Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1903
- Issue
- Heft 39 (23.10.1903)
- Date
- 1903-10-23
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Die Wahrheit. Nr. 39. Disposition gesteUicn indische» Kräfte finden zur Belhätigung ihrer Fähigkeiten im eigenen Hause, auf dem Boden der jüdischen Gemeindeverwaltung und der jüdischen Vereinsorganisation ein reiches und ergiebieges Feld, das rühriger und tüchtiger Hände - bedarf, um zweck" und zeitgemäß bestellt zu werden. Die Zeit der Feste ist vorüber, jetzt beginnt die ernste Arbeit. In den Cultnsgemeinden wie in den jüdischen Organiiationen harren große Aufgaben ihrer Lösung. Und dazu brauchen wir Männer, die mit feinem Verständnis auf alle Strömungen der Zeit .lauschen, die tiefgehende Bewegungen nicht unbeachtet lassen nud denen die Bedürfnisse aller Schichten der Bevölkerung'nicht fremd sind; Männer, die sowohl ihre eigenen Fähigkeiten nicht überschätzen, als auch die der Gemeinde jeweilig zu Gebote stehenden geistigen und materiellen Kräfte genau abzuwägen wissen, um sie zum Wohle derselben richtig verwerthen zu können; Männer, die nicht wie Schnittlauch auf jeder Suppe, überall an der Oberfläche erscheinen, sondern die thatsächlich die Eignung besitzen, mit einer ,Ehrenstellung betraut zu werden; Männer der That, nicht Männer der Phrase; Männer, die nicht hart nach unten und biegsam nach oben, nur dem Augenblicke dienen, sondern charakterfest gegenüber allen Personen und Verhältnissen treu und unentwegt jene Ziele vor -Augen haben, '-welche den erhabenen Traditionen des Judenthums entsprechen und deren Erfüllung Pflicht eines jüdischen Gemeinwesens ist — mit einem Worte, Männer, die wirklich Führer und nicht die Geführten sind. Aber auch an die jüdische Pnblicistik tritt die heilige Pflicht heran, in so ernsten Zeiten mit der möglichsten Deutlichkeit und Rücksichtslosigkeit auf die Fehler und Gebrechen hinzuweisen, an welchen unsere Gemeinwesen und Organisationen leiden, und unbekümmert darum, ob unsere warnende und tadelnde Stimme gefällig oder mißliebig ins Qhr tönt, wollen wir uns, getreu unserem bisherigen Wirken, auch fernerhin dieser Pflicht unterziehen. Zur Hebung des Tempelbesuches. Provinz und Vorstadt klagen seit langem über diemerkliche Abnahme des Tempelbesuches, und in so manchem schönen, ueu erbameli. Gotteshause sucht der Tempelvorsteher vergebens an Feiertagen und Samstagen (hohe Feiertage ausgenommen) nach Herren, die er zur Thora rufen könnte. Immer bleibt sein Blick leider auf den Minjan-Männern haften, welche nahezu die einzigen Besucher sind. „Wo steckt das Uebel?" fragt der Eine. „Was ist zu ihun?" der Andere, und die Antwort: Ungunst der Zcit, schlechter Geschäftsgang u. s. w. Alle diese Ausreden sind meines Erachtens nicht stichhältig. Denn noch nie waren die Kaffeehäuser, die Theater und andere Beluftigungsorte mit jüdischen Männern und Frauen so gefüllt wie jetzt. Das Nebel steckt tiefer. Meine langjährige Erfahrung im CultuSleben hat mich dies gelehrt. Rabbiner und Cantor sind die zwei Hauptfactoren, welchen unser Gottesdienst anvertraut ist. Diese sind imstande, denselben uns lieb oder mißliebig zu machen. Was thun aber diese Herren? Während jeder Kaufmann sich stets neue Quellen zu graben sucht, verschütten sie zumeist selbst den einzigen Brunnen, aus dem sie ihr Lebeuselexir schöpfen. — Mein Augenmerk ist heute blos auf den Cantor, Pardon! Obercantor gerichtet. Dieser speciell vermag es, unsere Tempel zu füllen, auf ihn namentlich kommt es an, ob uns die Stunden im Tempel angenehm oder unangenehm werden. Wir sehen, daß diejenigen Tempel, welche einen guten Chasan haben, die zumeist besuchten sind. Leider aber sind gute Cantoren selten zu finden, weil sich kein Mensch um die Ausbildung dieser Hauptfaktoren unserer Tempel kümmert. Während hier für Rabbiner u. Religionslehrer eine Ausbildnugsstätte (Seminar) geschaffen wurde, geschieht für die Cantoren gar nichts. — Da kommt nun aus Galizien oder Ungarn, irgend ein zugrunde gegangener Kaufmann, oder eine sonstige