Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1903
- Issue
- Heft 39 (23.10.1903)
- Date
- 1903-10-23
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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akrhsii Redaction und Administration: Wien, HA- Novaragaffe 27 K. k. österr. Postsvarcassa Check-Conto Nr. 846.251' Inserate »eitsHrift für Misch 20 Heller per Nonpareille-Zeile. Abonnements« und JnserationSbeträge sind in Wien zahlbar und klagbar. Erscheint jeden Freitag. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!" Verngsprrksr Ganzjährig. , : . L 12.— Halbjährig . ... St. 6.— Für CuttuSbeamte: Ganzjährig.... S. 10.— Für Ausland: Ganzjährig . . .8 Mark. 8 Rubel oder 13 Fe» Nr. 39. Men, 23. Oktober 1993. Inhalt: Nachklänge zu den hohen Festen. — Zur Hebung des Tempelbesuches. — Die neueste Wiener Synagoge. — Zionistische Kolonisation. — Einheit in der liturgischen Musik. — Verschiedene Nachrichten. — Alle für Einen, Einer für Alle. — Fünfundzwanzigjähriges Dienstjubiläum. — Publikationen des Oesterr.-ungar. Cantoren-Vereines. Aachklänge den hohen Festen. Wen» der scheidende Sommer uns seine letzten Grüße sendet, dringen alltäglich aus den jüdischen Gotteshäusern die langgezogenen Töne des Schosars und verkünden den Glaubensbrüdern das Herannahen der hohen Festtage. Die altbekannten Klänge ergreifen nicht nur die Frommen und Gläubigen, auch die Indifferenten mnd Lässigen werden aus ihrer Gleichgültigkeit aufgerüttelt und mit unwiderstehlicher Gewalt zieht es sie in den Kreis der Gemeinschaft, dem sie das ganze Jahr hindurch ferngestanden sind. Die losgelösten Glieder rücken nahe aneinander, Parteizwist und Hader werden bei Seite gelegt, ein allgemeiner Gottesfrieden herrscht in der Gemeinde und die religiöse Weihe umschlingt Alle mit einem einigenden Band. Diese bei dem allgemeinen Jnoifferentismus immerhin erfreuliche Erscheinung trat auch heuer anläßlich der hohen Feste zu Tage, und so vollzieht von Jahr zu Jahr, wenn die Jomim nauroim einkehren, immer ein Verjüngungsprozeß, der für den Fortbestand des Judenthums auf religiöser Grundlage von großer Bedeutung ist uub dem auch von den Führern der jüdischen Gemeinden die größte Aufmerksamkeit zugewendet werden sollte. Die erhöhte Empfänglichkeit, die sich zur Zeit der Festtage für religiöse Uebungen kundgibt, muß auch für den übrigen Theil des Jahres wach erhalten und mit weiser Fürsicht auf alle Erscheinungen und Betätigungen des jüdischen Lebens gelenkt werden. Nur so kann jüdischer Sinn wieder geweckt, das tief darniederliegende jüdische Selbstbewußtsein gekräftigt, das Juttreffe an unseren allehrwürdigen Traditionen gehoben und die jüdische Gemeinde wieder zum Brennpunkte des jüdischen Lebens gestaltet werden, der uns in der gegenwärtigen Zeit der inneren Zerfahrenheit und äußeren Bedrängnis mehr denn je Not thut. Von innen, aus uns selbst heraus müssen wir die Kraft schöpfen, um den. Gefahren von außen wirksam zu begegnen. Und fürwahr, die Zeiten.sind recht ernst und nach allen Seiten hin müssen wir scharfe Wache halten. Nicht nur in Wien, wo der offene Judenhaß am Ruder ist, sondern auch in anderen Theilen des Reiches werden die Erwerbsadern jüdischer Steuerträger unterbunden, bewährte Kräfte beamteter Juden absichtlich nicht gewürdigt, um sie zum Taufbecken zu treiben, die wahnwitzigsten Beschuldigungen gegen die Bekenner des Judenthums erhoben und die.Erfolge ihres Fleißes, ihrer Thätigkeit und Nüchternheit als Resultate ihres angeblich betrügerischen Vorgehens bezeichnet. Und zur Abwehr all dieser Angriffe sind wir nur auf unsere eigenen Kräfte angewiesen; denn was hat bisher die Regierung, an deren Amtsantritt seinerzeit so hoffnungsvolle Erwartungen geknüpft wurden, und deren Chef so schöne Worte zu brauchen versteht, gegen diese Hetzereien gethau? Nichts, gar nichts! Sie läßt die Machthaber im Wiener Rathhause und in der mederösterreichischen Landesstube und ihre Verbündeten im Reiche ruhig gewähren und hindert sie nicht im Geringsten im Anstreben ihrer dunklen Ziele. Wie können wir übrigens Hilfe von einer Regierung erwarten, die in den Nöthen, in denen sich die ganze Monarchie befindet, sich selbst nicht zu helfen weiß; wie Förderung von ihr, die es zustande brachte, die rechte Hand Verganis, den politischen Redakteur des „Deutschen Volksblatt", wahrscheinlich zur Anerkennung seiner hervorragenden patriotischen Thätigkeit, für die Auszeichnung mit dem Franz-Josess-Orden vorzuschlagen? Und ebenso wenig, wie von der Regierung, haben wir von einer der derzeit in Oesterreich bestehenden politischen Parteien etwas Heilsames zu erwarten. Nur der eigenen Kraft dürfen wir vertrauen und von derselben sollen wir dort, wo uns mit ihr einzusetzen Gelegenheit geboten ist, vollsten Gebrauch machen. Darum mögen die Schofarklänge, die an den verflossenen Festtagen aus den jüdischen Gotteshäusern drangen, uns auch ernste Mahner sein bezüglich unserer politischen Haltung, besonders in jenen Momenten, wo wir mit dem Stimmzettel in der Hand das einzige politische Recht ausüben, dessen Gebrauch mrs noch vollkommen ungeschmälert gelassen wurde. Das „Trau, Schau, Wem" müssen wir uns jetzt mehr' denn je vor Augen halten, denn alle politischen Parteien, denen die Juden bisher treue Gesellschaft leisteten, haben sich als höchst undankbar und unverläßlich erwiesen. Mögen sie ihren Streit untereinander selbst ansmachen, Pflicht der Juden ist es aber, dort, wo ihre Zahl wirklich ausschlaggebend und bestimmend ist, verläßliche jüdische Vertreter zu wählen und au sonstigen Wahlkämpfen sich nur dann zu betheiligen, wenn es gilt, gegen die Anhänger der antisemitischen Richtung zu entscheiden. In allen anderen Fällen, namentlich wenn das nationale Losungswort im Kampfe ertönt, mögen sie sich lieber auf die Rolle der unbetheiligten Zuschauer beschränken, bevor sie sich für unverläßliche Parteirichtnngen opfern oder sich ohne jeden Dank den würhigen Angriffen der nationalen Exaltasos im deutschen, czechischen oder polnischen Lager aussetzen. Wenn wir uns aus. der Schußlinie des politischen Schlachtfeldes ein wenig zurückziehen, wird uns daraus kein allzu großer Schaden erwachsen; im Gegentheil, die dadurch zur .r? j \