Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1903-09-11 · Heft 35 (11.9.1903) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1903
Issue
Heft 35 (11.9.1903)
Date
1903-09-11
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3062972-3063163-3063198--02660-3069355
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 4 Die Wahrheit. Nr. 35. sich erhoffen darf, ^so dürfte man füglich kaum annehmen, daß gerade ein Rabbinerkongreß die Körperschaft ist, von-welcher der nichtjüdlsche Pöbel eine Belehrung auf Treu und Glauben hinnimmt. Sollte der Protest aber den Behörden gellln, die sich — man hat Beispiele — da und dort direkt und indirekt in den Dienst der Blutlüge stellen, so ist unseres Erachtens meist nicht Mangel an Aufklärung daran schuld — und für diesen Fall nützt ebenfalls kein Protest. Wollte mau endlich dennoch vor den Ohren aller Welt die Erklärung abgeben, daß die heiligen Schriften des Judentums diese Bestialität nicht lehren, so ergibt sich dasselbe Entweder—oder. Für denjenigen, der diese Schriften Nachlesen kann, ist die Erklärung überflüssig; für den aber, der einem Schriftgelehrten wie dem Mechaniker Schneider Glauben schenkt, ist es noch sehr fraglich, ob eine Erklärung christlicher Gelehrter wit Strack und Nöldeke, oder vor nicht langer Zeit des Historikerkongreffes zu Rom eine Bekehrung erwirkte, geschweige denn , ine solche von Rabbinern. Ein charakteristisches Beispiel von der Wirkungslosigkeit solcher Kundgebungen in Dingen, deren sich der religiöse Haß bemächtigt hat, ist die Schächtangelegenheit. Hunderte und Aberhunderte von Rabbinern aller Richtungen begutachteten feierlich, .daß das Schächten ein wichtiges religiöses Gebot des Judentums sei, zahllose Gelehrte von europäischem Rufe bezeugten, daß es die humanste Tötungsweise sei und nichtsdestoweniger ist die leidige Frage nicht aus der Welt geschafft. Da die Erfahrung also ergibt, daß von einer Abwehr nur in jedem konkreten Falle besonders, d. h. wenn anläßlich eines Mordes eine derartige Beschuldigung vorliegt, die Rede sein kann, so ist es nicht gerade klug, unnütze Belastnngsproben der autoritativen Kraft eines Rabbinerkongresses vorzunehmen. Wenn die Behörden ihren jüdischen Untenhanen . gegenüber nur ihre Psiicht thun und die auf eine Ausstreutlng der Blutlüge hin. erfolgenden Ausschreitungen von den Juden abwehren. so bangt uns in einem konkreten Falle vor eitler solchen albernen Anklage nicht, \ da es Sache der Anklage sein müßte, den Ritualmord zu erweisen. Und das dürste, wie bisher immer, so auch künftig aus dem allernatürlichsten Grunde nicht gut möglich sein, aus dem auch z. B. der großen Therese ihre Millionen aus der eisernen Kaffe nicht gestohlen werden konnten^ Kehren wir jedoch zum Kongreß zurück! Der Umstand, daß der feierliche Protest gegen die Ritualmordlüge eigentlich das einzige erzählenswerte Ereignis des Kongresses ist, erweist, daß das so überaus ärmliche Resultat des Kongresses vornehmlich in mangelhaften Vorarbeiten seinen Grund hat. . Man hätte doch zumindest erwarten dürfen, daß ein klares Bild des Arbeitsfeldes in knappen Programmpurikten entworfen wäre, und das sich naturgemäß decken sollte mit beu religiösen Aufgaben, zu deren Lösung der Rabbinerstand als. solcher besteht. Statt dessen hörte man von Beratungsgegenständen, bei denen z. B. die russischen Rabbiner die Erklärung abgaben, sie enthielten sich der Diskussion, da diese Frage für Rußland ohne Bedeutung ist. und von anderen, bei welcher wieder andere Rabbiner ihre Interesselosigkeit an dem Thema nicht verbergen konnten. Diese Volkommnisse sprechen eine deutliche Sprache. Und es sollte doch zu den elementarsten Anforderungen au das Bureau eines solchen Kongresses gehören, im Programme nur solche jüdische Fragen zu Beratnngsgegeuständen zu machen, die die Gesammtheit des jüdischen Volkes, resp. des Rabbinerstaudes angehen; anstatt dessen trat die Erscheinung zu Tage, daß einzelne Landesgruppen den Kongreß dazu benutzten, um den Ratschlägen, die sie ihren Landsleuten geben wollten, größeres Gewicht zu verleihen. Ein solches Beispiel ist die Stellungnahme des Kongresses zu der Beteiligung der Juden an revolutionären Umtrieben in Rußland. Ob wir' nicht auch hierin dem Kongreß zurufen könnten: si taeuiooös . . .? Ein Kenner einschlägiger Verhälmiffe wird wisseti, daß wenn schon der Jude überhaupt allen in Ländern der Diaspora sich durch treue Vaterlandsliebe auszeichnet, der russische Jude insbesondere ein glühender Patriot ist, ja ein Fanatiker seines Patriotismus.