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Die Wahrheit · 1903-09-11 · Heft 35 (11.9.1903) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1903
Issue
Heft 35 (11.9.1903)
Date
1903-09-11
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Die Wahrheit. TNr. 35 gibt es noch ein Israel, das Schmerz empfindet über das Elend Weiler jüd ischer Volkskreisen Scham über eingerissene Demoralisation und gleichzeitig moralische Entrüstung über die Verbrechen und die Verbrecher, dann möge es am kommenden Mädchencongreß laut ausgesprochen und gelobt werden, daß unsere edlen, treuherzigen Brüder und Schwestern aller Länder und Zonen sich in dem Rettungsgedanken begegnen, bei den ärmsten unsres weiblichen Volkselementes Vater- und Mutterstelle zu übernehmen, um diese Opfer aus dem Elende und der Verwahrlosung emporzuziehen. Welche Mittel wären nun da anzuivenden? Wir kennen unter den vielen drei der bewährtesten, und diese heißen: Schule, Arbeit und Ehe; das letztere wäre das radikalste von allen. Ich gehe vom Standpunkte aus, daß der Elementarunterricht Sache der Regierung ist und uns nur insoweit interessirt, daß die Kinder nicht in klerikal-christlichem Geiste eingeschult und zur Taufe präparirt werden. Wir verlangen daher nationaljüdifche Volksschulen, die sowohl seitens der Gemeinden, .wie der Baron Hirsch' Schulstistung zu errichten wären, während gegenwärtig alle christlichen Schulen nichts anders als von uns Juden gutgezahlte Missionsanstalten sind. Vom rwölften Lebensjahre au habe bei den Mädchen der ärmeren Klassen die Erwerbsschulung zu beginnen. Die Kosten für dieselbe wären aus dem Baron Hirsch' Schnlfond für Galizien zu decken, eventuell müßte eine Ceutral-Hilfskassa zu diesem Zweck gegründet werden. Die Entwicklunzsjahre dieser Mädchen, vom dreizehnten Lebensjahre angefangen, würden sich besonders für den ökonomischen Unterricht eignen, aus welchem vorzügliche Köchinnen, Haushälterinnen, Bonnen und dergleichen her vorgiengen. Neben dieser dreijährigen Schule sollten in starkbevölkerten Gemeinden jüdische Mädchenheime angelegt werden, dazu bestimmt, den Aermsten Schutz und Pflege bis zur Erlangung der Erwerbsfähigkeit zu gewähren. Es wird weiters Sache der Frauenvercine sein, den dienenden Mädchen das Gefühl beizubringen, daß durch Dienstuahme kein Vergeben au Ehre stattfindet, sondern nur ein redlicher-Wettbewerb zur Beschaffung jener Mittel, die zur Deckung der individuellen Bedürfnisse nötig sind. Durch Verdrängung der entarteten christlichen, Wohl judenseindlicheu Dienstboten und deren Ersatz durch jüoische würden Millionen Gulden in die Hände unserer armen Volksklassen gelangen und so dem Elend tausende Opfer abgerungen, da den Verführern der Preis der lebenden Ware allzu hoch und nach und nach sogar unerreichbar wäre. Die wohlhabenden Klassen gewännen aber auch durch die ausgebildeten jüdischen Hausarbeiterinnen häusliche Sicherheit uud ein gut gnalifizirtes, ehrliches uud verläßliches Dienstpersonal. Ein Hauptfaktor, welcher gegen die Sittenverderbnis erfolgreich zu Felde zöge, wäre die Verschaffung der' Ehegeleg n heit. Ist die Ehe allen Culturmenschen eine Naturnotwendigkeit und ein Stützpfeiler aller Moral, so gilt dies bei uns Juden noch in erhöhtem Maße. Den schlagendsten Beweis hiefür erbringt der Umstand, daß das Judentum keine Franenklöster kennt, hingegen aber die Mizwah der Versorgung von Bräuten. Unsere nationaljüdischen Ehen bauen das jüdische Volk auf und verleihen ihm Schutz gegen das Aufgehen in der Umgebung. Dieser Grundgedanke ethischer und moralischer Notwendigkeit verdient auf ein ein Eongresse gegen Mädchenhandel redlich erwogen zu werden. Geschieht aber dies, dann würden meine Vorschläge gewiß Zustimmung erlangen. Ich schlage somit vor, daß neben der Corporation gegen den Mädchenhandel ein Verein für ethische Erziehung der Mädchen mit folgenden Bestimmungen gegründet werde: 1. Errichiung jüdischer Wirtschaftsschuleu. 2. Patronanz über die Schülerinnen dieser Schule. Z. Anlegung einer Ausheiratungskaffe. 4. Vermittlung von Eheschließungen unter der ^Mitwirkung der gebildeten Antisklaverei-Vereiue. 