Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1903
- Issue
- Heft 34 (4.9.1903)
- Date
- 1903-09-04
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Seite 5. Nr. 34. Die lVahrheit Comitös zu wenig Positives geleistet wurde, daß Dr. Herzl trügerische Hoffnungen erweckt und, ohne den Kongreß zu befragen, beachtenswerthe Projekte, wie z. B. dasjenige betreffs Wa^i-el-Aiiich, zurückgewieien, hingegen andere in Angriff genommen habe, die der Einheitlichkeit des Zionismus nur nachteilig sein könnten, weil sie die Aufmerksamkeit von der Erstrebung der natürlichen Heimat, Palästina, abzulenken geeignet seien. All' den Zusicherungen der Mächte stehe er (Redner) sehr skeptisch gegenüber, und es wäre verhängnißvoll, wenn auf diesem schwanken Grund irgend ein Projekt aufgebaut werden würde. Alles im Allem müsse er erklären, daß die Thätkgkeit des Aklions-Comites dem Zionismus nicht förderlich gewesen sei. Dr. Herzl trat unter lebhaftem Beifall der Mehrzahl der Versammlung dem Vorredner nachdrücklich entgegen, indem er namentlich betonte, daß er nichts unternommen habe, ohne die Ansicht und Zustimmung des Aktions Comitss einzuholen. Zwischen den Erörterungen über den Geschäftsbericht hielt Dr. No rdau-Paris einen Vortrag über die politische Haltung des Zionismus. Nach einigen persönlichen Bemerkungen sagte der lebhaft acclamirte Redner folgendes: Unser Präsident hat uns gestern zwei Thatsachen mitgetheilt, die über den vor uns liegenden Weg bisher ungekannte Helligkeiten verbreiten. Er hat uns eröffnet, daß die britische Negierung bereit ist, dem jüdischen Volke eine Landkonzession zu gewähren, nicht unter den Formen, in denen derartige Konzessionen gewöhnlich ertheilt werden, nicht zum Zwecke finanzieller Spekulation urrd geschäftlicher Ausbeutung, sondern mit ausdrücklicher Betonung des Wunsches der britischen Regierung, dem jüdischen Volke Sympathie zu bezeugen und ihm bei seinen Bemühungen zu gründlicher Selbsthilfe beizustehen. Der Vorsitzende hat uns ferner mitgetheilt, daß die russische Negierung ihm amtlich bedeutet habe, daß Rußland geneigt sei, unsere Bemühungen zur jüdischen Besiedelung Palästinas zu fördern. Das ist nun .die diplomatische Lage, vor der die zionistische Bewegung steht. Vier Mächte, mit die größten, die sich in die Herrschaft über den Erdball theilen, haben, wenn nicht für das Volk, doch für den Zionismus freundliche Gesinnungen geäußert. Se. Maj. der deutsche Kaiser hat unserer Bewegung bei ihrem Ursprung sein Wohlwollen ausgedrückt. Die britische Regierung ist bereit, ihre Sympathie in Begleitung von köstlichen Imponderabilien in einer sehr greifbaren und praktischen Form, in Form einer Laudverleihnng zu bethätigen. Die russische Regierung hat ihre Bereitwilligkeit ausgesprochen, unsere Pläne, soweit sie die jüdische Besiedelung Palästinas betreffen, zu fördern. Die Bereinigten Staaten von Nordamerika haben in der letzten Zeit zwei diplomatische Schritte gethan, welche die Hoffnung rechtfertigen, daß wir uns in einem gegebenen Augenblicke nicht vergebens an ihre Sympathien wenden würden. Der vierte Punkt des Basler Programms, an dessen granitener Fügung die Nörgler und Nager sich die Zähne ausbrechen werden, spricht in seinem nothwendigen und gewollten Lakonismus, der kein breitspuriges Eingehen auf Einzelnheiten und keine Entwickelung der darin elliptisch ausgedrückten Gedanken gestattet, von „Schritten zur Erlangung der Regierungs- Zustimmungen, die nothig sind, um das Ziel des Zionismus zu erreichen". Dieser vierte Absatz hat von jeher das Glück gehabt, von den Widersachern des Zionismus als besonders spitzer Dorn im Auge empfunden zu werden. An diesem vierten Absätze hat sich der Witz unterer Widersacher immer am meisten geübt. „Diese Regierungs-Zustimmungen" wurde uns immer spöttisch wiederholt, „werdet Lhr nie und nimmer erlangen. Der Snltan will und kannEuchPalästina niemals öffnen,denn selbst wenn er dazu geneigt wäre — was ja nie sein wird — würde er auf den Widerspruch Rußlands stoßen, und Euren schönen Augen zu Liebe wird der Sultan sich wohl niemals mit seinem mächtigsten Nachbar Überwerfen. Rußland aber wird nie und nimmer zugeben, daß der Boden, über