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Die Wahrheit · 1903-10-09 · Heft 38 (9.10.1903) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1903
Issue
Heft 38 (9.10.1903)
Date
1903-10-09
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Bksterr.-ungar. Canloren-Zeitung. Beilage zur Zeitschrift „Die Wahrheit." 23. Iahrg. Rr. 38. Wir ersuchen die geehrten Kerren ßantoren um umgehende Erneuerung des Abonnements für das am 1. Oktober beginnende IV. Huartat und prompte Einsendung der Weste. Aie Administration. Der Chorgesang in unseren Synagogen. Schon seit Jahren macht sich in unseren Gemeinden immer mehr das Bestreben geltend, den Cultus durch Einführung von mehrstimmigen Chorgesängen zu veredeln. Sogar kleinere. Gemeinden, denen nur wenige Gesangskräfte zu Gebote stehen, haben es sich zur Aufgabe gemacht,. durch Errichtung von kleinen Knabenchören ihrem Gottesdienste eine höhere Weihe zu verleihen. Daß sich durch die Einführung dieser Chorgesänge auch die Ansprüche, die eine Gemeinde an ihren Cantor. als Leiter des Chores stellt, bedeutend erhöht haben, braucht hier nicht weiter betont zu werden, und so wollen wir uns auch heute der Behandlung folgenden Themas znwenden: Welche Punkte hat der Leiter der Synagogenchöre bei dem Einüben derselben hauptsächlich;ü beachten und welche Chorgesänge sind zum Vortrag in unserem Gotteshause geeignet? Die kurze Antwort lautet: Der Cantor oder der Dirigent der Synagogenchöre hat sein Hauptaugenmerk auf den richtigen, deutlichen und ausdrucksvollen Vortrag der hebräischen Gesänge zu richten.- Zur Richtigkeit und Deutlichkeit des Vortrages gehört zunächst die richtige und deutliche Anssprache des hebräischen Textes. Gerade nach dieser Seite hin haben sich schon recht große Fehler bei unseren Chören eingeschlichen, und es erfordert jetzt schon große Geduld und Ausdauer von Seiten des Dirigenten. wenn er diese Mängel beseitigen will. Wie oft schon machte der Verfasser die Wahrnebmnng. daß die Sänger statt „Haudau al erez w’sehmojim“ ^Haudu“ oder statt „M’sanecho“ „Misanecho“ sangen, ohne daß die Zuhörer merkten, daß gerade durch solche falsche Wortbildungen der Sinn der Gebetstücke bedeutend entstellt wird. Der Dirigent halte daher mit größter Strenge auf scharfe Ausprägung der Conwnanten und ans deutliche Bildung der Vocale. Sehr zu empfehlen wäre, wenn der Dirigent, bevor er zur Einübung der Gesäuge schreitet, sich von jeder Stunmengattung den Tert laut und deutlich vorlesen lassen würde. Zur Richtigkeit und Deutlichkeit des Vortragenden gehört aber auch, daß jeder Ton rein und deutlich gesungen wird, nicht. „ zu hoch und nicht zu tief, daß man überhaupt das Tonstück so vorträgt, wie es der Componist durch Tempo und Vortragszeichen angegeben hat, oder wie es sich aus dem Charakter des Stückes ergibt. Daß auch in dieser Beziehung unser Synagogenchor noch viel zu wünschen übrig läßt, ist jedem verständigen Dirigenten bekannt. Es wäre darum sehr ratsam, wenn der Dirigent jede Stimme mit der Violine einüben würde, damit sich die Töne dem Gehöre des Sängers fest einprägen. Größere Reinheit hoher Töne, welche stets zu tief gesungen werden, erreicht man auch dadurch, daß man dieselben um eine Schwebnng zu hoch einübt. Sehr schwierige Stellen hingegen, wie Doppelschläge und andere Figuren, singe man selbst vor. Die dritte Eigenschaft eines guten Vortrages ist, wie schon oben bemerkt, der Ausdruck bei demselben. Derselbe wird hauptsächlich dadurch erreicht, daß der