Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1903
- Issue
- Heft 40 (30.10.1903)
- Date
- 1903-10-30
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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N r . 40 Die Wahrheit Seite 1 Diesbezügliche Auszeichnungen existieren nicht, doch »rE ich's Versuchen, von dem, was man mir in früher Kindheit erzählte, ein Bild zu entwerfen. Pör Mehreren hundert Jahren wurden die Juden aus ihren früh^en Wohnsitzen vertrieben, sie durchirrten heimatlos die Welt, und wo sie Aufnahme fanden, blieb ein Teil zurück. Und jo kam es auch, daß sich mehrere Familien hier niederließen. . Nicht in den Teilen der heutigen Khille, sondern außerhalb des Ortes. auf eipem Berge wurde ihnen ein Platz zur Niederlassung bezeichnet, und da sie sich auf dem ihnen angewiesenen- Grund und Boden bald heimisch fühlten, begannen sie mit dem Aufbau ihrer Hölzernelt Häuschen. Im Laufe der Zetten vermehrten sie sich utib trieben regen Handel. Da traf es sich, daß ein Ritter, der auf der nicht weit von Gewktsch entfernten Burg „Türnau" hauste, in heißer Liebe für ein ^udenmädchen entbrannte, die jedoch seine Anträge mit Entrüstung zurückwies. Da List und Verführungskunst an der festen Standhaftigkeit des Mädchens scheiterten, beschloß der Ritter, durch Gewalt zum heißersehnten Ziel zu gelangen. Er wußte, daß Ester, so hieß das Mädchen, täglich am Abend zur Quelle ging, um. frisches Wasser zu holen. Dieser Ort erschien ihm am geeignetsten zur Ausführung seines ruchlosen Planes. Als sie eines abends zur Quelle kam, um Wasser zu schöpfen, da trat der verhaßte Verfolger ihr in den Weg. Ihre Tränen, ihr Flehen rührten ihn nicht, schon hielt er sie mit starken Armen umschlungen, um sie auf das bereit stehende Pferd zu heben, als ein glücklicher Zufall den Verlobten Esters herbeiführte. Die Angst um die geliebte Braut und die Erbitterung über die ruchlose Tat des Ritters verliehen dem ohnehin starken Manne Riesenkräfte; nach heißem Kampfe entwand er dem Ritter das Schwert, und nur den Bitten Esters hatte er es zn danken, daß er seine Schandtat nicht mit dem Leben büßte. Der Ritter-, den diese erlittene Schmach aufs höchste ergrimmte, schwur alle» JuKd blutige, tödtliche Rache. Und er hielt anch sein Wort.: ' Einige Zeit darauf führte er unter nichtigen Vorwänden einen fanalisierlen, zu Mord und Plünderung bereiten Pöbel- Haufen in Die Ansiedelung der Juden. Anfgcschreckt aus ihren friedlichen Wohnungen, traten diese den Räubern entgegen. Allein, vergebliches Bemühen! Ohne Waffen sahen sie sich nach vergeblicher Gegenwehr ge--' zwungen, in das am festesten gebaute Haus des Rächers der , Ehre seiner Braut zurückzuziehen. ' An der geschlossenen Türe erdröhnen wuchtige Schläge -,Oeffnet und ergebt euch!* ruft der Anführer der Rotte. Rach einer kurzen Beratung wird ihnen die Antwort, daß die Juden ihr 'Vermögen ausliefern wollen, dagegen soll die Ehre ihrer Weiber Und Mädchen gewahrt werden. „Es ist nicht an euch, uns Bedingungen vorzuschreiben^ tönte es von außen, „ihr müßt euch uns auf Gnade und Ungnade ausliefern!" , Es erfolgte keine Antwort. An eine Gegenwehr war nicht zu denken. Die Angreifer begannen die Türen mit Aexten und Beilen zu zertrümmern Da trat der Verlobte Esters in die Mitte her Belagerten und sprach: „Wollt ihr, Frauen und Jungfrauen, lebend eine Beute jener Schändlichen werden? »Rein!" riefen alle, „lieber todt als entehrt!" - Run drängte sich Ester zu ihrem Verlobten und rief „Laß' mich die erste sein, laß' mich von deiner geliebten Hand Mit der tiefsten Rührung, deren die Menschenseele fähig ist, drückte er sie an seine Brust. »Es muß rasch geschehen," sprach er mit dumpfer, zitternder Stimme, »es muß schnell geschieden werden. Bist du bereit?" „Ich bin's", sprach sie, „Gott helfe dir, du folgst mir ja bald, du mein einziger Geliebter.!- Mit dem. unendlichsten Weh, das eine Menschenfeele durchzucken kann, gab er ihr einen innigen Kuß, zum letzte,rmnle einen festen Händedruck — ein Messerstich — und Ester sank leblos in seine Arme. Me anderen Frauen und Mädchen folgten dem Helden» mütigen Beispiele. Biele gaben sich selbst den Tod, viele empfingen ihn aus der Hand der Gatten und Barer, aber alle ohne Murren, still und gottergeben. ES war eine Szene, schauervoll und herzzerreißend — eine Szene, welche die Geschichte der Menschheit nicht mehr auf» zuweisen hatte. Es war vollbracht .