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Die Wahrheit · 1903-08-21 · Heft 32 (21.8.1903) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1903
Issue
Heft 32 (21.8.1903)
Date
1903-08-21
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 32 Die Wahrheit Seite 7. erfuhr ich, daß er ein Bergbewohner aus dem Norden sei, der nur heruntergestiegen sei, um für die nahenden Herbstfeste reinen Schachet, den rituellen Schächter der Juden,sin seinen Wohnort mitzunehmen, da man dessen Dienste dort nicht entbehren konnte. Das war, wie-ich ersah, überhaupt der einzige Anlaß, bei denen die Gebirgsbewohuer ihre Glaubensgenosse», anderswo aufsuchten. Sie haben kein Rabbis in ihrer Mitte und verhalten sich ganz gleichgültig gegenüber den Vorschriften und Zeremonien, die doch die anderen Juden als die Hauptfordernisse ihres Gtaubensbekenntnisses ansehen. Der Hochländer sprach fließend persisch, so daß ich mich leicht mit ihm unterhalten konnte. Und als der erwartete Schächter kam, gab er mir gern die Erlaubnis, ihn in sein Heimatsdorf mitzubegleiten. So kam es, daß ich nach drei Tagen die Genugtuung hatte, die Ansiedlung Artan Khan zu betreten, den Wohnort eines dieser jüdischen Stämme und die nähere Bekanntschaft einiger dieser merkwürdigen Hochlandjnden in ihrer vereinsamten Gebirgsheimat zu machen. Die Ansiedlnng,. die einige vierzig Wohnstätten von verschiedenen Größen umfaßt, liegt eng in einem allseits von Bergen geschützten Tale versteckt, welches ausgezeichnete Weiden für die Safe und das Rindvieh hat, die zum Besitz der Leute gehören. Dazwischen liegen auch Strecken von Ackerland, und das Rauschen eines Wasserfalles in der Ferne zeigt, daß das Haupterfordernis jeder Landwirtschaft im Ueberflusse vorhanden und leicht benützbar ist. Die Häuser, unregelmäßig angeordner, in ziemlicher Entfernung von einander, zeigen die gewöhnliche tatarische Bauart mit flachen Dächern; sie sind einstöckig, haben zum Schutze gegen die extremen Gegensätze des Wetters, Hitze und Kälte, dicke Mauern und leuchten weiß in der Sonne. Einige von den Häuschen sind so klein, daß sie nur für eine Familie reichen, andere wieder sind groß und haben eine ansehnliche Ausdehnung. Bei diesen Hochlandjuden ist es nicht Sitte, daß der Sohn bei seiner Verheiratung seines Vaters Haus verläßt. Er baut sich einfach ein Nebengebäude bei der väterlichen Wohnung und wirtschaftet hier. So nimmt, wenn drei oder vier Söhne und Enkel vorhanden sind, die Familienwohnstätte große Dimensionen an. Jedes Haus bat seinen eigenen Anteil am Land, das aus Gemüse- und Obstgärten, Weinbergen und Tabakbau besteht, die zusammen das bilden, was man im Tatarischen „Tschiflik" nennt. Der Anbau ist gut, der Ertrag ausgezeichnet. Alle Tataren sind vorzügliche Landwirte und Weinbauern, aber in keiner Hinsicht reichen sie darin an die Juden heran. Die zur Farm gehörigen Gärten sind mit Mauern aus Lehm von sechs Fuß Hohe umgeben, viele von den Häusern haben Verandas auf der Vorderseite, wo Tür und Fenster angebracht sind. Immerhin ist der Lieblingsaufenthalt das flache Dach, wo sich gegen Abend ganze Familien niederlassen, die Männer still vor hin rauchend, die Frauen die „Guzla" (ein tatarisches Instrument) spielend. Die Hochländer sind elegante, große und muskulöse Gestalten, ganz anders als die Juden, die der Westen kennt; sie sind durch Sonne und Wind und durch die Feldarbeit und Beschäftigung im Freien gebräunt. Sie tragen das halsfreie Hemd und die kurze blaue Jacke der Tataren, weiße Hosen und uugegerbte Schuhe, die an der Spiße nach oben gedreht sind. Die jüngeren und in mittleren Jahren stehenden unter ihnen tragen eine doppelte Haarflechte vor den Ohren. Die älteren rasieren den Kopf und tragen eine kleine, eng anliegende blaue Kappe. Sie sind ziemlich händelsüchtig, und da sie dem Trünke ergeben sind, sind Streitereien mit häufig ernsten AusgänLen nicht selten. Wenn einer einen anderen im Streite tötet, muß er sein Dorf verlassen und für immer in eineranderen Änsiedlung wohnen. Die Hochländer rühmen sich ihrer Tapferkeit und sind überzeugt davon, daß jeder von ihnen es immer mit zweien von den Plastonis aufnimmt, einem benachbarten - Häuberstamme, welcher sie häufig belästigt, indem er ihnen Rinder und Schafe stiehlt. Soeben sehe ich sechs junge Burschen - ankommen nach einen sechzehnstündigen Ritte, bewaffnet mit Flinten und den kurzen Hirschfängern, die sie zum Schleudern brauchen. Die Art, wie sie vom Sattel springen und das Pferd besteigen und auf einen Zug ein halbes Maß Branntwein trinken, welcher ihnen in einem großen Harne von einer älteren Frauensperson gereicht wird, zeigt, daß es jeder Tat fähige Leute find. Die Frauen machen keinen so guten Eindruck auf mich. Sie sind auf keinen Fall Schönheiten. Sie sind größtenteils groß und dick. Sie haben ein glattes, rundes Gesicht, behäbige Bewegungen und schläfrige Augen, welche den armenischen Frauen eigen sind, denen sie auch sonst gleichen. Ihr Haar tragen sie wie diese, ebenso den Kopfschmuck. Sit sind mit einem einem einfachen, lange»» Obergewa«d bekleidet, das am Hals »»nd an den Knöcheln eng «»»liegt. Strümpfe kennen sie nicht und haben dieselben Schuhe, wie die Männer. Gewöhnlich schminken sie sich nicht, aber a»n Sabbate, zu öffentlichen Zusammenkünften, Verlobungen. Hochzeiten .»nd ähnlichen Fainilienfesteu inalen sie sich einen Strich über das ganze Gesicht, schlvärzen ihre Augenbraue»» und färben die Fingernägel rot. Diese Mode zielt nicht auf ihre Verschönerung ab, doch scheint der Brauch,von ihren jüdischen Borfahrinuen a»»f sie gekommen zu sein. Lese»» wir den nicht, wie die Köuigin Isabel sich schininkle, ihre Nägel bemalten, bevor sie zum Fenster hiuaussah, an dem Zehn vorbeifuhr? Die Frauen herrschen unuinschränkt im Hause, und ihre Autorität in häuslichen Angelegenheiten ist unbestritten. An allen Orten, wo die Hoch» landjuden »vohnen, ist eine Schuapsbrennerei, welche immer die Frauen des Ortes leiten; sie sind ausgezeichnete Köchinnen »»nd berühint wegei» des Branntweins, den sie brennen, ergeben sich aber — merkwürdig genug — niemals und unter (einen Um-» ständen, dem Genüsse desselben. verschiedene Nachrichten. Wie«. Anläßlich des Geburtstages Sr. Majestät des Kaisers fanden am 18. August, wie alljährlich, in sämmtlicheir Synagogen Wien's und der Provinzgemeinden feierliche Festgottesdienste statt. Wien. In der Fugbachsynagoge fand ebenfalls ein Festgottesdienst anläßlich des Geburtstages des Kaisers statt. Es hat sich dev Gesammtvorstand mit Herrn Schramek, Kraus und Beck an der Spitze, eingefunden. Obercantor Abramowitsch trug mit Chor die üblichen Psalmen und Hymnen erhebend vor. Wien. In den von der „Leo-Gesellschaft" herausgegebenen Ab Handlungen und Vorträgen veröffentlichte vor einiger Zeit Herr Dr» Leopold Senfelder eine historische Studie: „Die Katakomben bei St- Stephan". In dieser Studie kommt eine höchst intereffante und bemerkenswerthe Stelle vor, aus welcher zu entnehmen ist, daß schon vor Jahrhunderten die Wiener Judenschaft bei St. Stephan eine Grabstätte hatte und die wir i»n Nachfolgendem wortgetreu wiedergeben wollen: Alte Registratur (Wien) ad 147/1743 u. 294/1753. Im Acte vom 23. Juli 1746, Bürgermerster und Rath a. d. n.-ö. Regierung, ist wieder ein Passus, den ich ohne Comentar zur Veröffentlichung bringe: „Wir haben zwar auch wegen den Lutheranern, Catrinern und Nation der Judenschaft (zumahlen keines aus allen diesen vor die Grabstatt etwas bezahlet das behörige annekttren wollen, umbwillen aber die Zeit nicht zugelaffe». derzeit ad originem zu können, alß werden wir künftighin, wenn anderst rosxeotu harum personarum eine Abänderung zu machen sein sollten, was werden anzubringen nicht unterlassen." Aamboritz, (Mähren). Am 19. d. M. feierte unser vielbeliebter Bezirksrabbiner, Herr Samuel Hahn, sein vierzigjähriges Dienstjubiläum als Seelsorger der Damboritzer Kultusgemeinde, der Jubilar, der sich um die Heranbildung der Jugend nicht allein als Religionslehrer, sondern auch als Mitglied des Orts- und Bezirksschulrates sehr verdient gemacht hat, hat sich die ihm von seiner Gemeinde und seinen Schülern zugedachten Ovatton verbeten und will den für ihn bedeutungsvollen Tag in völliger Zurückgezogenheit verbringen. Drün«. (Ein Brünner Kunstjünger.) Wir finben in der „Mar burger Zeitung" folgende Notiz aus Gleichenberg, 32. Juli: Herr B. M Leser, ein Schüler des Herrn Richard Wickenhauser, des Direktors des Steiermärkischen Mufikvereines in Graz, ist am 21. Juli vor einem zahlreichen, distinguiertem Publikum ausgetreten, um Zeugnis seines Könnens als Opernsänger abzulegen. Das Publikum begrüßte ihn bei seinem Erscheinen mit lebhaften Beifall-, der nach jeder Programmnummer zur Wiederholung kam. Das Preislied aus der Oper „Die Meistersinger" von Richard Wagner sang er mit südlicher Wärme. Aus Webers „Freischütz" brachte er das Lied „Durch die Wälder, durch die Auen" ebenfalls wirksam zum Vortrage. Rubinsteins „Asra" sang er mit feinster Pointierung und sehr ausdrucksvoll. AuS Meyerbeers Oper „Prophet" hörten wir die Hymne „Herr, Dich in den Sternenkreisen", ferner das „Schwanenlied" aus „Lohengrin" von Richard Wagner und» das Lied von .Goldmark „Wenn die Lerche zieht. Herr Leser machte durch

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