Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1903
- Issue
- Heft 40 (30.10.1903)
- Date
- 1903-10-30
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3063163-3063203--02720-3069420- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
-9fe'4D. - . DK Wahrheit Seite 5 unseren Kolonisten, sei es die ganze Existenz zu sichern, sei es einen beträchtlichen Zuschuß zu liefern. In diesem Jahre zum ersten Male wurden von unseren Kolonieen Orangen in größeren Quantitäten geerntet; in diesem Jahre 20000 Kisten, in wenigen Jahren werden es 1.00000 sein. Das bedeutet, daß manche Kolonisten eine Einnahme von zum Mindesten 'einer halben Million Francs neu erzielen, die sich unter eine beHränkle Anzahlvon Familien vertheilen, welche ihre Existenz dadurch haben. Wn werden in wenigen Jahren die großen Oliven-Pstanzungen heranreifen sehen, und Qel oder Nebenprodukte des Oels werden unzweifelhaft sehr leicht Absatz finden. Sehr gute Erfahrungen wurden mit den ersten Versuchen, Tabak anzubauen, gemacht; Heute sind wir. in der Lage, in sehr erheblichem Umfange Tabak zu bauen. Danebenher gehen Obstpsianznngen, Mandelanpsianzungen, eine ganze Ruhe kleiner Kulturen, die ebenfalls gute Erfolge ausgewiesen haben oder versprechen. Wenn es gelingt, eine Conserven-Fabrik in Palästina zu errichten, was nur eine Frage ganz kurzer Zeit ist, dann wird es möglich sein, Gemüsebau zu betreiben, der ganz besonders rentabel ist. . Der Thatsache gegenüber, das mit Ausnahme von zwei : Kolonien alle in der Lage sind, sich selbständig zu erhalten, hat die Administration im Wesentlichen aufgehört. In einzelnen Kolonieen befindet sich noch ein Administrator, der eine gewisse Controle ausübi; in den weitaus meisten anderen aber verwalten sich die-Kolonisten selbständig und vertreten sich auch selbständig der Negierung gegenüber. Das trifft deshalb nicht füralle Kolonieen zu, weil manche von ihnen auf einem Theile eines arabischen Dorfes entstanden sind und nach türkischem Gesetze ein Ganzes mit dem arabischen Dorfe bilden. Aber die überwiegende Mehrzahl ist, wie gesagt, selbständig. Der Perein ,,Esra^ unterstützt zur Zeit die Kolonie B'ne Jehuda im Ostjordanlande. -Wir dürfen hoffen, daß in diesem, spätestens^,im nächsten Jahre auch diese. Ansiedelung selbständig sein wird. Wasnun die weitere Entwickelung der Dinge anbetrifft, so ist die Ausgabe eine außerordentlich einfache: es Muß auf dem bisher so erfolgreichen Wege fortgefahren werden, neue. Kolonien zu begründen. Wie weit wir dazu in der Lage sein werden, o]6 unser Verein allein dazu im Stande sein wird, das ist eine Frage der Geldmittel: der Unterstützung, hie Sie uns werden angedeihen lassen. Helfen Sie" uns dazu .durch die Werbung neuer Mitglieder, neuer Beiträge, dann wird die. Gründung neuer Kolonien um so leichter möglich sein. Es ist eine gewiß schöne und dankenswerthe Aufgabe, diese Kolonisation in umfangreicher Weise vorzunehmen, wie Herr Dr. Nosstg dies entwickelte. Wir werden als Verein „Esra* mit großem Interesse verfolgen, was auf den anderen Kolonisalionsgebieteil geschieht, und aus allen Erfahrungenselbstverständlich gern lernen. Unsere specielle Aufgabe wird eS fein, im Engereit, in Palästina, die Kolonisation zu unterstützen. Noch ist eine große Anzahl von jüdischen Taglöhneru in Palästina, deren Ansiedelung das nächste Ziel sein muß. Sowie aber überhaupt nur die geringste Chance besteht, daß mit Hilfe der Vereine Kolonisten placiert werden können, ist gar nicht daran ztt zweifeln, daß auch ohne unser Zuthun die Einwanderung eine außerordentlich starke sein wird. Wir werden noch auf lange Zeit hinaus mit Leichtigkrit in der Lage sein, aus Palästma selbst^die Kolonisten zu nehmen, deren wir bedürfen, und diese Elemente bieten den Vortheil, daß sie wenigstens mit dem Klima, mit hem Lande vertrant und infolgedessen gegenüber den neuen Anforderungen, -die an sie gestellt werden, widerstandsfähiger sind, als die Neueknwandernden. Der Verein „Esra", der ein Kolonisations-Verein ist, .wird es jederzeit mit Freude begrüßen, wenn die Vereine, die sich mit Palästina beschäftigen, zu gemeinsamer Arbeit sich zusammenschließen. Was der eitle Verein leistet, kommt mittelbar auch der Thätigkcit der änderen zu Gute. Das Einwanderungs- Verbot ist kein wirkliches Hinderntß. Indessen, es ist eine Ehrenpflicht der Juden,-alle Änstreugnugeu zu machen, um di Beseitigung dieses Verbotes, das sich nur gegen unsere Glaubensgenössen richtet, herbeizuführen. Eine Hemmung ist, wie gesagte, in der bisherigen Entwickelung der Kolonisation dadurch nicht eingetreten, aber es ist demüthigend, daß jeder Christ und jeder Muhammedaner ohne Schwierigkeiten langen darf, daß aber dem Juden Schwierigkeiten gemacht werde», wenn er nicht beit landesüblichen Gepflogenheiten mit klingender Münze entgegenkommt. Deshalb freue ich mich, daß Herr Dr. Nossig als eine gemeinsame Ausgabe aller für und in Palästina arbeitenden Organisationen die Beseitigung des Emwanderungs Verbots bezeichnet hat. Unzweifelhaft ist es auch eine der gemeinsamen Arbeit würdige Aufgabe, die Bedingungen für eine wettere Ansiedelung zu erforschen. Ich stehe nicht auf dem Standpunkte, daß dies gerade in Bezug auf die landwirthschaftliche Ansiedelung so außerordentlich dringlich ist. Durch eine derartige Erforschung können manche Fehler vermieden, manche Vortheile erlangt werden» Aber die Fehler und die Vortheile sind nicht so groß, daß deshalb die Fortsetzung der bisherigen Kolouisationsthätigkeit auch nur einen Moment eingestellt werden sollte. Es ist, wie Sie wissen, auch mit der industriellen Kolonie sativn begonnen worden, welche für Palästina deshalb ein ganz besonderes Jntereffe hat, weil der größere Theil Miserer Brüder im heiligen Lande, in den Städten wohnt und nicht ohne sehr große Mittel auf das stäche Land überführt werden kann.- Die industrielle Kolonisation kann nicht, wie die landwirthschaftliche, auf die Erfahrungen von zwanzig Jahren zurückblicken. Die Entwickelung des Handels in Palästina ist gleichfalls eine Aufgabe, der sich die Organisationen zu unterziehen hohen. Bis jetzt liegt der Handel in Palästina im Wesentlichen in nicht» jüdischen Händen und geht ein großer Theil der Produkte der jüdischen Ackerbauer durch Vermittelung der deutschen oder griechischen Händler in's Ausland. Ein merkwürdiger Zustand: Der Jude produciert Getreide, der Deutsche oder Grieche verkalkst es in's Ausland! Wenn wir uns es angelegen sein lasten, die Fähigkeiten für den Handel bei unseren Brüdeniin Palästina bei der städtischen Bevölkerung zu fördern, wird damit unzweisethast ein sehr bedeutsamer Erfolg erzielt. Es ist dies nicht gerade Sache des „ISära*, sondern die Aufgabe anderer palästinensischer Vereine. Wir als Kolonisations-Verein müssen, es aber freudig begrüßen, wenn überhaupt Schritte gethan werden, um auch nach dieser Richtung hiu die Erwerbthätigkeit unserer Glaubeusgenosten im heiligen Laude zu fördern. Der Verein „Esra" war schon bei feiner Begründung auf eine populäre Basis gestellt: der Mindestbeitrag ist eine Mark. Freilich ist die erfreuliche Tyatfachr zu verzeichnen, daß die weitaus, größere Zasi unserer Freunde je nach Kräften erheblich höhere Beitrage uns zuioeudet. Aber wir freuen uns über jedes Mitglied, das uns angehört. Wir wissen recht gut, daß die Thätigkeit unseres Vereines nicht nur zu bemessen ist nach den 1000, 10.000,100,000 Mk., die ihm zustießen. Wenn die Kolonisations-Vereine nicht bestanden und Jahrzehnte hindurch ihre Arbeit betrieben hätten, so würoe es heute — trotz des großmüthigen Eintretens des Barons Edmund von Rothschild — wesentlich anÄrs aussehen. Nicht nur durch praktische Hilfe, durch Unterstützung einzelner Kolonieen.. bis kräftigere Hände eingristen, vor allen Dingen durch die Propaganda, die wit für den Gedanken der Kolomsirung Palästinas entfalteten, haben wir gewirkt. Diese Propaganda ist es gewesen, welche die großen Organisationen, die J. C. A,, die Alliance iaraelit» universell« und so viele andere Vereine für Palästina imeressirt hat. Die jüdische Oeffentlichkeit ist erst durch die Propaganda der Kolonisations-Vereine in hohem Maße aufmerksam geworden auf das Arbeitsfeld, das hier der Wohlthätigkeit und anderen Bestrebungen erwächst. Es ist uils als Verdienst anzurechne», daß man heute kaum noch daran zweifelt, daß Palästina ein geeignetes Gebiet für die Ansiedelung unserer Glaubensgntoffeu ist. Einige Jahre ist die Propaganda von uns etwas lässig betrieben worden —^dieses Berfehtens müssen wir im Vorstande uns anklagen; aber Sie w.rden es verzeihen, denn die Frage, ob und wie weit die landwirtschaftliche Kolonisation die Hauptsache ist, war noch nicht geklart. Jetzt a^er ist sie geklärt. Wenn man uils dir Mittel giebt, sind wir in iedem Moment im Stande,