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Die Wahrheit · 1903-09-29 · Heft 37 (29.9.1903) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1903
Issue
Heft 37 (29.9.1903)
Date
1903-09-29
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 37 Die Wahrbeit Seite 5 und andere Zeugen mit Bestimmtheit aussagen, der Finanzwach- Öberausseher Eduard Skalski iit Uniform, der die Bauern unausgesetzt^harauguierte und mit blankem Säbel in den Strohsack und in andere Gegenstände hineinstach, um Eisenberg ausfindig zu machen. Da sie Aba Eisenberg nicht fanden, enttrugen die Bauern aus dem Geschäfte des Jupiter eine Anzahl Eisen- Stangen und auch 'eine schwere Brechstange, zertrümmerten Fenster und Türen und setzten nun das Zerstörungswerk auch an anderen Orten fort. Die Menge wälzte sich zu dem Hause des Schusters Leiser Burg, bei welchem der Schuhmachergehilfe Rachmil Nier aus Sadagora arbeitete. Nach den Berichten der Augenzeugen waren es hier viele Hunderte von Bauern, welche mit Eisenstangen, Prügeln und auch einer Heugabel eindrangen, nachdem sie das Haus mit Steinen in der Größe eines Kindskopfs bombardiert hatten. Auch hier stellte sich der Finanzwach-Oberaufseher Skalski und mit ihm der Gemischtwarenhändler Michael Krzywiecki an die Spitze der Exzedenten. Es wird erzählt, daß insbesondere Skalski mit blankem Säbel auf den Tisch sprang und den Bauern zurief: „Bejte!“ („'Sdjtdijt zu!") lind daß Krzywiecki dem Nachmil Nier mit der Faust Stöße in die' Brust versetzte. Schon vorher hatte Skalski auch im Hause des Leiser Burg nach Aba Eisenberg gesuchr, indem er mit dem Säbel die Strohsäcke durchstach. Als Nachmil Nier sich angstvoll hinter dem Tische versteckt hatte, ans welchem Skalski stand, und diesem zurief: „Herr Oberaufseher! Man schlägt mich tobt!" rief Skalski: „Kusch! Oder ich fetze dich durch!" Rachmil Nier wurde schwer verwundet und entging nur dadurch dem Tode,. daß im kritischesten Augenblicke der Gemeindesekretär Karl Hübscher erschien, welcher Rachmil N'er für verhaftet erklärte und in's Gemeindeamt abführen ließ. Ein anderer Bauernhause war mittlerweile ans dem Marktplatze dem Oekonoiniepächter Jüdel Karpel aus Jlincze begegnet. Auch er wurde durch Stockhiebe fürchterlich zngerichtet. Ein Bauer versetzte ihm mit einer Heugabel einen Stich unter das linke Auge, man warf ihn zu Boden, trat ihn mit Fußen und schlug ihm sämtliche Zähne des Oberkiefers aus. Der 18jährige Schuhmachergehilfe Mordko Burg war im Begriffe, vom Viehmarkt nach Hause zu gehen, wo er ein Paar- Stiefel verkauft hatte. Da sah er einen Bauernhausen sich entgegenkommen, blieb verblüfft stehen und bekam von rückwärts mit einem eisenbeschlageuen Stück Holz, das als Wagenstütze dient, einen furchtbaren Hieb über den Kopf. Er lveudete sich um und erkannte den Gemischtwarenhändler Krzywiecke, welcher noch das bezeichnete Holzstück in der Hand hielt. Mordko Barg umfaßte den Krziwiecki mit beiden Händen uird fragte ihn: „Habe ich Ihnen denn je etwas Schlechtes getan?" Darauf erhielt er von dem Finanzwach-Oberausseher Skalski mit dem versorgten Säbel einen Hieb über die Schulter und Skalski rief den Bauern zu: „Schlagt diesen Inden tot! Er hat die Bäuerin geschlachtet!" Nun regnete es Hiebe ans Mordko Barg, der zeitweilig das Bewußtsein verlor. Die wütende Menge schleppte ihn än den Mühlbach, stieß ihn von dem hohen Ufer in's Wasser hinab und bewarf ihn mit Steinen. Einige Bauern sprangen ihm in's Wasser nach und tauchten ihn mehrere Male unter. Als sie in der Meinung, daß er schon tot sei, von ihm abließen, erhob er sich im Wasser, sah zwei bekannte Bauern und rief ihnen zu: „Rettet mich, Ihr kennt mich ja!" Als diese ihm beistehen wollten, stürzten die Bau.rn wieder heran, hinderten die Beiden an der Rettung und schlugen neuerdings auf Mordko Bürg los. Burg flüchtete sich nun in das nahestehende Hänschen, wo die Marktzertisikate äusgefertigt werden, uuo versteckte sich unter einem Tiiche. Die Bauern rissen die Fenster aus, drangen