Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1903-09-04 · Heft 34 (4.9.1903) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1903
Issue
Heft 34 (4.9.1903)
Date
1903-09-04
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3062972-3063163-3063197--02650-3069344
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Die Wahrheit Seite 7. Nr. 34 Der Zionismus muß sich strengstens jede Kraftzersplitterung , versagen! Sein einziges Arbeitsprogramm muß heißen; Ausbau der inneren, Organisation zum Zwecke der Befassung der Mächte mit der Judenfrage, und inzwischen Errichtung eines Nachtasyls für unsere Obdachlosen. Die Wirkung dieser jüdischen Volkspolitik, wenn Sie sie anuehmen und laut verkünden, wird sofort fühlbar werden, nicht etwa erst, wenn sie ganz oder theilweise verwirklicht ist. Die Welt wird uns achten, wenn sie uns nicht mehr geduckt, sondern ausrecht sieht. Die Judenfeinde werden wahrscheinlich Judenfeinde bleiben, aber die Anständigen unter ihnen werden ihre Feindschaft in ritterlicher Form bethätigen, denn nur ein Feigling schämt sich nicht, einem Gegner anders als ritterlich zu begegnen, der mit einer großen Kokarde in weithin sichtbarer Farbe am Hut im Sonnenlichte auf freiem Blachfelde für sein Dasein kämpft! So ändert der Zionismus — nicht später, gleich! — das zweitausendjährige Vorzeichen des Judenthums von Minus in Plus, von Passiv und Aktiv, und lehrt die Welt, das angebliche Handelsvolk als ein handelndes Volk in einem neuen Sinne zu erkennen! (Stürmischer, nicht endenwollender Beifall). Dienstag Vormittag sprach der bekannte Londoner Schriftsteller Z an g will über „Zionismus und Wolthätigkeitsanstalten". . Alle Wolthätigkeitsanstallen, so führte er ans, seien äußere, sichtbare Zeichen eines fehlerhaften Organismus, so lobenswerth auch immer die Absicht der Gründer gewesen sei. Solche Institutionen bergen oft die Gefahr in sich, das jüdische Volk zum Sklaven seines Looses zu erziehen. Zangwill ist der Ueberzeugung, daß sich auch die „I. C. A.", die Verwaltung der Hirsch'schen Millionenstiftung in London, auf die Dauer eiUem Plane, wie ihn der Zionismus verfolgt, nicht widersetzen werde. Das Judenthum müsse nun eine feste Basis zu gewinnen suchen. Ein einziges Jahrzehnt agrikoler Arbeit komme einem Jahrhundert kultureller Ausbildung gleich. Nur die Politik des Zionismus könne eine solche Heimstätte schaffen; Wohlthätigkeitseinrichtuugen versagen hier. Wir wollen neue „Kischinews" verhindern, nicht heilen! Am Nachmittag wohnten die meisten Congreßtheilnehmer dem von den jüdischen Turnerschaften veranstalteten Schauturnen bei und nach demselben wurden die Verhandlungen im Stadtkasino wieder ausgenommen. Auf der Tagesordnung stand der Vorschlag betr. die „Ansiedelung in Britisch-Ostafrika", wofür, wie bekannt, die Unterstützung der britischen Regierung gewonnen ist. Die russischen Delegirteu wiesen dieses Projekt von vorneherein ab, die deutschen, die Mehrzahl der Oesterreicher nnd die italienischen Delegirteu traten dafür ein, daß eine Kommission aus 21 Mitgliedern bestellt wird, welche die Sache prüfen und darüber Bericht und Antrag an den Kongreß noch während der jetzigen Tagung vorlegen soll. EZ würde zu weit führen, alle diese Reden wortgetreu wiederzugeben, der Gegensatz zwischen den ausgesprochenen Meinungen wird jedoch am besten charakterisirt durch die Erklärungen des amerikanischen Delegirteu Sulzberger aus Philadelphia und des Russen Wortsmann. Ersterer führte aus, man dürfe den Vorschlag schon deßhalb nicht abweisen, weil selbst England und die Vereinigten Staaten sich anschickeu, den Juden ihre Grenzen zu verschließen. Derartige Gesetze seien für die nächsten zwanzig Jahre schon zu erwarten. Wenn man aber Palästina nicht haben könne, so müsse man für die aus vielen Ländern verdrängten Juden ein Asyl schaffen. Wortsmann dagegen meinte u. a., er begreife nicht, wie man am Vormittag Zionist sein könne, am Nachmittag aber für Britisch-Ostafrika schwärme. In der Sitzung vom 26. August referirte Oppenheimer über zionistische Ansiedelungen