Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1903
- Issue
- Heft 38 (9.10.1903)
- Date
- 1903-10-09
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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s Seite 8. Die Wahrheit Nr. 38 Korall als die eigentliche Gründerin, um ihrer großen Verdienste um den Verein sowie dem Umstande Rechnung zu tragen, daß sie in kürzester Zeit Wien und den Verein verläßt, um ein eigenes Heim zu gründen, einstimmig zum ersten Ehrenmitglied ernannt. Der neugewählte, resp. wiedergewählte Vorstand constituirt sich aus folgenden Mitgliedern: Gisela Kohn, Präsidentin, Rosa Stransky. Vize-Präsidentin, Mimi Berliner, I. Schriftführerin, Helene Halbertal, II. Schriftführerin, Frieda Wittmann, I. Cassierin, Jenny Bremer, II. Cassierin, Lea Bondi, Rosa Haas, Babette Hirschler, Julie Schwarz, ohne Funktion. Als Revisoren wurden einstimmig gewänlt: Dr. Martin Engländer, Wilhelm Morgenstern. ■ B-M. Wien. Dem verantwortlichen Redakteur unseres- Blattes, Herrn Alois Kulka, der bekanntlich alljährlich an den hohen Festtagen bei dem von der israelitischen Kultusgemeinde im großen Müsikvereinssaale veranstalteten Gottesdienste als Oberkantor mit einem von ihm einstudierten vierfachen Männerquartette fungiert, wurde am Vorabende des Versöhnungssestes eine Ehrung zu teil, die ihm besondere Freude bereitete. Heuer sind es nämlich v o l l e' 20 Jahre, seit dem Herr Kulka zum ersten Male im Musikvereinssaale fungiert. Diesen Anlaß benützten'die Sänger, um ihren sich allgemeiner Beliebtheit erfreuenden Oberkantor eine Ueberraschung zu bereiten. Geraume Zeit vor Beginn des Kol-Nidregebetes hatten sich die Sänger im Foyer des Conservatorium-Gebäudes versammelt. Nach dem Erscheinen des Herrn Kulka begrüßte der älteste Sänger des Personals, Herr Karl Kaiser, der auch schon seit einer langen Reihe von Jahren die Funktion eines Aushilsskantors versieht, mit einer herzlichen Beglückwünschungs-Ansprache, in welcher er einleitend aus die langjährige verdienstvolle Thätigkeit des Herrn Kulka als Oberkantor hinwies. Er betonte ferner, daß zur Zeit, als Herr Kulka im vorigen Jahre seinen 60. Geburtstag feierte, das Ehorpersonal an dieser Feier sich nicht beteiligen konnte und daher mit Freuden die heutige Gelegenheit benütze, ihn aus vollem Herzen zu beglückwünschen. Cr gab schließlich dem Wunsche Ausdruck, daß es Herrn Kulka noch viele Jahre gegönnt sein möge, zur Freude Aller in so ausgezeichneter Weise wie bisher als Kantor zu fungieren. Die Ansprache klang in ein begeistertes dreimaliges, mit Begeisterung von den Sängern ausgenommenes Hoch auf den Sängerjubilar aus, worauf demselben ein herrlicher Lorbeerkranz und eine ebenso prächtige als kunstvoll ausgestattete, in den wärmsten Ausdrücken abgefaßte Adresse des Sängerschaar überreicht wurde. In herzlichen Worten dankte der zu Thränen gerührte Herr Kulka. Der Gratulation schlossen sich der Prediger, Herr Dr. Armand Kaminka, der anwesende Kassier der Kullusgemeinde, Herr Joses Pcterselka, Herr Cantor Schäfer und zahlreiche Verehrer und Freunde des Jubilars an. Wien. Sonntag, den 4- Oktober fand im Leopoldstädter Tempel die Trauung des Frl. Grate Winter, Tochter des Herrn Leopold Winter, mit Herrn Ingenieur Alfred Löw statt. Der Tempel war in, allen Räumen voll. Den