Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1903
- Issue
- Heft 36 (18.9.1903)
- Date
- 1903-09-18
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 36. Äie Wahrheit Sette 5 mich dulden lassen? (Man denke doch nur an den jüngst vielbesprochenen Fall des Assessors Freund!) O nein, da bleibe ich lieber abseits und ' Verkehre mit Menscheu, die, wenn auch Juden, doch ebenso gebildet sind wie jene, bei denen ich sicher bin, daß mich niemand meines Glaubens wegen als minderwertig ansieht. Deshalb wird der Jude seine staatsbürgerlichen Pflichten stets gern erfüllen; was kann denn auch unser Vaterland dafür, daß eine hundertfache Majorität seiner jetzigen Bewohner die halbe Million deutscher Juden zur gesellschaftlicher Isolierung zwingt und ihnen ihre verfassungsmäßig verbürgten Rechte vorenthält? So wie der Jude früher Gut und Blut für das Vaterland geopfert hat, wenn es nötig war, so wird er es auch künftig tun! 1 - Darauf erwiderte die „Br. Mrgztg.": Soweit die Zuschrift unseres sehr geschätzten Lesers. Von der Unrichtigkeit unserer Ausführungen hat sie uns nicht überzeugen können. Wenn auch vielleicht die deutschen Zionisten bei ihren Bestrebungen in erster Linie au die russischen und rumänischen Juden denken mögen, so laufen diese Bestrebungen am letzten Ende doch darauf hinaus, das Nationaljudeutum wieder herzustellen. Vor solchen Tendenzen aber müssen gerade die am lautesten und entschiedensten warnen, denen es um die staatsbürgerliche Gleichberechtigung der Juden Ernst ist, und die gewillt sind, alle jene Hindernisse hinweg zu räumen, welche allerdings noch der faktischen Anerkennung der Juden als gleichberechtigter Staatsbürger im Wege stehen. In diesem Sinne schreibt auch die „Franks. Ztg." : Der Zionismus und das, was sich durch ihn an nationaler Abschließung herausgebildet hat, ist nur geeignet, die auf eine allgemeine Gleichberechtigung gerichteten Bestrebungen zu hemmen und zugleich viele Elemente auszuschalten, die für humanitäre Zwecke stets zu haben waren. Die Schaffung von Siedelungen für vertriebene Juden in passenden Gegenden gehört zu diesen Humanitätszweckeu, sie gewinnt aber durch nationale Tendenzen einen ganz anderen Charakter und geht dadurch vieler Sympathien verlustig. Noch schlimmer aber ist die weitere Wirkung, daß der natürliche Assimilierungsprozeß in den verschiedenen Völkern künstlich aufgehalten und durch die zionistische Absouderunzspolitik die gegen die Juden geübte Absonderung, deren Durchbrechung doch zu fordern ist, geradezu eine Stärkung erfährt. Damit arbeitet der Zionismus direkt dem Rassen-Autisemitismus in die Hände, weil er, von ganz ähnlichen Voraussetzungen ausgehend, die jüdischen Mitglieder zu Fremdlingen in ihrem Wohnlande stempeln und so eine ganze kulturelle Entwicklung rückgängig machen möchte. Ihn zu, bekämpfen, ist daher eine einfache Kulturaufgabe. Daß die Juden sich in antisemitische Kreise hineiudräugen sollen, mutet ihnen niemand zu, im Gegenteil, es wird von ihnen zu verlangen sein, daß sie von diesen Kreisen in vornehmer Zurückhaltung fern bleiben, und sie werden sich selbstverständlich für ihren Umgang nur solche Leute aussuchen, von denen sie wissen, daß sie von ihnen als Menschen wie als Staatsbürger für vollwertig angesehen werden. Dazu aber ist nicht nötig, daß jüdische Turnvereine und dergleichen gegründet werden. Von ihnen gilt dasselbe, wie vom Zionismus. Synagozenweihe im VIII. Ge»iei»debe;irke Wiens. Die große Entwicklung, die die Wiener Cultusgemeinde in den letzten Jahrzehnten genommen hat, manifestirt sich nicht nur in dem steten Wachstum und der großstädtischen Entfaltung ihrer eigenen Institutionen, sondern auch in der zunehmenden Bedeutung der in den einzelnen Bezirken der Residenz gegründeten Tempelvereine. Von bescheidenen Minjanvereinen, zur Befriedigung der religiösen Bedürfnisse der von den Gemeindetempeln entfernter wohnenden Glaubensgenossen, haben sich die meisten derselben durch die Energie und Tatkraft ihrer Leitungen und ebenso'durch die Förderung, die ihnen jederzeit von