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Die Wahrheit · 1903-10-09 · Heft 38 (9.10.1903) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1903
Issue
Heft 38 (9.10.1903)
Date
1903-10-09
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Die Wahrheit. Nr. 38 Kollegen, der sich in der verhältnismäßig kurzen Zeit seiner Tätigkeit als Kultusvorstand die ungeteiltesten Sympatien aller erworben und sich ein unvergängliches Gedenken in der Gemeinde gesichert hat. Sein Hinscheiden gedeutet einen schweren Verlust für unsere Gemeinde und hinterläßt im Vorstands-Kollegium eine säst unausfüllbare Lücke. Ganz besonders seine hingebungsvolle segensreiche Wirksamkeit für unsere Versorgungs-Anstalt steht in lebhaftester Erinnerung und läßt uns den erlittenen Verlust doppelt schwer empfinden. Ich bin überzeugt, meine Herren, daß Sie alle dem unvergeßlichen, treuen Kollegen die letzte Ehre erweisen und an dem morgen stattfindenden Leichenbegängnisse ausnahmslos teilnehmen werden, ebenso wie ich Ihrer Zustimmung dazu gewiß bin, daß an jener Stätte, deren Gedeihen dem Verstorbenen besonders am Herzen lag, und welcher er seine ganze, große Kraft widmete, im Altersversorgungshause im Beisein der Herren und Damen des Versorgungshaus-Komites eine Trauerandacht (Hesped) abgehalten werde, zu welcher auch die Familie des Verewigten eingeladen werden wird, und daß weiters durch dreißig Tage ein Seelenlicht für den Verblichenen angezündet werde. SiL sind gewiß auch damit einverstanden, daß diese Trauerkundgebuug dem Protokolle einverleibt werde und daß ich der Familie des Verewigten auch schriftlich das tiefgefühlte, innige. Beileid des Kultnsvorstaudes ausspreche. Ich erkläre die Sitzung für geschlossen." Von den bei der Sitzung nicht anwesenden Vorstandsmitgliedern sind Entschuldigungen eingelaufen, darunter von Herrn Kultusvorsteher Rudolf Auspitz nachstehendes, an den Präsidenten gerichtetes, Telegramm: „Ich bitte, meinen innigen Anteil an dem schweren Verluste, welchen die Gemeinde durch das Hinscheiden des so tüchtigen,- verehrten Kollegen erlitten, auf diesem Wege aussprechen zu dürfen." Die häusliche Erziehung unserer Jugend zur Religion. Es ist gegenwärtig eine allgemeine und berechtigte Klage, daß die Resultate des Religionsunterrichtes in der Schule sehr viel zu wünschen übrig lassen, und daß die religiöse Erziehung der Kinder nur dann Erfolge aufweisen werde, wenn die Schnle am Elternhause wirksame Unterstützung findet. Wie diese häusliche Erziehung zur Religion gefördert werden kann, darüber gibt Dr. Lewy-Berlin in der „Köln. Jsr. Gmdztg." folgende beherzigenswerte Aufklärungen. „Belehret in den Geboten Gottes eure Kinder." „Frage deinen Vater und er wird es dir künden." „Mein^Sohn höre auf meine Worte" — diese und ähnliche Aussprüche unserer Bibel deuten genugsam darauf hin, wie sehr in Israel immer .das Haus als die wahre Schule galt, die Eltern als die tratürlichen Und besten Lehrer ihrer Kinder betrachtet wurden. Wer auch nur oberflächlich vertraut ist mit der biblischen und rabbinischen Litteratur, wer nur ein wenig Einblick genommen in die Geschichte unseres Volkes, der wird sich der Erscheinung nicht verschließen können, die sich ihm hier ausdrärigt, wie nämlich in der Familie, in den innigen Beziehungen des Vaters und der Mutter zu ihren Kindern die Hoffnung Israels erblickt wird für alle Zukunft. Wird doch das Verhältnis Gottes zu seinem Volke am innigsten dargestellt dadurch, daß er mit einem Vater verglichen wird, der seine Kinder beschützt, sie trägt, wie der Adler seilte Jungen, sie behütet, wie der Wärter den ihm anverlrauten Säugling. Und wie wird wieder den Kindern Ehrfurcht vor den Eltern, wie wird ihnen Gehorsam, Aufmerken auf die Zucht unb Ermahnung der Eltern eiugeschärft! — So beruht unser ganzes Wesen, unser ganzes Sein und Nichtsein auf der Familie und der erziehlichen Tätigkeit in derselben. Es ist das Beispiel, das von den Eltern gegeben wird, die Aufmunterung von Seilen des Vaters und der Mlltter, welche allein die Liebe zum Glauben, das religiöse Gefühl in unserer Jugend zu befestigen vermögen. Mit.einem Worte: Mehr als auf anderen Gebiete» ist es auf dem Gebiete der