Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1903
- Issue
- Heft 37 (29.9.1903)
- Date
- 1903-09-29
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3062972-3063163-3063200--02688-3069385- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 10 — Die Wahrheit Nr. 37 I. Die heute hier zusammengetretene Versammlung will über den Handel mit weißen Sklavinnen galizischer Herkunft, soweit er von Juden betrieben wird, hinsichtlich der Art seiner Ausübung und seiner Ursachen Aufklärung schaffen; sie will ferner auf dauernde Bekämpfung des schmachvollen Getriebes und auf Hinwegräumung der Ursachen in unermüdlicher Arbeit hinwirken. . 3X Die Ursachen der Üebel beruhen darin, daß sich bei einer Gesamtzahl von 772.000, mehr als drei Viertel der in Galizien wohnhaften Juden in äußerster sozialer und ökonomischer Bedrängnis befinden. Tausende sterben jährlich am Hungertyphus dahin. In bitterster Notlage kommen viele körperlich, geistig, sittlich immer tiefer herab. Die niedrigsten Schichten dieser verelendeten Bevölkerung verfallen dem Kaftismus, d. i. dem Mädchenhandel und aller anderen damit verwandten und verbundenen Verbrechertum. IH. Der Kampf gegen den Mädchenhandel muß sich gegen alle Formen dieses verderblichen Gewerbes richten, also unterschiedslos, ob-es international, national oder lokal betrieben wird, desgleichen gegen Familienprostitution, Vermittlung, Zuschleppung und Kuppelei, sowie überhaupt gegen jede Art von Verbrechen, die nach Herleitung und Ausübung mit weiblichem Sklaventum in Verbindung stehen. IV. Dieser Kampf würde jedoch aussichtslos bleiben, wenn er hinsichtlich der verarmten uud verelendeten jüdischen Bevölkerung Galiziens sich nicht auf ein auf breitester Grundlage auferbautcs Rettungswerk stützen könnte, das sich planmäßig und unentwegt einer Fülle wirtschaftlicher, moralischer, erziehltcher, ästhetischer uud Gesellschaftlicher Mittel zu bediene» vermag. w Die Anwendung solcher Mittel muß derartig geschehen, daß sie Wechselwirkung auf einander ausüben und sich gegenseitig durchdringen. I. Antrag des Dr. Nathan: Die Versammlung begrüßt mit größter Sympathie die Gründung der jüdischen Vereinigung zum Schutze von Mädchen und Frauen mit dem Sitze in Lemberg. Sie hofft, daß diese Vereinigung unter Ueberbrückung jeglicher Gegensätze sich über ganz Galizien ausdehnen und einen wichtigen Faktor für die Bekämpfung des Mädchenhandels bilden wird, der in enger Fühlung mit den gleichst! ebenden Vereinen Oesterreich-Ungarns und der westeuropäischen Staaten zu wirken berufen ist. Amendement Frl. Pappenheim: Die Versammlung ist der Ansicht, daß der neuen jüdischen Vereinigung eine Frauensektion angegliedert werden soll, der insbesondere die rein Humanitären und sanitären Aufgaben zugewiesen werden. II. Antrag Dr. Nathan: Die Versammlung ist der Ansicht,^ daß von der jüdischen Vereinigung zum Schutze von Frauen und Mädchen in Lemberg sogleich eine Anzahl Agenten angestellt werden soll, um die Ausbreitung des Vereins über ganz Galizien herbeizuführen und um in allen Orten zuverlässige Personen zu gewinnen, die geeignet sind, dem Mädchenhandel entgegenzuwirken. Der Verein soll überdies ein Auskunftsbureau errichten, das ohne Entgelt sachliche Auskünfte über Auswanderung erteilt und bei dieser Gelegenheit auf die Gefahren der Auswanderung hinweist. III. Antrag