Trauungsakt vollzogen Rabbiner Dr. Schmiedl und Oberkantor Guttmann. Wien. Wie alljährlich wurde auch heuer an den hohen Feiertagen im israelitischen Blindeninstitut aus der .Hohen Warte ein feierlicher Gottesdienst abgehalten, und ist cs stets das Bestreben des Herrn Direktors/Herrn kais. Rath S. Heller, dem Gottesdienst durch den hiefür bestimmten Funktionär die feierlichste Weihe zu verleihen. Heuer war die Feiertags and acht besonders stark besucht, und Herr Cantor Segall, der mit gemischtem Chor das Musiaff- und Neilagebet mit großer Weihe und Präcision vortrug, fand allgemeinen wohlverdienten Beifall, der sich nach Schluß des Gottesdienstes in zahlreichen Jejascher Kochacho-Rufen ausdrückte. Wie«. Am 18. Oktober, halb 3 Uhr nachmittags, findet im Tempel, Ym. Bezirk, die Trauung des Herrn Ernst Langselder mit Fräulein Grete Beck, Tochter des Hof- und Kammerlieferanten Herrn Adolf Beck, statt. Made« (Heilanstalt Alland). Der schöne Spruch des weifen Königs: «Der Geist des Menschen lindert sein Leid" bewährt sich in hervorragender Weise bei den jüdischen Patienten in der Heilanstalt Äüand vorzüglich deshalb, weil der Geist, der diese Leidenden beseelt, ein wahrhaft religiöser ist. Derzeit befinden sich dortselbst 23 Pfleglinge beiderlei Geschlechtes jüdischer Konfession, die sich aus verschiedenen Kronlandern der österreichischen Monarchie rekrutieren. Dank der loyalen Bedachtnahme der humanen Schöpfer dieser Wohlfahrtsanstalt ist auch für das religiöse Bedürfnis Kranker mosaischen Glaubens Sorge getragen worden, indem zu diesem Zwecke, ein Betlokal zur Verfügung gestellt wurde, welches über Anregung des Diener Kultusvorstehers, Herrn Dr. Alfred Berger, im Vereine, mit dem Kultusvorstande der Badener Kultusgemeinde von der Wiener israelitischen Kultusgemeinde eingerichtep und von verschiedenen Seiten mit frommen, dem Zwecke entsprechenden Widmungen bedacht worden ist. Dieser Raum, so klein er sich auch präsentiert, ist den jüdischen Patienten eine reiche Heilquelle für ihren jedenfalls gedrückten Seelenzustand. Dort versammeln sich die Patienten fast täglich zu gemeinsamer Andacht, und einer derselben fungiert als Vorbeter, hält das „bler-loinick" instand und beaufsichtigt den heiligen Raum mit pietätvoller Aufmerksamkeit. Der daselbst waltende religiöse Geist wird durch die stetige Fürsorge des Vorsteher-Stellvertreters der Badener Kultusgemeinde, der Herren Moriz Leitner und Anton Schneider, immer intensiver angefacht. Am 20. September besuchten diese beiden .Herren die Heilanstalt, um mit dem Direktor derselben betreffs der ' Andacht an den hohen Feiertagen Rücksprache zu pflegen und den Patienten durch warme Teilnahme Aufmunterung und Trost zu geben. Der Direktor erwies ihnen in allem außerordentliches Entgegenkommen, war über die seinen Pfleglingen geschenkte Aufmerksamkeit sehr erfreut, und so wurde'auch durch die Vorsorge, der Wiener und Badener Kultusgemeinden an den hohen Feiertagen in der Heilanstalt ein andachtsvoller Gottesdienst abgehalten. Zum Vorbeter war Herr G. Schön aus Wien bestellt. Am ^Sonntag nach dem Ho8oll-IIa8ollouo-Feste, am 28. September, ward unseren Anstaltspfleglingen eine weitere überraschende Aufmerksamkeit zuteil. Fast der gesamte Badener Kultusvorstand, mit dem Präses Herrn Moriz Leitner und