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Die Wahrheit · 1903-11-06 · Heft 41 (6.11.1903) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1903
Issue
Heft 41 (6.11.1903)
Date
1903-11-06
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Ni. 41. Seite 4 Die Wahrheit. Ministerium zu diesem Zwecke beurlaubt worden ist. Aus die jüdischen Feiertage -wird nur in dem Maße Rücksicht genommen, wie an den öffentlichen Staatslehranstalteu, d. h., die jüdischen Schülerinnen brauchen am Neujahrsfest, Versöhnungstag und an den anderen Festen wahrend des Vormittags die Schule nicht zu besuchen. Allerdings ist es, wie mir meine altere Tochter seinerzeit erzählte, vor Jahren dort vorgckommen, daß Kinder von ihren Eltern, die orthodoxe Synagoge vejuchten, auch am Versöhnungstage in die Schule geschickt wurden. Solche jüdische Schülerinnen wurden dann von den christlichen Lehrern ihren jüdischen Mitschülerinnen als Musterbilder von Fleiß und guten Sitten üiugestellt. Noch viel weniger Rücksicht pvird an der deutschen Mädchen- Bürgerschule in dem Vororte Weinberge, welche ebenfalls eine Privatanstalt ist, ans die Konsession der Mehrzahl der Schülerinnen, die dieselbe besuchen, genommen.- Der Direktor dieser Anstalt, der früher in Prag wirkte, ist als erzklerikal bekannt. Leider muß ich meine Tochter in diese Anstalt schicken, weil ich an der Grenze von Weinberge wohne und daher der Weg zur öffentlichen deutschen Mädchen-Bürgerschule in Prag ein unvergleichlich weiterer für mein Kind wäre. In allen Lehrzimmeru der Weinberger Madcheu-.Bürgerschule ist, obgleich sie eine.Privatanstalt ist, das religiöse Symbol des Cyristenthums angebracht, Kirchengejange werden beim Gesangsunterrichte in der Schule eingeübt, beim Geschichtsunterrichte wird an keiner öffentlichen Schule so -viel und-so ausführlich vom Christentum gesprochen, als da; an jedem Sonn- und Feiertag wird katholischer Gottes dienst abgehalier, , der vom ganzen Lehrkörpers besucht»- wird- Selbstverständlich befindet sich in letzterem kein einziger Jude, obgleich die Schule zumeijt von jüdischem Gelbe erhalten wird, indem die meisten Schulgeld zahlenden Mädrben Jüdinnen sind und auch der Verein, welcher die Erhaltung der Schule, nachdem sie infolge eines Rekurses rer Weinbrrger Stadivertretung aufgehört hatte, eine öffentliche zu sein, übernommen hat, zahlreiche jüdische Mitglieder besitzt und die im Vorstände deS Vereines befindlichen Juden die größten Opfer für die Schule bringen. Wenn schon diese Privatlehranstalten sich: in Allem und Jedem nach den öffentlichen Anstalten richten, an welchen jetzt ebenfalls ein Jude nicht so leicht eine Anstellung findet, so sollten sie sich doch auch in der Beziehung an die gesetzlichen Bestimmm'gen für öffentliche Schulen halten, daß da, wo durch 5 Jahre die Mehrzahl der Schüler einer bestimmten Konfession augcbört, auch zum Leiter dieser Schule ein dieser Konfession angehörender Lehrer bestellt werden muß. In diesem Punkte weicht man aber'von den röffentlichen Schulen vollständig ab Da ist mau P-ivatanstall und fühlt sich an die gesetzlichen Bestimmungen nicht gebunden. In Prag gibt es mehrere zionistische Vereine, einen jüdischen Polksvcrein, eine jüdische Volks-Vorschußkaffa u. s. w., die alle febr'eifrig und läng sind und schon manches Ersprießliche geschaffen haben.— aber an die Errichtung von jüdischen Volksschulen hat noch niemand g dacht. Und doch wäre» jüdische Volksschulen dem Zionismus viel förderlicher, als jüdische Volksvanken. Erst muß der Grund zum Gebäude gelegt werden, und ras ist die jüdische Volksschule, die jüdische Volksbank wird daun das Gebäude krönen. Welchen Dank und welche Anerkennung die „jüdischen TsÄ'chen" für ihre jüdische Selbstverleugnung, für die Preisgebungihrer konfessionellen Interessen und für die tschechisch nationale Aufopferung bisher geerntet haben, ist männiglich bekannt. Man braucht nur sie Namen Polna, Baxa, Breznovsky u. s. w. zu nennen, mm es. zu wissen.. Aber auch die „jüdischen Deutschen" können sich unmöglich der Erkenntnis verschließen, daß sie bei ihren ^Konualionaten" nicht gut gelitten sind. und. in Prag nur varM nicht so gemieden, werden^ wie in rein deutschen Städten, weit Mdortige Deutschtum aus. ihre Mitwirkung und. noch mehr auf. ihr Geld, ohne seinen Selbstmord zu begehen, nicht verzichte» kan»». ^Gleichwohl ist .unch