Dr. Rosenack: Das moralische Niveau unserer Glaubeüsgenoffen soll gehoben werden: 1. Durch Gründung einer Jargonzeitung und Einwirkung der Rabbiner in Wort und Schrift, 2. durch Beaufsichtigung der Chadorim, Talmud-Thoraschulen und sonstigen Schulen durch die hierzu Berufenen. IV. Antrag.Rabbiner Schmelkes in Kolomea: An sämtliche Rabbinen in Galizien ist die Bitte zu richten, gemeinsam zu erklären, daß das Deuuuciren der Mädchenhändler bei der Polizei keine Aweiroh, sondern eine Mizwob ist. V. Antrag Rev. Singer und Dr. Rosenack : In Erledigung der Vorschläge des Rev. Singer befürwortet die Versammlung, die Rabbiner zu ersuchen, daß sie nach wie vor das Volk belehren, nur legale. Ehen einzugehen. Nach Erledigung der Tagesordnung wird der Congreß »am Nari'ikenden Dr. Buk mit einem Hoch auf Se. Majestät verschiedene Nachrichten. Wien Freitag am 18. d. M. fand unter zahlreicher Betheiligung das Leichenbegängnis des sel. Herrn Moritz Kohn-Conrad, gew. Mitgliedes des k. k. priv. Carltheaters statt. Nach der ergreifenden Trauerrede dxs Rabbiners Dr. Grunwald, in der der Redner die erhebende Kraft seines zündenden Wortes bekundete, hatte Obercantor Guttmann in'erhebender Weise den liturgischen Teil vollzogen. Nach den erschütternden Abschieds' Worten Prof. Nascher's hob man den Sarg, und der so rasch aus dem Leben Geschiedene wurde feierlichst beigesetzt. Wien. Zur Einweihung des neuen Tempels in der Josefstadt bemerken wir noch nachträglich, daß die Grundsteinurkunde im klassischen Hebräisch von Herrn Münz verfaßt war. U^ter den bei der Feierlichkeit anwesenden Mitgliedern des Cultusvorstandes befand sich auch Herr Cultusvorsteher Sigmund Kauders. Wien. (Kinsky und Königswarter.) Anläßlich des vor kurzem erfolgten Todes des Grafen Kinsky erzählen Wiener Blätter folgende Anekdoten: Sein Witz war gefürchtet. Von ihm stammt das berühmte Wort, das er in einer Debatte auf die Ausführungen eines rechtsgelehrten Gegners hinschnellte: „Ich bin nicht genug Jurist, um mich unklar auszudrücken". Mit einem Konkurrenten in der Scharfzüngigkeit liebte' er sich zu messen — das war der „alte Königswarter", Baron Jonas, das Prototyp des konservativen Bankherrn, der sich und sein Haus konsequent und unnachgiebig von der alles fortreißenden Spekulationsströmung, vom „Gründungsschwindel", fernhielt, den lockendsten Versuchungen und Anerbietungen widerstand. Als dann zu Beginn des Jahres 1873, da die Weitsichtigeren schon das leise Herandämmeru des Kraches erschauten, von Geschäftsfreunden, die ihm sehr nahe standen, in ihn gedrungen wurde, ihnen zu Gefallen doch eine Ausnahme von seinen Grundsätzen zu machen und sich nur an einer einzigen Gründung zu beteiligen, an der ihnen sehr gelegen war, tat er den prophetischen Ausspruch: Haben Sie schon einmal gehört daß ich um 4 Uhr früh auf den Ball gehe?" Graf Eugen Kinsky konnte, schon seiner ganzen Stellung nach, unmöglich zu den Rigorosen von der strengsten Ob ervanz gehören, und die Anglobank, deren Vorsitzender er war, spielte ja auchwie man weiß, eine genugsam hervorragende Rolle in der Gründungszeit. Einmal nun, „hechelte" er sich wieder mit dem „alten Königswarter", dem die Schwäche des Ranges-Ehrgeizes nachgesagt wurde, und wollte eine kleine „Frozzelei" an dieser Schwäche üben. „Jst's wahr, Baron, daß Sie Graf werden sollen?" fragte er mit heuchlerischer Harmlosigkeit. Und in der gleichen harmlosen Unverfänglichkeit gab Baron Jonas zurück: „Warum nicht? Wenn die Grafen unter die Juden gehn, warum sollen da die Juden nicht unter die Grafen gehn?" Wien. Der Mädchenu. Frauen-Verein „Bikur Chaulim" hielt Sonntag d. 27. d. Nachm. 