Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1903
- Issue
- Heft 31 (14.8.1903)
- Date
- 1903-08-14
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Die.Wahrheit. Nr. 3i. und Alter ihm ein und beginnen seine Kräfte za versagen, dann ist leicht, ein Grund zur Kündigung gefunden. Wie eine ausgepreßte Gitrone wird er fveggeworfen and unbarmherzig mit seiner FawM^ aus die Straße, gesetzt, . mag der liebe Himmel für sein weiteres FortkommÄi Sorge tragen^ - Vor ungefähr einem Jahrzehnt haben wir,jn diesem Blatte auf diese den Lehren und dem Geiste des Judentums geradezu hohusprechenden Verhältniffe hingewiesen und deren Aendermrg von den' jüdischen Cultusgemeinden um so dringender gefordert, als gerade sie. ja berufensttt-r'daserhabene' Panier'! des Judentums Hochzuhalten uüd Recht und Gerechtigkeit ' be-v sonders den Schwachen und Bedrängten zu Teil werden zu lassen. Der von uns und dem Vorstände des österr.-Ungar.-. Cantoren-Vereines au sämtliche Cultusgemeinden Oesterreich- Ungarns gerichtete Appell zur Gründung einer Pensionscassa für sämtliche jüdischen Cultusbeamten fand jedoch nicht die nötige Unterstützung der Gemeinden, die mit Ausnahme einiger weniger auch nicht die geringste Beitragsleistung gewähren wollten, um die Zukunft ihrer Beamten etwas freundlicher zu gestalten. Lag ja, wie wir eingangs dieses Artikels andeuteten, damals für die. Eultnsgemeinden nach dieser Richtung kein gesetzlicher Zwang vor, und so konnten sie sich leicht einer Verpflichtung entziehen, die von staatlichen und anderen commmiülen Verwaltungen schon längst anerkannt war. Allein seit jener Zeit hat sich manches geändert. Auch bei uns in Oesterreich sah sich die Gesetzgebung veranlaßt, soziale Reformen auf dem Gebiete der Wohlfahrtseinrichtungen einzuführeu, und der noch im Gesetze vom Jahre 1890 zur Regelung der äußeren Rechtsverhältnisse der jüdischen Religionsgefeüschaft vertretene Standpunkt, daß ein Eingreifen der Gesetzgebung in das' Dienstverhältnis zwischen der Cultusgemeinde und ihren Angestellten sich nicht rechtfertigen lasse, ist heute bereits aufgegeben. Vor uns liegt der Entwurf eines derzeit im sozialpolitischen Ausschüsse des österreichischen Abgeordnetenhauses Berathung stehenden Gesetzes, das alle privaten und öffentlichen Dienstgeber — und darunter sind nach den von uns an competenter Stelle eingeholten Informationen auch die Cultusgemernden verstanden — verpflichtet, ihre Angestellten, soferne sie keine normalmäßigen Ansprüche aus Invaliden- und Alters^ Pension, sowie aus Pensionen zu Gunsten ihrer Hinterbliebenen haben, bei einer zu diesem Zwecke zu errichtenden und unter staatlicher Aussicht stehenden Peiisionsanstalt zu versichern. Von der Prämie sind zirka zwei Drittel vom Dienstgeber und der Rest vom Angestellten zu entrichten. Da nun dieses Gesetz voraussichtlich schon in der nächsten Reichsratssession dem Plenum des Abgeordnetenhauses vorgelegt werden wird und sämtliche Cultusgemeinden, die nicht über genügend sundirte Pensionssonde verfügen, - gezwungen sein werden, der obenerwähnten Pensionsanstalt beizutreten, erscheint es uns als höchst zeitgemäß, die jüdischen Cullusgeineindeu ans die von uns längst propagierte Idee der Gründung einer eigenen Cultusbeamten-Peusionscasse für sämmliche Cultusgemeinden neuerdings ausmeiksam zu machen und ihnen hiebei das über Auftrag des österr.-ungar. Cantorenvereines von . einem hervorragenden, derzeit mit der Leitung der versicherungstechnischen Abteilung im Ministerium des Innern betrauten Fachmanue ausgearbeitete Project in Erinnerung zu bringen. Auf welche Weife und mit welchen Mitteln diese Pensionscasse organisirt werden soll, wollen wir in einem nächsten Artikel aussühren. Die Misere des jüdischen Religions- Unterrichts. Von Dr. I. Kahan, Znaim. Die jüdische Religion kann man bekanntlich lernen, während man auf einem Fuße steht, aber sie zu lehren, scheint für die modernen Pädagogen eine unlösbare» Aufgabe zu sein. Aber merkwürdig! Während die jüdische Religion schon'über 3000 Jahre alt ist, besteht die Schwierigkeit,» sie zu' lehren, kaum 50 Jahre, seitdem sie nämlich aus dem Leben fast ausgeschaltet wurde. Solange man jüdisch g e I e 5 t, ha man sich über den jüdischen Religiönsunte>.richt kein Kopfzerbrechen gemacht. Gelernt hat man Thora, und damit.ist mG allerdings nie fertig geworden, man. hat eben nie ausgelernt, diese Thora! Aber heute will man mit deut Religionsunterrichte fertig werden, und kann nicht, als ob ein. Fluch auf ihm lagern möchte...