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Die Wahrheit · 1903-09-29 · Heft 37 (29.9.1903) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1903
Issue
Heft 37 (29.9.1903)
Date
1903-09-29
Page
– (sequence 4)
Language
German
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S«te 4 Die Wahrheit. Nr. 37. wie es WrLeit Jgnatiew's gewesen ist, patronisiert haben und jene, die sichMr Wehr setzten, mit Kolbeustößen und Schüssen an der Selbstverteidigung hinderten. Es unterliegt für mich nicht dem geringsten Zweifel, daß, wenn die Behörden gewollt hätten, mit derselben Schnelligkeit wie am Freitag auch am Montag jede größere Gewalttätigkeit unterdrückt worden wäre. Die Polizei hat sich am Freitag tadellos benommen, soweit ich es beurteilen kann. Für die Szenen am Montag, wobei wiederum gegen 200 Buden und Verkaufslokale der ärmsten jüdischen Bevölkerung zerstöi t wo-den sind, ist das Militär verantwortlich, und daß es mir auf höheren Befehl gehandelt hat, ist ja für den, der russische Verhältnisse kennt, selbstverständlich." * * Trotz der lügnerischen Versicherungen des Herrn v. Plehwe und seiner Organe, welche natürlich wieder behaupten, daß die Juden die Ausschreitungen provoziert hätten, ist es auch in diesem Falle, geradeso wie in Kischinew, evident, daß einzig und allein die Regierung an dem Morden und Rauben Schuld trägt. Ueber die Schreck.nstage in Homel erhält der „Hilfsverein .deutscher Juden", der rasch eine Hilfsaktion einleitete, ln einem Privatbriefe von dort folgende erschütternde Darstellung : „Mit groß Zitterniß und groß Schreck schreibe ich euch den sengen Brief. Die Hände zittern mir, als ich schreibe... Es ist bei uns jetzt eine sehr blutige Tragödie, nicht ärger, wie in Kischinew. Man reißt Kissen, Möbel, walgert sich in de« Straßen, zerspaltene Körper führt man in Hospital, tobte liege»! -schon in den Gassen, erschossen von den Patrouillen. Die Sache ist so geschehen. Freitag Abeuds um 5 Uhr sind gekommen zu den Fischladen einige Bauern, um Heringe zu kaufen. Sie. haben ausbedungen 5 Heringe, und im Fäßchen sind gBlieben noch 300 Heringe. Ein Bauer, ein Waldförsier, fragte plötzlich, wieviel die ZWn-für das Fäßchen will. Ganz überrascht sagte sie 1 Rubel 5(MS$$v aber sogleich bedachte sie sich und weigerte sich, das Fäßch«» adzugeben, denn es kostete Minimum 6 Rubel. Der Christ sagte aber, daß er das Fäßchen nehmen wird und gebrauchte Gewalt. Um der Jüdin zu helfen, kamen einige Nachbarn. Es wurde ein Geichläg. Da lleßeu sich die Bauern, die .aus -der Markt waren, auf die jüdischen Laden und fingen an rauben und schlagen nach dem christlichen „Schulchan Aruch". Als die Juden im Zentr des Bazars das merkten (die Heringladen suib in einer Ecke) sind sogleich zusauimengelauftn und Abwehr''geleistet. Nachher ist gekommen die Polizei und verjagtem . . Zwölf Mann wurden arretiert. Einige wurden verMrndet,- auch ich selbst darunter. Ch-isten wurden auch verwürfet-. Ein Christ ist Sonnabend von den Wunden gestorben. Die folgende Nacht wurden die Straßen von den Jliden gehütvt undgesorgt, es sollen keine Krawallen atlfkommen. Cvuuabend haben die Juden sich zerteilt auf die Straßen und behüben sie. . . Die Christen waren sehr erbost, daß einer von ihnen von. den Wunden gestorben ist und agitierten, daß man eine Judenkrawalle orgauisleren soll. Zwischen den Agi tatst«! waren auch intelligente Leute, Schüler und ein gewisser 'KänfMüim Petruzeuko. Man ei wartete Unruhen ans Sonntag; Branntweinläden wurden den ganzen Tag gesperrt, Patrouillen gingen herum in allen Straßen. Darum ist der Ärmiag -ganz still vorbeigegangen. , . . Am Montag, um. 12 Uhr g ngen herauf , die Arbeiter aus den.Eisenbahnwerkstätten und fingen an schreien, daß man soll gchen mrf die ,Techuikerstraße. Im ganzen gingen auf die Technikerstraße 100 Arbeiter. Sobald sie auf die Techniker straße gekommen sind, fingen sie an, die Scheiben zu brecherr, zerstpren die Laden und Wohnungen, reißen die Kissen und schlWen die Juden. Die haben sich gerammelt die Inden, die Heren waren, für ihre Brüder in Kampf zu gehen und überfielendie Räuber. Aber plötzlich sind herauf die Soldaten aus allen Ecken und ließen nicht die Inden auf die St'aße, wo mau plünderte; die