Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1903-08-21 · Heft 32 (21.8.1903) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1903
Issue
Heft 32 (21.8.1903)
Date
1903-08-21
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3062972-3063163-3063195--02627-3069319
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 6 Die Wahrheit^ Nr. 32 auf 1440 und die Bevölkerungsziffer einschließlich der jüdischen Tagelöhuer von 6782 auf 7897 gestiegen. Dieses günstige Gesammtresultat ist geeignet, mit den unerfreulichen Erscheinungen auf einzelnen Gebieten auszusöhnen. Unerfreulich sind zunächst die enormen Verwaltungskosten, die sich nach Dr. Souuenfeld's Bericht .auf jährlich 350000 Dollar belaufen. Davon beansprucht die Centrale in Buenos Aires 72840, die Verwaltung von Mosesville 12600, die von Manricion 11400 und die von Entre-Rios 37760 Dollar, den Rest der Unterhalt der Polizei und der Schulen. Aerzte und Medicamente, Bau und Instandhaltung der Verkehrswege etc. Das macht allein an Gemeinde- Kosten pro Kolonisten eine Jahresausgabe von 1426 Mk. Es soll nunmehr, versucht wereeu, die Administration zu vereinfachen, resp. zu verbilligen und die Verwaltung in die Hände der Bauern selbst zu legen. Die bisher gemachten Ausgaben, welche naturgemäß früher oder später bis auf Heller und Pfennig von den Kolonisten bezahlt werden müssen, haben die Schuldenlast derstlben in's Enorme gesteigert. In Entre-Rios giebt es Ansiedler, welche der. Gesellschaft 45000 Mk., in Mauricio einige, die 36000 Mk. schulden. Die alljährliche Schulden-Tilgnng bedeutet für die Meisten eine Jahres-Ausgabe von 3—4000 Mk.; für die 131 Kolonisten von Mauricio. betrug i. I. 1901 die Gesamtqüote 220000, d. h. je 1678 Mk. Endlich tritt noch hinzu, daß die meisten Kolonisten auch Schulden an Privatpersonen haben, welche weniger nachsichtig als die Gelellschaft sind und für ihr Geld außerdem — 18 Proc. Zinsen nehmen. Nichtsdestoweniger darf die Lage der 138 Kolonisten von Mauricio als sehr, günstig bezeichnet werden. Die Anpflanzung der Luzerne, wehche ihnen ausgedehnte Viehzucht ermöglicht, und eine glänzende Zukunft verbürgt, hat bewirkt, daß sie weder von der Laune der Witterung, noch von dem Willen der Heuschrecken abhängen. Außerdem haben sie 6664 Ha. mit Mais und 5559 Ha. mit Getreide bebaut, die im vorigen Jahre eine vorzügliche Ernte ergaben. Sie haben daher nicht nur pünktlich ihre Jahresraten geleistet, sondern viele von ihnen waren sogar in der Lage, jüdische Einwanderer aus Rußland als Arbeiter zu beschäftigen. Infolge dieser günstigen ökonomischen Situation ist die Administration auf einen Be- . amten nebst Gehilfen reduziert und die ganze Verwaltung in die Hand der Kolonisten selbst gelegt worden. Nicht gleich günstig ist die Lage von Mosesville. Diese älteste jüdische Kolonie in Argentinien hat in der letzten Zeit sowohl an Umfang ihres Areals, wie an Zahl ihrer Bevölkerung ganz erheblich zugenommen. Von 24000 Ha. i. I. 1899 ist sie auf 120000 Ha. i. I 1902, die Ziffer ihrer Kolonisten durch starke Zuwanderung aus Rußland und Rumänien von 130 auf 251 mit 385 Familien und 2500 Seelen gewachsen. Leider hat die Getreide-Ernte infolge der in dieser Gegend chronischen Dürre, welche die Provinz für Getreidebau wenig geeignet erscheinen läßt, ein wenig erfreuliches Ergebnis gehabt. Die alten Kolonisten hatten noch an der Luzerne, die durch den günstigen Stand des Grundwassers im Norden von Santa- Fe vorzüglich gedeiht, einen Rückhali gesund». Ein Teil der Luzerne wird verfüttert, der Rest in großen Ballen nach Buenos-Aires verkauft. Schlimmer waren aber die einstweilen ausschließlich auf den Getreidebau angewiesenen Neuansiedler daran. Diese mußten Vorschüsse, die aus Rumänien gekommenen sogar, direkte monatliche Unterstützung in Anspruch nehmen. Für die Zukunst wird beabsichtigt, rieben der Vergrößerung der LuzerUe-Anitflanzungeu mehr Maisbau als bisher zu treiben. Im Berichtsjahre wurden in Mosesville 18341 Ha. bebaut, davon 5011 mit Getreide, 3785 mit Flachs, 2285 mit Mais und 7159 mit Luzern. An Nutzvieh besaß die Kolonie 12687 Sjück, ,2659 Ochsen, 3558 Pferde und 6376 Kühe. Sehr schlecht geht es leider immer noch den 705 Kolonisten von Entre-Rios, welche mit 800 Familien und 4097 Seelen