in Prag, wie schon obe r bemerkt, ke n einzrger jüdischer Lehrer an den von den:scheu Bereilie« gegründete«. Schulen.tätig, und auch das größte deutsch: Geldinstitut HeF Landes, die...böhmische S varkassa in Prng,H deren Leitung in -'fortschrittlichen Händen sich befindet, hat noch nie einen Inden als Beamten angestellt, was freilich auch bei der städtischen'tschechischen Svarkassa der Fall ist, obgleich an beiden Anstalten die Zahl der jüdischen Geldeinleger eine sehr große ist. Soll es-besser werden, dann müssen die Juden etwas mehr Selbstgefühl zeigen, sich ans sich selbst besinnen, sich, wo das möglich ist, selbst helfen — dann wird ihnen geholfen werden, und dann werden sie auch mehr, beachtet und geachtet werden. Wie schützen wir unsere Ehre und. Existenz? , Im israelitisch-politischen Bereiste „Gleichheit" in Floridsdorf hwlt am 3. d. M. der Sekretär der „Oelterreichisch israelitischen Union", Herr Siegfried Fletsche^ einen Vortrag über das Temä^ /, Wie schützen wir unsere Ehre und Existenz? — Aus der Rechlsschntzpraxis * Der Versammlung, welche von Herrn Dr. Ruß mit einer herzlichen Begrüßung/^ des Vortragenden eingeleitet - wurde, wohnl-n unter Anderen auch Bezirksrabbiner Dr.'Rosenmann, der Präsident der Knltusgemeinde,Dr. Königs die Gemeindeausschüsse Schlinger/ Konorsa und Christoph, sowie zahlreiche Damen bei. . ' ‘ . Ausgehend ioif "bei verfassungsmäßigen Rechtsgleichheit aller Staatsbürger, umschrieb' der Redner. zunächst an der Hand der Staatsgrundgesitze und des Strafgesetzes den Rechlskreis, -welchLk den .Staatsbürgern jüdischen Glaubens in ihrem Glauben, in ihrer bürgerlichen Stellung, in ihrer Ehre, ^Freiheit Md materiellen xMistepMen gleichen Schutz gewährt,' wie den Staatsbürgern anderer Konfessionen. Jeder' Angriff aus diese Rechts - güter, sowie aus die staatlich ane, kannte jüdische Konfessioit und auf die. jüdische, Glaubensgemeinschaft in ihrer Gesamtheit — mag derselbe: von wo, immer .ansgehen — könne und müsse daher mit den gesetzlichen Mitteln znrückgewiesen werden. ..Aller-; dings sei die Dezemberverfassnng weder der Bevölkerung, noch auch allen Organen, der. Staatsverwaltung in Fleisch und Blut übergegangen, .und daher komme, es, daß neben den gehäisigen Anfeindungen antisemstischer.Parteien auch vielfach noch' Gesetz- Widrigkeiten, Willkürakte und. Unterlassungssünden staatlicher Funktionäre bekämpft werden müssen. Als Mittel für diesen Kampf ums Recht führte Redner das Beschwerderecht vor der Staatsgewalt, das Klagerecht vor den Gerichten, die Vereins- und Versammlungefreiheit, das Petitionsrechi vor den. gesetzgebenden Körperschaften und/ die parlamentarische Immunität und in Ableitung hievon das nktive, respektive, passive Wahlrecht, auch der jüdischen Staatsbürger,, ferner die Preßfreiheit an. In diesem Kampfe um die wichtigsten Rechtsgüler seien Konsequenz,. Unerichrockenhen und Ausdauer erforderlich. Es sei aber auch notwendig, vag Jedermann, der. von der Gemeinschaft seiner, GlaubenSgenoffen den Schutz , seinel' periönlichen Rechte erwarte, auch seine Pflichten gegenüber dieser' Gemeinschaft erfülle. . . . Redner z.igre sodann an einzelnen markanten Beispielen,, mit welchem Erfolge Eingriffe in die staatsbürgerliche Rechtssphäre der Inden znrnckgewiesen und unwil ksam gemacht werden können Tieftil Eindruck machte insoejondere die, Anführung einer Entscheidung der obersten Gerichtsals Kaffatloushofes, durch welche der § 2 des Strafgesetzes anläßlich eines konkreten Falles in. geradezu klassischer W.eise interpretiert wurde. .In dieser Entscheidung heißt es: ^Die Interessen eines gesunden, wirtschaftlichen und sozialen Verkehrs erfordern gewiß nichx die gegen eilige Abschließung ganzer Volksgruppen; dieselbe widerspricht dem durch, die Gesetze, jed.emStaatsbürger, allen. Klassen der Bevölkerung, allen Volksstämmen und Konfessionen im Staate gewährten .gleichell Schutz., Es liegt auf de, Hand, daß durch die in der Flugschrift angestrebte Scheidnilg der Konsesstonen auf. Gebieten, die mit, ihxm religiösen Anschanungeii' und Interessen gar nichts, zu tun haben, der Zwiespalt zwischen Christen und Juden verschärft, verlieft und zu feindseligen Parteiungen zwischen diesen Einwohuexn des Staates Anlaß geboten.würde. Eben dieser Zwiespalt führt zu gegenseitiger Verbitterung, exzeugt

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