Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1903
- Issue
- Heft 31 (14.8.1903)
- Date
- 1903-08-14
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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CmO b Oie Wahrheit Nr. 31 war und zu dem sich insbesondere aus Rußland und Oesterreich-Ungarn sowie aus Frankreich zahlreiche Delegierte eingefunden hatten. Nachmittags fand eine große Kundgebung statt, bei welcher alle Rabbiner öffentlich einen feierlichen Eid auf die Bibel leisteten, daß die Beschuldigung des Ritüalmordes ein boshaft erfundenes Märchen sei. Dir äußere Veranlassung zu der Kundgebung war das in den letzten zwei Jahren beobachtete Auftauchen des Vorwurfes im Orient, wo die Ritualmordbeschuldigung früher nie vorgekommen war. Die Versammlung hätte deshalb ursprünglich in Jerusalem stattfinden sollen, wurde aber zur Bequemlichkeit der ruffischen Teilnehmer nach Krakau verlegt. Die öffentliche Versammlung fand in der sogenannten Alten Synagoge statt, einem Jahrhunderte alten Gebäude inr Krakauer Judenviertel. Der Krakauer Oberrabiner Horowitz hielt die Eröffnungsrede. Daß man sich, sagte er, gegen den Vorwurf des scheußlichen Verbrechens wehren müsse, sei eine Schmach, aber sie falle auf diejenigen zurück, die die versammelten Seelsorger zu diesem Schritte gezwungen hätten, von denen mancher schweren Herzens sich dazu entschloß, erst mit seinem Eide zu bekräftigen, was doch so selbstverständlich sei. Die Vorgänge an verschiedenen Orten aus der letzten Zeit hätten die Rabbiner nach Krakau geführt. Glücklicherweise sei man in Oesterreich durch den Schutz des Kaisers und der Behörden noch nicht soweit gekommen wie in Rumänien oder Rußland, und die Juden haben allen Grund, dem Kaiser dafür dankbar zu sein. (Die Versammlung erhebt sich bei diesen Worten von den Sitzen.) Redner fährt fort: Die Schamröte steigt einem ins Gesicht, wenn man sich gegen einen solchen Vorwurf wehren muß, aber es gilt den Ruf des Judentums in der ganzen Welt. Nicht uns. schließt er seine längeren Ausführungen, sondern die Menschheit zu reinigen von dieser schändlichen Verleumdung, dieser Sünde und Schande, ist heute unser Zweck. Daher fordere ich alle Rabbiner auf, den Namen Gottes anzuufen, um die Beschuldigung, die aus Bosheit und Dummheit gegen uns erhoben wurde, als Lüge zu erklären, damit sie für immer vergeffen werde und für immer vom Erdboden verschwinde." Die Bundeslade wurde geöffnet, der Oberrabbiner entnahm ihr eine Bibelrolle und sämtliche Rabbiner leisteten den Schwur, in welchem es heißt: „Wir schwören, daß das verabschcuungswördige Blutmärchen, welches böswillige und tückische Menschen gegen unsere Brüder, die Kinder Israels, seit Jahrhuuderten in den verschiedenen Staaten erdichteten, als 'ob das Blut von Nichtjuden oder Nichtjüdinnen zu rituellen Zwecken verwendet würde, sei es als Gebot oder als Gebrauch, oder als irgend eine ähnliche Einrichtung, sich weder in der Bibel noch in den anderen überlieferten Schriften, das heißt der Thora, den Propheten nnd den anderen heiligen Schriften findet, weder inr babylonischen noch im jerusalemischen Talmud hem Schulchan Aruch und allen Codices der alten und neuen Rabbiner; keiner einzigen all dieser heiligen Schriften ohne Ausnahme findet sich inrgend eine Gesetzgebung oder eine gesetzliche Bestimmung oder auch nur die mindeste Andeutung über solch eine abscheuliche wiederwärtige Tat. Wir haben aber auch nie gesehen oder gehört, daß sich unter uns irgend welche Sekten oder einzelne Personen vorfanden, die solche abscheuliche und niederträchtige Handlung begingen. Als die Worte dieses Eides beendet waren, erscholl zum Schluffe aus der Versammlung ein lautes Amen als Antwort und als Zeichen, daß auch für sie der Schwur gelten soll. Schriftliche Eidesleistirngen waren von Rabbinern aus allen Teilen der Welt eingelangt. Einzelne Rabbiner gaben in kürzeren Ansprachen noch ergänzende Erklärungen zu denr Eide. Mit besonderer Aufmerksamkeit wurde der Oberrabbiner von Alexandrien, Chacham Chasan - Pascha, angehört, der in einem reichgeschückten orientalischen Gewände mit vielen Ordensauszeichnungen erschienen war. Es wurde besonders auf die Bullen der Päpste und auf die Verfügungen des Sultans sowie des Kaisers Nikolaus I. über die Bekämpfung dieses Aberglaubens hingewiesen. Vor dem Tempel harrte eine dichtgedrängte Menge und es kam zu Reibereien mit der Polizei, wobei einige Polizisten und Polizeibeamte verletzt worden sein sollen. Galeb Jetrarim.