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Die Wahrheit · 1903-09-11 · Heft 35 (11.9.1903) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1903
Issue
Heft 35 (11.9.1903)
Date
1903-09-11
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Seite 5. Nr. 35. Die Wahrheit aber an sich in den heutigen beiden Richtungen des Judentums wie der Himmel von der Erde entfernt ist. Darum ist denn auch, solange zwischen Orthodoxie und Neologie eine so tiefe Kluft gähnt, ein allgemeiner Nabbinercongreß der wirklich die hervorragendsten Vertreter des Rabbinerstaudes umfassen sollte, unseres Erachtens ein Unding. Denn um die die äußere Lage der Inden betreffenden Angelegenheiten zu beraten, braucht man nicht Rabbiner zu sein, und in religiösen und cnlturetlen Fragen des Judentums halten wir eine allseitig befriedigende Lösung kaum für möglich. Wir wissen nicht, ob wir es als ein Zeichen der Selbstlosigkeit der ehrwürdigen Congreßmitglieder auffassen sollen,! daß über spezifische Standesinteressen des Rabbinerstandes so ■ gut wie gar nicht debattirt wurde. Möglich, daß die Herren! dieses für sie so ernste Capitel nicht breittreten wollten. Viel-f leicht ließe sich der „Allgemeine Oesterreichisch-Israelitische Bund" j das Studium dieser Frage angelegen sein, einer Frage, die das! Unglück hat, von der gesammten jüdischen Publizistik arg veri nachlässigt zu sein. j Wir kommen zum Schlüsse. Weit entfernt davon, den ehrlichen, ernsten, ja heiligen Willen und die lauterste Absicht j der Einbernfer und Teilnehmer des Congresses altzuzweifeln, können l wir dennoch beu Congreß in der Anlage und Abwicklung nur I als durch Ungeschicklichkeit verunglückt bezeichnen. Aber dies! allein ist an sich ein trübes Zeichen derzeit. Wenn, wie! heute, ringsum brennende Fragen lodern, Fragen, an denen der ' geistige Besitzstand des Judentums und vieles andere längst.; voil denen wir nur nennen wollen: Abhilfe gegen den Nieder-! gang jüdischen Wissens und jüdischen Sinnes, Pflege der j hebräischen Sprache, Sorge für jüdische Jugenderziehung in j eigenen Schulen, und ein Rabbiner-Congreß aus welchen j Gründen immer an diesen Fragen Vorbeigehen kann, so ist dies! ebenso betrübend als beschämend. Ist es die Aufgabe eines j Rabbiner-Congresses, Heilung zu finden für die Wunden, aus denen das Judentum der Zeit blutet, so hat die Versammlung zu Krakau dieser Anfga'.e nicht gerecht werden können, weil schon die Diagnose einen großen Irrtum bedeutete. r... Die jüdischen Congresse und das Judentum. Unser Volk arbeitet sich immer mehr und mehr zu einer Individualität heraus, je mehr es die saftigen Triften der Assimilation verläßt. Vor nuserem Geiste ziehen einher der allgemeine Rabbiner-Congreß in Krakau, ihm folgte der Zionisten- Congreß in Basel und nun soll in Lemberg ein Congreß gegen den Mädchenhandel tagen. Haben uns die beiden ersten Congresse in den Augen der Welt gehoben? Die Ansichten über dieselben mögen wohl verschieden sein, worüber aber kein Zweifel herrscht, ist die Tatsache, daß dieselben, insbesondere der Nabbinercongreß, ihr Ziel nicht erreicht haben. Die große Mehrzahl der Rabbiner kam nicht und jene, die ans der Plattform des Congrefies erschienen, hätten besser getan, wenn sie ganz ausgeblieben wären. Die jüdische Geistlichkeit hat das Ihrige nicht getan und verschwand während die christliche Geistlichkeit, ja die ganze klerikale Partei weiß, was sie will und was sie anstrebt. Unser Zionisten- Congreß andererseits, der immer mehr an Jmposanz und Bedeutung gewinnt und auf welchem die weltliche Intelligenz den Reigen führt, besaß nicht die nötige Langmut, die Opposition eines hervorragenden Mannes, wie Dr. Nossig, ruhig anzuhören. Betreffs Dr. Nossigs sei mir gestattet, einige Worte hier einzuflechten Dieser Mann, dem der Vorwurf gemacht wird, er sei Zionist von gestern, hat in ganz kurzer Frist bedeutende Arbeit geleistet. Das größte aller seiner Verdienste liegt unstreitig darin, daß er, der Fahnenträger und Parteiführer der Elitetruppe der Assimilation, so viel jüdischen Heroismus entwickeln konnte, um die Schwankung zum Zionismus, resp. zum