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Die Wahrheit · 1903-10-23 · Heft 39 (23.10.1903) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1903
Issue
Heft 39 (23.10.1903)
Date
1903-10-23
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 ' Die Wahrheit. Nr. 39; ■ sämtheit, sondern Privatzwecken nutzbar gemacht, und dann kommen wir über den Anfang nimmer hinaus. Unser Anfang muß demnach sein: genoffenschaftliche. Bauern/ dörfer; das wird uns vorgeschrieben durch die Geschichte, durch die Wirtschaftswissenschaft und durch unsere heilige Überlieferung. Aber wie soll das geschehen? Nun meine Freunde, wir sollen ein Netz von Bauernkolonieu über das Land spannen, das wir erwerben wollen. Wenn man ein Netz spannen will, so schlägt man erst an den Stellen die Haken ein, zwischen denen das Netz entstehen soll. Dann spannt man zwischen diesen Haken starke Stricke, dann knüpft man zwischen den Stricken stärkere Fäden und stellt derart ein grobes Maschenwerk her, das man dann nach Bedarf durch das Dazwischen wirken feinerer Fäden zu immer feineren Maschen ausgestaltet. Genau so haben wir, meine ich, Vorzug gehen. Wir haben/ soweit wie der dafür verfügbare Teil unserer Mittel reicht, in allen Teilen des verfügbaren Landes große Landflächen zu erwerben und zwar womöglich nur solche, deren Bodenbefchaffeuheit und Wasserverhältnisse von vornherein eine gewisse Ergiebigkeit der Äckerkultur gewährleisten. Von diesen erworbenen Flächen sind die besten Teile.in solcher Größe als landwirtschaftliche i'noB&etriebß auszngestalten, wie sie einem ausgezeichneten Fachmann über sehbar sind. Die Werbung solcher Fachleute in genügender Zahl, womöglich jüdischer, wenn nicht unbedenklich christlicher, muß der zweite Akt der Vorbereitung zionistischer Tätigkeit sein. Sie haben auf dem ihnen bestimmten Gute den Wirtschaftsplan aufzustellen, den Etat zu entwerfen, die Zeichnung der Gebäude, den Bedarf an Maschinen, an Saatgut, an Geräten, an Gespann und vor allem an Bauernfamilien festzustellen. Zu gleicher Zeit muffen in Galizien, Rumänien und Rußland aus der dort vorhandenen reichen Zahl jüdische Ackerdauer zur Uebersiedelung geworben und auf den Weg gebrächt worden sein. Sie müssen bei ihrem Erscheinen auf der Kolonie Wirtschafts- und Wohngebäude fertig vorfindeu, und ihre Ankunft muß auf den Zeitpunkt fallen, in dem der eigentliche Betrieb der Landwirtschaft beginnt, so daß sie sofort an die'Arbeit gehen können. Sie werden zunächst formell, um jeder wirtschaftlichen Katastrophe vorzubeugen, fest besoldete Lohnarbeiter der Kolonie sein, Leute, die unter dem Befehle des leitenden Fachmannes für bestimmte Arbeit einen bestimmten, ortsüblichen, zur Existenz einer Familie voll ausreichenden Lohn erhalten. Man wird ihnen aber sofort sagend daß etwaige Ueberschüsse des Betriebes, d. h. der Reinertrag nach Abzug der Löhne, Materialkosten, sowie der Zinsen des investierten Kapitals und der Abschreibungen auf lebendes und rotes Inventar und Gebäude, nicht den Kapitalisten, den Begründern der Kolonie, sondern ihnen selbst zusallen wird. Man wird ihnen ferner sagen,, daß man ihnen zur gesamten Hand, d. h. der von ihnen zu bildenden Genoffenfchaft, das Land samt Gebäuden und Inventar zum Selbstkostenpreise überlassen wird, sobald die Kolonie dauerhaft aktiv geworden ist, d. h. sobald regelmäßig Ueberschüsse erzielt werden. Diese Form des Anfangs vermeidet jede in der Sache selbst liegende Schwierigkeit; sie wälzt die Verantwortung für die Wirtschastsergebnisse der erste» schwersten Jahre von den Schultern der kapitallosen und an diese Form der Wirtschaftsführung noch nicht gewohnten Bauern auf die Schultern der Kapitalbegründer bezw. auf die zionistische Bewegung selber ab. Es wird.auf diese Weise jede Möglichkeit, Almosen zu fordern oder zu geben, vermieden, denn der Lohn deckt in guten und dösen Jahren die Bedürfnisse der Siedeler. Es wird aber gleichzeitig vom ersten Anfang an die Kraft der Selbstverantwortung, das wirtschaftliche ^»elbstintereffe voll angespannt, kurz, es wird nichts anderes geleistet als aristokratische Hilfe. Um die bäuerlichen Siedeler einerseits für -die spätere Uebernahme.des Landes gut genossenschaftlich zu erziehen, und um sie andererseits zu befähigen, für ihren festen Lohn möglichst viel Genußgüter zu erwerben, wird man vom Anfang an der Hauptgenossenschaft Untergenossenschaften angliedern, vor