Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1903
- Issue
- Heft 35 (11.9.1903)
- Date
- 1903-09-11
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nedaction und Administrativ i: Wien, II/,. Novaragasse 2? K. k. österr. Poltiparcuga Check-Conto Nr. 846.251' Inserate 20 Heller per Nonpareille-Zeile. Abonnements» nnd JnserationSbeträge sind in Wien zahlbar »nd klagbar. Unabhängige Seitschrist für Mische Interessen. E v i d) e i h t jede»» re it »r g. IN Otto: ,,Oa>« Lieget Ovtte» ist Wahrheit!“ Bezugspreis: Äanzjährig. . . L 12.— Halbjährig . . . . K. 6 — Für Cultnsbeamtc: Ganzjährig. . . . K IO — Für Ausland: lAanzjährig . . .8 Mark 8 Rubel o>er >8 FcS Nr. 35. Wien, 11. September 1903. Anhalt: Epilog zum Krakauer Rabbinerkongreß. — Die jüdischen Congreffe und das Judenthum Londonner Chetto. — Verschiedene Nachrichten. — Die Kunst im Gottesdienst. - Zionistische Coloirrsation. — Das Epilog MM Krakauer Rabbinerlrmigreß. Der Nabbinerkongreß ist vorüber. Die großen Redeschlachten sind geschlagen, gegenseitige Ehrenbezeugungen ausgetauscht, Kundgebungen erflossen und Beschlüsse gesagt. Run ist's an der Zeit, dag wir prüfend untersuchen, welche neue Bahnen uns gewiesen wurden, au deren Zielen uns die Erstarkung des religiösen Sinnes winken soll; ob und wie die durch die Zeitstürme verschütteteu Brunne», aus denen einst der Geist ocs Judentums nnd seine Lebenskraft empo» quoll, freigemacht wurden; mit einem Worte, was der Kongreß uns, der Gesammtheit des jüdischen Volkes, und was er den Rabbinern selber gebracht hat. Doch, um es gleich voiwegznnehmen 1 Wenn die Erwartung, die man allenthalben diesem Ereignisse entgegenbrachte, eine, hohe war, wenn die Spannung, mit der mau jedem Worte aus diesem cbrwürdigen Rate, gleichwie einer Erlösung, entgegenharrte, groß war. so ist doch weit größer die ungeheure Enttäuschung ob der Ergebnislosigkeit und bemitleidensweiten Kläglichkeit, die sich äußerlich, wie auch inhaltlich da offenbart hat. Zunächst die Beteiligung! Bon 900 eingeladenen Rabbinern waren 39 aus den verhältnismäßig unbedeureudsteu Gemeinden Galiziens, Rußlands und Ungarns erschienen, die die in Krakau und Umgebung ansässigen mitiubegriffen. Wenn wir uns zunächst mit dieser Thalsache der beschämend geringen Teilnahme befassen, um derentwillen gewiß kein Menschenfreund den Einberufern aufrichtigste Teilnahme versagen möchte, jo müssen wir doch fragen: konnte es möglich sein, daß 900 Eingeladene ihr Erscheinen ankündigten, und nur 39 Wort hielten? Oder befragte man die Eingeladenen gar nicht, ob sie auch kommen wollten? Und sollten sie zugesagt haben und dennoch nicht erschienen sein, wäre es nicht ratsamer gewesen im Hinblick auf die geringe Beteiligung den. Kongreß auf einen anderen Zeitpunkt zu verschieben und für diesmal erst Vorberatungen für einen sülchen zu pflegen? War diese quantitative Beschickung des Kongresses schon überaus ungenügend, so muß es ebenso peinlich berühren, daß auch qualitativ diese Vertretung des Rabbinerstandes nicht gerade befriedigen konnte. Nicht als ob wir auch nur einem der Herren uahetreten wollten, aber der Umstands daß nur 2—3 Männer mit Namen von Klang und Ruf anwesend wäre»', beweist, wie wenig die Ver'ammlung den Ausgaben itnb der Bedeutung -ims Weltkongresses gewachsen — fast hat i«3 den Anschein — derselben sich bewußt war. Ein Rabbinerkongreß, io will es uns vielmehr bedünken, ist nicht ein Verband oder ein Verein, irr dem jeder in Amt - und Würden stehende Rabbiner Mitglied sein kann, sondern eine hervorragende Vertretung des Rabbinerstandes aller Länder und Zonen, worin also nur Männer von anerkanntem Namen Sitz und Stimme haben dürfien; Männer autoriraiiven Charakters, die von einem größeren Kreise von Amtsbrüceru in den Kongreß delegiert worden wären. Wir wollen nicht mißverstanden werden. Es liegt uns nichts ferner, als etwa einem jüdische» Elerikalismus oder gar einer jüdischen Hierarchie das Wort zu reden und vorzuschlagen, ein Rabbinerkoiii.eeß dürfe nur eine Versammlung von — sit venia verbo — jüdischen Bisehöfen sein; ra jedoch nebst ankeren hochwichtigen Diugen „religiöse Abhandlungen", was sicher religiöse Entscheidungen bedeuten soll. Programmpunkte eines solchen Kongresses sein sollten, Eulscheidungen, die in bisherige Gepflogenheit ändernd eingreifen, io glauben wir für solch einell Kongreß, oder wie der unmoderne Name lautet: „Beth-Din", die traditionelle Vorschr fl in Krail, daß er im Verhältnis zu vorangegangenen giöß.r sei und bedeutender au Wissen und au Zahl*). Beiden Anforderungen ist irr Krakau, wenn man nicht gerade den Annsiitel einiger reiluehmer (Ehnchcunim) u» Auge bat, keinesfalls Genüge geschehen. Wenden wie n s nun der eigentlichen Ko greßarbeit zu! Die Manifestation, mit welcher der Kongreß eröffnet wurde, der feierliche Eid, daß die nieder trächtige Bluibeschuldiguug sowohl iu Lehre als Leben dcs Jnvenlums jed.r Grundlage entbehre, muß zweifellos auf alle Anwesenden einen t-efeil Eindruck gemacht haben. In diesen mittelalterlicheu Räumen gegen einen mittelallerlicheu Ar-erglauben — ein so modernes Mittel, eirni feierlich beeideten Proust! Doch, ist es auch wirklich ein Mittel? II. s scheint es fast, nicht einmal ein Mitielchen! Wem sollie diese Kundgebung, jo müssen wir uns zunächst frage», denn eigentlich gelten? Dem großen Volks- Haufen, dem dieser Aberglaube dank einer intensiven Hetze stets willkommen ist? Wenn bei diesem eine Aufklärung wenig fnr *) godaul bechockmo u-weminjan.