Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1903
- Issue
- Heft 36 (18.9.1903)
- Date
- 1903-09-18
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite L. Die Wahrheit Nr. 36 wieder hersteüen, die das Land.für ewige Zeit dem Meschlechte oder der Dorfgenoffenschaft zuweisen, die es ihrerseits auch nur als Lehen des Gesamtvolkes besaßen. Die antike Welt kannte kein anderes Mittel,-jene Gleichheit des Grundbesitzes zw erhalten, die sie mit voller Klarheit als die einzig mögliche Grundlage eines gesunden Volkstums erkannte, als die Zurückgabe jedes verkauften oder verpfändeten Bodenstückesall die Erben nach einer bestimmten Zeit: das Halljahr oder Jubeljahr. Daran, daß sich die Rückgabe nicht durchführen ließ, weil die Macht der Großgrundbesitz.r stark genug wurde, um die Durchführung des Gesetzes zu verhindern, daran allein ist Israel zu Grunde gegangen wie Sparta und Rom; das ist die letzte Ursache aller Leiden Ahasvers. Dieses Unheil haben wir zu verhüten, und eine zweitausendjährige Geschichte hat uns das Mittel dazu, ein besseres Mittel als das Jubeljahr, an die Hand gegeben. Die einzelnen Kolonien besitzen ihr Land zur gesamten Hand unter dem Obereigentum des Volksganzen; und jeder einzelne Kolonist ist nur Erbpächter seiner Genossenschaft gegen einen festen Canon, der nicht gesteigert werden darf; er ist unkündbar, so lange er seinen staatlichen Verpflichtungen gegen das Volk, seinen wirtschaftlichen und kommunalen Verpstichtungen gegen seine Gemeinde nachkommt. (Fortsetzung folgt.) verschiedene Nachrichten. Wien. (Ferienheim.) In der abgelausenen Woche sind die letzten . Serien der vom Vereine „Ferienheim" entsendeten Kolonisten nach Wien zurückgekehrt. Das blühende Aussehen und die bedeutenden Gewichtszunahmen der Kinder geben Zeugnis von der besonderen Fürsorge, die der Verein für seine Schützlinge an den Tag legt. In den Kolonien Tischnowitz, Petrau, Jodbad Hall und Austerlitz waren in diesem Jahre 525 Schützlinge untergebracht. — Beiträge und Spenden für das Kaiser Franz Josefs-Ferienheim wolle man an da: Präsidium I., Schottenring Nr. 2, gelangen lasten. Wien. (Silberne Hochzeit.) Regierungsrat Dr. Heinrich Sieger und deffen Gemahlin Jeanne begehen am 22. d. M. das Fest der silbernen Hochzeit im engsten Familienkreise. Wie«. (Amtsjubiläum.) Die am 11. d. M., Sabbat Kithowaftattgehabre Feier der 10-jährigen Amtstätigkeit des Obercantors M. Schorr am Beth-Jsrael-Vereine brachte dem Jubilar eine Fülle von Sympathiekundgebungen und Ehrenbezeugungen. Außer den Gratulationen, die ihm seitens seiner zahlreichen Freunde und Verehrer auf privatem Wege übermittelt wurden, ward ihm auch eine offizielle Ovation zuteil. Am Vorabend der Feier, vor Sabbateingang, fand sich nämlich in besten Wohnung der Gesamtvorstand des genannten Vereins mit dem Obnrann, k. k. Oberingenieur Arthur Edler von Mises, an der Spitze, ein und . überreichte ihm, in Anerkennung seiner 10-jährigen verdienstvollen Amtstätigkeit, ein vom Verein gewidnietes Ehrengeschenk. Dasselbe besteht aus einem kompletten Tafelservice für 12 Personen nebst einem prachtvoll ausgefertigten Weinpokale, alles aus massivem Silber und in einer zierlichen Kaffette liegend, die auf der Außenseite die Inschrift trägt: „Vom Synagogenverein Beth-Jsrael seinem verdienstvollen Obercantor, Mayer Schorr, zu seinem 10-jährigen Amtsjubiläum (1893—1903) gewidmet." Die überaus herzliche Ansprache, die der Vereinsobmann bei Ueberreichung der Ehrenwidmung an den Gefeierten hielt, hatte diesen sichtlich tief ergriffen, es gelang ihm nur mit Mühe, die Tränen zu unterdrücken, um der Deputation für die ihm