*) Von Leopold Sacher-Masoch. Nie vergeß' ich dein Jerusalem Jehuda Ben Halevy. Zweierlei Licht kämpfte in der kleinen, düstern Dachkammer gegeneinander, das Licht der Unschlittkerze, die zum Stümpfchen herabgebrannt war, und das Licht des Morgens, das durch den grünen Vorhang hereindrang. Es war hier wie das letzte Ausflackern eines Stertenden und dort wie der frische Athem eines Neugeborenen. Eine scheidende Seele und eine zweite, welche erwachte. Das fahle, unruhige Licht der Kerze spielte auf den vergilbten Blättern des großen Buches, das auf dem Tisch aufgeschlagen war, während der rothliche Schimmer des jungen Tages die bleiche Stirn des jungen Mannes beschien, der in seinem armseligen Lehnstuhl lag, in tiefes Sinnen versunken. *) Jüdisches Lebe» Zn Wort und Bild, Beusheimers Verlag Mannheim. Seine schlanke Gestalt war in einem fadenscheinigen Kaftan eingewickelt, unter dem kleinen schwarzen Sammetkäppchen quoll schwarzes Haar in wirren Locken hervor und fiel schwermüthig in ein Gesicht, auf dem der Frühling der Jugend niemals aufgeblüht war, ein Gesicht, in das Leiden, Entsagung und Studium ihre scharfen Linien gezeichnet hatten, in dem nur die großen Augen leuchteten, dunkle Augen, die den Himmel suchen, die sich vom Leben abgewendet hatten, in eine andere. Welt, in jene Oede, in welcher jede Farbe erlischt, jeder Ton erstirbt, in welcher die Hand in das Leere tastet und nur der Gedanke herrscht, erhaben, einsam, unbeschränkt. Er war arm und krank, dieser bleiche Galeb Jekarim, welcher die Nächte vor seinen Büchern durchgewacht hatte, und doch war er glücklich. Er hatte keine Mutter und seine Lippen hatten noch niemals den rothen Mund eines Weibes bepührt^ aber er hatte eine Geliebte gefunden schöner als alle Frauen der Erde, und reicher geschmückt als alle Sultaninnen. Nichts war fein eigen, nicht einmal der Talmud, das heilige Buch, die einzige Quelle seiner Freuden, aber wenn er sich in die vergilbten Blätter versenkte, da war es, als ob ihm Fittige wuchsen, die ihn emportrügen, hoch immer höher, bis er endlich in einem Meere vom Licht schwamm, tief unter sich den Qualm und das Gewimmel der Städte, die engen, dunklen Thäler, .die weiten Flächen, die der Pflug durchzieht, die feuchte Wüste des Ozeans mit ihren segelnden Schiffen. Da^ vergaß er alles, seine Armuth, seine Einsamkeit, diese brennende Sehnsucht nach Liebe in seinem Herzen, diese Traum - gestalten der Freude, die in stillen Nächten um ihn webten, er vergaß die Schmerzen, das schleichende Fieber, das ihn quälte, nur eines vergaß er nicht. Wenn die Sonne leise durch den grünen Vorhang drang, und die elende Wand vergoldete, da war es, als schrieb eine unsichtbare Hand mit flammenden Lettern an diese Wand, die Worte des großen, jüdischen Poeten, den einst Spanien gebar, den Vers Jehuda ben Halevy's: Nie vergeh ich dein, Jerusalems 'j Und wenn der Mond die kleine Stube mit seinem keuschen Lichte erfüllte, da schien ein silberner Finger dieselben Worte auf den rauchigen Querbalken hinznzaubcrn, und wenn er in der Dämmerung des Abends auf dem Friedhof saß nnd träumte, da flüsterten Geisterstimmen in den Wipfeln der Cypressen : Nie vergeß' ich dein, Jerusalem! Ein brennendes, verzehrendes Heimweh hatte sich seiner bemächtigt, ein Heimweh nach dem Lande seiner Väter, das er niemals gesehen, das er nur aus den Schilderungen der heil. Schrift kannte. Dieses Heimweh war endlich mächtiger als er, als sein Vaterland, als seine Familie, und es bezwang sogar seine Schwäche und seine Armuth. Er lebte von der Liebe seiner Schwester, die ihm ein kleines Stübchen und Nahrung gegeben hatte, er hatte niemanden, der ihm die Mittel zu dieser großen Reise gegeben hätte, aber er hätte sich dennoch in dieser Nacht entschlossen, aufzubrechen, und als der junge Tag die weite Fläche mit seinem goldenen Licht übergoß, setzte er seinen Hut ans, ergriff seinen Stock und ging ohne Abschied fort, hinaus in die Fremde, in die weite feindliche Welt, nach dem gelobten Lande, nach Jerusalem! Galeb schlich durch den Garten, trat durch das kleine Pförtchen hinaus in das Freie und setzte seinen Weg dann zwischen den schwankenden Aehren auf dem schmalen Fußpfad fort. Am Rande des Waldes stand eine kleine Hütte, in der. Juden wohnten. Die Männer bestellten das Feld, und Midatja, die Tochter des Schalmon, dem das Bauerngut gehörte, weidete die Kühe in den Büschen. Als sie Galeb erblickte, ließ sie ihre Peitsche knallen und blickte ihn mit ihren schwarzen Augen halb theilnehmend, halb spöttisch an. (Fortsetzung folgt.)