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Die Wahrheit · 1903-09-04 · Heft 34 (4.9.1903) · page 10

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1903
Issue
Heft 34 (4.9.1903)
Date
1903-09-04
Page
– (sequence 10)
Language
German
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j©ette 10 Die Wahrheit Nr. 34 Arthur Edler won Mises, k. k. Baurath Wilhelm Stiaßny, die Vorsteher Professor Ehrmann. Ellbogen, Hoffmann, kaiserl. Rath Wilhelm Pollak. Sodann Delegierte sämmtlicher Corporationcn und Vereine des Bezirkes. Von der.Bezirkskommission: Obmann Börsenrath S. Beer; Die Commissionsmitglieder Pick. Stern und Bernhard. Von der Chewra-Kadischa : Präses Dr. Bars die Vorstandsmitglieder Max Haaß, M. Weiß, A. Stern uud Rechnitzer. Vom Verein Maskel el dol die Vorstandsmitglieder: Mohr, Grünwald. Doctor Deutsch. Landeis jun. Vom Kinderausspeisungs- Verein : die Präsidentin Frau Regine Landeis und mehrere Vorstandsdämen. Von der Tasmud-Thora der I. Obmann-Stellvertreter Herzog, vom Vereine „Odessd 8«bs1 Emes" die Herren Herzog und Weiß. Unter' den Gästen bemerkte man die Herren Rabbiner Doctor Feuchtwang, Dr. Templer, Bethausvorsteber Adolf Stiaßny. Zlrmenräth Jellinek, des Bethausvorstandes (m X. Bezirk: Carl Seligmann, des Bethausvorstandes Margarethen : Adolf Hoffmann, des Bethausvorstandes Ottakring: Sam. Kohn, des Bethausvorstandes Stumpergasse: Herr Leopold Werther, des Bethausvorstandes Währing: Fränkel. Man bemerkte ferner als Gäste die Herren kais. Rath Dr. S. Kohn, die Hof- und Gerichtsadvocaten Dr. Lanvste>n, Dr. Wagner, Dr. Zins, Commercienrath Stiaßny, Vorstandsdam'en aus den anderen Bezirken, so Frau Dr. Wagner und Pdrsteheriii Hopmann aus Währing, sowie zahlreiche Freunde und Verehrer des neuen Rabbiners. -Nach 6 Uhr begaben/sich die Mitglieder des Cultusvorstandes im Vereine init den Bethausvorstehern in die Wohnung des Rabbiners, um ihn abzuholen. Herr Cultusvertreter k. k. Baurath Wilhelm Stiaßny richtete an den neuen Rabbiner eine herzliche Begrüßungsansprache und lud ihn ein, der Deputation zu folgen. Unter Vorantritt von 36 Schulmädchen, Töchter aus den besten Familien der Gemeinde, gefolgt von de» Cultus- und Bethausoorstehern, hielt Herr Rabbiner Dr. Grunwald den Einzug in reich decorirten Tempel, begrüßt mit einem „Boruch-Habo“ des Herrn Obercantors Jurberger und Cantors Schleiffer. Im Namen der-Tempelverwaltung richtete Herr Director Hecht an den Rabbiner eine formvollendete geistvolle Ansprache, in welcher er dem Rabbiner zusichert, daß ihm alle Kreise der Gemeinde warme Sympathien entgegenbringen und daß der Bethausvorstand, in dessen Namen er ihm ein herzliches Willkommen zurufe, bereit sei, sein Wirken mit allen Kräften zu uüterstützen. Hierauf folgte ein Hallelujah, sowie ein Lied, gesungen vom Chorpersonale und den Zöglingen des Freiherr v. Springer'schen Waisenhauses. Unter allgemeiner Spannung bestieg dann Dr. Grunwald die Kanzel, um seine Antrittspredigt zu halten, die er auf dem Propheten - werte aufbaute: „Ich lege meine Worte in Deinen Mund und mit dem Schatten meiner -Hand bedecke ich Dich, einen Himmel zu pflanzen und eine Erde zu gründen und zu. Zijon zu sprechen: mein Volk bist Du". Aus diesem Gottestroste schöpfe ich Kraft und Zuversicht, heilvoll unter Euch zu walten.. Denn dieses Wort weist mir sicher und klar das Hochziel meines Wirkens, zunächst den Weg, der zum Ziel führt. Vßlb einen Himmel zu pflanzen, das Gottesreich auf Erden zu gründen. Das Gottesreich auf Erden, wie gründet man es anders, als auf die drei Pfeiler der sittlichen Weltordnung, auf Torah, Abodah und Gemilutli cbassodim, aus Gotteserkenntniß, auf Gottesdienst und auf gegenseitige Bruderhilfe. min Die Wissenschaft des Judentums fördern, und was er gefördert aus dem Schacht der Lehre diese Saat des Geistes in die Herzen streuen, das soll der Diener