allem einen Konsum-Verein. Man wird durch eine Großhandelsgenossenschaft alle diejenigen Produkte des Ackerbaues oder der Industrie, die im Lande nicht hergeflellt werden, an der besten Quelle und gegen Barzahlung kaufen und wird sie ohne anderen Preisaufschlag als die Transportkosten an die Konsum-Vereine der einzelnen Kolonien Massen. Auf diese Weise entgehen die Kolonisten der Besteuerung durch einen Krämer, der einen um so höheren Ausschlag stuf die einzelnen Waren erheben muß, je kleiner der Personenkreis ist, -der ihn mit ernähren soll; nach deutschem Verhältnis zu Urteilen, erhöht man durch solche. Konsum-Vereine die Kaufkraft des Lohnes um 30 bis 50°/0, oder was dasselbe ist, man erhöht den Reallohn um ebensoviel, über den Nominallohn. In die Verwaltung dieses Konsum- Vereines sollen von vornherein die Frauen und Männer der Kolonie in immer steigendem Maße zur Mitarbeit zngezogeu werden, damit ihnen die schwierige Aufgabe kaufmännischer Kalkulation und die noch schwierigere der Leitung und Lenkung einer genossenschaftlichen Generalversammlung allmählich geläufig wird,, beides unerläßlich für die Leitung der Gutsgenossenschast, die ihnen später zufallen soll. Dasselbe gilt für eine'Anzahl anderer Untergenossenschaften. Ich schlage nämlich ans einer Anzahl von guten Gründen vor, nicht bas gesamte Land dieser Großbetriebe in gemeinsamer Wirtschaft zu bestellen, sondern jedem einzelnen Kolonisten, der es wünscht, so viel Garten- und Feldland in eigene Regie und Verantwortung zu übergeben, als er in den Stunden, die ihm ■" die Arbeitspflicht des Großbetriebes läßt, mit den Kräften seiner Familie und mit Hilfe des Großbetriebes bewirtschaften kann./ Ich meine, daß durch diese Form der OrgattisatioU das Heimatsgefühl sich noch vertiefen wird, und daß manche freie Stunde des Hausvaters selbst und seiner Frau Und seiner Kinder dadurch nutzbringend zur Hebung des Wohlstandes der Famllie Verwendung finden kann, namentlich dann, wenn das Haus mitten auf dem kleinen Pachtstück steht, so daß dieses leicht und bequem gedüngt und bearbeitet werden kann, und wenn der Großbetrieb seine Maschinen und Gespanne gegen Erstattung der Selbstkosten für die groben Ackerarbeiten herleiht. Wir werden dann in diesem Falle um den Zentralbetneb einen Kran; kleiner bäuerlicher Betriebe haben, die sowohl in ihrev. Erzeugung wie in dem Absätze der Produkte eine große Anzahl Genossenschaften bilden werden; sie werden mit dem Großbetriebe zusammen zunächst, eine Bezugsgenossettschast bilden, die Saatgut, Stecklinge, Zuchttiere, künstlichen Dünger, Geräte, Kohlen, Futtermittel u. s. w. durch Vermittlung der Zentrale von der Großhandelsgenossenschaft bezieht und zum Selbstkostenpreise au die einzelnen Betriebe weitergibt, so daß diese der Besteuerung durch den Zwischenhandel entgehen. Sie werden ferner Werkgenossenschaften bilden, die eine Dreschinaschine, Oelpresse, Keltereien und. Brauerei, eine Molkerei, eine Rüben- und Zuckerfabrik u. s. w. errichten und betreiben und den Gewinn des Betriebes an die Genoffeu znrückvergüten, denen auf diese Weise der Unternehmer' gewinn zufließt. Sie werden ferner Absatzgenossenschaften bilden, die die Produkte der großen und kleinen -Wirtschaften zweckmäßig behandeln und verpacken und ihnen den besten Markt suchen, um den Genossen den Gewinn des Zwischenhandels zu- . zuführen, sie werden Versicherungskasseu für Feuer, Leben, Krankheit. Alters, Unfall. Hagelschlag uiid Viehseuchen errichten und derart nur die Risikoprämien ohne einen Aufschlag für den Unternehmer zu zahlen haben, wobei zu vermuten und zu hoffen ist, daß die kleinen Versicherungskassen der einzelnen Kolonien/ durch Zusammenschluß untereinander, mächtige Anstalten bilden werden, in denen das Risiko auf ein Minimum reduziert wird Derart wird das ganze Leben dieser Kolonisten abl.anfen in einem selbstgespannten Nahmen, der ihnen gleichzeitig Panzer und Stütze ist. Eine Bauernkolonie, die auf billigem Lande mit ausreichendem Kapital unter intelligenter fachmännischer Leitung; arbeitet, deren Einkommen durch den Fortfall aller an Zwischenhandel und Kapital zu steuernden Abgaben vermehrt ist, deren Besitzrecht unantastbar und deren wirtschaftliche Spannkraft durch das Bewußtsein gespornt ist,; nur für sich selbst und für die Familie zu schaffen, eine solche Gemeinde ist, das kann man .

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