Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1903
- Issue
- Heft 37 (29.9.1903)
- Date
- 1903-09-29
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3063163-3063200--02685-3069382- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 37 Die Wahrheit Seite 7. ist der Bruttoertrag. Davon gehen die Betriebskosten, die 12l/20/0 Ertragssteuer und vor allem die Baumsteuer, die 4—5 M. pro Baum 'beträgt, ab. Nun gibt es aber eine . sichere Beurteilung dieser Angaben. Die deutschen Kolonisten berechnen in ihren eigenen Veröffentlichungen (siehe Said Ruete, Grote rc.) den Wert eines Hektars Olivenbäume mit 3000 M., die Reineinnahme nur mit 150—300 M. — Richtig ist, daß in Cypern, aber auch nur dort, die Steuern, die auf den Oelbaumpflanzungen lasten, ermäßigt sind, tm ganzen übrigen Orient ist dies nicht der Fall." Ein besseres Argument sür Cypern und gegen Palästina konnte die Phantasie eines Dichters nicht zuwege bringen. Herr Bambus, der-bezweifeln will, daß ein Hektar Olivenpflanznilg jährlich 500 M. Reinertrag bringen könne, zeigt, daß man nur in Cypern statt in Palästina zu arbeiten brauche, um 1000 bis 1200 M. jährlich per Hektar allein an Steuern zu sparen. (Nämlich 200 M. — 12 7a Prozent von 1600 — und die Baumsteuer für 200 Bäume ä 4 bis 5 M., also weitere 800—1000 M.) So schön das Argument sür Cypern wäre, so trifft es leider nicht zu. Die Baumsteuer von 4—5 M. pro Baum existiert nur in der Phantasie des Herrn Bambus, in Palästina beträgt sie 23 Ps. (Anderlind: Die Fruchtbäume Syriens.) — Dies und seine, weiter oben gezeigte Naivelät (in landwirtschaftlichen Dingen) schlägt dem Faß Bambns'scher Sachkenntnis den Boden aus, und wir sind eigentlich mit dem Fachmann Bambus fertig. Es genüge, wenn wir uns hier daraus beschränken zn sagen, daß seine übrigen Behauptungen ungefähr auf gleicher Höhe stehen. Auch von manchen zionistischen Seiten ist vor unserem Unternehmen „gewarnt" worden, und zwar mit der Begründung, daß unsere Tätigkeit nicht die gleichen Grundlagen habe wie der Zionismus, und daß eine Beteiligung von Zionisten an diesem Unternehmen eine Krüstezersplitterung bedeute. — — Diese Auffassung steht natürlich im Widerspruch mit dem zionistischen Programm, das als erstes Mittel zur Erreichung seines Zweckes (Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina) „die zweckdienliche Förderung der Besiedelung Palästinas durch jüdische Ackerbauer, Handwerker und Gewerbetreibender bezeichnet. Bedenkt mail, daß unter den Mitteln zur Erreichung des zionistischen Zweckes die „vorbereitenden Schritte zur, Erlangung der Regierungszustimmung, tvelche nötig ist, um das Ziel des Zionismus zu erreichen", erst als viertes und letztes genannt sind, und bedenkt man ferner, daß der Zionismus bekanntlich seine eigene Kolonisationstätigkeit nicht vor Erlangung des Charter beginnen will, so wird cs klar, daß mir den als Mittel Nr. 1 genannten Bestrebungen die nichtzionistische Kolonisationstätigkeit gemeint fein muß. Dies ist auch häusig und klar genug ausgesprochen worden, und der offizionelle Zionismus hat oft genug seiner Gefolgschaft die Beteiligung an allen möglichen Kolonisationsbestrebungen anempsohlen, ja sogar zur Pflicht gemacht. Wenn das sogar dem „Esra" gegenüber geschehen konnte, denen ganze Entwickelung sicherlich nicht den zionistischen Anschauungen entsprach, so ist es doppelt verwunderlich, wenn im Fall der Jüdischen Orient-Kolonisations-Gesellschaft vor einem Kolonisations-Unternehmen gewarnt wird, das dem Zionismus so wenig feindlich gegenübersteht, daß es ihm sür feine künftige Tätigkeit die Wege weist. Der Widerspruch der betreffenden zionistischen Instanzen läßt sich also weder logisch noch zionistisch erklären. Im übrigen haben die für ein tatkräftiges Vorgehen wertvollsten zionistischen Kreise von allem Anfang an der Jüdischen Orient- Kolonisationsgesellschaft Verständnis entgegengebracht und haben sich in ihrer Stellungnahme auch durch die Begriffsverwirrung der erwähnten Instanzen nicht irre machen