Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1903
- Issue
- Heft 35 (11.9.1903)
- Date
- 1903-09-11
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3062972-3063163-3063198--02663-3069358- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 35 Die Wahrheit Seite 7. man nur die Ponderabilien der Geschichte in Rechnung setzt, so erscheint die Aufgabe unlösbar. Aber es gibt zum Gluck Imponderabilien in der Weltgeschichte, unwägbare, unmeßbare Seelenkräfte von solcher Spannung, daß sie imstande sind, das unmöglich Scheinende dennoch möglich zu machen. Mit diesen Kräften müssen, wir rechnen, und, meineich, dürfen wir rechnen. Diese Kräfte sind das ungebrochene Herrengesühl des Volkstums, das hier errettet werden soll. Dieses Herrengesühl, wurzelnd in der uralten Ueberlieserung von der Gottes-Kindschast, hat die Inden Rußlands und Rumäniens trotz aller Not bisher davor bewahrt, unter dem grauenhaften Drucke der vereinigten Höllenmächte des Absolutismus, des Feudalismus und Antisemitismus zermalmt zu werden, während doch der Sklave unter den beiden ersteren allein alles Gefühl seiner Menschenwürde und alle Widerstandskraft eingebüßt hat/ In den Juden erzeugt immer noch der Druck von oben den entsprechenden Gegendruck von unten; je stärker die Feder der Volksseele znsammengepreßt wird, um so. stärker preßt sie zurück. Das beweist der unstillbare Bildungshunger dieser unseligen Proletarier, die in Not und Schmutz nie aufgehört haben, alter Weisheit uachzuhängen und neue Weisheit zu schöpfen. Mit diesen Imponderabilien, mit dieser unzähmbaren Kraft der Seelen werden, so dürfen wir hoffen, unsere Kolonisten das ausgleicheu, was ihnen an Kräften des Körpers mangelt. Und wir dürfen mit einem zweiten Jmponderabile rechnen, mit der Sehnsucht dieser Verbannten von 2000 Jahien nachdem Lande ihrer Väter. Die Sehnsucht, die 2000 Jahre des Golus immer stäiker und' stärker gespannt haben, ist auch eine ungeheuere Förderung der zionistischen Kolonisation und nur der zionistischen Kolonisation. Die Zuweisung der herrlichsten Ackerbreiteu in Kanada oder Argentinien würde nicht imstande sein, die Kräfte Ahasvers so anzuspannen, wie die Ansiedelung in einer ärmsten Steppe, durch die der Jordan fließt und auf die der Libanon herabschaut. Dennoch ist es die heilige Ausgabe derer, die es wagen, diese modernen Ziegelstreicher und Festungsbauer vom Drucke des Pharao zu erlösen und hinauszusühren in das Land, wo Milch und Honig fließt, alle Vorkehrungen zu treffen, daß diese Seelenkräfte den rechten Punkt des Angriffes finden, um nutzbare Kraft zu leisten, und die Hindernisse so weit wie nur tunlich zu vermindern. Wird hier etwas versäumt, so ist die Verantwortung zu schwer sür menschliche Schultern; diele Hoffnung darf nicht getäuscht werden. Diese Millionen, die der Erlösung harren, müssen sie finden, soll nicht ihr Fluch zermalmend auf die Führer fallen, die, guten Glaubens oder nicht, zu ihren Verführern geworden sind. Wie das zu.geschehen hat, darüber haben wir uns heute erstmalig zu verständigen. Ich bin berufen, Ihnen das Ergebnis langjähriger Studien und Gedankenarbeit als Grundlage einer solchen Verständigung vorzulegen, nicht etwa als der Weisheit letzten Schluß. Des einen aber bin ich sicher, daß jeder, der zu dieser Grund- und Lebensfrage das Wort ergreifen wird, es mit dem Bewußtsein tun wird, eine furchtbare weltgeschichtliche Verantwortung zu tragen. * » Das folgende halte ich für die Hauvtgesichtspunkte, denen die zionistische Kolonisation zuzustreben hat: I. Sie hat durchaus aus Selbsthilfe zu beruhen. Selbsthilfe, wie sie die Theoretiker des deutschen Genossenschaftswesens verstehen, d.