geworden? hohe Ehrung in wenigen aber innigen Worten seinen tiefgefühlten Dank auszusprechen. Hieraus wurde gemeinsam der Weg nach der Vereinssynagoge angetreten. Dieselbe war bereits bis auf das letzte Plätzchen besetzt und bot in ihrem chell erstrahlenden Lichterglanze einen imposanten Anblick. In dem Momente, als Obercantor Schorr in Begleitung des Gesamtvorstandes das Gotteshaus betrat und zu seinem mit Reisig und Blumen reichlich /geschmückten Sitze schritt, tönte ihm vom Almemor herab, woselbst das Chorpcrsonale bereits früher Aufstellung genommen hatte, das für die Feier eiöens komponierte „Loruob habo“ als Willkommengruß entgegen. : Unmittelbar darauf trat der Gefeierte vor die heilige Bundeslade hin und rezitierte unter trefflicher Assistenz des gutgeschulten Chores das Ala-tonm-Gebet. Es waren tief bewegte, aus dem Herzen kommende, aber auch zu Herzen gehende Worte, die das von der Feier begeisterte Publikum gleich zu aller Anfang in eine weihevolle, gehobene Stimmung versetzte. Jetzt erst begann der regelmäßige Sabbatgottesdienst, der geradezu glänzend ausfiel und nach dessen Beendigung zahlreiche össasoüsr-Loaeb-Rufe dem Jubilar von allen Seiten zuströmten. Dem Festgottesdi.nste am Sabbateingang folgte tagsdarauf eine solenne Morgenandacht. Nach Beendigung derselben geleiteten der Synagogen- : Vorstand sowie zahlreiche Vereinsmitglieder den Jubilar in deffen Wohnung. Dort harrte der Gäste ein würdiger Empfang, dem auch ein würziger Imbiß folgte, wobei die wackere Gattin des Gefeierten und deffen treffliche Söhne in zuvorkommender Weise die Honeurs machten. Es herrschte alsbald eine fröhliche Stimmung, es mangelte nicht an!sinnreichen Toasten und^ auch den diwre thota wurde in vollstem Maße Rechnung getragen. ) Damit.schloß, die schöne Feier, die dem Jubilar die wohlverdienten Ehrungen und dem so beliebten Verein neuerdings Ruf und Ansehen gebracht Hab. ' , Wie« Im Vereine „Schomer-Hadas" fand am Sonntag/den 13. d. bei: zahlreicher Betheiligung von Mitgliedern und Gästen eine Sefer-Thora- Einweihung in 'olennster Weise statt. Die üblichen Psalmen trug Cantor Einfeld Mit seinem geschulte» Chor von Äosöbvrorim musterhaft vor und nachdem, die neue Thora-Rolle vom Baldachin aus in einer Halcstokob um den Älmemyr getragen und: in die Bündesläde gestellt worden war), hielt Rabbi Simon Schulmann nach Art der alten Maggidim eine inhaltreiche, wirkungsvolle Festrede. Das Fest: dauerte bis gegen 10 Uhr Nachts, und in gehobener Stimmung verließen Damen und Herren nach dem Maarib-Mebete die Stätte der Andacht. Br«««. Am 21. d. M. begehc der Pcäsident der Brunner Kultusgemeinde, Herrenhausmitglied Julius Ritter v. Gomperz, seinen achtzigsten Geburtstag. Gomperz, der zu den. hervorragendsten Industriellen Oestereichs gehört und auch auf eine reiche parlamentarische Tätigkeit zurückblickt, wurde am 21. September 1823 in Brünn geboren und brachte es in seiner Vaterstadt zu hohen Ehren. Die Brünner Handelskammer, deren Präsident er seit Dezennien ist, entsendet ihn seit 1861 in den mährischen Landtag. Im Reichsrate vertrat Gomperz die Kammer vom Jahre 1873 bis zu seiner Berufung ins Herrenhaus, die am 31. Oktober 1892 erfolgte. Der Jubilar, der sich seltener geistiger Frische erfreut, ist auch Mitglied des Brünner Gemeindeausschusses, des mährischen Landesschulratesdes Staatseisenbahnrates und Vorstand der Arbeiter-Unfallversicherungsanstalt für Mähren und Schlesien. Im Jahre 1863 wurde Gomperz der Franz- Joses-Orden verliehen, im Jahre 1872 erhielt er die Eiserne Krone dritter Klaffe, 1879 wurde er in den Ritterstand erhoben, rm Jahre 1892 ernannte ihn der