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Die Wahrheit · 1903-09-04 · Heft 34 (4.9.1903) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1903
Issue
Heft 34 (4.9.1903)
Date
1903-09-04
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Sekte 6 Die Wahrheit. Nr. 34 Selbstverwaltungsrechten, ohne die wir auch in Palästina uns nicht national-ausleben könnten, geöffnet wird. Es ist uns von mehr als-einer amtlichen Seite,, wenn auch in höflicher Form eingehullt, etwa dieses entgegnet worden: „Ihr seid unzufrieden und wollt auswandern. Wir machen Glich unser Compliment zu diesem Entschlüsse, der für Euer Selbstgefühl und Eure Energie zeugt. Aber dazu bedarf es doch keiner Negierungshandlungen. Wir legen Eurer Auswanderung nicht das geringste Hinderniß in den Weg und geben Euch sogar unsere besten Wünsche auf die Reise mit" (Heiterkeit). Wir haben da, vielleicht zum ersten Male in unserem Leben, keinen Sinn für Humor haben dürfen, sondern mit unerschütterlichem, ehrerbietigem Ernst erwidern müssen: Verzeihung, es genügt nicht, die Thürflügel zu öffnen, wenn die Thüröffnung außen zugemanert ist. Ihr gestattet uns den Abzug, aber Niemand gestattet uns den Einzug. Da wir nicht annehmen, daß Ihr mit dem Leben eines Volkes von 12 Millionen Kurzweil treibt, bitten wir euch, es nicht bei der Erlaubniß zur Auswanderung bewenden zu lassen, sondern uns auch den Eintritt in das Land zu erschließen, daß wir als Ziel in's Auge gefaßt haben. Nicht von berufener Seite, nicht von amtlichen Stellen, aber von den zahlreichen Liebhaber-Diplomaten, von denen es in den Reihen unserer Widerfacher wimmelt, kam uns darauf diese höhnische Erwiderung: „Ja, Kinder, wie stellt Ihr Euch das eigentlich vor? Sollen die Mächte etwa zum Sultan sagen: Gib den Juden Palästina, sonst hast Du es mit uns zu thnn?° Auch darauf erwidern wir mit einem Ernste, den der Einwand kaum verdient: Das ist. niemals unser Gedanke, unser Wunsch gewesen. Den souveränen Rechten und der Würde des Sultans soll von keiner Seite nahe getreten werden. Der Tag. an dem wir in eine türkische Provinz einziehen, soll für alle Zukunft ein großes und glückliches Datum in der Geschichte des Ottomanischen Reiches werden. Alles, was wir wünschen, ist, daß wir von den Großmächten mit dem Sultan amtlich in Verbindung gesetzt werden, daß wir nach eingehender Konversation mit Sr. Majestät, in der wir uns zutrauen, ihn davon zn .überzeugen, daß es sein Vortheil ist, sich mit uns zu verständigen, bei dem Schlußgespräche dieselben Großmächte als Theilnehmer, Zeugen und Gewährleister unserer Abmachungen gegenwärtig haben. Sollte sich gleichwohl die Unmöglichkeit Herausstellen, mit Sr. Majestät dem Sultan zu einer Verständigung zu gelangen, sollte sein unbeugsamer Wille uns Palästina verschließen, dann müßten wir eben, unter feierlicher Aufrechterhalttmg unserer unverjährbaren° geschichtlichen Ansprüche auf das Land unserer Väter, mit beiden Füßen unerschütterlich auf dem Boom des Basler Programms verharrend, uns in Geduld fassen und warten. Wir können warten. Inzwischen werden wir keinen Augenblick aufhören dürfen, die Judensrage vor der Welt und vor den Negierungen als eine stehende Aktualität lebendig zu halten, und daneben werden wir an unserer ' inneren Organisation arbeiten müssen. Möglichste Stärkung und Vermehrung der Machtmittel des Zionismus bleibt unsere erste und vornehmste Aufgabe (Beifall). Darunter sind zu verstehen: die Vervollständigung des Aktienkapitals der jüdischen Kolonialbank, die Vergrößerung des Nationalfonds, und vor allem; die Eroberung der Gemeinden und. der meist von ihnen abhängenden bestehenden jüdischen Einrichtungen. Geehrte Versammlung! Jedesmal, wenn zwischen den einzelnen Kongressen eine längere Zeit verstreicht, bemächtigt sich unserer Gesinnungsgenossen eine sichtbare Unruhe. In den Reihen unserer Streiter tritt ein eigenthümliches Schwanken ein. In immer kürzereil Abständen, immer hastiger und erregter Hören wir die ängstliche Frage wiederholen: Was geschieht? Woran sind wir? Was sollen wir der Menge antworten, wenn sie in ihrer Ungeduld nach praktischen Ergebnissen fragt?" Und wenn dann noch eines jener unglücklichen Erreignisse eintritt, wie sie es in der letzten Zeit leider immer häufiger