jüdischen Nationalismus zu vollziehen. Man muß wahrhaftig ein Genie ä la Nosfig sein, um in kurzer Zeit so viel Jüdischlitterarisches aufzunehmen und das Aufgenommene in so genialer Weise zu vergolden, zur hohen Ehre und zur Glofiziruug unseres Volkes. Dieses großartige Kunststück brachte nicht einmal Dr. Herzl zu Wege. Einen solchen Mann hinauszuklatschen, erscheint uns Fernstehenden als das Häßlichste und Odioseste an dem Congresse. Ich, sein größter Antagonist von 1884 uub der Begründer des „Ahawath Zion“ in Wien und des „Lobomor Israel" 1867, drücke dem Zionisten Dr. Noffig von gestern die jüdische Hand und ziehe meinen Hut vor ihm ab. Jetzt zum Congreß gegen den Mädchenhandel, der richtiger Congreß gegen den Handel mit jüdischen Mädchen heißen sollte. Zunächst müßte der Congreß sich darüber klar werden, welche Factoren bei dem Geschäfte mit alleeinseeligmachender Keuschheitsware Mitwirken, und dann erst sein Augenmerk den Absatzgebieten und Emporien für den Mädchenhandel zuwenden. Soll diese Frage eingehend besprochen werden, dann muß mir schon gestattet sein, den Finger aus die brennende Wunde in Galizien zu legen. Madchenjagd und Mädchenfang wird nicht allein von den .verkommensten Individuen betrieben, in deren Gesellschaft ein anständiger Mensch nicht weilen mag, ohne sich zu besudeln. Nein! bei uns daheim bilden auch fromme Magnatinen, blaublütige Cavaliere im Vereine mit polnischen und rnchenischeu Geistlichen eine derartige Mädchenfang-Gesellschaft aä magorvin äoi gloriam. Möchten da uns nicht die Herren und Frauen des Mädchenfang-Congresses wohl sagen, wie sie jenen privilegirten Ständen den Mädchenraub abjagen wollen und welche Staatsgewalt ihnen Schutz gegen jene heiligen, gottgefälligen Banditen in Galizien gewähren wird? Vielleicht haben die Congressisten noch keine Ahnung davon, daß die gewaltige Macht des Großstaates Oesterreich- Ungarn an den morschen Mauern eines beliebigen Klosters und vor einem Unterrock oder weißem Schleier wie ein Glasscherben bricht, und unter derartigen Verhältnissen ist die Frage um so berechtigter, ob die Congressisten überhaupt irgendwo Gerechtigkeit und Gehör finden werden. Sie müffen zunächst die zappelnden, dreizehnjährigen Dorf-Backfische aus jener heiligen Sippe herausretten und dann erst die civilen Menschenbriganten, über welche die k. k. Staatsgewalt die nötige Jurisdiction besitzt, zu fassen suchen und ihnen ihre Opfer abjageu. Gleiches Recht müßte gelten für Arm und Reich, für Blau- und Rotblütige, für fromme wie für gemeine Verbrecher und Menschenhascher! Unsere heilige Schrift bestrafte Menschendiebe schon vor 3200 fahren mit dem Tode. Sie kannte aber auch keinen Unterschied in der Gesetzgebung gegen Fremde und Einheimische. Wotin liegt es nun heute, daß diese Menschheitsgesetze in- Ansehung des jüdischen Volkes außer Kraft gesetzt werden? Ohne diese menschenrechtliche Basis aber kamt der Congreß der Juden für jüdische Mädchen nichts erreichen. Sehe ich somit in dieser wohlgemeinten Mädcheneinsängerei keinen besonders befruchtenden Erlösungsgedanken, so bleibt dem Congresse noch immer ein weites Gebiet für ersprießliche Betätigung. Wir möchten die ganze Frage nicht beim Fleischlichen anschneiden, sondern mehr die ethische, erziehliche und ökonomische Seite in Erwägung ziehen, und da müssen wir wahrlich tiefer in das ökonomische Elend der Eltern schauen, um auf die richtige Fährte beim Behandeln dieses Themas zu gelangen. Der gemeine Mädchenhandel geht Hand in Hand mit dem sozialen Ueberelend unseres Volkes. Müssen auch taitsende Familien Galizien verlassen, so bleiben immer noch Massen elender Mädchen in den dürftigsten Verhältniffen, ohne Kleidung und Nahrung, ohne moralisch:» und erziehlichen Halt und ohne Schutz vor äußeren und inneren Schädlichkeiten zurück. Hier also suche man die Einbruchsstelle des Verderbnisses, hier das Massenlager sür den Fischfang aller nur möglichen Mädchensischer. Jit nunmehr das edle Stammesbewußtseiu in allen Schichten unseres Volkes zu neuem Leben angefacht worden,

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