5. Gründung von Mädchenheimen in allen größeren Städten, in denen jüdisches Dienstpersonal in ausgiebiger Zahl sich befindet/ Ich schließe meine Anregungen mit dem sehnlichsten Wunsche, daß dieser Congreß vermöge der Erhabenheit seiner Tendenzen sich einen Ehrenplatz in der Cnltnrgeschichte unseres Volkes erringen möge. Samuelsohn. Zionistische Colonisation. Von Dr. Franz Oppenheimer, Berlin. Der letzte Congreß in Basel hat sich fast ausschließlich mit der Kolonisationsfrage beschäftigt, für welche gegenwärtig auch in nichtzionistischen Kreisen lebhaftes Interesse besteht» Unseren Lesern wird es darum willkommen sein, wenn wir im Nachfolgenden das ans dem Congreß von Dr. Oppenheimer erstattete Referat über Ansiedelungen wortgetreu wiedergeben: Dem Zionismus ist eine Aufgabe gestellt von ungeheuerster Schwierigkeil. Er soll eine Völkerwanderung organisieren erstlich von einer Massenhaftigkeit, wie sie die Weltgeschichte kaum je erlebt hat; denn es handelt sich um die Expatrierung und Neu'' ansiedelung von Millionen armseliger, elender Menschen in kürzester Zeit, während doch die Völkerwanderungen der alten Zeit kaum ebensoviele Hunderttausende in Bewegung setzte»,'und während doch die größte Völkerwanderung der Welt, nämlich diejenige der deutschen Ackerbauer nach den Vereinigten Staaten von Amerika mehr als 80 Jahre brauchte, um ungefähr 14 Millionen Auswanderer zu kolouisiereu. — Die zweite Schwierigkeit besteht darin, daß dasjenige Gebiet, auf welches diese Auswauderuilg aus unabweisbaren Gründen gelenkt werden muß, ein verhältnismäßig enges ist, mit einer Dichtigkeit der Kolonisation zu rechnen ist, mit einer Dichtigkeit der Bevölkerung, wie sie nur in den höchst entwickelten Kulturstaaten als Ergebnis einer langjährigen friedlichen Entfaltung von Ackerbau und Industrie hat entstehen können. Die dritte Schwierigkeit besteht darin, daß dieses Gebiet nach Klima, Bodenlage. Pflanzen- Produktion n. s. w. sehr verschieden ist von denjenigen Ländern, aus denen der Strom der Einwanderung abzuleiten ist. Der Unterschied zwischen der l-xtensiven Ackerkultur. Westeuropas mit seiner reichen Bewässerung einerseits und der schon nahezu subtropischen Kultur der Steppe, die künstlicher Bewässerung bedarf, sind ebenso viele Schwierigkeiten der zionistischen Kolonisation. Die vierte und größte Schwierigkeit liegt in der Beschaffenheit des sortzusührenden und anzusiedelnden Menschenmaterials. Hier ist weltgeschichtlich durchaus Neues zu leisten, ja selbst Rabbi Ben Akiba müßte zugeben, daß sein Lieblingssprnch hier einmal unwahr wird; denn alle Völkerwanderungen der Vergangenheit gingen ans entweder von reisigen Hirtenkriegern, die au^ ihrer 'Steppe hervorbrachen, um. in den SchweMlnebenen der Ströme die Herrschaft über leibeigene Bauern zu suchen, — oder von friedlichen Ackerbauern, denen die Heimat aus irgend einem Grunde zu eng geworden war, und die nun anszogen, um mit Pflug uud Karst eine neue Heimat zu gewinnen. Das Volk aber, das wir aus dem furchtbarsten Drucke zu erlöseil haben, der jemals auf einer Menschenmasse lastete, die zu Parias herabgesuilkeiieu und jeder Gewalttat vogelsrei pnisgegebene», zum tiefsten denkbaren Grunde menschlichen Elends niedergedrückten Inden Halbasiens, das sind weder Krieger noch Ackerer, sondern fast durchaus städtische Handwerker. Seitdem vor 2000 Jahren das Schwert der Römer die Wurzel zerschnitt, die das Volk in seinem Stammlande geschlagen hatte, hat man ihm in aller Welt die Berührung mit der Mutter Erde versagt, die den Riesen Antäos immer wieder in nngeminderter Kraft sich wieder erheben läßt; sie dursten nirgends Bauern sein. Und so haben wir es heute mit' einem körperlich minderwertigen und außerdem noch durch Hunger, schmutzige Not, Gram und soziale Erniedrigung - verkümmerten Menschenmaterial zu tun; unzuverläßige Bausteine für einen neuen Volksstamm. Diese Schwierigkeiten sind von so ungeheurer Größe, daß es wohl zu begreifen ist, wenn auch der Optimismus mutlos 1 den Arm hängen läßt, der helfen möchte. In der Tat, wenn

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