- h. daß im regelmäßigen Verlauf des Wirtschaftslebens jeder arbeitsfähige Erwachsene sich in. allen materiellen Dingen nur aus sich selbst zu verlassen hat. Dieses Prinzip verträgt aber, ohne verletzt zu werden, viele Milderungen, oder wird vielmehr erst dadurch vollkommen. Es ist damit vereinbart erstens dasjenige, was der große und kluge Menschenfreund, Viktor A. Huber die „aristokratische Hilfe" nannte: das heißt die immaterielle Unterstützung der WiUschaft durch freien Rat der Gebildeten, der Sachverständigen; und zweitens wird das Prinzip der Selbsthilfe geradezu erst vervollkommnet durch eine Kreditgewährung, die der Breite der neugeschaffenen Kreditbasis voll entspricht. (Fortsetzung folgt.) Das Londoner Ghetto. In dem eben erschienenen siebzehnten und letzten Baude seines monumentalen Werkes „Life and Labour in London" hat Mr. Booth auch einige Streiflichter aus die Juden Ostlondons geworfen. Zwar ist in dem berühmten Buche, das sür alle Zeiten ein Denkmal sür das London der Königin Viktoria bleiben wird, von den Inden direkt wenig die Rede, desto mehr aber von dem Londoner Ghetto, resp. von dem Osten Londons mit seiner starken jüdischen Bevölkerung. Ans 1000 Männer im Alter von 20—45 Jahren kommein in Whitechapel nicht weniger als 274 unverheiratete. Eilte ausfallende, sür die Inden ungünstige Zahl, die jedoch durch die Anwesenheit des Asyls und anderer großen Absteigeqnatiere sür überseeische Auswanderer sich in besliedigender Weise erklären läßt. Im Uebrigen hebt Mr. Booth selbst die auffallend große Zahl verheil atheter Frauen in Whitechapel und Umgegend hervor. Der Vorstand des Londoner statistischen Bureaus, Mr. Harper, hat auch vor der Fremdenkommission festgestellt, daß von den in London lebenden heirathsfähigen „Russinnen" 86,7 Prozent, von den „Polinnen" gar 89,9 pCt. verheirathet sind, gegen den Durchschnitt sür ganz London mit 6,7 pCt., ein erheblicher Ueberschuß. Dem großen Prozentsatz der verheiratheten Frauen entsprechend, ist auch die Zahl der Geburten im Ghetto von London sehr groß. Jit dieser Hinsicht nimmt Whitechapel mit 443 pro Tausend Einwohner den ersten Platz ein. Ebenfalls die erste Stelle nimmt dieser „verjildete" Bezirk in Bezug aus die natürliche Vermehrung seiner Bevölkerung ein, welche sich aus 20,9 pro Mille bis hinab aus 4.5 pro Mille in den anderen Bezirken beläuft. Armnth und Inden, sagt Mr. Booth, sind die Ursachen dieser ungewöhnlich hohen Zunahme. Als Arme erzeugen die Bewohner von Whitechapel zahlreiche Kinder, und als Juden pflegen sie ihre Kleinen mit zärtlicher Sorgfalt und bewahren sie vor der die Menschheit dezimirenden Kindersterblichkeit. Auch sonst ist Mr. Booth über die Juden vollen Lobes. Zn dem musterhaften Familienleben der Juden, welches von wahrhafter Religiosität uub der feierlichen Anerkennung der Familienpflichten gestützt und getragen wird, tritt noch ihre große Nüchternheit hinzu. Die Juden sind durchwegs Temperenzler und stechen dadurch vortheilhafc von der niederen Bevölkerung in fast allen europäischen Großstädten ab. wo Armnth zumeist mit dem Laster der Trunksucht gepaart ist. Mr. Booth beklagt sehr die schlimme Wirkung, welche das böse Beispiel des übermäßigen Alkoholgenusses in London hervor ruft. Der Anblick eines einzigen trunkenen Weibes ans offener Straße verleitet alle anderen Frauen zur Trunksucht. Die Anwesenheit der Juden in London, mit ihrer Nüchternheit und dem musterhaften Familienleben, müßte daher als ein wahres Glück für die Bevölkerung angesehen werden, die sich an ihnen ein gutes Beispiel nehmen könnte. Die von den Antialienisten heuchlerisch zur Schau getragene Ansicht, wonach die „Fremden" das Lebensniveau und die „Moral" der Londoner Bevölkerung Herabdrücken, ist durch Mr. Booths Darstellung gründlich widerlegt. Es war daher auch von Mr. Booth im hohen Grade in? konsequent, wenn er, der in seinem klassischen Buche den Juden ein glänzendes Zeugniß ansstellt, vor der Fremdenkommiffion sich zu Gunsten einer Beschränkung der Fremdeneinwanderung aussprach. Es ist dies umso befremdlicher, als selbst der einzige Vorwurf, den man den einwandernden Juden bisher mit einem Schimmer von Recht machen konnte-, nämlich, daß durch ihre Anwesenheit in einigen Stadttheilen Londons eine Wohnungsnoth entstanden ist, durch das Buch M. Booths gründlich widerlegt ist. Diese Wohnungsnoth ist seit 1891 im raschen Schwinden begriffen. Die Zahl der Wohnungen ist in dem Jahrzehnt 1891 —