Kaiser zum Mitglied des Herrenhauses für Lebensdauer. Gomperz ist auch Offizier der. französischen Ehrenlegion. Am 14. Juli 1867 vermählte er sich.mit der bekannten Wiener Hosopernsängerin Karoline Bettelheim. Lemöerg. Anläßlich der großen Manöver in Galizien hielt sich Se. Majestät der Kaiser auch einige Stunden in Lemberg auf und gab beim Empfange der Huldigungsdeputationen, unter welchen auch die der hiesigen Kultusgemeinde erschien, einen besonderen Beweis seiner großen Leutseligkeit und seiner hohen Achtung vor den jüdischen Gebräuchen. Wegen der Kürze der Zeit und der großen Zahl der Empfänge war nämlich geplant worden, daß die jüdische Deputation bloß durchihren Sprecher Dr.. Byk ihre Huldigung darbringe und der sonst übliche Segensspruch durch die Rabbiner wegbleibe. Als der Kaiser nun von den Vertretern der jüdischen Kultüsgemeinde begrüßt wurde, bemerkte er zu dem Präses Dr. Byk, welcher ihm die Rabbiner vorstellte: „Die Herren wollen mir wahrscheinlich den üblichen Segensspruch erteilen", worauf Dr. Byk erwiderte, daß dies wegen der Kürze der Zeit nicht in das offizielle Programm ausgenommen werden konnte. Der Kaiser sagte jedoch, er wünsche nicht, daß ein so alter Brauch übergangen werde, und mit den Worten: „Machen Sie es nur, meine Herren!" wendete er sich zu den Rabbinern Dr. Caro und Dr. Schmelkes und bedeckte sein Haupt. Dasselbe taten sämtliche Mitglieder der Deputation, worauf die Rabbiner die rituellen Segenssprüche anstimmten. rZemöerg, 12. September. (Die Judenexzesse in kZablotow.) Während des vorgestern in Zablotow abgehaltenen Jahrmarktes kam es zu argen Ausschreitungen gegen die dort wohnhafte Judenschaft, Unter der bäuerlichen Bevölkerung, die aus der Umgegend zusammengeströmt war, um Vieh entweder zu verkaufen oder einzukaufen oder sonstige Einkäufe zu besorgen, verbreitete sich plötzlich das Gerücht, daß eine Bäuerin, welche einem Juden eine Kuh verkauft habe, von jüdischen Kaufleuten ermordet worden sei. Die Bauern rotteten sich zusammen und bald ging es unter Johlen und Schreien an die Demolierung der Häuser und Geschäfts - laden, ja sogar der Wohnungen, in denen Juden vermutet wurden. Ueberäll wurden die Fensterscheiben zertrümmert, waren vernichtet und Einrichtungsstücke . demoliert. Auch Frauen beteiligten sich an dem Zerstörungswerke. Schließlich wurden Juden auch tätlich mißhandelt und zwanzig Personen teils schwer, teils leicht verletzt. Wohl war die Gendarmerie bald zur Stelle, aber sie war der vielhundertköpfigen Menge gegenüber machtlos. Die bisher festgestellte Schadenssumme beträgt über 45,000 K. Erst der herbeigeeilten Gendarmerie aus den umliegenden Orten gelang, es, die Ruhe herzustellen. Gestern ist ein Bezirkspolizeikommissär in.Zablotow eingetroffen, welcher die Untersuchung leitet. Es wurden bereits mehrere Verhaftungen vorgenommen. Kartstadt. Für die hiesige Gemeinde wurde Herr Dr. Schick aus Mijava, Zögling des Budapester Seminars, zum Prediger und Religionslehrer gewählt. Lakenöach. Frl. Rebeka Glück, Tochter des hiesigen greisen Ober, cantor Sigm. Glück, hat sich mit Herrn Cantor Jacob Kreiner verlobt Während seiner hiesigen Anwesenheit wurde Cantor Krainer von Seite des Gemeindevorstandes mit einem Vortrage beehrt und hatte zahlreichen Beifall. Wartonvasvür. Am 9. d. M. fand die Einweihung des hiesigen neuerbauten Tempels unter Anwesenheit der Spitzen der Behörden und sonstiger Deputationen statt. Oberrabbiner Dr. Kiß aus Ältofen und Oberrabbiner Dr. Steinherz aus Stuhlweißenburg hielten die Festreden. Obercantor S. Merson.samt Chor besorgten den liturgischen Teil der Feier, in ausgezeichneter Weise.