4 Uhr im Sitzungssaale der isr. Cultusgemeinde 1. Seitenstetteng. 4 seine I ordentliche Generalversammlung ab: Tagesordnung: 1. Entgegennahme des Jahresberichtu. d. Rechnungsabschlusses., 2. Wahlen in den Vorstand, 3. Wahlen von 2 Revisoren, 4. Beschlußfassung über Anträge d. Mitglieder, 5. Eventuelles. Wien. Dienstag, den 15. d. M., fand unter zahlreicher Beteiligung das Leichenbegängnis der im III. Bezirke durch ihren Wohltätigkeitssinn bestbekannten Fabrikantenswitwe, Frau Rosalia Hutterer, statt. Die Trauerfunktionen versahen Rabbiner Dr. Schmied! und Erster Cantor Blatt. Arohoöycz. Dem Herausgeber der „Drohobyczer Zeitung", Herrn A. H. Zupnik, wurde aus Anlaß des in seinem Blatte zum 18. August l. I. veröffentlichten Leitartikels der allerhöchste Dank des Kaisers auf schriftlichem Wege zuteil. Mähr.-Hstrau. Der hochverdiente Präsident unserer Cultusge-, meinde, kaiserl. Rat M. Straßmann, ist am 2. Neujahrstage plötzlich gestorben. Der Vorstand der Cultusgemeinde versendet folgende Parte: Die israelitische Cultusgemeinde Mähr.-Ostrau ist von einem schweren Schlage getroffen worden. Durch den unerforschlichen Ratschluß des Herr» ist ihr hochverehrter und geliebter Vorsteher, Herr kaiserlicher Rat Markus Straßmann, am Morgen des zweiten Neujahrstages seiner Gemeinde. und seiner Familie plötzlich entrissen worden. Tiefgebeugt steht die gesammte Cultusgemeinde an der Bahre ihres Gründers und Oberhauptes, der sie seit ihrem Bestände mit Hingebung und Aufopferung geleitet hat; unersetzlich ist der Verlust, den sie durch das Hinscheiden dieses bewährten Führers und Ratgebers erleidet Schwergebeugt gibt sie diese Trauernachricht allen Glaubensgenossen und Freunden bekannt. Das Andenken dieses edlen, für das'öffentliche Wohl und insbesondere das Wohl seiner Glaubensbrüder bis zu seinem letzten Atemzuge rastlos tätigen Mannes wird ewig fortleben. Die feierliche Bestattung der sterblichen Ueberreste unseres unvergeßlichen Vorstehers fand am Freitag, den 25. September, 3 Uhr nachmittags, vom Trauerhause, Bräuhausgaffe aus nach dem israelitischen Tempel in Mährisch-Ostrau und von dort auf dem hiesigen israelitischen Friedhofe statt. Budapest. (Der Kampf um die ungarische Predigt.) In der israel. Cultusgeineinde zu Balaffa-Gyarmat ist seit einigen Monaten ein Schisma eingetreten, bei welchem es sich um die Einführung der ungarischen Predigt handelt. Jüngst konnte der ungarisch. Prediger Dr. Links seine Rede nur unter Polizei Assistenz halten, da man eine Störung des Gottesdienstes durch die konservativen Gemeindemitglieder befürchten mußte. Auch wurden neue Wahlen ausgeschrieben, welche mit dem Siege der jüngeren Richtung, der Predigerpartei, endete. Präsident der Gemeinde wurde Kreditanstalts-Direktor Heinrich Feledi. HKarlstadt. Der neugewählte Oberkantor der hiesigen Gemeinde, Herr I. Reiner, errang mit seinem andachterweckenden Vortrag und seinen außerordentlichen Stimmmitteln am vergangenen Rosch-Haschonoallaemeinen Beifall und erhielt vom Vorstande und den Mitgliedern