Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1903
- Issue
- Heft 36 (18.9.1903)
- Date
- 1903-09-18
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 36 Die Wahrheit Seite 7. parteiischer Mund, daß Israels Söhne in den--achtzehnhundert Jahren ihrer Zerstreuung über, das gesamte Erdenrund, in all den Ländern, die ihnen eine gastliche Heimstätte gewährten, mit unverbrüchlicher Treue', ja -mit wahrhaft religiöser-,Hingebung um den Herrschertröü sich -scharten, ~ mit freudigem Wetteifer ^zü jedem Opfer bereit; düs Fürst und Vaterland von ihnen erheischten. . - Eines dieser Blätter erzählt uns hierüber ein besonders charakteristisches Moment aus der Zeit des edlen Kaisers Josef II. Ein jüdischer, hochbetagter Landmann in Böhmen hatte in schwerer Krankheit und von Fieberglüt erfaßt, seiner unbewußt, ein verhängnisvolles Gelöbnis abgelegt: Er wolle, 'wenn Gott'ihm die Gesundheit wiedergibt, seinen einzigen Sohn auf dem heiligen Altar Gott zum Opfer bringen. Nach seiner Wiedergenesung seines furchtbaren Gelöbnisses sich klar werdend, erfaßte ihn Todesschrecken, und in seiner Ratlosigkeit begab er sich zu dem damaligen Oberrabbiner in Prag, dem berühmten Gelehrten Ezechiel Landau. Und dieser sprach zu dem bekümmerten Landmann: „das Vaterland, dessen treue Söhne wir sind, ist ein heiliger Altar, .an welchem Du Dein Gelöbnis erfüllen kannst. Lasse Deinen Sohn als Kriegsmann dem Vaterlande dienen." Da jedoch zu jener Zeit unsere Söhne noch vom Kriegsdienste ausgeschlossen waren, begab sich der hochbetagte Landmann in Begleitung feiner greisen Ehehälfte nach Wien zu dem edlen Kaiser Joses. Dieser hörte ihr Anliegen wohlwollend an, und so ward ihr Sohn in die Kriegsmatrik eingetragen, und zwar unter dem merkwürdigen Namen Isaak Opferlamm, der, fromm und treu den religiösen Vorschriften, pflichteifrig im Heere diente, bis er in der furchtbaren Schlacht bei Lugosch in Ungarn, im Türkenkriege, auf dem Altar des Vaterlandes sein Leben aushauchte. Von solchen Erinnerungen getragen, erheben wir unsere betenden Stimmen und sprechen aus tiefster Seele: Der allmächtige Gott schütze, beschirme, erhöhe und verherrliche unseren mit vaterländischer Begeisterung allgeliebten und allverehrten Kaiser Franz Josef I., auf daß sein kostbarer Lebensfaden sich bis zur äußersten Grenze des menschlichen Daseins hinausdehne und sein glorreicher Lebensabend versüßt werde durch die Freude, zu sehen, wie alle seine Völkerstämme in treuer Verbrüderung sich zusammenschließen und von einem Ende des Reiches bis zum anderen von allen Lippen und ans allen Herzen der freudige Ausruf ertöne: „Gott erhalte, Gott beschütze unfern Kaiser, unser Land!" Nach dem Kaisergebet sang der Chor die Volkshymne und hiemit war das schöne Einweihungssest zu Ende. Nach einer kle uen Pause, während welcher das Gotteshaus in seinen Details besichtigt und allgemein bewundert wurde und der Vereinsvorstand zahlreiche Glückwünsche entgcgennahm, wurde durch Cantor Edelmann das Abendgebet verrichtet, dem ein großer Teil der Festgäste beiwohnte. Zionistische Coionisation. Von Dr. Franz Oppenheimer, Berlin. (Fortsetzung.) So ist also grundsätzlich die allgemeine Aufgabe des Zionismus, den Aermsten der Armen unverzinsliche Darlehen oder gar nach Maßgabe der verfügbaren Mittel, geschenkweise Subventionen für die Uebersiedelung selbst von dem bisherigen Stiesvaterlande in das neue Vaterland zu gewähren; dann aber hat auch er sie auf eigene Füße zu stellen und auf die eigenen Kräfte der Seele und des Leibes zu verweisen. Aber er soll sie nicht ins Leben hinein schicken und dann schuldig werden lassen, sondern es sollen erstens seine besten Männer den Tastenden der ersten Anfänge mit ihrem Rat und ihrem sachverständigen Urteil jeder Zeit zur Hand sein; und es sollen zweitens die Geldmittel der zionistischen Bewegung den neugeschaffenen Kolonien gegen mäßige Zinsen und unter weitherzigsten Bedingungen der Tilgung in dem Umfange zur Verfügung stehen, wie es die durch die Kolonisation selbst neu geschaffene Kreditbasis erlaubt. Almosen aber sind streng zu