geworden sistd, wenri dem jüdischen Volke eine Schmach zugeiügt wird, die jeder Einzelne von uns an seiner Stirne als Brandmal empfindet, so lange sie nicht abgewaschen ist, dann geht ein Beben vom Scheitel bis zur Sohle durch das jüdische Volk und. die auch sonst leider bei uns schon so verbreitete Nervosität steigert sich in einer Weise, daß sie unzusammenhättgende Bewegungen auslöst, die nur als Panikbewegungen bezeichnet werden können. Der Ruf geht dann die Lande: „Es must sofort etwas geschehen." Das ist eine sehr gefährliche Neigung; . das ist ein sehr bedenklicher Seelenzustand; wir __ müssen ihm eutgegenireten und ihn bekämpfen. Er ist erklärlich. Er erklärt sich daraus, daß bisher noch niemals ein Shstem jüdischer Volkspolitik aufgestellt worden ist, das jedem einzelnen denkende Juden vollkommen klar vor Augen steht. Ich habe vorhin gesagt, daß dieser Kongreß.der bevollmächtigte, rechtmäßige Vertreter des jüdischen Volkes ist. Ihm liegt es ob, jüdische Volkspolitik' zu machen. Dieser Kongreß wird in großen Zügen die jüdische Volkspolitik für jetzt und eine Zeit festzulegen und zu verkünden haben, so daß auch in der langen, manchmal schrecklichen, kongreßlosen Zeit jeder einzelne Jude auf dem Posten, auf dem er steht, weiß, was er zu thnn hat, woran er zu arbeiten hat und sich von Zufällen, so schmerzlich sie auch sein mögen, nicht verwirren, nicht aus Reih und Glied bringt läßt. Denn sehen Sie, eine jüdische Volkspolitik hat es bisher niemals gegeben. Mit dem krampfhaften, unzusammenhängenden, automatischen Reflexbewegungen der Abwehr, die einzelne Juden oder kleine Theile des jüdischen Volkskörpers der Gefahr und dem Angriff entgegensetzen können, ist dem jüdischen Volke in seiner Gesammtheit nicht geholfen. Es bedarf wohlkoordinirter Vertheidiguugsthaten des ganzen jüdischen Volksorganismus. Nichts kann mir ferner liegen, als die jüdische Wolthätigkeit gering zu schätzen, aber mit der Wolthätigkeit allein ist nichts gethan. Liegt kein Hohn darin, daß jährlich Millionen aufgewendet werden zur Unterhaltung von Ackerbauschulen für Juden, die den Acker nicht bebauen dürfen, von Handwerks - schulen für Juden, die das Handwerk bloß an Orten betreiben dürfen, wo es eine sichere Anweisung auf langsames Verhungern ist. Darin wollen wir Wandel schaffen. Die Einführung der jüdischen Jugend in Berufe, die sie nicht ausüben darf, das Herumschickeu der Sammelbüchse nach jeder - geschehenen Mordthat darf nicht länger unsere alleinige Volkspolitik sein. Die neue Volkspolitik, die ich Sie anzunehmen und zu verkünde» bitte, heißt: Organisation. Organisationen durch Stärkung und Vermehrung unserer Machtmittel zum Zwecke der Befassung der Mächte mit der Judenfrage und Beginn der Vorarbeiten zur Verwirklichung unserer politischen Pläne. Das sind so große und schwierige Aufgaben, daß wir uns dem Verdachte mangelnden Ernstes aussetzen - würden, wenn wir ihnen auch nur den kleinsten Theil unserer Kraft entziehen würben, um sie anderen Zielen zuzuwenden. Vor dem unverrückbaren Ziele der jüdischen Besiedlung Palästinas darf es nur eine Haltestelle unterwegs und eine provisorische Arbeit geben: das ist die Errichtung eines Nothbaues für die hunderttausend unglücklichen Brüder — ob Zionisten oder nicht, ist ganz gleich - giltig. Für diese Hunderttausende müssen wir, ehe wirihnen eine ständige Dauerwohnnng anweisen können, gleichsam ein Nachtasyl eröffnen! Als solches Nachtasyl würde ich die Kolonien ansehen, zu der die britische Regierung unter gewissen Bedingungen uns Land zu gewähren bereit ist. Freilich wäre es ein Nachtasyl ganz eigenthümlicher Art, wie ja alles, was wir Juden als Volk unternehmen, einzigartig ist. Es wäre ein Nachtasyl, das seinen Bewohnern nicht blos augenblicklichen Unterschlupf und Nahrung gewährt, sondern das auch ein politisches und geschichtliches Erziehungsmittel sein würde, ein Erziehungsmittel, das die Juden und die Welt an denen ihnen seit Jahrtausenden fremd und vielen unleidlich widerwärtig gewordenen Gedanken gewöhnt, daß wir Juden ein Volk sind, ein Volk, fähig, willig und bereit, alle Gesammtaufgaben eines gesitteten, selbstständigen Volkes zu erfüllen. (Lang andauernder. Beifall). .

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