Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1903
- Issue
- Heft 34 (4.9.1903)
- Date
- 1903-09-04
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Die Wahrheit. Nr. 34. zurückkehren mußte, mit den weiteren Verhandlungen ein Mitglied der entsendete» Kommission. Es folgten langwierige Verhandlungen, die jedoch, wie ich mit Bedauern mitzuteileu habe, das Ergebnis hatten, daß die egyptische Regierung erklärte, sie sei nicht in der Lage, auf die Sache weiter eiuzugehen, da das fachmännische Gutachten dahiuging, daß es unmöglich sei, die pelnsinische Ebene ausreichend mit Wasser zu versorgen, und daher auch die Besiedelung von El-Arisch oder einem anderen Teile der Halbinsel nicht erfolgen köunne. Als die Mitglieder der britischen Regierung, mit denen ich vorher in Verbindung gestanden, von dem der egyptischen Regierung erteilten fachmännischen Rate und von Entschließungen zu weichen sie sich genötigt sah, Kenntnis erlangt hätten, schlugen sie mir sofort au Stelle des früheren die Bewilligung eines anderen Landgebietes zum Zwecke der jüdischen Kolonisation vor. Das neue Landgebiet hat nicht den geschichtlichen, poetischreligiösen Wert, den auch noch die Sinaihalbinsel besessen hätte, aber ich zweifle nicht, daß der Kongreß als Vertreter der jüdischen Masse auch das neue Anerbieten mit wärmster Dankbarkeit entgegennehmen würde. Der Vorschlag bedeutet eine autonome jüdische Ansiedelung in Ostafrika mit jüdischer Verwaltung, jüdischer Lokalregierung und einem jüdischen Oberbeamten an ihrer Spitze, alles natürlich unter britischer oberhoheitlicher Ueberwachung. Da dieser Vorschlag gemacht wurde, fühlte ich mich nicht gerechtfertigt, im Hinblicke auf die Verfassung des Judentums und die Notwendigkeit, sofort irgend ein Mittel zur möglichsten Besserung der Lage zu finden etwas anderes zu tun, als die Erlaubnis zu erlangen, den Vorschlag dem Kongresse zu unterbreiten. Damit die Sache indeß für uns alle ein hinreichend greifbares Interesse habe, war es notwendig, den Vorschlag in eine Form zu bringen, der auf unsere uns allen so teuren nationalen Bestrebungen Rücksicht nehmen würde. Unser Vertreter führte daher einige Zeit hindurch mit den Mitgliedern des britischen Kabinets und mit. den Ressortschess eingehmde Verhandlungen, die einen günstigen Fortgang nehmen. Ich möchte den Anschauungen des Kongresses über die Politik, die die zionistische Bewegung diesen Vorschlägen gegenüber befolgen will, nicht vorgreifen, allein obschon selbstverständlich das jüdische Volk kein anderes Endziel haben kann, als Palästina, und obwohl, was immer das Schicksal des Vorschlages sein mag, unsere Anschauungen über das Land unserer Väter unabänderlich sind und bleiben müssen, so wild der Kongreß doch erkennen, welche außerordentliche Förderung unsere Bewegung durch die Unterhandlungen mit der britischen Regierung erfahren hat. Zion ist das freilich nicht und kann es nie werden. Es ist nur eine Kolonisationsaushilfe, aber wohlzemerkt auf staatlicher und nationaler Grundlage. Das Zeichen zum Aufbruche können und werden wir unseren Massen daraufhin nicht geben. Es ist und bleibt lediglich eine Notstaudsmaßregel, die der jetzigen Rathlofigkeit aller philantropischen Unternehmungen abbelfen und dem Verluste solcher versprengter Volksteile Vorbeugen soll. So lagen die Dinge, als die letzte Wendung eintrat, die erst wenige Tage alt ist, aber eine sehr bedeutende Entwicklung. dar stellt. Die wohlbekannten Ereignisse machten es notwendig, daß ich im Interesse des jüdischen Volkes nach Rußland reiste. Ich hatte die willkommene Gelegenheit, mit der dortigen Regierung zu verkehren, und ich kann sage», daß ich einem gewissen Verstäudnisie unserer zionistischen Bestrebungen begegnete, sowie auch Aeußeruugen des guten Willens hörte, etwas Entscheidendes für uns zu tun. Ich gestehe übrigens, daß ich bei dieser Gelegenheit nicht nur Parteimann war — Sie werden es mir nicht übel nehmen. Ich sprach nicht nur für die Zionisten, sondern für alle Juden in Rußland. Ich bemühte mich, einige Verbesterungen ihrer traurigen Lage zu befürworten und erhielt auch die Zusicherung, daß solche Erleichterungen demnächst in Erwägung gezogen werden sollen. (Beifall.) Bedeutender waren die Zusicherungen, die ich für die zionistische Bewegung erhielt. Ich bin in der Lage, zu erklären, daß die russische Regierung dem Zionismus kein Hindernis in den Weg legen will, wenn er wie bisher einen ruhigen und gesetzlichen Charakter beibehält. Die russische Regierung ist ferner bereit bei der Deckung der Gelderfordernisse einer von uns Zionisten geleiteten Emigration mitzuwirken.. Endlich, und darauf ist wohl das allergrößte Gewicht zu legen, ist die russische Regierung bereit, unsere Bemühungen um die Erlangung von Palästina bei Se. Maj. dem Sultan mit ihrem Einfluß zu unterstützen. Die Tragweite dieser Erklärung, die ich dem Zionistenkongreß übermitteln darf, ist wohl jedem erkennbar. Ein solches Versprechen der russischen Negierung bedeutet einen diplomatischen Gewinn, der nicht zu hoch veranschlagt werden kann. Nicht nur ist ein enormes Hindernis beseitigt, es ist auch plötzlich eine mächtige Nachhilfe vorhanden. Ihre' Wirkungen sind allerdings noch abzuwarten, aber mit erfrischtem Mute und größeren Aussichten als je vorher können wir unsere Bemühungen um El ez Israel fortsen. Es wird natürlich auch jetzt wieder Leute geben, die nur das Bittere aus diesen Vorteilen heraussehen. Die Hilfe der Mächte, werden diese Leute sagen, bedeute nichts Erfreuliches. Sie wollen uns los haben, oder sie wollen uns nicht hineinlassen. Gut! wenn darin eine Ungerechtigkeit gegen unser Volk liegt, so wollen wir darauf die Antwort in Zukunft.geben. In unserer Zukunft, in unserem Lande! Und diese Antwort soll bestehen in einem Erhöhen der menschlichen Gesittung. Nachdem der jubelnde Beifall, der Dr. Herzl nach Beendignng seiner Rede zutheil wurde, sich gelegt hatte, .wurde das Bureau gebildet und auf Vorschlag des Herrn Dr.. A. Marmore k folgendermaßen zusammengesetzt: Präsident Dr. Herzl, Vicepräsidenten Dr. Max No r d a U'Paris, Dr. M. M andelst a m m Kie v, Sir Francis M o n t e f i o r e-London, Dr. M. B o d e n h e im e r-Köln und 9 Beisitzer. Zu Schriftführern wurde» ernannt: Redakteur R. S ok o lo w-Warschau, Rabbiner M. L e w i n-Jelissawetgrad (für Hebräisch), Dr. I. W. M a r m or e k-Wien (Deutsch), Dr. F. R a v e n n a-Florenz (Italienisch) Dr. K o h a n-B e r n st e i n-Kischinew, Prof. Dr. Belkowsky- Petersburg und Rechtsanw. Dr. B r u ck-Minsk (Russisch), Dr. A. Mar m o r e k-Paris (Französisch), Rechtsanw. Rosenbau m-Minsk (Jargon) und Dr. A. K o r n h ä u s e r-Warschau (Polnisch). Hielauf erstattete Dr. Ko kesch-Wien den Kassen-, und Dr. A. Marmorek den allgemeinen Rechenschafts-Bericht des Aktions-Comitäs. Jnszesammt wurden 247158 Frcs. vereinnahmt, davon 232000 Frcs. an Scheckel-Geldern, und 158340 Frcs. verausgabt. Dr. Marmorek constatirte, daß die Zahl der Zionisten aller Länder seit dem letzten Ko igreß sich verdoppelt, 1 daß aber die Bewegung nicht nur an Umfang, sondern auch an Kraft gewonnen habe. Mit der Hebung der Bildung auf allen Gebieten zeige sich auch eine Erstarkung des, Selbstbewußtseins. Neue Vereine seien in Schweden, Norwegen, Griechenland, Marokko und auf Kreta entstanden.-In Deutschland zählt der Zionismus gegenwärtig 5000 Mitglieder. Die „Jüdisch- Kolonialbank" habe nach dem V. Kongreß ihre Thätigkeit begonnen und prosperire derart, daß sie bereits ^in der Lage sei, eine mäßige Dividende zu zahlen. Die Diskussion über den Geschäftsbericht brachte mitunter sehr erregte Debatten. Herr Dr. Farbstein-Zürich beantragte die Einsetzung einer Kommission von 21 Mitgliedern zur Prüfung des ostafrikanische» Projekts. Dr. Fried man n- Berlin unterstützte namens der deutschen, österreichischen, italienischen und holländischen Landsmannschaften diesen Antrag. Dr. P a z m ani k-Genf ersuchte, unterstützt von . russischen Rednern, den Congreß, die Palästinasrage intensiver zu betreiben.^ Davis T ri et s ch-Berlin tadelt, daß seitens des Aktions-