die Tempelzeit ab. Angesichts dieser Verhältnisse ist wol die Frage berechtigt, wo die wunde Stelle dieses chronisch gewordene» Leidens liegt und wer an dem Verfall der > gottesdienstlichen Institutionen schuld trägt. Wir haben in diesem geschätzten Blatte wol einige Ansichten darüber gelesen, aber mir scheint, daß die Verfaffer sämmtlicher Artikel nicht den gordischen Knoten gelöst, haben. Gestatten Sie mir daher, geehrter Herr Redakteur, auch meine diesbezügliche Meinung au dieser Stelle zu. äußern. Ist der Cantor dazu berufen, bezw. liegt es in seiner Macht, die Leute in de» Tempel zu locken? — Je nun! Be» rufen ist er hiezu gewiß nicht, da mau ihn doch nicht zum Praterschreier degradieren will, aber zuweilen vermag ein guter. Cantor, besonders iirsolange er neu ist, seine Gemeindemitglieder, derart zu begeistern, daß ein Jeder den Freitagabend mit. Sehnsucht erwartet. Können aber die kleinen Gemeinden einen solche» Cantor nach Gebühr besolden? Entschieden nicht! Selbst die größeren Gemeinden, die einem Cantor was bieten könne»», suchen oft vergebens einen guten Cantor, umsomehr müssen also, die Provinzge»»»einden auf einen Künstler-Chasan verzichten. . Doch diejenige Person, die in erster Linie die Pflicht tzat, für die Hebung des Gottesdienstes und des Tempelbesuches z» sorgen, ist der Rabbiner. In seiner Hand liegt die religiöse. Entwicklung der Gemeinde. Wo er aufrichtg fromm ist, ist, es auch die Gemeinde. Der Rabbiner hat die Pflicht, nachdem ihm die Kanzel z»»r Verfügung steh», bei jeder Gelegenheit seine Gemeinde zur Religiosität in Haus und Tempel zu wecken, ihm obliegt die heilige Aufgabe, die Jnge»»d mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln zur Frömmigkeit zu erziehen, de»» Glau! en der Väter in seiner Gemeinde zu wahre» uudzur fördern, und die Gen»ei»»devertretung wird ihm gewiß bei diesen Bestrebungen hilfreich an die Hand gehen und ihn dafür ehren und schätzen. Ich will wol »licht behaupten, daß die Herrn Rabbiner ihren Aufgaben gegenüber indolent si»»d, es tut gewiß jeder Einzelne dieser ehrwürdigen Herrn das Möglichste zur Hebung des jüdischen Sinnes in seiner Gemeinde, aber bedenkt man, mit welch fieberhafter Propaganda die katolische Geistlichkeit für kirchliche Zwecke arbeitet und lvelch' enorme Summen ihr für ihre Agitationszlvecke zur Verfügung gestellt werden, so muß man sich doch gestehen, daß der jüdische Seelenhirte diese seine Mission ein wenig zu lau erfüllt. Armin W i lk o w i ts ch, Cantor in Eibenschitz.