Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1903
- Issue
- Heft 39 (23.10.1903)
- Date
- 1903-10-23
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8. Die Wahrheit Nr. 39 Haken sofort an vielen Stellen eiuzuschlagen, wenn nur die Vorbedingung jeder Ciedelung und überhaupt je-es menschlichen Wohlseins gegeben, ist: die Sicherheit unserer Siedler für Gut und Blut, der Schutz eines zivilisierten Staates. _ die öffentlich rechtliche Sicherung der neuen Heimstätte. Aber wo auch immer, diese Grundlage muß geschaffen werden, so ist es dann Sache der Parteileitung, uns eines Tages zu sagen: hier schlagteure Zellpflöcke .ein. Dann aber, braucht es gar "nicht lange zu dauern, bis der Strom der Einwanderung in unser Land vom dünnen Fadchen wächst zum Bach> vom vollen Bach zum Fluß, zum Strom, bis die Reservoirs des Unheils in Halb-Asien geleert sind. Hier ist nur der Anfang schwer. Legen wir auf das erste Feld unseres Schachbretts nur wenige Weizelikörner, und verdoppeln wir von Feld zu Feld, wie jener persische Dichter der Sage, dann wächst das Werk unserer Kolonisation ins Ungeheuere. Die Geldmittel strömen uns noch viel schneller zu als die Mettscheu und es braucht keine.Generation darüber zu sterben, bis der letzte Paria Europas zum freien Bürger seines eigenen Vaterlandes um gewandelt ist. Wir selber werden das gelobte Land hoffentlich noch Ichaueu, wie Josua es schaute, werden nicht sterben müssen wie Moses bei,n ersten Blick auf das Tal seiner Sehnsucht. Aller Anfang ist schwer und nur der erste Schritt kostet Kampf. Fangen wir daher an, meine Freunde, legeir wir so bald als möglich den Grundstein zu dem Riesenbau, den unsere Besten leuchtend vor ihrem Auge stehen.sahen; legen wir uicht die Hände in den Schoß, um eine plötzliche Erfüllung zu träumen, sondern greifenmir zu und bescheiden uns das zu erreichen, was des Menschen Kraft von der Natur verliehen ist, den Grund zu legen, deu Keim zu pflanzen zu dem Baume, in deffeu Schalten unsere späteren Enkel uns einst segnen werden. ' , Einheit in der liturgischen Musik. Von Nev. S. 9Ta p p ap ort, Kantor der West-End'-Synagoge in New-Uork. - Uebersetzt von Maurice Klein derer. Neues Leben und eine Periode von unwiderstehlichem religiöstm Enthusiasmus scheint gegenwätlig in alle Kreise der. jüdischen Welt zu dringen, und die göttlich inspirierten Lehrer und Prediger der Religion sind unter aufopferungsvollem Streben daran, unser Volk zu eifriger Erfüllung und zu. treuer und loyaler Ausübung ihrer religiösen Pflichten anzuspornen. Im Sinne der Einhaltung dieser beiligejt Pflichten ist es nun, daß ich eine Angelegenheit vorbringe-, welche damit im. engsten Zusammenhänge fleht. Es ist dies die Rückkehr zur jüdischen Tradition jinb die Regeneration der liturgischen Musik hi unseren Syr.agogen! ' Es ist voll Vielen zngcsrandcn, daß noch nie eine solche . Zersahrenherl betreffs der Form Und Gestattung unserer Synagogenmnsik geherrscht und es nie ein io inonströses Gemisch von Schulen aller Herren Länder gegeben Hai, wie .gerade setzt. Professor. Schechrer hat dies in feiner/Einweihungsrede hervorgehöbeir, indem er narnentlich auf. amerikanisches Jnderrrum 'hinweisend sagte: „Jeder Zug von ankommenven Einigranten stellt andere An'ordcrntlgen an unsere Synagogennülsik und unseren Gottes d:eutt, an unsere Ge brauch e ruld Zeremonien, die unsere neue Welt in eine Unzahl kleiner alter Welten ummodeln .sollen und die nach eigener Existenz streben". ' Es ist gerade dieser Mangel.an Einigkeit, dieses Fehlen relgiöseu Zusammerttvirkeus, dieses Rivalisieren um die Herr? schüft des Kulms, diemns dahin gebracht haben, wo wir jetzt sind^ zur Willkürlichkeil und Zerfahrenheit in unserem Gottesdienste Zind dieses Uebel der freien und losen Foriu unseres Gottesdienstes ist darnach angetan, 'denselben^ ernstlich -zu bedrohen. Von einem Extrem sind wir ins andere gerathen. Früher eine allzu strenge Beobachtung der Gesetze und Traditionen, die »ln'ere Liturgie regulierte, wo schon die Weglassung einer Z,N ginah" oder eine leichte Modisikation in der Betonung des >Käbmah weaslah" hinreiebie. um einen Simm von Indignation der Kultusvorstände hervorzurufen, und jetzt die vollkommenste Willkür