-Und tvie ist nun diese Erklärung gerade geeignet, ein unverdient schlechtes Licht auf unsere russischen Brüder zu werfen, um einzelner junger Brauseköpfe willen, die kaum noch äußerlich dem Jndenthume angebören und deren revolutionär-nihilistische Thorheiten hiedurch völlig ungerechtfertigt eine V e r a l l g e m e i n e r n n g erfahren, die allerdings, wie wir mit Genugthnnng constatiren, nicht unwidersprochen geblieben ist. Wer aber derlei hitzige Weltverbesserer z. B auf europäischen Universitäten zu beobachten Gelegenheit hatte, dürfte in ihre Neigung, aus Rabbiner Vorschläge zu hören, wenig Vertrauen setzen. Der Congreß hat ferner einstimmig beschlossen, daß man als Religionslehrer in den Schulen nur Herren gutaffen solle, deren Religiosität und Frömmigkeit über allen Zweifel erhaben ist. Ein schöner Beschluß, der sicherlich sehr ehrlich gemeint ist! Doch welche Ungeschicklichkeit offenbart er! Es ist ein pi ächtiger Wechsel, bei dem nur an den Einlöser vergessen wurde. Sehrrichtig ist, daß die fürchterliche Nel'gions-Unterrichtsmissre, an der das Jiidenthum so sehr krankt, eigentlich eine Religionslehl ermisst e ist. Wenn nur die richtigen Männer an die richtigen Stellen gestellt würden, könnte auch unter den heutigen Verhältnissen viel geschehen, und allmählich eine Aendernng der Verhältnisse znm Besseren angebahnt und durchgeführt werden. Allein deswegen gerade, weil das Hebet an der Person des Lehrers liegt, dessen Religiosität und Frömmigkeit, und wir können hinzufügen, dessen Wissen und Befähigung meist viel, oft alles, zu wünschen übrig läßt und weil ferner gerade der Rabbiner nach Lage der Dinge gar keine Jngerenz aus die Besetzung dieser Posten hat, ist der Beschluß eine Naivität. In kleinen Gemeinden ist der Religionslehrer nur im Nebenamte Lehrer der Religion. Wenn er erträglich singt und vorbetet und eventuell geschickt schächtet, vertrant man ihm den ihm aus verschiedenen Gründen oft unbequemen Religionsunterricht an. In Großgemeinden sind die Neligionsunterrichtsaugelegenheiten dem Wirkungskreise des Rabbiners ganz entzogen. Da wird das hochheiligste Geschäft innerhalb des Judentums, die religiöse Erziehung der Jugend, von Männern besorgt, die von Vorstehern, Sekretären, Inspektoren und Direktoren aus Versorgungsgründen in Ermangelung irgend einer Bernfsfähigkeit dazu angestellt werden, wodurch ein Zustand sich ergiebt, wie Figura zeigt. Also, so bedauerlich es ist, der Beschluß des Rabbiner-Congresses nach dieser Richtung hin, kann, so gut er gewollt ist, in Praxis nichts nützen. Um auf diesem Gebiete Wandel zu schaffen, ist eben in erster Linie nötig, als Vorfrage das Verhältnis des Rabbiners zur Gemeinde im allgemeinen festznlegeu und zunächst anzustreben, daß der Rabbiner nicht gleich dem Synagogenportier im niedrigsten Sinne des Wortes der Beamte der Gemeinde sei, sondern daß ihm in allen religiösen Fragen — und dahin gehört in erster Linie der Religionsunterricht — Verfügnngsrecht eingeräümt werde. Daß die Teilnehmer des Congresses das Gefühl haben mußten, der Congreß leide all dem Mangel jeder vorausgegangencn Orgainsotion, beweist der Antrag des Tarnower Rabbiners. Allein sein Vorschlag, der so enthusiastisch aufgenommen wurde, daß die Rabbiner aller Länder Landesverbände gründen sollten, die sich zu Gruppen einigen mögen, aus denen Vertrauensmänner die „internationale jüdische Repräsentanz" bilden sollten, übersieht die colossale Schwierigkeit, der schon die Gründung der Landesverbände begegnen müßte, die Schwierigkeit, die in der Verschiedenheit der religiösen Schattierungen des Judentums liegt, Man halte uns nicht entgegen, daß die Vereinigung orthodoxer und liberaler zionistischer Rabbiner die Möglichkeit eines Zusammengehens erwiesen habe. . Denn dort ist der zionistische Gedanke das kraftvoll Verbinderlde, dem gegenüber in gemeinsamer Arbeit die religiöse Richtung nicht Gelegenheit hat, auseinander — zu stoßen. Anders aber hier, wo speciell im Rabbinerbernse das Gemeinsame liegen soll, dessen Begriff

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.