Vizepräses Herrn Anton Schneider an der Spitze, begleitet v .nu Gemeinderabbiner Herrn Wilhelm Reich und dem Cantor Herrn M. Seifert, wie von dem 1. Vizepräsidenten der Wiener Kultusgemeinde, Herrn Dr. Alfred Stern, und dem Cultusvorsteher Herrn Dr. Alfred Berger, erschienen nachmittags in der Heilanstalt, um daselbst eine Andacht abzuhalten. Herr Rabbiner Wilhelm Reich hielt eine erhebende und zu Herzen dringende Ansprache, durch welche alle Anwesenden aufs tiefste ergriffen und andachtsvoll erbaut wurden. Nach der Predigt trug Cantor Seifert das Michagebet vor, womit die Andacht ihren Abschluß fand. Lemberg, 2. Oktober. In Nowosielce Glacheckie (Bobrka) brach gestern in einem nächst der Synagoge gelegenen Wohnhause ein Brand aus. Zur selben Zeit befanden sich anläßlich des Versöhnungstages viele Andächtige in dem Tempel. Der Feuerschein war auch in der Synagoge sichtbar, und plötzlich ertönte ein schriller Ruf: «Es brennt!" Daraufhin entstand eine fürchterliche Panik/ Die Frauen auf der Galerie stürzten sich gegen die schmale Ausgängstür, und schon im nächsten Augenblicke hatte sich ein so dichter Knäuel gebildet, daß die Frauen in der Tür eingekeilt standen Das Schreien der sich wie wahnsinnig Gebärdenden war entsetzlich. Niemand konnte vor noch'. zurück. Es wurde Polizei requiriert, welche eine Leiter anlegte, ein Synagogenfenster zertrümmerte und aus die Galerie eindrang. Erst jetzt gelang es dem energischen Ein-, schreiten, die Leute zu beruhigen, doch war das Unglück bereits geschehen. Drei Frauen waren erdrückt, vier andere Frauen, welche zu Boden gestürzt waren und über die die Flüchtenden hiuwegstürmten, hatten durch Fußtritte so schwere Verletzungen erlitten, daß sie in sterbendem Zustande in das Spital gebracht wurden. .Viele andere Personen erlitten leichte Verletzungen. Von den im Parterre befindlichen Gläubigen trug niemand eine Verletzung davon, da die Ansgänge für eine hinreichend rasche Entleerung genügten. Bukarest. Den Besucher» des hiesigen Choraltempels wurdewährend der letzten hohen Feiertage eine überraschende Neuigkeit geboten. Der Tempelvorstand engagierte Herrn Moritz Sonntag, Oberkantor aus Temesvar, unter der Bedingung, den Gottesdienst mit Chor und Orgel nach moderner Weise zu reorganisieren. Herr Sonntag, dessen Organisationstalent volle Anerkennung fand, versteht es, durch seine wohlklingende sympathische Stimme und sein kräftiges Organ nebst einerwunderbaren Vortragsweise, gepaart mit bedeutendem musikalischen Wissen, seine Zuhörer in besonderer Weise zu erbauen. Für diese Leistungen wurde Herrn Sonnt-.g von einem zahlreichen Publikum, Ääuner und Frauen, sowie Musikkennern die vollste Anerkennung zum Ausdrucke gebracht. Es ist erfreulich, konstatieren zu können, daß derartig musikalisch und künstlerisch veranstaltete Gottesdienste-nur in europäischen Großstädten abgehalten werden, und ist damit auch einem langjährigen Bedürfnis des hiesigen israelitischen Publikums abgeholsen worden. Der Vorstand des Choraltempels ist daher zu seiner Acquisitions zu beglückwünschen. Kanksagung. Den geschätzten Lesern, Freunden und Gönnern unseres. Blattes, die uns anläßlich des Neujahrsfestes mit Gratulationen, beehrten, erlauben wir uns auf diesem Wege herzlichen Dank.' auszusprechen. Dr. M. Löwy. Obercantor I. Bauer.