— kein Weib sollte lebend in die Hände der Verfolger fallen! Der letzte Todesseufzer war auSgehaucht, und die wenigen Wackern, welche die innere Türe des Hauses nur solange ver» leidigen wollten, traten zurück und steckten nun das HauS n» Brand. Ein fürchterlicher Schlag und die Türe, das letzte Voll« werk, brach krachend zusammen. Der Ritter, die geschwungene Streitaxt in der Hand, mit: vor Wut verzerrten Züge», stand an der Schwelle. Hinter ihm eine bewaffnete Menge. „Gebt uns eure Weiber und Mädchen!" rief er mit lauter Stimme." „Sieh' her auf diese bluttriefenden Leichen", schrie der zunächst der Türe stehende Verlobte Esters, „sieh' her, alle haben den Tod der Schande vorgezogen! Glaubst du. wir Männer fürchten den Tod von deiner Mordgesellen Hand? Morde auch uns, Scheusal, und sei verflucht!" Die Flamme griff mittlerweile rasch um sich nud verzehrte die sich heldenmütig dem TodeWeihenden. Vom herrschende» Winde angefacht, loderte das Feuer so rasch auf, dag die Ansiedlung binnen kurzem ein Raub der Flammen wurde. Der Pöbel, deffen Mordlust bei diesem grauenvolle« Anblick erloschen war, stieß Flüche und Verwünschungen gegen die Rädelsführer aus und stob auseinander. Bon dem Ende \ es Ritters verlautet, daß er sich in einem Altfalle von Wahnsinn von den Zinnen feiner B»lrg herabgestürzt habe. Die Burg verfiel und nur ein Stück der äußern Ringmauer zeigt noch jetzt die Stelle, wo sie einst gestände,». Der Berg vor der Stadt, wo das Gräßliche geschehen, und wo so viel Blnt geflossen, führt noch heutzutage den Namen: „Der rore Berg". verfchir-k»e Nachrichten. Zkieu. (Rumänische Auswanderer.) Der Durchzug der rumäi,»scheu Allswanderer ist in letzter Zeit wieder stärker geworden, und so pajsirre auch diese Woche eine Gruppe von ca. 150 Personen, unsere. Stad». Während des kurzen Auselltha'.tes hier werden die Auswauverer durch die Wiener Israel. Allianz, welche ihnen auch ermäßigte Fahrkarten beschafft, verköstigt und mit einem Imbiß für die Reise versehen. DieSmat bestand das Groß der Auswanderer aus solchen Leuten, deren Angehörige schon früher nach Amerika ausgewandert sind. Geradezu rührend war ein hochbetagier Mann, der darüber jammerte, daß er sein Leb:ag die Grenzen, seines Vaterlandes nicht überschritten nutz nun in seine,» alt«» Tagen gezwungen sei, den weit«»» Weg über das Meer zu machen. Obwohl: seine Kinder, die vor 2 Jahren ausgewandert waren, sich drüben bereitssichere und geachtete Lebensstellungen erworben haben, konnte ihm das- Verlasse» der trotz ihrer Grausamkeit von ihm doch jo geliebte» Heiurar keine Freude bere ten. Es ist ein recht bunter und überaus ergreife»» des Bild, daS sich an jedem Dienstag — dies ist der gewöhnliche Expe-» . ditionstag für die rumänischen Auswanderer — dem Beschauer am Nordwestbahnhofe darbietet, und wir würden unseren Glaubeasgenasten sehe angelegentlich empfehlen, von Zeit zu Zeit einen Blick auf diese» Elen» zn werfen. Vielleicht wäre dann ihr Herz empfänglicher undihr« Hand freigebiger für die Hilssaetion, die die „Israel. Allianz zu Wien", da Woche für Woche durchführt und die, wenn sie nicht auSgirbigere materielle Unterstützung findet, ihre Mittel und Kräfte zu übersteigen droht. Wie« (Tohnbee Halle.) Samotag., den 3l. October, 1 Uhr abends, findet die feierliche Eröffnung des 4. Bortragsjahres der'„Jüdische,». Toynbee-Hglle" (XX, Karajangaffe 20) statt. Die Eröffnungsrede wir» Herr Rector Dr. Adolf Schwarz Halter». Wie« (Ehrung). Dem verantwortlichen Red rcteuc unseres- Blattes, Herr« Alois Kulka, welcher, wie wir in unserer vorletzten Rümmer. be» richtethabe». seitnun 20 Jahren bei dem im großen Musikvereins jaule veranstalteten GotteSdienstr während der hohen Festtage die Funktionen eineerste» CantorS versieht, wurde dieser- Tage eine besondere Ehrung zutheit, hie im ganz besondere Freude bereiter. Der Bethausvoestn»» richtete folgendes Anerkennungsfchkeibe» au denselben: | | f 1: