Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1903
- Issue
- Heft 31 (14.8.1903)
- Date
- 1903-08-14
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 31. Die Wahrheit Sette 5 Abraham betet um Schonung für die Sodomiten, wenn sich in I ihrer Mitte 50, 40 Gerechte finden. Gleich darauf macht unser Vater Abraham einen kühnen Sprung und fragt: Vielleicht finden sich dort zehn? — Gott sagt, Israel soll vor Pi- Hachiroth lagern. Dann würde Pharao sprechen: Die Söhne Israels haben sich im Lande verirrt. .Ja usieso denn? Ganz einfach. Im Text heißt es : Israel soll u m k e h r e n, um vor Pi-H. zu lagern — das sieht schon einer Verirrung ähnlich. Aber Weiß hat gerade das charakteristische Wort ausgelassen! Nach Weiß darf man nach dem Weibe des Nächsten gelüsten, denn das Weib ist in den Zehngeboten ausgelassen! Ist es Absicht? Ist es Leichtsinn? Und ist dieser Leichtsinn zu verzeihen? Man ist manchmal in Verlegenheit, gewisse haarsträubende Fehler zu bewerten, da Unwissenheit nicht gut anzunehmen ist. Herr Professor Weiß wird wohl wissen, daß Jericho die Palmenstadt ist und nicht Zoar! (S. 229) — „Wie den Geringen, so müsset ihr auch den Großen angehören!" Weiß der Herr Professor nicht, daß es gerade umgekehrt heißt? — Ein krasses Beispiel von Verworrenheit ist folgende Stelle (S. 188): „Wenn eure Kinder und Kindeskinder gemischt geworden sind in dem Lande, diese aber ansarten werden-so nehme ich heute den Himmel und die Erde wider sie zum Zeugen, daß sie gar bald aus dem guten Lande schwinden werden, in das sie h i n ü b e r z i e h e n wollen, um es einzunehmen." — Im Original heißt es: Wenn du Kinder und Kindeskinder zeugen wirst-und ihr werdet ansarten-so rufe ich gegen e u ch Himmel und Erde zu Zeugen auf, daß i h r verschwinden werdet aus dem guten Lande, wohin i h r jetzt über den Jordan zieht, um es in Besitz zu nehmen. Nun mußte vor allem das Wort zeugen als unsittlich vermieden werden, dann kann es doch nicht heißen: i h r werdet verschwinden, wenn die Kindeskinder ausarten. Und so korrigirte unser Professor die heilige Schrift und schrieb den Unsinn, daß die Kindeskinder, welche erst geboren werden sollen, jetzt schon hinüberziehen wollen! Und dieser Unsinn ist nur möglich bei einem Manne, der die Art der heiligen Schrift nicht kennt, das Volk Israel von seinem Anfang bis ans Ende der Tage als Einheit aufzufassen, so daß man zu den Vätern sagen kann: ihr werdet sündigen, ihr werdet zu Grunde gehen, wenn auch die spätesten Enkel damit gemeint sind. Zum Ueberfluß wollen wir noch des Druckfehlerteufels Erwähnung tun, der mit dazu beigetragen hat, dieser biblischen Geschichte den Stempel der Unbrauchbarkeit aufzudrücken. Das Holz wird da geschlichtet anstatt geschichtet (S. 24), da hat man keinen B e i st a n d anstatt Bestand (S. 147), Jeschurnn wird satt anstatt fett (S. 222), Gott schwört hier: Ewig lieb ich! anstatt: So wahr ich ewig lebe (S. 224). So also sieht ein Werk aus, das nicht nur von einem k. k. Professor in Wien geschrieben, sondern auch vom Lehrkörper der theologischen Lehranstalt in Wien approbiert ist. Ist es da übertrieben, von der Misere des jüdischen Religionsunterrichtes zu sprechen?_ Die Juden und der Talmud. XXII. Als weitere 'Quelle sür die Uebertragung der jüdischen Sittettlehren in das Neue Testament sind zu nennen die inhalts reichen Schriften des großen jüdischen Philosophen Philo, des Alexandriners, (20 I. v. Jesus) von dem man sagte, daß er griechisch wie Plato schrieb. Seine über alle Teile der Mosaischen Lehre verfaßten Schriften enthalten sehr viele Sitten -lehren, die auch im neuen Testamente und im Talmud mitge -teilt werden. Die griechisch gebildeten Inden und Heiden- -Christen lasen dieselben schon deshalb mit Vorliebe, weil er viele historische Mittheilungen und Zeremonialgesetze im Penta ^eüch allegorisirte, was später nach ihm Paulus im Neuen Testamente tat. Aber Philo gestattete nicht, wie Paulus, die Auflassung der praktischen Uebnng der mosaischen Zeremonialgesetze, sondern ermahnte zur