Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1903
- Issue
- Heft 36 (18.9.1903)
- Date
- 1903-09-18
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Sekte 6 tfie Wahrheit. Nr. 36 auch dem Polizeipräsidenten Ritter von Habrda, dem Ministerialrat von Nagy sowie allen behördlichen Organen für die Förderung des Werkes und gedachte auch des edlen Wohltäters Baron Moritz Königswarter, der durch eine hochherzige Spende den Grundstock zum Tempelbausonde gelegt hatte. Nach der herrlichen Composition von Salomo» Sulzer „Hallelujah, odeh adonaj“, die hierauf Cantor und Chor unter Orgel- und Harfenbegleitung zum Vortrage brachten, zündete Qberrabbiner Dr. Güdemann das ewige Licht an, wobei er folgende Rede hielt: „Andächtige Versammlung! Gerne folge ich der an mich ergangenen Einladung, diesem neuerbauten Gotteshause durch .Anzünden des ewigen Lichtes die Weihe zu ertheilen. Dieser Brauch hat seine Geschichte. Er ist so alt, daß kein anderer Brauch der Gegenwart, sei es auf welchem Gebiete immer, mit seinem Alter sich messen kann. Denn schon die Gotteswohnung, die das Volk Israel in der Wüste errichtete, wurde mit der Erfüllung der priesterlichen Aufgabe, „ein ewiges Licht darin anzuzünden", allererst seinem heiligen Zweck überwiesen. Es ist aber nicht blos das Alter, das diesem äußerlichen Vorgang seine Bedeutung verleiht, sondern diese liegt wesentlich in seinem geistigen Inhalt. Wo Licht ist, da ist für die Herrschaft der Finsternis kein Raum, da kann sie das Auge nicht verdunkeln, nicht das leibliche und noch weniger das geistige. Deshalb heißt es r „Eine Leuchte ist das göttliche Gebot, und die göttliche Lehre ist Licht." So hat sich denn auch unsere heilige Religion zu allen Zeiten als Lichtsperderin für uns bewährt: In dem Dunkel der Judengasse hat sie uns geleuchtet, unsere Sinne wach erhalten, unseren Geist aufgehellt und unser Gemü t aufgeheitert, und immer hat sie uns den Trost zugesprochen: „Allmächtig ist der Ewige, er leuchtet uns J" Aber nicht blos für uns ist unsere Religion eine Lichtspenderin gewesen, sondern auch für die Menschheit. Diese dankt ihr die erleuchtende und erlösende Wahrheit, daß Gott den Menschen in seinem Ebeubilde erschaffen hat, daß alle Menschen Kinder Gottes sind uud daß er ihrer aller Vater ist, und ebenso dankt ihr die Menschheit die erleuchtende uud erwärmende Lehre: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!" Deshalb dürfen wir unseren Zusammenhang mit der Menschheit nicht ausgeben, wir sind nur ein kleiner Bruchteil von ihr, und nichts ohne sie. wie die Menschheit ihrerseits das Beste, was sie besitzt, nicht besitzen würde, wenn Gott nicht aus dem Sinai dem Volke Israel und durch dieses der Menschheit ein Licht angezündet hätte. Bei dem Scheine dieses Lichtes bietet auch die Gegenwart, trotz mancher tiefer Schalten, die auf ihr lagern, ein freundliches Bild; denn dieses Licht läßt uns erkennen, daß trotz zeitweiliger Rückfälle und Verfinsternngen die Sonne der Menschenliebe und Humanität immer wieder anfgeht und der Morgen einer allgemeinen Verbrüderung immer näher rückt. Nur wer unsere Geschichte von gestern oder vorgestern kennt, kann an dieser Gewißheit zweifeln. Vor zweitausend Jahren wurde das ewige Licht in dem Heiligtum zu Jerusalem ausgelöscht, aber das Licht unserer Religion ist deshalb doch nicht ausgegangen. Vor zweihundert Jahren wurden die Juden aus Wien vertrieben, aber seit fast einem Jahrhundert dürfen wir wieder hier in unserer Vaterstadt in angestammter Weise zu Gott beten, in fast allen Bezirken hat unsere Gesammtheit mit gemeinsamen Opfern jüdische Gotteshäuser errichtet, und heute sind wir versammelt, um dieses neuerbaute, würdige Gotteshaus einzuweihen. Was aber in allen gelehrt wird, das wird auch hier verkündet werden: die Treue gegen unseren erhabenen Kaiser, die Liebe zum Vaterlande und zu unseren Mitmenschen, Recht üben und Gutes tun, unserem Glauben treu bleiben und ihn mutig bekennen. Als ein Symbol dieser erleuchtenden und erwärmenden . Lehren möge das Licht dienen, das ich nunmehr mit dem Weihespruch entzünde: „Gelobt seist Du, Ewiger, unser Gott, der Du die Welt regierst, der Du uns aus dem Dunkel zum Lichte führst und uns diesen Freudentag hast erleben lassen." Amen!" Unter dem mächtigen Eindrücke dieser feinpointierten Rede bestieg dann der Vereinsrabbiner Dr. Bauer die Kanzel und hielt die eigentliche Festrede, in welcher er die Bedeutung des Gotteshauses erörterte und die in folgenden Worten ausklang: „Wie die einzeln zusammengetragenen Steine dieses prächtigen Baues nun friedlich vereint neben- und übereinander liegen, gehorsam dem einigenden Geiste des schaffenden Baukünstlers, so verbinde das gleiche Gefühl der Andacht, die gleiche Gesinnung, die gleiche Anschauung all:, die hier zusammeutreten zu gemeinsamem Dienste des Herrn! Wenn draußen, auf dem Markte des Lebens, Neid und Engbrüstigkeit der Menschen unzählige Schranken haben aufgerichtet, die den Bruder vom Bruder trennen, und in den brausenden Wogen des Daseinskampfes Trieb an Trieb, Kraft an Kraft hart aufeinander stoßen — hier, wo der Reiche stehet neben dem Armen, der Herr neben dem Diener, der Hohe neben dem Niedrigen, fließe die klare Quelle der Einheit und Einmütigkeit, an dieser Stätte, wo es sich um unsere höchsten und heiligsten Güter handelt, verstumme Haß und Hader, schwinde Zank und Widerspruch! Hier empfangen wir die Lehre und gewinnen die Ueberzeugung, daß die Mitglieder einer Gemeinde gegenseitig sich Duldung und Achtung bewahren und erweisen müssen, die Verschiedenheit der religiösen Ueberzeugnng nicht zu Haß und Feindschaft führen dürfe, und nur dann, wenn der Einzelne unter dem Willen der Gesamtheit sich unterzuordnen vermag, diese gedeihen und emporwachsen könne zur Schöne und zur Pracht. Dieses Haus, wie es dasteyt als ein herrliches Zeugnis dessen, was gemeinsames, einträchtiges Wirken selbst bei schwachen Kräften zu leisten vermag, es soll zugleich eine eindringliche Mahnung uns sein, daß wir die gefährlichsten Feinde des Gemeindewesens, Selbstsucht, Eitelkeit und Zwietracht, nicht ziehen lassen über dieses Hauses Schwelle! Wenn im alten Tempel zu Jerusalem, erzählt uns der Talmud, eine Priesterwache die andere ablöste, da riefen sie einander zu: „Er, der seinen Namen in diesem Hause krönen läßt, er lasse unter Euch walten Liebe und Brüderlichkeit, Friede und Freundschaft Jetzt, in dieser feierlichen und für mich so bedeutungsvollen Stunde, da ich, der in hohem Maße mich auszeichnenden Berufung folgend, im Begriffe stehe, die Priesterwache in diesem Tempel anzutreten, entringt sich auch meiner tiefbewegten Brust das Gebet: „Der allmächtige Gort lasse seinen heiligen Namen über diesem Hause schweben, lasse Brudersinn, Eintracht und Frieden in der Mitte unseier Gemeinde stets wirken und walten! Und so soll der erste Gruß, den ich Euch, meine Brüder und Freunde, entbiete, der Friede sein, von der Ueberzeugung durchdrungen: daß dadurch das Glück und das Heil unseres Gotteshauses und unserer Gemeinde gefördert und gefestigt wird. Amen." Hierauf hielt Rabbiner Dr. S ch m i d e,l folgende/ von echt patriotischem Geiste durchglühte Rede: „Aus der Tiefe meiner Seele rufe ich Dich an, allgütiger himmlischer Vater. Zum ersten Male in dieser nunmehr geweihten, herrlich sich, erhebenden Andachtsstätte richten wir unser heiliges, vaterländisches Gebet zu Deinem Gottestrone empor,, um für den mit begeisterter Treue geliebten, ebenso glorreichen als väterlich gütigen Kaiser, sowie für das große, unter seinem ruhmvollen Szepter stehende Vaterland und für diese so bezaubernde, an Schönheit und Pracht unvergleichliche, große Kaiserstadt unsere andächtigen Stimmen zu erheben. Als in grauer Vorzeit unsere Väter, aus ihrer Heimat scheidend, in die weite, unbekannte Ferne zogen, da ries ihnen Jeremias, der damals lebende Prophet, die Mahnung zu: „Fördert aus allen Kräften das Wohlergehen jeder Stadt, in der Ihr Euch niederlasset, und rufet betend Gottes Segen auf sie herab, denn in ihrem Wohl liegt auch das Euere." Und so weit wir zurückblicken in die Geschichte —7 denn die Weltgeschichte ist das Weltgericht — erzählt uns ihr un-