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Die Wahrheit · 1903-09-29 · Heft 37 (29.9.1903) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1903
Issue
Heft 37 (29.9.1903)
Date
1903-09-29
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Sette 6 Die Wahrheit. )Lr. 37 Me jüdische Orient-Colomsaiioiis-Cesellschast.') Abseits von den Wegen, die der offizielle Zionismus wandelt, doch von dem gleichen Streben beseelt, für das jüdische Volk, und besonders zu unsere bedrängten Glaubensbrüder im Osten ein dauerndes soziales Hilfswerk zu leisten, wurde im Vorjahre in Berlin eine Gesellschaft gebildet, die es sich zur Aufgabe macht, durch eine wohlgeleitete Kolonisationstätigkelt jüdischen Auswanderern zur dauernder Selbständigkeit unter gesunden sozialen Verhältniffen zu verhelfen. Nunmehr versendet dieselbe ihren ersten Bericht, dem einige aufklärende Ausführungen der leitenden Persönlichkeiten Lois Briesch, Dr. Franz Oppenheimer und Davis Tritsch beigesügt find. Ein Aussatz des letzteren, der auch verschiedene gegen die Gesellschaft erhobene Angriffe zu widerlegen sucht, gibt ein besonders klares Bild ihrer Bestrebungen und sei in nachfolgendem wiedergegeben: Die „Jüdische Orient-Kolonisations-Gesellschaft" ist in der kurzen Zeit ihres Bestehens bereits Gegenstand mehrfacher Angriffe geworden, die zum Teil auf Kritiker zurückgehen, die sich von jeder Fachkenntnis frei wissen, und zum Teil auf solche, die sich eiubilden, sie zu besitzen. Das ist so befremdlich nicht, wenn man bedenkt, daß.wir Juden in Kolonisationsdingen noch ziemlich neu sind, und daß es selbst mit der Sachkenntnis unserer Fachleute recht schlecht bestellt ist. Beweis: die Entwicklung und der Zustand der Kolonien in Argentinien und Palästina. So kommt es, daß von mehreren Seiten der Prospekt der Jüdischen Orient-Kolouisations-Gesellschaft scharf angegriffen wurde, weil er dem, was man von jüdischer Kolonisation bis jetzt zu hören pflegte, so gar nicht entsprach. Mau war sich nicht klar darüber, daß der Prospekt in den Papierkorb gehören würde, wenn er der bisherigen jüdischen Kolonisation - entsprochen hätte. — — Die argentinische Kolonisation, ebenso wie die palästinensische, krankten an einem Ueberfluß au Geld und einem Defizit an Kenntnis und Tüchtigkeit der Administration. Wenn die 5000 Kolonisten Palästinas (5000 ist die Seelenzahl) außer dem eigenen Geld, das viele hatten, und außer den Unterstützungen von anderer Seite, allein den Baron Rothschild über 50 Millionen Francs gekostet haben, so muß sich jeder, der rechnen kann, sagen, daß die Kolonisation die schlechteste Anlage für das Geld war. In einem Lande, in dem der Zinsfuß so hoch, und der Lebensunterhalt so billig ist wie im Orient, hätte die fünf- bis zehnfache Bevölkerung von den Zinsen allein auskömmlich — leben können, ohne daß das Kapital verloren werden mußte, wie es wenigstens mit dem weitaus größten Teil dieser Nothschild'scheu Millionen auf dem Kolonisationswege geschehen ist. Ich gebe zu, daß die Ueberführung von Juden zur Landwirtschaft eine Aufgabe ist, die Opfer wohl rechtfertigen kann; aber ein Mißverhältnis, wie wir es hier in Palästina sehen, ist bei weitem zu groß. Und in Argentinien ist es nicht wesentlich anders. Die Rothschild'sche und Hirsch'sche Kolonisation waren also eine der schlechtesten Kapitalsanlagen, die man sich denken kann. In dem dagegen, was der Prospekt der Jüdischen Orient-Kolonisations-Gesellschaft sagt, sehen einige eine so brillante Kapitalsanlage, daß sie unseren Plan für schwindet. Haft halten, weil sonst das Großkapital sich längst dieser Chancen bemächtigt hätte. Der grundlegende Fehler dieser Kritik beruht darin, daß der Kritiker unseren Prospekt nicht verstanden hat. Wir sagen, daß man bei intensiver Kultur aus einem Hektar Land den Unterhalt einer Familie herauswirtschasten kann. Wir haben das in die Worte gekleidet, daß 1 Hekrar Land jährlich mindestens 500 Mk. per Hektar ergeben kann, und daß dieser Betrag hinreicht, um eine Bauerufamil'e Wie wir hören, wird die I. O. C. G. schon in diesem Herbst ihre praktische Thätigkeit beginnen. Ihr Bureau ist in Berlin Großbeerenstrasse 