unmusikalische Person mit ein wenig Stimme und Coloratur, „er kann ein «in bischen drehen" und wird sofort durch Protection an irgend einem Vereinstempel, als Cantor engagiert (auf seiner Visitkarte durch „Obercantor N. N. ersichtlich); und diese sollen uns den Tempelbesuch angen:hm machen Und wenn Jemand auch Meschorer war und keine Gelegenheit hatte, sich als Vorbeter zu üben, ist er noch immer nicht befähigt, als Cantor mit Chor zu fungieren, weil zwischen Lehrling und Meister der Geselle, der selbstständige Arbeit liefert, liegen muß» Ich schlage nun vor, daß das köbl. Curatorium des Wiener Serninars die Frage der Errichtung einer Cantoren-Ansbildungs- Abiheilung. in'Erwägung.ziehen möge, an welcher auch die Rabbiner theilnehmen könnten, die berufen sind, in kleineren Gemeinden zu wirken, wo sie oft Rabbiner und Vorbeter zugleich abgcben müssen. Alle Tempelvereinsvorstände, die um das Fortbestehen ihrer Institutionen derzeitsehr besorgt sind, würden gewiß stets dankbar sein, weil es nur so ihnen möglich wäre, ausgebildete, musikalische Cantoren zu erhalten, und sie nicht, wie jetzt, gezwungen .wären eingebildete, unmusikalische Oberkantoren zw engagieren. ,■ St— g. Die neueste Miner Synagoge. Als nach langjährigen an Kämpfen reichen Behmühungen der Tempel-Bau-Verein für den 8. Bezirk endlich an die Errichtung dieses Gotteshauses schreiten konnte, und der Vorstand dieses Vereines dem Architekten Max Fleischer mit Verfassung der Pläne uud der Durchführung des Baues ohne irgend welche Vorschrift bezüglich der Wahl des Baustiles betraute, da siel es ihm nicht -schwer, sich hiebei für wen gothischen Stil zu .entscheiden, der es ihm ermöglichte, mit den ihm zur Verfügung stehenden bescheidenen Mitteln ein monumentales Werk zu schaffen. Und in der That, was immer man gegen diesen Baustyl einwenden mag, daß Meister Fleischer mit dem nun seiner Helligen Bestimmung übergebenen Gotteshaus ein Herrliches Gebilde der Baukunst geschaffen, vas schon von Außen mächtig auf den Beschauer wirkt und durch seine harmonische Gliederung sind stilgemäße innere Ausstattung zu wahrer Andacht zu stimmen geeignet ist, wird wohl Niemand in Abrede stellen könnein ° ' Die Synagoge, in der Anlage'einer Basilika, repräsentirt sich als ein Biau m Sinne der>Backsteinbauten Norddeutschländs ausder Glanzperiode dieses Baustyles. Dem Stile entsprechend ist auch die Facade ganz in Ziegelrohbau ohne Anwendung irgend eines bildnerischen Schmuckes oder Hausteines gehalten. Von imposanter Wirkung sind die 38 Meter hohen Thürine, welche einen gegib.elten Mittelbau flankiren. Im Parterre beherrschen 7 Portale die Front, die drei mittleren davon dienen als Eingang in den Männerraum, die anschließenden zwei in den Thürmeu bilden die Zugänge zu den Frauengalerien und die zwei äußersten führen unmittelbar in die das Gebäude von den Machbarn trennenden Höfe, welch letztere ermögliche«!, daß die Synagoge selbst nach allen Richtungen frei steht, so daß Licht und Lust in reichem Maße zuströmen können. Die zwischen den beiden Thüruren ausgebildete Mittelpartie mit ihren Maßwerkssenstern charakterisiert nach Außen hin das ganze Mittelschiff, während die beiden sie flankirenden Thürine die in denselben enthaltenen Treppenhäuser zum Ansdrucke bringen. Die beiden restlichen niedrigen Anbauten decken die Höfe und lassen den Umriß des eigentlichen Tempelgebäudes frei hervortreten. Betritt man durch einen der mittleren Eiltgänge das Haus,> so gelangt man zunächst in die große Vorhalle, die programmgemäß tinem ^dreifachen Zwecke zu dienen hat: 1. als- Tempel-Vorhalle, 2. als Ceremoniensaal bei Trauungen, 3. als Betraum für die strengen Wintermonate, respective als Wochentags-Synagoge. Diese Vorhalle steht noch mit zwei Kleineren seitlichen Räumen in Verbindung, welche, wenn die Vorhalle als Ceremoniensaal verwendet wird, den direkten Zugang zum Tempel ohne Berührung der Vorhalle gestatten. Die Decke der Vorhalle ist cäsettirt. Im Mit:el der beiden . Seitenwände best,wen sich zwei mächtige Votivtaseln, ans welchen eine Ar