Soldaten schlugen die Juden und arretierten sehr viele, alle jüngeren Leute . . . Die Soldaten ließen ruhig den Pöbel „arbeiten", und ließen nur nicht zu die Juden . . . Und der Pöbel raubte und plünderte mit der größten Energie, sehr lustig und frei. Die Patrouille standen ruhig dabei und freuten sich so, wie in Kischinew. So plünderte man aus die Technikerstraße, die Windstraße und Nowakowski'straße. Und der Pöbel sammtlt sich mehr und wird wilder. Die Geschreie der Kinder hören sich auf den Straßen. Die Patrouille lassen Niemanden durch außer den Plünderer und hinter ihm thut man allerlei Grausamkeiten. Dann wollten die Inden durch eine Winkelgasse durchgehen, um den mißhandelten Brüdern zu helfen. Aber die Patrouillen bemerkten diesen Hilfsversuch und schossen aüs die Juden los . . . Sechs Inden fielen todt für ihre Brüder. Das Plündern ging dann frei weiter. Vier Straßen sind schon jetzt zerstört. Die Räuber gehen weiter. Die Straßen, sjiid voll Federn. Es sind überall solche schreckliche Szenen, wie es in keinem Theater vorkommt. Die Polizei sieht mau gar nicht auf den Straßen, weder den Polizeimeister, noch den Jsprawnik. Das ist mein letztes Wort. Es zittern mir die Hände^ als ich den Artikel schreibe. Gott behüte vor solchen Artikeln. Die Plündereien dauern noch jetzt foit. Ich schwöre Ihnen, im Namen Zions, daß ich schreibe Ihnen alles, wie es bei uns in der Stadt gewesen. Ich schwöre mit meinem Volk, mit meinen erschossenen Brüdern, daß es richtig ist." Der „Hilfsverein der deutichen Juden" hat bereits einen namhaften Betrag zur Liuderltng der unmittelbaren Notlage bewilligt und wird et forderlichen Falles auch weitere Bewilligungen für die Beschädigten machen. * * -!- An demselben Tage wie in Homel (11. September) kam es auch, wie wir bereits, in voriger Nummer meldeten, in dem galizischen Städtchen Zablotow (Bezirk Siiyatin) zu blutigen Judenexzessen, die einerseits als Nnckwirkltng der russischen Greuel und anderseits als Folge einer in die Bauernbevölkerung hineingetragenen Agitation entstanden sind. Daß es niht zu noch größeren A'. hreitungen, wie in Kischiiiew oder Homel kam, ist nur dem energischen Einschreiten der Lokalbehöiden und der Gendarmen zu verdanken. Ueber die- Exzesse wird folgende authentische Darstellung mitgeteilt: "K \ Am 11. September fand in Zablotow Jahrmarkt statt, zu tvelchem sich 5—6000 Bauern aus dem ganzen-Bezirke eingesunden hatten. Im Lause des Nachmittags kam es zwischen dem 61jährigen jüdischen Lederhändler Salomou Dulberg und einem Bauer, dessen Namen nicht eruiert werden konnte, zu einem Marktstreiie. Der Bauer versetzte dem Händler mehrere Stöße vor die Brust, die dieser abwehrle, worauf sich ersterer mit der Drohung entfernte: „Ich werde Dir schon zeigen!" Kurze Zeit daraus entstand vor dem Hause Dulbertz's ein Auflauf, und als Dulberg von seinem Marktstande ins Hans eilte, fand er seine Wohnung mit vielen Hundert Bauern erfüllt, welche ihm erregt zuriefen: „Wo ist die abgeschlachtete Bäuerin?" Als Salomou Dulberg erklärte, daß er von einer solchen ::ichts w'sse, durchsuchten die Bauern das ganze Haus^ nahmen sodani: Dulberg in ihre Mitte, schleppten ihn auf die Straße und hieben dort mit Knütteln unausgesetzt auf den Greis ein. Der Hause setzte sich nach dem Bezirksgericht in Bewegung. Ans dem Wege dahin wurde Dulberg derart geprügelt und ans dem Boden geschleift, daß er das Bewußtsein verlor und gewiß sein Leben eingebüßt hätte, wenn nicht im kritischesten Augenblicke die herbeieilende Gendarmerie ans den Banernhansen gestoßen wäre, dem sie den Halbtoten entriß und in die Räume des Bezirksgerichtes brachte. Der im Hause des Salomou Dulberg arbeitende Honigmacher Aba Eiseuberg stürzte, als der Lärm begann, aus seiner im Hofe befindlichen Werkstätte. Sofort warft sich ein anderer Haufe von Bauern auf ihn mit'den Worten: „Dieser Jude hat die Bäuerin geschlachtet!" Aba Eiseuberg entfloh aus dem Hause Dnlberg's, versteckte sich in dem benachbarten Hause des Eisenhändlers Jupiterunter einer Bank in der Kammer und bedeckte sich mit - einem Strohsack und - mit Beltkissen. Die Bauern stürmten ihm nach, an ihrer Spitze, wie Aba Eiseuberg

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