75. Prospekte und Drucksorten werden jedem Interessen auf Wunsch kostenlos zugesendet. Die Redaktion. im Orient zu ernähren. Unser Kritiker hat uns dahin mißverstanden, daß man mit dem von uns angegebenen Anlagekapital von einigen 100 Mk. (für Land und Vorarbeiten) einen kapitalistischen Ueberschuß von 500 M. jährlich erzielen könne. Während unser Prospekt für jeden Kenner landwirtschaftlicher Dinge doch nur sagt, daß unsere Bauern für ihrer Hände Arbeit auf 500 Mk. jährlich würden rechnen können. Der Einwand, daß das Großkapital sich der von uns gezeigten Chance längst bemächtigt hätte, wenn die Chance da wäre, ist also ebenso hinfällig, wie es undenkbar wäre, daß ein Krösus, der mittelst unserer Methoden noch größere Reichtümer aufhäufen wollte, die großen Flächen Landes, die' er zu dem Zweck ankaufen müßte, selbst bebauen könnte. Daß wir auf Baumkultur als einen verhältnismäßig leichten landwirtschaftlichen Erwerb Hinweisen, der sich für das wenig mnskelstarke jüdische Emigrantenmaterial besonders eignet, ändert nichts wesentliches an der Sache sondern macht die Methode für unseren speziellen schwierigen Fall nur um so geeigneter. Aber auch mit dem schweren Geschütz sogenannter Fachkenntnis ist man gegen den Plan der Jüdischen Orient-Kolonisations-Gesellschast aufgetreten. Herr Bambus hat uns eine ganze Liste grober Fehler „nachgewieseu". Auf die verdiente Abfertigung hin hält er zwar keine seiner zahlreichen früheren Behuuptungen aufrecht, kommt aber dafür mit neuen Einwänden, für die ich ihm hier fast meinen Dank abstatten sollte. Klarer nämlich hätte ich seine blindwütige Unkenntnis, von der ich längst überzeugt war, nicht Nachweisen können, als er es selbst hier tut. Er sagt wörtlich: „Ist interkaläre Gemüseknltur möglich, nachdem achtjährige Bäume angepflanzt sind, so ist sie auch möglich, sobald diese vollen Ertrag bringen. Es wäre mithin sehr töricht, wenn die Kolonisten auf den Ertrag dieser Gemüseknltur verzichteten, weil auch die Oliven Ertrag bringen. Daß die Herren Trietsch und Dr.- Oppenheimer ihren Kolonisten znmuten, ans die Hälfte des Ertrages ohne Grund zu verzichten, konnte ich nicht annehmen und nehme ich auch jetzt nicht an. Di^ Herren wissen nur nicht genau, was sie wollen und sind in ihrer Erwiderung etwas verwirrt." Herr Bambus hat also von landwirtschaftlichen Dingen so wenig begriffen, daß er meint, es sei dem Boden gleich, ob Fruchtbänme eben erst beginnen zu tragen, oder ob sie in voller Entwickelung stehen. Er versteht nicht, daß ein junges Bäumchen dem Boden weniger entzieht als ein voll ausgewachsener Baum. — — Es kommt aber noch besser: Herr- Bambus hat.ein ganz besonderes Interesse an der palästinensischen Kolonisation, derart, daß die ungesundeste Ansiedelung im heiligen Land ihm lieber ist, als die rationellste Tätigkeit in dem nahegelegenen Cypern. Gegen weiter entlegene Länder hat er merkwürdigerweise nichts einzuwenden. Es ist mir nicht bekannt, daß er, der Palästinazelot, sich gegen das Kolonisationswerk der I. C. A. in Kanada und Argentinien, ja nicht einmal gegen die Warburgsche Kolonisation in Anatolien, ereifert hätte. Die Abneigung des Herrn Bambus gegen das schöne Cypern kann mit reinen Verstandesgründen oder mit sachlichen Argumenten nicht erklärt werden. Man sollte meinen, ein Land in nächster Nähe Palästinas, das die gleichen klimatischen und Bodenverhältnisse aufweist und sich wesentlich von Palästina nur durch alle die Vorteile unterscheidet, die eine englische Administration gegenüber dem türkischen System mit sich bringt, sollte für jeden gesunddenkenden Freund jüdischer Kolonisation im Orient ein ideales Arbeitsgebiet , darstellen; besonders im Hinblick darauf, daß ein Anfang der Tätigkeit in Cypern uns Palästina räumlich und zeitlich näher bringt. Wird Palästina, uns einmal erschlossen, so wird die Vorarbeit in dem nahen Cypern uns von aller größtem Nutzen gewesen sein.- Herr Bambus geht nun so weit, daß er sich folgende Auslassung leistet: „Angeblich rechnen die deutschen Kolonisten für einen Hektar Olivenpflanzung 1600 M. Ertrag. Möglich, aber dies

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