Sänger ein genaues Verständnis der hebräischen Gebetstücke besitzt. Denn, wie ist es möglich, ein 'Gesangstück in dem Geiste und in der Gefühlsstimmung, worin es der Comporsist gesetzt hat, vorzutragen, wenn man den Text desselben nicht genau kennt? Der Cantor hat deshalb dahin zu wirken, daß nur solche Sänger zum Synagogenchor herangezogen werden, die auch ein Bischen jüdisches Wissen besitzen und dar'.tm auch befähigt sind, ihrem Vortrag Gefühl und Ausdruck;u verleihen. Zur Erzielung eines ausdrucksvollen Vortrages ist ferner notwendig, daß' der Leiter des Chores den Charakter des Tonstückes. v. h. die Art und Weise der Auffassung und Darstellung desselben, genau kennt. Es genügt daher nicht, daß er alle Vortragszeichen genau beachtet, sondern er hat auch seinen eigenen Geschmack und sein eigenes Gefühl zu Rate zu ziehen. Er verfabre darum wie der Maler beim Ansteilen seines Lichtes und Schaltens. Die Hauptgedanken muß er hervorheben, alles andere mehr oder weniger in der Schatten steilen, also weniger hervorheben. Gr mache es aber nicht, wie so mancher unbesühigte Dirigent, der jede Stelle, die mit piano bezeichnet * ist, ganz leise und jede, die mit korts. mit voller Stimme singen läßt, sondern er halte in der Anwendung dieser Vortragszeichen richtig Maß und ^Ziel ein, damit es ihm gewiß gelinge, wahre Andacht und Rührung in den Herzen seiner Zuhörer zu erwecken und zu beleben. Der Chorleiter, sei aber auch daraus bedacht, daß seine Sänger nach und nach einen recht schönen und klangvollen Ton gewinnen. Er halte darum immer ans recht weites Oesfnen des Mundes. Solche Sänger, welche mit besonderen Unarten, wie Nasen-, Heul- oder Zahnton, behaftet sind, muß er oft einzeln vornehmen, damit dieselben ihre Gewohnheiten durch Oesfnen des Mundes und freieres Hervorströmen des Tones zu beseitigen lernen. Wir kommen nun zum zweiten Punkt unseres Themas, der da lautet: „Welche Chorgesänge sind zum Vortrage in unserem Gotleshause geeignet?" Selbstverständlich nur solche, die unsere heilige Sprache zum Text haben und die den Inhalt unserer Gebelstücke zum klaren Ausdruck bringen. Diejenigen Gesänge, deren Melodien den Inhalt des Textes nicht zum verständnisvollen Ausdruck bringen, sind zu verwerfen. Dahin gehören zunächst die Compositionen, die einem anderen Cultus entlehnt sind, einem Cultus, der aus das Herz und Gemüt des betenden Inden keinen Eindruck ausübt. Ferner die musikalischen Erzeugnisse., durch deren Vortrag oft ganze Wörter und Sätze wiederholt werden müssen. Ich erinnere da nur an einen „Wajhi binoaua", worin sich die Wörter ,,8orued, 8oh6no8an taurou vielleicht 4—5mal wiederholen, oder au einen „Micliomaueliö“, wo die Wörter ,,8eii Ni" auch 4—5mal vom Chore gesungen werden. Zum Schlüsse erlaube mir noch die Cantoreu und Leiter der Synagogenchöre darauf aufmerksam zu machen, daß nicht alle Gebete zum Vortrag für den Chor geeignet sind. So habe schon öfters in Synagogen eine „X'dugelra", einen „Eaddisch“, ja sogar „Gad’iu“ vom Chor vortragen hören. Daß solche Gebetstücke, die speziell zum Vortrag für die Gemeinde oder für den Chasan verfaßt worden sind, von d^m Chore nicht gesungen werden können, wird jedem verständigen Israeliten ein leuchten. Möchte daher auch hier das allbekannte' Sprichwort beherzigt werden: „Prüfet Alles und das Beste behaltet!" Die nächste Hlnnnner unseres Mattes erscheint nach dp« Sukkothfeste in verstärkter Ansgaöe. - t 4

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