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Die Wahrheit · 1903-10-09 · Heft 38 (9.10.1903) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1903
Issue
Heft 38 (9.10.1903)
Date
1903-10-09
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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Die Wahrheit Seite 7. Nr. 38 schließen, soll ihr den sittlichen Gehalt unseres Glaubens öffnen. Das alles soll der Religionsunterricht. Dazu aber gehört: erstens Zeit, zweitens wieder Zeit und drittens abermals Zeit. Wo aber ist der pädagogische Künstler, der das alles in zwei oder manchmal gar nur einer wöchentlichen Stunde vermag? Wo findet sich der große Meister, der durch die Theorie allein alle jene genannten Kenntnisse >der Jugend vermittelt? Und glaubt man wirklich, daß man Kunde von alledem, was ein religiöses Leben verlang!, nur ans dem Wege der Lebre allein erlangen kann? Ist nicht in religiösen Dingen mehr als anderswo die Praxis, die Tat, das Beispiel, das in die Erscheinung Tretende das Belehrende und Entscheidende? Und nehmen wir nun an. der gewandte und erfahrene Lehrer wäre im Stande, die Lücken, welche die häusliche religiöse Erziehung in so großer Menge gelassen, auszufnlleu, wem ist es nicht bekannt, daß die Arbeit des Lehrers, die redliche Mühe, die er sich genommen, dadurch illusorisch gemacht wird, daß das Kind zu Hause gerade das Entgegengesetzte von dem.hört und sieht, was der Lehrer in der Schule lehr!? Da wird im Herzen der Jugend ein unaussüllbarer Zwiespalt geschaffen, welcher nirgends so gefährlich ist, als in religiösen Dingen. Dieser Zwiespalt ist die eigentliche Quelle des religiösen Nihilismus unserer Zeit. Dazu kommt noch etwas anderes. Auf der Wechselwirkung zwischen Schule und Haus beruht das Heil und der Erfolg jeglicher Erziehung, besonders aber der. religiösen. Die Wechselwirkung wird aber nicht am wenigsten gefördert durch regen Verkehr zwischen Eltern und Lehrern. Ist. dies nun in Bezug auf Estern und Religionslehrer wirklich der Fall? Wir müssen dies leider verneinen. Noch immer hält man in vielen und gerade in den sogenannten vornehmen Kreisen, den Religions-! lehrer als einen Menschen niederen Grades; es vermeint gar j mancher seiner Wurde etwas zu vergeben, wenn er sich wegen der religiösen Erziehung seines Kindes mit dem Religionslehrer in Verbindung setzte. Und doch kann hier nur durch kräftiges j Zusammenwirken aller Faktoren Ersprießliches erzielt werden. J Soll, also der Religionsunterricht iu den meisten Fällen I nicht ad absurdum geführt werden, so wird er sich auf die > Geschichte unseres Volkes, auf die Pflichteulehre, und soweit es I die Zeit gestattet, ans Lektüre der Gebete und der Bibel bei schränken müssen, Rituelles und Liturgisches' wird er aus j Gründen, die man ans dem Gesagten entnehmen mag, kaum! berühren können. Es muß eben immer und immer wieder ge- - sagt werden:'Der religiöse Unterricht gehört ins Hans, hier ist es das Beispiel, welches wirkt, die Tat, welche ansmnnlert, das Gesehene, das zur Nacheiferung mahnt. In vielen Städten ist setzt ein Zugendgüttesdienst eingeführt. So löblich diese Einrichtung ist, so bar sie sich dennoch nicht ganz bewährt. Delin was nützt der Jugend ein Gottesdienst, wenn ihr die Vorgänge bei demselben, die einzelnen Teile desselben etwas ganz Unbekanntes sind? Da ist es wieder nötig, daß von Seiten der Gemeinden daraus gesehen wird, die Jugend im Tempelgesang zu unterrichten, die junget! Leute 'darüber zu belehren, welche Gebetstücke rezitiert werden sollen; es muß immer die leitende Hand sichtbar sein, welche andeutel, erklärt, hinweist. Daß dies der. Lehrer allein nicht vermag, daß ihm von Seiten des Hauses diese Last teilweise adgenommen werden muß, wer kaurr dies bestreiten? Jnnerbalb der Mauern des Hauses sowie in den Schulen muß das religiöse, Gefühl der Jugend geweckt und gehoben werden. Es ist die Achtung, die Verehrung für die Größe, für die Erhabenheit unseres Glaubens, unserer Geschichte, unserer Litteratur, welche stets im Auge gehalten werden muß, sowohl von Eltern wie von den Lehrern. Die Religion muß den ersten Platz im Erziehüugsplane einnehmen. Ich denke doch, es sei für unsere Söhne zum mindesten ebenso wichtig zu wissen, wer Jesaias und Esra lMtreu, wie, wer Achilles und Sophokles. Und dann, wem har die ganze Entwicklung der Menschheitsgeschichte mehr zu