in das Haus ein und schleppten den Mordko Burg wieder zum Mühlbach. In diesem Augenblicke kam der Gerichtsdiener Karl Karlicz, erkannte den Mordko Burg und wehrte die Bauern von dem Halbtoten ab. Zwei Stadtpolizisten, deren Vornamen Michails Und Onufry lauten, trugen das furchtbar zugerichtete Opfer in das Haus des Leiser Burg. Der Schädel Mordko Burg's ist au elf Stellen durchlöchert und es ist ein wahres Wunder, daß derselbe bisher mit dem Leben davongekommen ist. An seinem Aufkommen wird noch immer gezweifelt. In vielen Judenhäusern wurden Fenster und Türen eingeschlagen, Hab und Gut entwendet und an 30—40 Juden nugen schwere und leichte Verletzungen davon. Der materielle Schaden beläuft sich auf zirka 8000 Kronen Die Exzesse dauerten ungefähr eine Stunde, da die Gendarmerie weit außerhalb der Stadt kaserniert ist und erst spät auf dem Schauplatze der Unruhen erschien. Die drei Gendarmen haben jedoch voll und ganz ihre Pflicht getan und insbesondere hat der Postenführer, intularwachtmeister Johann Orczech, kn geradezu heldenmütiger Weise sich allein der wütenden Menge entgegengestellt und teils durch gütliches Zureden, teils durch energische und zugleich vesonnene Gewaltanwendung die Bauern zum Abzüge bewogen 'und so ernsteres Unheil verhütet. Ebenso verdient das tapfere :ud zugleich besonnene Verhalten des Gemeindesekretärs Karl Hübscher uneingeschränktes Lob. Siebzehn Bauern, die an den Exzessen teilnahmen, sind bereits verhaftet. Die „Oesterreichische israelitische Union" hat zur genauen Erhebung des Tatbestandes ihren Sekretär, Herrn Siegfried Fleischer, nach Zablotow gesendet und wurde nach dessen Rückkehr dem Ministerpräsidenten Dr. v. Körber eingehender Bericht erstattet, der telegraphisch die sofortige Inhaftnahme des Finanzwach-Oberaufsehers verfügte. -i- * * In welcher Weise in Galizien gegen die Juden gehetzt wird, darüber berichtet die „Arbeiter-Zeitung" aus Przemhsl folgendes Stückchen: Durch einen Befehl des 10. Korpskommandos wurde sämtlichen kommandierenden Ofsizieren aller Waffengattungen zur Pflicht gemacht, die Soldaten darüber zu belehren, ■ warum sie trotz der beendeten dreijährigen Dienstpflicht noch rn den Kasernen bleiben müssen. Ob bei dieser Gelegenheit den Osflsieren auch entsprechende Weisungen gegeben wurden, wie und wit welchen Argumenten diese Propaganda bei den Soldaten za machen sei, wissen wir nicht; wir kennen jedoch den genauen Wortlaut einer Rede, die einer der Kommandierenden, der Oberlieutenaut Formanek von der 10. Kompagnie des 10. Jni interie-Regimeuls von Stapel ließ. Der Herr Oberlieutelnmt führte seine Soldaten während einer Uebung in ein abseits liegendes.Wäldchen. Dort hielt er folgende Ansprache: „Soldaten des dritten Jahrganges! Ihr solltet jetzt nachbause gehen, u»d wenn Ihr nicht nachhause gehen werdet, die Schuld daran tragen die Juden. Die österreichischen uns insbesondere die galizischen Juden wandern nach Ungarn aus. Dort magyaristere» sie sich und agitieren gegen Oesterreich. Die Juden, die in Oesterreich Hausierer und Händler sind, bekommen in Ungarn hohe öffentliche Würden und deshalb bekämpfen sie Oesterreich. Das, was die Ungarn verlangen, wird ihnen niemals bewilligt. Weil man jedoch mit den Ungarn im Guten nichts ausrichten kann, werden wir scharf gegen sie Vorgehen müssen. Wir werden nach Ungarn einmarschieren und die Leute dort gut dnrchprügeln, dann erst werden sie Ruhe geben. Deshalb seid jeden Augenblick darauf vorbereitet, daß wir nach Ungarn gehen und uns dort schlagen werden. Und sollte es zur Schlacht kommen, dann sollt Ihr es Euch merken, daß die Ungarn es verschuldet haben." Diese Ansprache blieb nicht ohne Wirkung. Auf dem Heimwege von den Uebungen bedrohten die Soldaten die Juden, die sie unterwegs trafen, wie auch ihre eigenen jüdischen Kameraden. Ein blutjunger Kader namens Pichet von der nämlichen Kompagnie beschimpfte dabei die jüdischen Reservisten auf das gröblichste.

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