lassen. Da wir zu diesem Thema gekommen sind, möchte ich das Verhältnis der Jüdischen Orient-Kolonisations-Gesellschaft zu den sonstigen jüdischen Orient-Kolonisations-Bestrebuugen in wenigen Worten präzisieren. Die Jüdische Orient-Kolonisations» Gesellschaft will niemandes Kreise stören, sondern wird vielmehr bemüht sein, mit allen Vereinen und Organisationen von ähnlicher Tendenz in bestem Einvernehmen zu stehen. Das große Werk, an dem wir arbeiten, erfordert die Mitwirkung aller tatkräftigen Elemente im Judentum. Und wenn wir einerseits uns keiner der bestehenden Organisationen unterordnen können — denn wenn irgend eine von diesen in genügender Weise unseren Ideen entspräche, so hätten wir keine Neugründung vorzunehmen brauchen — so hoffen wir doch andererseits, in allen diesen Vereinen und Organisationen Sympathien und werktätige Freunde zu gewinnnen. _ Äiis der Wiener Cultusgemeinde. (Plenarsitzung des Cultusvorstandes vom 16. Sep-- tember 1903 unter dem Vorsitze des Präsidenten kais. Rad Klinger.) Der Präsident begrüßt die von ihren Sommerurlauben rückgekehrten zahlreich anwesenden Vorstandsmitglieder, indem er auf die mannigfachen, der Erledigung harrenden Aufgaben hinweist, mit denen der Vorstand sich in der nächsten Zeit zn befassen haben wird. An Spenden werden bekannt gegeben: Von Frau Erna von Mises: für den Verein zur Versorgung hilfsbedürftiger Waisen der israel. Kultusgemeinde K. 100. für den Theresien- Kreuzerverein K. 100. für das isr. Blindeninstitut K. 100. für den isr. Fraüenwohltätigkeitsverein „Frauenhort" K. 100 für das isr. Taubstummen-Institut K. 100. zusammen K. 500. Von Frau Anna von Redlich für wohltätige Zwecke; K. 500. zuv Verteilung nach Ermessen des Herrn Präsidenten kais. Rat Klinger, welcher hierüber nachstehende Verfügungen getroffen hat: Armen-Anstalt K. 200. Zur Verteilung durch das Präsidium K. 150. Wöchnerinnen-Verband K. 100. Frauenhort K. 50. Von Herrn L. Brettauer für Arme K. 500. Von Herrn Dr. Josef Stern als Erbenvertreter nach dem sel. Herrn Leopold Stern für das isr. Altersversorgungshaus K. 400. Von Herrn Dr Isidor Lederer für humanitäre Zwecke K. 400. Von Herrn Arnold Fröhlich sür verschiedene Wohltätigkeitsvereine K. 250. Von Herrn Kais. Rat Reumann Scheitel: für die Armenanstalt K. 100. für arme Bräute K. 100. zusammen K. 200. Von Herrn Samuel Tausfig & Söhne für die Opfer von Kischenew. K. 50. Von Herrn Stabsarzt Dr. Fischer für Arme K. 30. Von Herrn Hermann Trinz für Arme K. 20. Von Else Sch. für Arme K. 2'50. Von Herrn Doro Stein ein Krankenfahrstuhl im Werte von K. 200. für das isr. Versorgungshaus. Aus den zur Verlesung gelangenden Einläufen seien hervorgehoben: Ein Glückwunschtelegramm des k. u. k. österr.-ungar. Konsltlates in Jerusalem und des Lehrkörpers der Lämmel-Schule daselbst anläßlich der Einweihung des Neubaues der Schule, für welche von dem Gründer Ignaz Edler von Sammet f. A, eine Stiftung hei der Wiener israelitischen Cultusgemeinde errichtet wurde. Weiters eine Zuschrift des kais. Rates Wilhelm, mit welcher derselbe erklärt, die Berufung in den Belhausvorstand dankend anzunehmen. Im Präsidialberichte bringt der Präsident zur Kenntnis, daß die neuernannten Herren Rabbiner, Dr. Fenchtwang und Dr. Grunwald, ihre Funktionen bereits angetrete» haben und die Einführung derselbeu in ihr Amt durch die Bethansvorstände in feierlicher Weise erfolgt ist. — Was Herrn Rabbiner Dr. David anlangt, sei zu bemerken, daß der offizielle Amtsantritt als Gemeinderabbiner mit Rücksicht auf die bisher noch nicht erlangte österreichische Staatsbürgerschaft des Herrn Rabbiners einem späteren Zeitpunkte Vorbehalten bleiben müsse. Der Präsident erwähnt weiters der am 15. d. M. erfolgten feierlichen Einweihung der neuerbauten Synagoge des Josefstädter Tempelvereines, bei welcher fast sämtliche Mitglieder des Cultusvorstandes anwesend waren. Das herrliche Gotteshaus, ein Meisterwerk des Vorstandsmitgliedes Herrn Architekten Max Fleischer, das sich den früheren Schöpfungen desselben