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Die Wahrheit · 1903-09-29 · Heft 37 (29.9.1903) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1903
Issue
Heft 37 (29.9.1903)
Date
1903-09-29
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Die Wahrheit Seite 9 Nr. 37 auf, die zahlreich vertreten sind, darunter Rabbiner Schmelkes' —Lemberg, Horovitz—Krakau. Schmelkes—Kolomea, Schur— Tarnow, Lewin—Nohatyu rc. Auch ihr Gegenpart ist vertreten, die beiden Prediger Dr. Caro—Lemberg und Dr. Thon —Krakau. Ferner waren anwesend die jüdischen Abgeordneten Dr. Byk, Rapoport von Porada und Dr. Kolischer, die Vorsitzenden der Gemeinde in Lemberg und Krakau und viele andere angesehene Persönlichkeiten aus Galizien. Nach Begrüßung der Delegirten durch den Vorsitzenden, Dr. Byk, wurde das Präsidium aus folgenden Herren gebildet: Dr. Byk, Dr. Nathan, Reverend Singer, Rabbiner Schmelkes und Dr. Horovitz. Die Tagesordnung eröffnete Dr. Gustav Tuch—Hamburg mit einem allgemeinen Referat über den Mädchenhandel, in welchem er die Ausbreitung und die verschiedenen Formen desselben eingehend erörtert. Er spricht dann über die Abwehrbestrebungen, die sich in allen Ländern dagegen rühren, die Kongresse des Nationalkomites rc.. und kommt zu dem Anteil der Juden an diesem schmachvollen Gewerbe, aber auch zu seiner Bekämpfung. Er schildert die Arbeit des jüdischen Zweigkomitäs in Deutschland und betont die Anerkennung, welche diese Arbeit besonders auch bei den Nichtjuden gefunden hat. Redner schließt mit der Verlesung seiner Thesen, welche die Versammlung am Schlüsse ihrer Verhandlungen als Motive zu den Beschlußanträgen angenommen hat. Rabbiner Dr. Nosenak—Bremen wendet sich in seinem Referate besonders an die Rabbiner und fordert sie auf, durch ihren Einfluß bei der Jugend auf eine hohe Wertschätzung der Arbeit hinznwirken und, wo dieselbe besteht, sie zu pflegen. „Arbeit schafft das Laster aus der Welt!" Unter dem Beifall der Versammlung führt der Referent aus, daß das Laster der Prostitution nicht nur bei den Mädchen, sondern auch bei dem männlichen Geschlecht bekämpft werden müsse. Mindestens ebenso schuldig wie die Mädchen sind die verführenden Männer. Darum ist eine Reform der Erziehung notwendig, aber nur unter Wahrung der Religion. D e gesundheitsschädlichen Chadorim müssen reformirt werden, aber der Rabbiner soll die Aufsicht über dieselben erhalten. Die Auswanderung vom Lande in die Stadt ist nach Kräften einzudämmen. Die Herausgabe einer Jargonzeilung unter Mitwirkung der Rabbiner ist nöng, um solche Ideen unter den fast nur Jargon redenden Massen u verbreiten. Dr. Munk—Lemberg legt die Statuten eines zu dem speziellen Zweck neugegründeten Vereines vor, dessen Aufgabe es ist, durch wirtschaftliche und geistige Hebung der armen jüdischen Bevölkerung in Galizien und der Bukowina den Mädchenhandel unter den Juden dieser Länder zu verhindern und die Verbreitung desselben nach Kräften zu bekämpfen. Zur Erreichung dieses Zweckes sollen vornehmlich solche Mittel dienen, wie sie von unseren Lemberger Korrespondent >n seinen einleitenden Artikel zum Congreß vorgeschlagen wurden: Errichtung und Unterstützung solcher Anstalten, welche die wirtschaftliche, geistige und sittliche Hebung der jüdischen Mädchen zur Ausgabe haben, wie: Asyle, Dienstbolenheime, Kruderbewahranstalten, Haushaltungs- und Dienstbotenschulen, Anstalten zur Heranbildung von Kinder- und Krankenpflegerinnen, Stellenvermittlung u. dergl. Ferner Belehrung der weitesten Bevölkerungsschichten, Schutz und Hilfeleistung bei drohender Gefahr rc. Der Verein soll seine Organisation über ganz Galizien und Bukowina ansdehnen und besonders die Unterstützung der Rabbiner finden. Nach eingehender Debatte über diese drei Referate wurde die Vormittagssitznug geschlossen. In der Nachmitlagssitzung besprach Herr D. Rotter— Wien die Frage, wie durch Hebung der wirtschaftlichen Lage unserer Glaubensgenossen in Galizien dem Handel mit jüdischen Mädchen vorgebeugt werden kann. Der Referent charakterisirt die Ursachen des Mädchenhandels und der Prostitution überhaupt und konstatiert, daß die wirtschaftliche Notlage der jüdischen Bevölkerung die