seitens jeder einzelnen Gemeinde, die eine Musik schafft, welche einzig und allein dem Geschmacke des Organisten, Chormeisters oder des oft unmusikalischen Rabbiners, oder eines unerfahrenen Chor-Comitss folgt. Form, Charakter, Styl und Qualität der Musik zu wahren, darüber besteht absolut keine Einigung,' man scheint vielmehr sich an den Ausspruch von Johannes Brahms zu halten, der sagte: „Jede Musik ist eins heilige Musik, und alle wirklichen Musiker sind ihre Priester, an uns es ist, deren Einzelheiten zu einem Ganzen zu bilden!" Diese Definition könnte man wohl für die reine, von anderen Nebenumständen unabhängige Kuiistmusik, die rein ästhetische Zwecke verfolgt, gelten laffen.Doch für den einfachen nndistimmnngsvollen religiösen Gesag, welcher seinen höchsten Effekt und seine wirkliche Höhe in Chören erreicht und der überdies in Jahrhunderte alten Formen und in der vollkommenen Abtrennung alles Weltlichen und Alltäglichen seinen Ausdruck findet, kann dies nicht gelten. Erstere ist die Manifestation der Religion in Schönheit und Kunst, während letztere in der Religion selbst Schönheit und Kunst sucht. E« ist nicht die großartige Kunstmüsik der großen Meister, noch die Wiedergabe effektvoller höherer Musik — unsere Musik ersteht aus der religiösen Schulung, die wir uns in der Kindheit arteignen und welche durch irgend ein Zeichen oder Symbol einen so mächtigen Eiu- "fluß auf unsere erregbare Natur ausübt. Die moderne Synagogenmusik, wie wir'dieselbe hier zu Laude in allen Tempeln hörent kennzeichnet klar die verschiedenen Phasen, die mannigfaltigen Richtungen und die diversen Auslegungen des amerikanischen: Judaismus, wie sie früher und zum großen Teil jetzt noch'in diesem Lande bestehen; es zeigt sich deutlich, wie in der früheren Epoche der überraschen Entwicklung der Gedanke des Judentums mit Hast und Eifer sich zu konsolidieren und zu harmonisieren suchte, um jüdisches Denken, jüdische Ideen und jüdische Institutionen mit moderner Kultur und Wissenschaft zu vereinen und nach dem Westen der ifluiou vorznschieben, in' manchen Fällen sogar ganz ohne maßgebende Sanktion. Hierunter litten viele, ceremonielle Gebräuche und durch die Zeit geheiligte Institutionen, welche der Liturgie anhaften und' der Ausflußjüdischen Geistes und Genies waren. Der Gottesdienst in den '.noscrnen Synagogen ist meines Erachtens in befremdender undbennruhigender Weise durch' die Nachahmung der weder liturgischen noch rituellen Kirche von Amerika degeneriert worden.. Wir haben ein „Union-Gebet-Buch". mit beii Gebeten für Sabatthe und andere Anlässe, . ferner ein rituelles und liturgisches, mit den uudestnirbaren Typen der dazu gehörigen. Melodien doch ohne jede musikalische Ausgeglichenheit oder Harmonie, wie dies eben jetzt in vielen jüdischen Gemeiilden üblich ist. Andererseits haben wir eine ungezählte Mannigfaltigkeit, von spezieller Musik und Melodien, die wohl in Form und Styl den liturgischen Anforderungen nahe kommen, denen aber der .Charakter und die Bedeutung von wahrhaft liturgischen Werken adgeht. Seit Kur ,em haben wir auch einen Ritus ohne die dazu gehörige Musik, endlich haben wir einen bunten Styl voll unbrauchbarer Musik ohne Ritus. ' Cs ist aber -noch ein anderer Umstand, den ich hier besprechen will, und der, wie ich glaube, diese zerfahrene -Situation zum großen'Teil geschaffen hat. Es ist dies die Willkür, mit welcher der Ritus,, an dem die amerikanischen Juden bis z um Erscheinen des -„Union-Gebet-Buches" . unerschüttert - sesihielten, . geändert wird. Es ist ja Tatsache^ daß überall, wo, wie bei uns, die Musik au die Liturgie gebllnden-ist, . jede Neuerung nach der einen oder anderen- Richtung das traditiouelle Gleichgeiv cht aufhebt. Es wird uns vielleicht/ nie gelingen, einen einheitlichen Styl von Musik für unseren Tempeidienst', zu schaffeu, wir werden auch kaum je eine- Ciniguilg zu einer fixen musikalischen Basis unserer Tempelgesänge erreichen, die den Bedürfnissen der verfchiedeueu Gemeinden voll entspricht,,'doch ^mnsiou saorä.^ als fortschreitende göttliche 'Kunst aufgefaßt, muß im Kontakt und Einklang mit der müstkalifcheu Knttur und Kunst'der ' Außenwelt gehälteu werden und wir dürfen uns deu großen.