das Gros der jüdischen Bauern in Argentinien bilden. Die Ursache ihres Mißerfolgs ist leicht begreiflich. „Wegen des zu tiefen . Standes des Grundwasst-rs will die Luzerne nicht gedeihen . . . . Das Terrain ist wellenförmig und der Getrcidebäu auf demselben schwierig . . . . Nasse Jahre wechseln mit Langwieriger Dürre ab . . . . Die Kolonisten haben fortwährend Enttäuschungeu erlebt; denn bald wurde ihre Ernte von der Dürre vernichtet, bald von heftigem, unablässigen Regen erdrückt", so berichtet Herr Dr. Sonnenfeld: Es ist bedauerlich/ daß gerade diese Provinz, die der Herr in seinem Zorne geschaffen zu haben scheint und in welcher es selbst der genügsamem Italiener und der tüchtige Deutsche nicht lange aushalten, für jüdische Kolonisations-Versuche ausgewählt und der größte Teil aller jüdischen Ansidelungen Argentiniens hierher verlegt worden sind. Der Bodenbesitz der J. C. A. in dieser Provinz erstreckt sich wie gesagt, auf über 200000 Ha. (etwa. 40 Qnadratmeilen), von denen 100000 Ha. zur Verfügung der bereits ansässigen Kolonisten stehen. Dieselben haben davon 27791 Ha: (gegen 19036 im Vorjahre) angebaut und zwar 14638 mit Getreide, 8649 mit Flachs und 3060 mit Mais. Ihr Viehbestand (24 765 Köpfe) hat eine namhafte Vermehrung um 2625 Stück erfahren. Aber aller Fleiß hilft nicht gegen schlechte klimatische Verhältnisse. Daher kommt es daß die Bevölkerung in den 20 Kolonien von Entre-Rios, trotz neuer Zuwanderung aus Rußland, stetig zurückgeht und seit 1899 von 4982 auf 4097 gesunken ist. Die gegenwärtige Situation der Köloniste l ist kurz folgende: Kein einziger von ihnen ist in der Lage, irgend welche Rückzahlung zu leisten, der größte Teil zudem mit Privatschulden bebürdet. Die Bauern von Lucienville, Primero de Moho und Basavilbaso bedüfen aber wenigstens keiner direkten Unterstützung und ernähren sich noch einigermaßen; weit schlimmer daran sind die Kolonisten der Gruppen Clara und San Antonio. Man hofft, durch extensive Kultur, durch Anlegung von umfangreichen Maisplantagen rc. wenigstens die Kinder dieser Kolonisten zur ökonomischen Selbständigkeit zu bringen. (Fortsetzung folgt.) Transkaukasische Lude». Es tvar in der Schemacka in Transkaukasien während der jährlichen Märtyrerprozession zu Ehren der Heiligen Hussein und Ali, als ich zum erstenmale einen dieser Hochlandjuden sah. Die Hauptstraße war mit Mohammedanern gefüllt. Sie schrien und heulten, schlugen sich an die Brust und rausten das Haar, als die Märtyrer blutend vorbeikamen, einige darunter, die Messer, Schwerter und Dolche durch die zitternden Muskeln von Arm, Brust und Rücken gestochen hatten; andere wieder die mit Vatagans Stirn und Schulter zerfleischten, Ströme von Blut hinter sich lassend. Ein Mann, der in meiner Nähe stand, fiel mir auf, weil er den ganzen Vorgang interesselos ansah, mit jener gleichgültigen und ausdruckslosen Teilnahmslosigkeit, wie sie nur ein Orientale an den Tag legen kann. Es war ein großer, starker Bursche von dunkler Gesichtsfarbe und stechendem Blick. Er trug einen kurzen Bart, der am Ende nach oben gekräuselt war; das Kopfhaar war zu beiden Seiten lockenförmig gedreht, so daß es in kurzen Strähnen an den Ohren baumelte. Bekleidet war er mit einem eng anliegenden Kastan, der bis zu den Knien reichte, um den Leib hatte er einen Gürtel,in dem eine alte Pistole steckte. Seine Kopfbedeckung war nicht die lange, spitze Astrachanmütze der Perser, sondern hatte eine niedrige kurze Form, wie sie die Tartareu bevorzugen. Sine Beine staken in weiten Hosen, die oberhalb der Knie eng zusammengebunden waren; seine Fußbekleidung bestand aus ungeschwärzten Schnürschuhen, die an den nach oben gerichteten Spitzen nicht unschwer den Bergbewohner erkennen ließen. Erstaunt über die außerordentliche Gleichgültigkeit des Mannes fragte ich einen von den Zuschauern, ob er wüßte, woher der Mann sei. Seine Antwort war, „Peder sukhte." was auf deutsch „Sein Vater wurde verbrannt", bedeutet. Das war natürlich nur eine höfliche Umschreibung der Perser, wenn sie sagen wollen, daß er ein Ungläubiger, ein Nichtmoslem sei. Ich war überrascht, denselben später im Laufe des Tages im Hause eines jüdischen Notabeln der Stadt anzutreffen. Hier

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.