Gottes. Es gab eine Zeit> da durste der Gottesdiener' vertieft in das heilige Schrifttum, weltfremd und einsam, seine Seele füllen mit dem Glanz der Sterne, die ihm die Thora leuchten ließ in/stiller Klause. Das war sein Beruf, darin fand er sein Genügen. Heute aber ist die Zeit mcht für stille Beschaulichkeit. Mitten im Leben muß der Lehrer der Thora stehen und mitten in dieses Leben, in das moderne, mit siebernden Pulsen rastlos hastende Leben, da mitten hinein soll er einen Himmel ' pflanzen. Anklopfen soll er an die erkalteten, Gott entfremdeten, Herzen mit dein Wort, mit welchem ich soeben hier begrüßt worden von beredtem Munde: Tiayn Weßalb wirst Du draußen steh'n, mein Bruder? Siehe, hier ist eine Zuflucht Deinem. Geist aus -Herr Zweifeln, aus den in ewigem Wechsel sich gegenseitig - verdrängenden, jagenden Meinungen des Tages. Weßhalb willst Du -draußen stehen im der Eifeslust einer liebeleeren, entgotteten Welt? Komm herein, hier soll Dein Herz wieder warm werden im Leuchten der Sterne am Himmel der Thora. Außerhalb des Heiligtums soll er werben für das Heiligt" m. Wo aber sollen wir den Sinn für das Ideale suchen, wenn nicht im Herzen der Frauen? An die Frauen zunächst sollte Mose sich wenden, als er dem Volke die erste Botschaft Gottes brachte. Einen Himmel auf Erden pflanzen, leuchtende Sterne streuen in das farblose Gelände des Alltags, wer sollte die Gärtnerkunst meistern, wennmcht der Zauber des Frauenherzens? 'Das heilige Erbe, das einst der Hut - des Vaters vertraut war, an das Herz der Mutter hat es Gott gelegt.' Im Herzen der Mütter in Israel soll der Himmel der Thora erstehen, hier soll Be-. geisterung flammen für das Vatererbe. Denn nur aus dem Herzen der Mutter strömt die heilige Glut in das Herz des Kinde-. Von der Gottesstimme, die Mose vernahm, erzählt die Schrift: zwischen den beiden Kerubim auf der heiligen Lade erging sie an' Mose, den beiden Kerubim, die das Antlitz eines Kindes trugen. Das Kindesantlitz hatte Mose vor Augen, wenn Gott inseinen Mund die Worte legte. Der, Diener Gottes, das Kindesantlitz ntuß Lr ins Auge faffen, in das Kindesherz vor Allem soll er den Himmel pflanzen Die Pflege der Schule fordert in seinem Herzen einen Platz dicht neben der Pflege des Gotteshauses. . So soll der Verkünder des Gotteswortes das Herz der Männer, das Herz der Frauen, der Kinder außerhalb des Gotteshauses werben für das Gotteshaus. Wie draußen der Prophet, der Sendbote Gottes, so ist er hier im Gotteshaus der Priester. 110^1 »und eine Erde zu gründen", die Erde, die diesen Himmel tragen ' soll. Wie oft muß der Verkünder des Gotteswortes die bitteren und verbitterten Worte, vernehmen : „Was soll der Himmel mir frommen, den du in das Herz mir willst pflanzen, indeß die Not meine Gedanken mit eisernen Ketten in die Tiefen zwingt, die Armut die Schwingen des Geistes mir läh'mt, die Sorge meine Seele umnachtet und das Auge verdüstert': willst du für den Himmel uns gewinnen, errichte erst eine erträgliche Erde, diesen Himmel zu tragen." Darum fügt unser Prophet bedeutungsvoll hinzu: »>->k »eine Erde zu gründen", das' Erdenglück jedes Einzelnen'in ihrer Mitte zu festigen, das ist die Ausgabe jeder Gemeinde in Israel. v'ION ni^’OJ Bruderhilfe, das ist neben nT>n und n*TOJ? der dritte Pfeiler des Himmelreichs auf Erden. Auch hier stellt die neue Zeit ein neues Ziel. Meine Andächtigen! Die Vruderhilfe kommt zu spät, sie wird ihrer heiligen Aufgabe nicht voll gerecht, wenn sie erst eingreist, um dem Bruder, der schon zu Boden gesunken, den kargen Bissen, dem verschmachteten den Labetrunk zu reichen. Nein, nicht Leiden lindern, sondern wo es irgend angeht, die Leiden des Bruders hindern, den Wankenden stützen, daß er nicht falle,, diese brüderliche sociale Fürsorge und Hilfsbereitschaft hat das alte Buch der Bücher uns eingeschärft, sie allein heißt in Wahrheit: ONON