verpönen, man löst mit Almosen keine sozialen Probleme, sie brechen das Rückgrat aller wirtschaftlichen Kraft der Selbstverantwortung, sie verderben die beste Saat. Mag man bei elementaren Unglücksfällen, wie Mißernten und Feuersbrünsten rc. mit den Mitteln der Allgemeinheit helfend einspringen, eine Art von gegenseitiger Selbstversicherung, die in allen Kulturstaaten ohne Schaden geübt wird; mag man, bis : die Kraft der einzelnen Kolonien genügend erstarkt, für die Erhaltung der Alten, Schwachen und Kranken Beisteuer» leisten; aber darüber hinaus muß mit eiserner Konsequenz das Gesetz durchgeführt werden: „hilf dir selbst, hilft dir Gott;" und unter keinen Umständen dürfen die Siedler das Gefühl haben, daß hinter ihnen reiche Herren-Kapitalisten stehen, die ihren Karren aus jedem Sumpf ziehen werden. Die Wirtschaftsgeschichte beweist, daß ein solches Bewußtsein, Helfer hinter sich zu haben, ganz von selbst, auch unter günstigeren äußern Umständen, Armut erzeugt, während umgekehrt das Bewußtsein, auf die eigene Kraft angewiesen zu sein, selbst in der Wüste Reichtum schasst. Wehe also dem allzuweichen Manne, der durch Güte an der Unrechten Stelle das Riesenwerk verpfuschen würde, das hier zu leisten ist; nicht Güte durchbricht die Berge, sondern nur der stahlbewehrte Wille; und „gute Leute gehören auf den guten Ort", sagt ebenso wahr wie hart das Sprichwort unseres Volkes. Der zweite Hauptgesichtspunkt der zionistischen Kolonisation muß der sein, daß ihre Grundlage eine agrarische zu sein hat. Alles Volkstum beruht auf der Verwurzelung einer Menschenmasse mit dem Boden, auf dem sie ruht, und diese Verwurzelung schafft nur die Landwirtschaft. Will der Zionismus ein neues Volkstum schaffen, so muß er sein Fundameut in einer jüdischen Bauernschaft tief ins Land hinein legen; nur darauf kann der Weiterbau einer stolzen Kultur sicher ruhen. Alle menschliche Technik hat nur daun Erfolg, wenn sie die Natur selbst iu ihrem Schaffen nachahmt; alles Werden vollzieht sich nach jenem gewaltigen Gesetze der Entwicklung, wonach jedes Einzelwesen alle Huuptstufen zu durcheilen hat, die seine Art im Laufe von Jahr-Millionen überwand; so hat auch ein Volksindividuum anzufangen, wie alle Völker der Weltgeschichte begonnen haben: mit bäuerlichen Siedelnngen. Wollten wir es wagen, das Haus vom Dach an zu bauen, es würde uns zusammenstürzen, und stellten wir es auch auf goldene Strebepfeiler. Wir können unmöglich eine riesenhafte Bevölkerung von Handwerkern, Krämern und Hausierern von einem Orte der Erdoberfläche zum andern verschicken», um sie als Handwerker, Krämer und Hausierer weiter leben zu lassen. Wir müßten sie als Hausindustrielle und Heimarbeiter im Dienste von Großkapitalisten für die Weltmarkt-Industrie arbeiten lassen, und alle Schrecken des Ostendes von London mit seinen Schwitzhöllen, und alle schmutzige Not der galizischen Landstädtchen und der russischen Riesendürfer voll Schmutz und Rohheit, die sich Städte schimpfen, würden wir mitbringen in das Land des Herrn. Unsere Aufgabe ist es im Gegenteil, in dem Lande unserer Wahl mit möglichster Schnelle einen möglichst ausgedehnten Markt von möglichst großer Kaufkraft für Handwerksprodukte herzustelleu, d. h. wir haben so viel wie möglich Bauern anzusiedeln und zu möglichst hohem Wohlstand zu führen. Daun schaffen wir gleichzeitig in jedem Dorfe Raum und behagliche Existenz fürgroße Mengen von Handwerkern, die von dem Ueberschuß unserer Bauern leben, während sie ihnen mit ihrer Handfertigkeit dienen; dann schaffen wir gleichzeitig zahlreiche Städte, in denen auch wieder städtische Elemente Platz und Lebenslust finden; denn das ist das tiefste Geheimnis, das meine wirtschaftswissenschaftlichen Studien erkannt haben: daß Bauern schaffen muß, wer Städte schaffen will! Der dritte Hauptgefichtspunkt unserer Kolonisation ist der, daß das Land durchaus und für alle Zeit im Eigentum der Gesamtheit stehen und bleiben muß. „Mein ist das Land", spricht der Herr, „und mir sollt ihr es verwalten". Wir müssen im modernen Gewände die uralten Agrargesetze Israels