vornehmlichsie dieser Ursachen ist. Das jüdische Mädchen der Massen findet im Elternhause, wir im Hause des Mannes, wenn cs sich verheiratet, nur Elend und Mangel, selbst an den notwendigen Subsistenzmitteln und keine Hoffnung auf eine Befferung dieser Verhältnisse. Die große Kinderzahl steigert die Nahrungssorgen und führt zu weiterer Vernachlässigung der Erziehung und Ansicht seitens der Eltern. Diese Not wirft das jüdische Mädchen, das auch Ansprüche an das Leben stellt, dem ersten besten S/eelenfänaer in die Arme. Galizien, in dem ein Achtel der Bevölkerung von 7 Millionen, also mehr als 800.000 Seelen, Juden sind, ist ein vorzugsweise ackerbautreibendes Land. Industrie gibt es sehr wenig. Die Hausindustrie ist unbedeutend, Hetwas Korbflechterei, woran nur wenige Juden beteiligt sind, die Erzeugung gestülpter Federkiele in Brody und die Haarnetzindustrie mit vorzugsweise jüdischen Arbeiterinnen. Das Handwerk ist unter den Juden sehr verbreitet, das Vorurteil, das früher dagegen bestand, ist längst nicht mehr vorhanden. Jetzt drängt man sich in die Handwerkerschulen, so daß diese nicht mehr ausreichen. Der Handel ist fast ganz in jüdischen Händen, aber gerade in diesem Berufe macht sich der Antisemitismus geltend. Konsum- Vereine, die keine Inden aufnehmen, und judenreine subventionierte Geschäfte nehmen dem jüdischen Kleinhändler das Brot vom Munde weg. Das Kleingewerbe ist fast ganz jüdisch, sehr viele Glaubensgenossen sind Kutscher, Gastwirte. Mautpächrer rc. und alle diese verdienen nur äußerst mühsam ihr karges tägliches Brot. Der Mautpächter bringt es zum Beispiel auf 4—8 Kronen, d. h. 3—6 Mark per Woche. Es gibt einige hundert jüdische Grundbesitzer, viele jüdische Pächter und eine große Anzahl jüdischer Aufseher und Beamte in der Landwirtschaft, aber wenig eigentliche Bauern und Feldarbeiter. Die jüdische Intelligenz kann nur in den liberalen Berufszweigen exiftleren, denn im Be'.mtendienste gibt es fast gar keine Juden, weil sie bekanntlich nicht angestellt werden, aber dafür sehr viele Advocaten und Aerzte. Wie kann geholfen werden? Zunächst bei der Erziehung. Das jüdische Mädchen muß in höherem Maße als bisher zur Arbeit angehalten werden, auch die jüdische Frau und das Mädchen müssen auf ehrliche und sittliche Weise mitverdienen lernen. Dann aber muß vor allem die ökonomische Lage im ganzen gebessert werden, das heißt nicht nur die Mädchen müssen Arbeit sinnen können, sondern auch die Männer müssen besseren Verdienst als bisher erhalten können: 1. In allen größeren galizischen Städten sind Dienstboten- und Nähschulen zu errichten, den ausgebildeten Mädchen sind Stellungen in besseren jüdischen Häusern in Galizien und im Auslande zu beschaffen; 2. in Ackerbauschulen sind sowobl Knaben als Mädchen für die Landwirtschaft heranzubilden; 3. Hausindustrien sind einzuführen für diejenigen, die im Hause arbeiten müssen oder wollen; 4. Fabrikindustrie nach dem Muster der Puppenfabrik in Tarnow, welche die Jewish Colonisation Association errichtet hat, vor allem solche Industrien, welche die Landesprodukte verarbeiten, müssen gefördert werden. 5. Errichtung von Kreditgenossenschaften und Darlehenskassen für Kleinhändler und Kleingewerbetreibende. Wenn alle berufenen Faktoren zu gemeinsamer Arbeit Zusammenwirken, zumal sie doch alle das gleiche Ziel erstreben: Die Hebung des ethischen und kulturellen Niveaus, welche ja auch einer Besserung der sozialen Lage folgt, und wenn es gelingt, die Gemeinden aus ihrer Passivität aufzurütteln, die Rabbiner zu Milkämpfern Leranzuziehen, dann wird dem Uebel, so tief es wurzeln mag, doch beizukommen sein. Nach einen Referate des Herrn Paul Laskar—Hamburg über die Gefahren der planlosen Auswanderung werden dessen Anträge angenommen, welche dahin gehen, die galizischen Juden über die traurige Lage ihrer für das Ausland ungeeigneten, in Amerika und England befindlichen Landsleute durch die Rabbiner, die Gemeindevorsteher, durch die Leiter der Wohllätigkeitsansialten und die jüdischen Zeitungen auszuklären. Hierauf werden die anderen inzwischen von einer Com« ' Mission vorberatenen Anträge angenommen :

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