im Allgemeinen, besonders mit Rücksicht aus Palästina. Hierauf wurde die Debatte über das Ostasrika-Projekt, nachdem noch Herzl und Nordau gesprochen hatten, geschlossen. Das Aktionscomite stellte den Antrag, eine Kommission zum Studium des Ostasrika-Projektes zu wählen. Diese soll eine Expedition entsenden und deren Ergebnisse einem besonderen Congresse vorlegen. Der Antrag des Aktionscomitos wurde mit 295 gegen 177 Stimmen angenommen. Die dem Projektefeindlichen Russen verließen demonstrativ den Be« rathungssaal. Den Schluß der Congreßverhandlnngen und einige bemerkenswerthe Referate wollen wir in nächster Nummer veröffentlichen und diesem Berichte nur noch das Begrüßungsschreiben des Basler Stadtrathes, das Schreiben des russischen Ministers v. Plehve an Dr. Herzl und eine Erklärung der engl. Regierung betreffs des Ostasrika-Projektes.anfügen: Begrüßungsschreiben desBasler Stadtrathes: Bafel, den 19. August 1903. Der Regierungsrat des Kantons Baselstadt an das Bureau des 6. Zionistenkongresses in Basel.. Hochgeehrte Herren! Sie beehren uns mit der Einladung zur Teilnahrne an den Sitzungen des 6. Ziouistenkongresses. Wir fiub Ihnen für diese Einladung zu verbiudlichem Danke verpflichtet und teilen.Ihnen mit, daß wir unseru Mitgliedern den Besuch der Sitzungen freigestellt haben. Wir nehmen zugleich den Anlaß wahr, den Kongreß in Basel willkommen zu heißen. Es ist das fünfte Mal, daß die Zionisten sich hier zur Beratung zusammenfinden. Wenn es Ihnen gelungen ist, durch Ihre jährlichen Versammlungen in Basel Ihre ernsten Bestrebungen zu fördern, und wenn der diesjährige Kongreß diese Bestrebungen neuerdings stärkt und Sie um einen weiteren Schritt Ihrem Ziele entgegeuführt, so gereicht es auch den Behörden der Stadt, die dem Kongresse Gastfreundschaft bieten darf, zur aufrichtigen Genügtuung. Wir bitten Sie, der Versammlung unseru Willkommgruß übermitteln zu wollen und verharren mit ausgezeichneter Hochachtung Der Präsident des Regierungsrates: Dr. Z u t t Der Sekretär: Dr. A. Im Hof. s Brief des Minister v. Plehwe au Dr. Herzl: M Mein Herr! , Sie baben den Wunsch ausgedrückt, Spuren unserer Unterhaltung zu bewahren. Ich gebe diesem Wunsche gerne statt, um alles zu entfernen, was übertriebene Hoffnungen oder beunruhigende Zweifel entstehen lassen könnte. Ich habe Gelegenheit gehabt, Ihnen vom Gesichtspunkte Kenntnis zu geben, aus dem die russische Regierung zur Zeit den Zionismus betrachtet. Dieser Gesichtspunkt kann ihr nähmlich sehr leicht die Notwendikeil nahe legen, ihre Politik der Duldung gegen Maßregeln zu vertauschen, die vom nationalen Selbstschutz vorgeschrieben sind. Solange der Zionismus in dem Willen bestand, einen unabhängigen Staat in Palästina zu schaffen, und solange er die Auswanderung einer gewissen Anzahl jüdischer Untertanen aus Rußland zu organisieren versprach, konnte die russische Regierung ihm sehr wohl günstig sein. Allein in dem Augenblicke, wo dieses Hauptziel des Zionismus aufgegeben scheint, um durch eine einfache Propaganda der jüdisch-nationalen Zusammenfassung in Rußland ersetzt zu werden, ist es natürlich, daß die Regierung diese neue Bahn des Zionismus in keinem Falle dulden kann. Er hätte kein anderes Ergebnis, als Gruppen von Individuen zu schaffen, dieden vaterländischen Gefühlen, welche die Stärke eines jeden Staates ausmachen, vollkommen fremd uub sogar feindlich gegenüber steh en würd en. Deshalb fömite dem Zionismus das Vertrauen nur unter der Bedingung wiedergegebeu werden, daß er zu seinem alten Aktionsprogram n zurückkehrt. In diesem Falle könnte er von dem Tage an auf moralische und materielle Unterstützung rechnen, wo einige seiner praktischen Maßregeln zur Verminderung der jüdischen Bevölkerung in Rußland dienen würden. Diese Unterstützung würde bestehen können im Protegieren der zionistischen Bevollmächtigten bei der ottomanischen Regierung, in der Erleichterung der Tätigkeit der 'Auswanderungs- Gesellschaften und sogar in der Bestreitung der Erfordernisse

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.