ni^'BJ Und gerade in unserer Zeit, da Haß und Neid der Feinde unsere Brüder immer enger auf einander anweist, wo man der jüdischen Arbeit die Thür schließt und den jüdischen Kaufmann zwingt, aus Not die Tür zu schließen, jetzt muß auch im ßErwebsleben immer fester und inniger werden der Zusammenschluß zwischen Bruder und Bruder. Und daran zu mahnen, die Gewissen aufzurütteln, für gegenseitige Fürsorge und Bruderliebe, für solch' nmiges Zusammengehen mit allem Eifer-einzutreten, das ist die Pflicht dessen, der von Gott bestellt ist, einen Himmel zu pflanzen und eine Erde zu gründen. nn# ri'2^> 128^1 und zu Zijon zu sprechen: „Mein Volk bist Du." Der ' Bannkreis der Gemeinde darf nimmermehr begrenzen den Gesichtskreis eines Führers in Israel. In der Gemeinde selbst muß er wachhalten das Bewußtsein: Wir stehen nicht für uns allein, wir sind ein Teil nur eines großen Ganzen, ein Glied nur eines großen Volkes mit ruhmbeglänzten Erinnerungen und weitausschauenden Hoffnungen. Was immer das Judentum bewegt, und sei es räumlich noch so fern, unserein Herzen inuß es nahe sein. Auf Schritt und Tritt muß uns bestimmen und leiten der Ausblick auf das Ganze, der Gedanke an das gesammte Israel, eine Stimme in unserer Brust, die zu ganz Zijon spricht: „Mein Volk bist Du". Und wie der Leitung jeder Gemeinde, so muß es auch jedem einzelnen Juden ins Herz geschrieben stehen: Das Höchste, was der Mensch besitzt, das ist sein Volk. Jede Versündigung an diesem Geist der Gemeinschaft, sie fällt nicht nur zurück auf das Haupt des Sünders, sie trifft die Gesammtheit der Brüder. Wer aber Andere mit diesem Geist erfüllen soll, der muß vor Allem selbst tiefes Geistes voll, von ihm beseelt und getragen sein, der muß Jeden, der sich Jude und Alles, was sich jüdisch nenn»,, seinem Herz gleich nahe wissen, der muß zu Allem, was zu Zijon zählt, sprechen: mein Volk bist du. Der Bote des Herrn, der Diener Gottes, er ist Jedem gleich Freund, keinem ein Widersacher. Keine Partei darf ihn für sich allein und ausschließlich fordern. Will er die Hoheit seiner Sendung nicht entweihen, dann darf er nimmermehr heruntersteigen in Niederungen, in denen der Parteikampf wütet. So gehöre ich Jenen, die noch Treue bewahren dem guten alten Geist der Väter, dem heiligen Gesetze Israels. Ihnen gehört mein. Herz, sie suche ich, mit ihnen gemeinsam will ich stützen und erhalten das gute Alte, in Haus und Schule, in Lehre und Gottesdienst, in Geist und Leben. Und die da abseits stehen, in deren Seele erblichen find die Sterne an dem Himmel Israels, deren Herz für das Juden'um erkaltet, dem alten Geistder Väter entfremdet ist, auch sie suche ich, sie will ich erwärmen, begeistern und ermahnen, wieder umzukehren und mit den Brüdern vereint mitzuschaffen an einem Werke, das ihrem Leben einen neuen Kern, einen neuen heiligen Inhalt.gibt. Ihr alle aber, die Alten wie die Neuen, die Männer wie die Frauen, Führer wie Gemeinde, Ihr alle möget mir helfen, meines Be- . rufes segensreich zu walten, mir Helsen in dieser uns allen theuren Gemeinde, „einen Himmel zu pflanzen und eine Erde zu gründen und zu Zijon zu sprechen: Mein Volk bist du." Mit dem üblichen Gebete für die Gemeinde schloß .dann Dr. Grunwald seine Antrittsrede, die mit allgemeiner Begeisterung ausgenommen wurde. Beim Samstag-Vormittag-Gottesdienste wurde Herr Dr. Grunwald feierlich zur Thora aufgerufen und. nach der Verlesung des Abschnittes begrüßten ihn die Herren Obercantor. Jurberger und Cantor Schleiffer in herrlichen, eigens verfaßten Mischeberach, worauf, im Aufträge des Rabbiners Herr Cantor Schleiffer der Gemeinde und ihren Führern einen Mischeberach machte, welcher mit großem Beifall ausgenommen wurde. Nach dem Gottesdienste erschienen zahlreiche Freunde und Verehrer und mehrere Vereinsdeputationen in der. Wohnung

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