Religion notwendig, daß das Haus erziehlich einwirkt. Das Familienhaus muß wirklich zum Gotteshause werden und andererseits wieder zum fruchttragenden Felde, auf welchem der ausgestreute Samen zum herrlichen Ertrage aufgeht. Fragen wir nun, wie ist es mit der häuslichen Erziehung unserer Jugend bestellt? Die Antwort auf diese Frage wird leider so ausfallen müssen, daß in dem Erziehungsplan unserer meisten Familien für die Religion ein sehr geringer oder gar kein Raum übrig bleibt. , Unsere Religion geht mehr als alle anderen von bestimmten Quellen aus, es sind dies unsere biblischen Schriften. Um diese lesen und sie' später verstehen zu können, dazu gehört eine ziemlich ausreichende Kenntnis der hebräischen Sprache.. .Während in früheren Jahren mit dem Studium dieser Sprache schon sehr früh begonnen wurde, indem man die jungen Knaben sofort in die Lektüre der Bibel einsührte, sieht man jetzt in dieser Kenntnis, einen unnötigen Ballast, welcher die ohnehin überbürdete Jugend nur noch mehr zu belästigen oder beschweren vermag. Wird aber unseren Kindern die Kenntnis der heiligen Schriften entzogen, dann verstopft man ihnen gleichsam den Quell, aus welchem unsere ganze Religion fließt, dann verschüttet man ihnen den Brunnen des lebendigen Wassers, das unsere Vorfahren erquickte, aus dem sie Trost und glaubensstarke Gesinnung, Erhebung im Leid, und Wonne und Freude im Glücke schöpfen. Die ganze Poesie der Religion geht unserer Jugend verloren; das Schöne und Herrliche, das die Religion bietet, kennt sie nicht. Unsere Ceremonien und Feste sind ihr todte Schemen, abgestorbene Einrichtungen, deren historische Entstehung ihr ganz verhüllt ift’ Die wahrhaft menschliche Sittenlehre Mosis und der Propheten bleibt ihr ganz verborgen, hat sie doch nie Einsicht genommen in jene heiligen Urkunden, deren Ideale von wahrhafter Gerechtigkeit, wahrem Menschenfrieden und beglückender Barmherzigkeit, von uns Kindern eines auf seine Bildung so stolzen Geschlechtes bei weitem noch nicht erreicht wurdeu. Und was hat man dafür unserer Jugend geboten? Im Hause eine, fast möchte ich sagen, absichtliche Abneigung gegen Alles, was mit unserer Religion nur im Entferntesten im Zusammenhänge steht. Werke, die über unsere Litteratur handeln, Bücher, welche geeignet waren, der Jugend einen v Begriff beizubringen von dem Reichtum, der Schönheit, der Gedankentiefe unseres Schrifttums finden keinen Platz in den Bücherreihen jüdischer Häuser, in denselben Büchersammlungen,' in welchen „die, nie gelesenen Klassiker" aller Völker und Zeiten gesehen werden. Wie viele Mühe kostet es oft, Eltern zu veranlassen, daß sie ihren Kindern eine Schulbibel anschaffen, dieselben . Eltern, welche zu Weihnachten Unsummen für bemalte Bücher aller Art, für bedrucktes Velinpapier in den so beliebten Pracht - bänden ausgeben. Was kann dann unserer Jugend das Judentum sein? Im Hause herrscht vollständige Gleichgiltigkeit dem Judentum gegenüber, Alles muß ihr hier wichtiger erscheinen, als die Religion, moderne Sprachen und Turnen, die Klavierseuche unserer Zeit und der Tanzunterricht; draußen hört sie nichts als Verunglimpfung, Spott und Hohn über ihren Glauben, immer und immer wieder wird ihr seine Inferiorität vorgehalten von Groß und Klein, Vornehm und Niedrig. Da kann es wahrlich Niemand wundern, wenn die Kinder, die Hoffnung Israels, das ersehnte Glück der Mütter, der Segen Gottes, die Freude der Väter, zum Kummer und Unglück werden, da wir sie auf der abschüssigen Bahn der Abtrünnigkeit vorwärts eilen, alles verläugnen sehen, was die Ahnen für heilig und ehrwürdig gehalten haben. Wir hören nun einwenden, die religiöse Erziehung habe Religionsunterricht zu übernehmen und zu bewerkstelligen. Gewiß, dieser Einwand ist ein triftiger, und wir wollen ihn hier beleuchten. Der Religionsunterricht in unseren Schulen hat sicherlich mehr denn je eine heilige und wichtige Aufgabe zu vollsühren. Er hat die Jugend in unsere Geschichte einzuführen, 'ihr die Quellen unseres Glaubens, unser Schrifttum zugänglich zu machen, er soll ihr die Kenntnis der äußeren Formen unseres Bekenntnisses, des Ritus und der Liturgie er

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