den der Fuß des Sti fters der christlichen Kirchen hingeschritten ist, jemals jüdisch werde' Unsere Kritiker haben wieder einmal die Richtigkeit und Weis - heit der englischen Redensart erprobt, das; man nicht prophe zeihen solle, es wäre den,», man wüßte es! Rußland, in dem wir das unüberwindliche Hindernis auf unserem Wege erkennen und fürchten sollten, Rußland erklärt uns freundlich, daß es gar nichts gegen die Besitznahme palästinensischen Bodens durch Juden einznwenden habe. Und nun, geehrte Versammlung, werfen Sie einen Blick auf den Weg, den der Zionismus in nicht ganz siebenjährigem Bestände in seiner gegenwärtigen Form zurückgelegt hat. Nach nicht ganz einjähriger Arbeit hat er diesen Kongreß geschaffen, den heute mit Ausnahme einiger verbohrter jüdischer Widersacher Niemand mehr in feiner Eigenschaft eines rechtmäßigen Vertreters des jüdischen Volkes bestreitet. Alle ernsten Menschen erkennen, daß wir die zu den Akten legitimirten Sachwalter des jüdischeu Volkes find. Seit dieser ersten That sind sechs Jahre verstossen. In diese» sechs Jahren haben wir, von allem andern abgesehen, eines gethan: wir haben die Welt in aller Form mit der Judenfrage besaßt. Bis zum Auftreten des Zionismus wurde der nicht jüdischen Welt von den Personen, die bis dahin allein als die amtlichen Vertreter des Jndenthums anerkannt waren, immer versichert, daß es keine Judenfrage gibt, daß die Juden 'glücklich und zufrieden sind. Es war, namentlich in den letzten Iah,zehntel,, seit der Emanzipation der Inden im Westen, eine eiserne Tradition des amtlichen Jndenthums geworden, bei jeder Berührung mit Nichtjnden eine lächelnde Optimistenphyfioguomie anzunehmen. Wann immer ein Minister, oder gar ein Staatsoberhaupt, ans Reisen oder bei feierlichen Anlässen die amtlicheir Vertreter des Jndenthums empfing, hörte man dasselbe Lied: „Wir sind glücklich unter Ihrer Regierung, oder unter Ihrer Verwaltung, wir sind tief dankbar für den gnädigen Schutz, den Sie uns angedeihen lassen; wir werden unterthänigft bemüht sein, uns Ihrer Hulo und Gnade weiter würdig zu machen." Es ist den Regierungen nicht übel zu nehmen, wenn sie mit einem Anschein guten Glaubens den Inden, die sich nun bei ihnen beklagen, erstaunt entgegnen: „Was, Ihr seid nicht zufrieden? Ihr beklagt Euch? Das ist ja etwas ganz Neues! Euere rechtmäßigen Vertreter haben uns immer das Gegentheil versichert!" Ich nehme es als ein großes Verdienst des Zionismus in Anspruch, daß er dieser Zufriedenheits-Heuchelei und Dankbarkeits-Komödie ein Elte gemacht hat (langanhaltender Beifall). Wir haben zuerst laut und deutlich gesagt: Wir stad nicht zufrieden, wir halten unsere Lage für eine sehr schlechte, wir empfinden unsere Behandlung als eine unwürdige und unverdiente, wir halten eine grnndstürzende Aevderung unserer Lage für eine Lebens-Rothwendigkeit, nach den demüthigeuden Erfahrungen, die wir mit den Anähnlichungsversuchen an andere Völker gemacht, haben wir uns aus uns selbst besonnen und wollen uns in unserer Art, in eigenem Recht, ans eigenem Boden ausleben. Zur Liebe können wir Niemand zwingen : Gerechtigkeit jedoch dürfen wir fordern, weil wir ein menschliches Antlitz tragen (tosender Beifall). Es ist aber nicht gerecht, daß man uns als Parias, oder bestenfalls als Bürger zweiter Klasse, und überall als widerwillig geduldete, fremde Eindringlinge behandelt. Wir sind keine Parias und wollen uns nicht zu solchen Hinabdrücken lassen. Wir wollen in Palästina Bürger erster Klasse (langdauernder Beifall), mit dem allseitig anerkannten geschichtlichen Rechte von llreingeseffenen sein, und wir bitten die Regierungen, uns zu der Erreichung dieses Zieles behilflich zu sein. Das, ich wiederhole es, mag den Mitlebenden gering scheinen, thatsüchlich ist es eine Wendung in der Geschichte des jüdischen Volkes. Wir haben verlangt! Wir haben verlangt, daß uns Palästina, unter selbstverständlich, r Wahrung der Hoheitsrechte des Sultans, unter ebenso selbstverständlicher Exterritorialisirung der Heiligen Stätten, an denen die ganze Christenheit mit ihren tiefsten Gefühlen der Verehrung und Liebe hängt, jedoch gleichzeitig unter Gewährleistung des unerläßlichen Mindestmaßes von