Seiten der Cultusgemeinde zu Teil wurde, zu stattlichen Gemeinwesen entwickelt. So erstanden in den einzelnen Bezirken prachtvolle Gotteshäuser, und auf cultuellem und humanitärem Gebiete wurden Institutionen geschaffen, die sich denen der Muttergemeinde würdig an die Seite stellen können. Diesen Werdegang hat auch der Tempelvereiu im VIEL Wiener Gemeindebezirke durchgemacht, und mit um so stolzerem Bewußtsein konute der wackere Vorstand dieses Vereines am 15. ds. das Einweihungsfest der neuen Synagoge begehen, als er, abgesehen von der Beschaffung der nötigen Geldmittel, gerade in diesem Bezirke mit fast unüberwindbar scheinenden Schwierigkeiten zu kämpfen hatte, die ihm von der communalen Verwaltung der Stadt Wien bereitet,wurden. Daß das herrliche Gotteshaus in der Neudeggergasse, ein architektonisches Bijou im gothischen Style nach den Plänen des genialen Archi» tekten Max Fleischer vom Baumeister Karl Mayer erbaut, endlich doch seiner hehren Bestimmung übergeben werden konnte, ist nächst der munifizeuten Spende des seligen Baron Moriz Königswarter und anderer Gönner, sowie der Opferwilligkeit der Vereinsmilglieder, zum großen Teile der unermüdlichen Tätigkeit des Vereiuspräsidenten Herrn Hermann Beck, des Obmannes des Tempelbau-Vereines, Herrn Michael Straßer, des Vicepräsidenten, Herrn L. Guttmann und der wackeren Mitarbeit sämtlicher Herren vom Vorstände und des Baucomitss zu danken, unter welchen noch die Herren Wilhelm Beck, Adolf Beck, Max Adler, Josef Mittler, Jakob Modern und Hermann Pollak genannt werden mögen. Die Einweihung fand Dienstag, halb 5 Nachmittags in überaus solenner Weise statt. Im Vestibüle des Gotteshauses, das in allen seinen Räumen von einem festlich gekleideten Publikum erfüllt war, wurden die Festgäfte von dem gesamten Vereinsvorstaude empfangen. Es waren erschienen: Stadtkommandant FML. Ritter von Engel, Sektionsrar Pilat in Vertretung des Ministers für Kultus und Unterricht, Statthaltereirat Bäumen in Vertretung des Statthalters, Polizeibezirksleiter Polizeirat Avami in Vertretung des Polizeipräsidenten, Landesgerichtsrat Dr. Spitzkopf, der Präsident der Wiener Kultusgemeiude kaiserlicher Rat Heinrich Klinger mit den Vizepräsidenten Dr. Alfred Stern und Dr. Gustav Kohn und den Vorstandsmitgliedern Davio Ritter von Guttmann, Ritter von Taussig, Theodor Ritter von Goldschmidt, Baurat Wilhelm Stiaßny, Bezirksschulrat Dr. Spitzer, Oberingenieur Edler von Mises, Oberfinanzrat Dr. Rappaport, kais. Rat Wilhelm Pollak, Dr. Alfred Berger, Hermann Eltbogen, Professor Dr. Ehrmamt, Heinrich Teltfcher, Bethaus Vorsteher Stiaßny, erster Sekretär kais. Rat Dr. Lieben, Sekretär Dr. Adler, die Obmänner der Wiener Tempelvereine Dr. Straßner vom 3. Bezirke, A. Hofmauu vom 5. Bezirk, G. Bettelheim vom 9. Bezirk, Karl Seligmaun und I. S. Straßberg vom 10. Bezirk, Jac. Goldner vom 20. Bezirk, S. Beck und Körner vom Fugbachtempel, der Präses der Badener Cultusgemeinde Mor. Leitner, Ortsschulrat S Heit, Rektor Dr. Schwarz, Lektor Friedmann, Professor Dr. Weiß, kais. Rat Wilhelm, Direktor Heller, die Rabbiner Dr. Abeles, Dr. Bach, Dr. David, Dr. Feuchtwang, Dr. Gelbhaus, Dr. Grunwald, Dr. Mandl,, Dr. Reich-Baden, Dr. Taglicht, die Obercantoren Bauer, Schorr, Schlesinger, die Cautoren Regner, Silbermann, Weißmann, die Redakteure Dr. Bloch, Dr. Rabl, Dr. Löwy u. v. A. Von der Orgelgallerie, wo Chormeister Professor Sulzer mit Verve den verstärkten Chor dirigirte, erklangen präludirende Orgel- und Harfentöue und hieraus stimmte Obercantor Ouartin, dessen prachtvolles Organ bei der ausgezeichneten Akustik znr vollsten Geltung gelangte, den Sulzer'schen Iahfcowu an. Cantor und Chor vereinigten sich bei dieser Aufführung sowie bei allen anderen gesanglichen Piecen zu einer musterhaften Leistung. Nach dem folgenden Einzug der Thorarollen begrüßte der Präsident des Tempelban-Comitös, Herr- Michael Straßer, die Festgäfte und wies darauf hin, daß dieses Gotteshaus mit allerhöchster Genehmigung dem Andenken unserer unvergeßlichen Kaiserin Elisabeth gewidmet sei. Er dankte