— Da werden Methoden angegeben, biblische Geschichten geschrieben, jedes Jahr eine andere, aber immer muß man sich sagen, es: ist nicht, das Richtige, es muß hoch- Äas oNeueßdieses Neue? Es ist jetzt erschienen*) mit Upprobierung hes Lehrkörpers der theologischen Anstalt in Wien und des k. k. Ministeriums, Aber gerade bei diesem approbierten Neuen müßte man erst seinen Verstand und den guten Geschmack dem Teufel verschreiben^ eye man sich entschließen könnte, es der jüdischen Jugcnd in die Hand zu gebem ./.Hin schlechtes, zum Teil falsches Deutsch, eine fast immer geschmacklose Diktion — soll das der jüdischen Jagend ein Bild vom schönsten Buche der Welt beibringen? ' soll ihr d-us Begeisterung für die Vergangenheit Israels beibringen? ... Die größte Unbeholsenheit zeigt der Verfasser, bei der Anwendung der Partikeln. Dann, d o ch, a b e r, dam a l s, j e tz r n. s. w. stehen oft ganz überflüssig oder an falscher Stelle.' „Er schlug es (Amalek) mit der Schärfe des Schwertes.. A b e r der Herr sprach zu Mose... " —- Der- Herr - ließ - die Wolkensänle am Tage, die Feuersäule bei Nacht niemals vor d.en A un e n des Volkes weichen.. H i e r auf. sprach der Herr zu Mose." Ja, worauf denn, Herr Professor? — „Laß dich nicht nach dem Silber ~ gelüsten, welches daran (an den Götzen) ist, um es dir zu nehmen, damit du dadurch nicht verstrickt werdest, sondern (!) es ist ein Greuel vor dem Herrn. Ist nicht dieses sondern auch ein Greuel? Man darf nicht von jedem k. k. Professor verlangen,. daß er ein glänzender Stilist sei, aber korrektes Deutsch müßte, er schreiben können. Namentlich von einem Verfasser einer biblischen Geschichte muß billig verlangt werden, daß er die Feinheiten des hebräischen Originals in der deutschen Bearbeitung wenigstens ahnen lasse. Mit welch' wunderbarer Charakteristik stattet die heilige Schrift die Rede des sausten Jakob im Gegensatz zur derben Rede Esaus aus! Wer Weiß scheint davon keine Ahnung zu haben. Die sanfte, einschmeichelnde Bitte Jakobs (rDti> s: Dip mit fl cohortatioum) sieht der kurz angebundenen Sprache Esaus (1 ms Dp') so ähnlich, wie ein Ei dem andern. — Das unvergleichliche Lied am roten Meere liest sich bei Weiß wie eine Carrikatur ans dasselbe und schließt mit dem grandiosen Satz: Der Herr ist König immerdar und für die Dauer!! Kann nicht dieser eine Satz bei einem seinfühligen Mittelschüler den Geschmack am Buch der. Bücher immerdar und für die Dauer" verderben?- Aber nicht nur geschmacklose, sondern sogar falsche Stellen bietet die -neue biblische Geschichte. in Hülle und Fülle. — „Wo ist der Becher?" läßt Weiß ,den Verwalter Josephs seine Brüder fragen. Im Original wird der gestohlene Gegenstand in rafsinirter Weise gar nicht genannt — die Diebe wissen schon, was sie gestohlen haben! — Jakob hält Laban seinen Betrug vor — nach dem Mahle! Nach dem Originale müßte man doch, Gott bewahre! von einer Brautnacht etwas andeuten, und das ist gewiß gegen die Sittlichkeit! Ueberhanpt ist die Prüderie des Herrn Professors geradezu klassisch. Die tollsten Sprünge macht er, um ja nicht das gefährliche Wort —- „fruchtbar" zu gebrauchen! In sittlicher Beziehung sind also die Schüler bei einem solchen Heiligen gewiß gut ausgehoben. Aber wo bleibt die Wahrheit? Die gehört doch wohl auch zur Sittlichkeit. So wissen Sie, Herr Professor, daß Pinechas nicht nur den israelitischen Mann getötet har, sondern auch seine Buhlerin mit! Wenn die Geschichte Ihnen nicht paßt, so hätten Sie sie lieber auslassen, aber nicht fälschen sollen! Sonst, wo. es nicht nötig ist, kommt es unserm Herrn .Professor ans eine Auslassung mehr over weniger nicht a". — ::: •*) Die Biblische Geschichte nach den Worten der heiligen Schrift» Von Dr. Adolf Weiß, k. k. Professor, Wien.