strengen Uebnng derselben und gieng nach dieser Richtung mit musterhaftem Beispiele voran, was seine Worte genügend erhärten. Ja seinem Buche: „Das Leben Moses" (II. 136) heißt es folgendermaßen: „Man muß beide, die höheren Wahrheiten des Gesetzes und das Gesetz selbst, gleich achten; jene als die Seele, dieses als den Leib, so w ie wir den Leib als den Sitz der Seele pflegen, so müssen wir auch den Buchstaben des Gesetzes beachten. Wenn, auch unter der Feier der Sabbat ein tiefer Sinn verborgen ist, so dürfen wir trotzdem am Sabbat kein Feuer anmachen, die Erde nicht bebauen u. s. w. Und wenn auch jedes Fest Sinnbild der Seelenfreude und der Dankbarkeit ist, so sollen wir trotzdem die gewohnten Feierlichkeiten und Gebräuche halten. Ferner sagt er id.: Moses war der „Weltheiland", der von Gott gesandt wurde, die Menschheit mit der wahren Religion zu beglücken. Nur Moses Gesetze bleiben fest, unerschütterlich und und unzerstörbar, wie mit dem Siegel der Natur selbst bezeichnet, und sie werden bestehen, so lange die Welt bestehen wird. Hiemit bestätigt Philo die diesbezügliche Lehre des Talmud (Sabb. 63): das Gebot entgeht nicht seinem einfachen Wortsinn: Ln mikro joze mide pschüto. Daher allegorisirte» berühmte Talmudlehrer schon vor Philo, wie z. B. R. Jochanan ben Sakkai, viele mosaische Gesetze, um hieraus anderweitige religiös-ethische Gesetze zu entnehmen. So z. B. begründete R. Jochanan das Verbot des Eisens beim Altar damit, weil der Altar zur Verlängerung des Lebens diene, das Eisen aber, das Schwert, zur Verkürzung desselben bestimmt sei. Ferner allegorisirte er das Gesetz, dem hebräischen Sklaven, der nicht zur Zeit der Freiheit ausziehen will, das Ohrläppchen zu durchbohren, dahin, daß derjenige, dessen Ohr den Ausspruch vernommen hat: mir (Gott) sollen die Kinder Israels Diener fein", der aber trotzvem Diener bleiben will, deshalb ein Sklaven-Schandmal an sich tragen soll. (Siehe Exod. 20, 25, 21. 6. Raschi-Commentar.) Derartige Allegorisirung bei praktischer Uebung der Gesetze ist nicht nur nicht untersagt, sondern sogar geboten in den Worten: Nicht soll weichen das Buch dieser Lehre (Moses) aus deinem Munde, forsche darum Tag und Nacht, damit du es übest ganz so. wie darin geschrieben ist, denn dann wirst du glücklich sein in allen deinen Wegen, und wirst vernünftig sein. (Josua, I. 7.)*) Philo hat durch seine Allegorifirung des mosaischen Zeremonialgesetzes den hellenistischen Heiden und Juden gezeigt, welch erhabene Lehren der Naturwissenschaften, der Ethik und Philosophie in diesen Gesetzen verborgen sind, die noch erhabener seien, als die Weisheit des von den Griechen göttlich verehrten Plato, den auch Philo überaus hochschätzte, viel höher, als die übrigen griechischen Weisen. Hiedurch gewann die jüdische Religion bei den hellenistischen Heiden und Juden Hochschätzung und Verehrung an Stelle der früheren Mißachtung und Geringschätznng, die aus Mangel an gründlichen Kenntnissen, aus Selbstüberschätzung und Eigendünkel entstand, was noch jetzt bei vielen Juden die Ursache der Mißachtung der Religion ist. Aber Philo ging in seiner Ueberschätznng Platos zu weit und aus Grund dessen Jdeenlehre, nämlich von der Abstufung von der höchsten, reingeistigen Urgottheit bis zum Schöpfer unk Leiter der irdischen Welt, lehrt Philo den Logos (aber nicht die Jncarnation in Jesus als Vermittler), was späterhin das *) Aber nicht wie der Apostel Paulus und seine Gläubigen es taten, die durch Allegorisirung der Zeremonialgesetze deren praktische Ausübung abgeschafft haben. So z. B. deutet er die Worte der Schrift (Gen. II. 24): „Darum soll ein Mann verlassen seinen Vater und seine Mutter und seinem Weibe anhangen" — auf den Messias und seine Gemeinde, die Kirche, (Eph. V. 31—32) weshalb er die Ehe nicht nur nicht als Gebot, sondern auch als Hindernis der Religion betrachtete und selbst, wie auch Jesus, unverehelicht blieb. Gleichzeitig will er hierin eine Andeutung finden zur Verlaffung der Synagoge und zum Anschluß an die Kirche. (Gal. 4. 22—28.)