danken, Aeschylos etwa und Zizero, oder Moses und David? Sind es die homerischen Gedichte oder die Psalmen, welche Millionen zur heiligen Andacht ermuntern? Steht etwa der Gesang der Deborah den thrtäischen Schlachtgesängen an Kraft und Schwung nach? Man möchte heute gern das ganze sogenannte „Alte Testament" mit all' dem Großen und Heilsamen, das es zum Wohle des Menschengeschlechtes geschaffen, von seinem hohen Piedestal stürzen, — vergebliches Beginnen, ihr müßtet denn die ganze menschheitliche Entwicklung auf den Kopf stellen. Und diese ganze Größe unserer Vergangenheit müssen wir vor unserer Jugend ansrollen, damit sie sich an derselben erhebe und erfreue. Lasset sie Einblick nehmen in all' die Wunder unserer Geschichte, sie erkennen die Größe und Allmacht Gottes in derselben, dann wird ans ihr mit Recht unsere Hoffnung beruhen können, ja, „ein Segen Gottes werden dann sein unsere Kinder". Ein Erlaß gegen die jüdischen Künstler. In welcher Richtung die russische Regierung die Lösung der brennend gewordenen Judensrage sucht, zeigt . in neuer Erlaß des Ministeriums des Innern, — ein Erlaß, der vom Ministerium für dermaßen dringend angesehen wurde, baß er den zuständigen Behörden telegraphisch übermittelt worden ist. Er betrifft die jüdischen Künstter, Schan'pieler und Musikanten. Seit vielen Jahrzehnten genießen diese, in Anerkennung der kulturellen Bedeutung ihre Berufe, das Aufenihallsrechr für alle Gebiete des russisch.'!! Reiches, ein „Privilegium", das jeder nichtjüdische russische Untertan, gleichviel 'welchen Berufes, genießt, und das selbst für bestrafte Personen nach Verbüßung der Strafe Geltung har. Den jüdischen Künstlern ist nun dieses Recht durch den erwäh'.tten Ministerialerlaß entzogen worden. Sie müssen jetzt alle zitrück in das Ghetto, das wgenannte Ansiedelungsgebier. Durch die überraschende Verfügung find zugleich mit den indischen Künstlern auch die christlichen Theater und Musikdirektoren in die größte Verlegenheit versetzt worden, da ein Erlaß für die indischen kün'lleri'chen Kräfte, die zum Teil sehr hervorragend sind, nickt io leicht ist. w:e die Aussetzung eines TeBgrammes. Tie christlichen Direktoren haben sich daher genötigt gesehen, gegen die Brinisterialversügnng Vorstellungen zu machen, und das Ministerium har schließlich insofern nackgegeoen, als es den Direktoren erlrnm bat. für die lausende Saison die bereits engagierten jüdischen Künstler zu behalten. In Zukunft aber dürfen außerhalb des jüdischen Ansiedelruigsgebietes nur nichtjüdiscue Künstler die Kunst pflegen, die jüdischen Künstler dürfen nur in Hoiuel, Kiichinew und ähnlichen Kulturstätten ihre Talente verwerten. Diese neueste Aktion der russischen Regierung, die beredtes Zeugnis ablegt für ihr Verständnis gegenüber den Bedürfnissen der Ktuifl und Kultur, ist besonders als Symptom d:achtensiverk; sie zeigt, daß die Regierung ernst damit macht, den Inden alle Erwerbs-. quellen abzusperren, wie vor wenigen Atonalen 'znm Erstaunen der ganzen Kultnrwelt von berufener Seite in Aussicht gestellt worden war. verschiedene Nachrichten. Wie». Der Mädchen und Frauen-Berein „Bikur Chaulim - Wien hielt am Sonntag, den 27. September 1903 im Sitzungssaals der Kultusgemeinde unter außerordentlicher Beteiligung der Mitglieder seine erste ordentliche Generalversammlung ab. Als Gäste waren unter anderen erschienen. Frau Jda Diamant, Präsidentin des Ehrendameu-Komites der israelitischen Versorgungsanstalt, Dr. Max Bernhard, Obmann des n.-ö. Distrikts-Komitös, sowie Vertreter vieler Vereine. In kurzen Zügen erstattete die Präsidentin Gisela Kohn den Rechenschaftsbericht über das abgelaufene Vereinsjahr, aus welchem hervorging, daß der Verein jederzeit bemüht war, mit seinen geringen Mitteln den gestellten Anforderungen gerecht zu werden. Den Einnahmen an Mitgliedsbeiträgen im Betrage von K. 685 stehen Spiralsausgaben von K. 517 gegenüber. Nach Hinzuziehung der eingelausenen Spenden'und Abziehung aller sonstigen Ausgaben ergiebt stch ein Saldo von etwa K. 180.— Nach Verlesung einiger Dank- und Anerkennungsschreiben schloß die Präsidentin mit einem warmen Appell an die Erschienenen, den Verein aus das tatkräftigste zu unterstützen, unter begeisterten Zurufen ihre Ausführungen. Aus Beantragung der Präsidentin wurde die bisherige Vizeprästdentin Hannia

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