Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1903
- Issue
- Heft 30 (7.8.1903)
- Date
- 1903-08-07
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 30 Die Wahrheit Seile 7. Die Rabbinerrouseren) in Krakau. Wenn wir dieses Thema einer eingehenden Besprechung unterziehen, leitet uns^die hiebei Absicht, einer Klasse von Menschen das Oeffentlichkeitsrecht nicht vorzuenthalten, die von vielen Seiten lieber niedergeschwiegen würde. Haben ja vor einem Vierteljahrhundert orthodoxe Rabbiner getagt, oder eigentlich genachtet und dabei so viel Widerspruch hervorgerufen, daß selbst einige der Theilnehmer mitten in der ersten Berathung ihre Ranzen schnürten und die Vernünftigen unter den Conservativen, die Rabbiner von Ruf und Bedeutung, eine Wiederholung des Congresses keineswegs herbeisehnten. Gegner dieses Rabbinercongresses sind zunächst die Zionisten, da die Mehrzahl der orthodoxen jüdischen Rabbiner, die die Erlösung nur Gott allein Vorbehalten, den Zionismus als gotteslängnerisch betrachten; natürlich wird der Congreß auch von der alten Fortschrittspartei perhorreszirt, und von den judenfeindlichen Elementen unter uns, den Sozialisten, ganz abgesehen, blicken selbst recht fromme Männer und hervorragende Rabbiner der bevorstehenden Tagung mit Bangen entgegen, weil,sie sich vor einem Fiasco mittelalterlicher Tagesordnungen fürchten. Wir aber wollen an die Sache mit ruhiger Objectivität, und auch mit ein wenig Wärme herantreten, schon im Hinblick aus den Umstand, daß die jüdischen Rabbiner in den meisten Städten und Städtchen in Galizien, die mit ihren Familien das ganze Jahr hindurch geradezu darben und fasten, förmliche Ganzopfer ihres heiligen Berufes sind, und weil es uns als ein gutes Werk erschiene, diese armen Sündenböcke der Gemeinden in Galizien, diese Sklaven der kleinsten Cnltusrepräsentanzen von ihren Zwingherreu zu erlösen. Wir könnten sogar aus vollem Herzen mit dem Rabbinertag sympathisiren, so wir die Ueberzeugung gewännen, daß er spontan aus gutjüdischem Herzen entsprang und nicht dem methtrunkenen Gehirn eines anrüchigen Sykophanten, wie die erste Rabbinerversammlung, die sich als Trutzversammlung gegen den ersten jüdischen Gemeindetag des Vereines „Schomer Israel" in Lemberg constituirte. Dieser Gemeindetag hätte sich zu einer höchst dringenden Einrichtung und in weiterer Folge zu einem galizischen Gemeindebunde und zum Wahrer und Förderer jüdischen Interesses ausgebildet. Unsere Sympathien würden gewiß auch von allen gntdenkenden, humanen Brüdern getheilt werden, welche die traurige Situation dieser armen Rabbiner kennen, und sie würden sich mit uns freuen, wenn der Congreß Maßnahmen träfe zu gemeinsamer Hilfeleistung, zur Hebung der Solidarität, wie nicht minder zur Kräftigung des tiesgesnnkenen nationaljüdischen und religiösen Bewußtseins. Nach all dem Vorausgegangenen sei uns gestattet, einen kurzen Ueberblick über die Teilnehmer zu geben. Es dürften mutmaßlich erscheinen: eine Anzahl rein rabbinischer Teilnehmer ohne weltliche Bildung, unabhängige Männer von lauterer jüdischer Gesinnung, ferner die zahlreich verbreiteten „guten Juden" als Rabbiner und unter dem Protektorate „guter Juden" stehende Chassidimrabbiner. Ob aber Rabbinercapaziläten teilnehmen werden, ist eine Frage, da die derzeitigen zumeist im Dienste großer Gemeinden mit assimilatorischem oder stark fortschrittlichem Vorstande stehen. Was wird wohl das Programm dieser ehrwürdigen Versammlung frommer Rabbiner sein? Nächst der Constituirung eine allgemeine Tat zur Rettung des Judentums, ein feierlicher Protest gegen die Blutbeschuldigung in den Synagogen, der wol ohne Wirkung verhallen wird, da den anti- und asemitischen Bedrängern, den Mördern, Räubern und Schändern nichts heilig ist und sie selbst von einer Schändung der Thora nicht zurückschrecken. Hierauf werden vermutlich Beratungen und Beschlüsse über Erwerbung eines Rabbinatsposter.s, Art und Dauer der Anstellung, Gehaltsansprüche und andere Standesfragen folgen. Als überaus wichtig würde es uns aber erscheinen, wenn diese rabbinische Versammlung sich auch mit jüdisch-erziehlichen Fragen beschäftigte. Es kann nicht mehr geläugnet werden, daß die Erziehung und Bildung, welche jüdische Kinder in den sogenannten interkonfessionellen, aber eigentlich katholischen Schulen erhalten, alles jüdische Denken. Wissen und Fühlen im Geiste und in Herzen der jüdischen Jugend zum Verlöschen bring!. Wir müssen daher eine derartige Vorschule fürs Leben Perhorrescieren, die unseren Nachwuchs in den Schooß der Alleinseeligmacherin führt, und es wäre seitens der Religiousdiener dringend zu erwarten, daß sie ein offenes Wort in dieser Hinsicht sprechen. Zunächst müssen jüdische Volksschulen organisirt und in jüdischem Geiste geleitet werden, damit den jüdischen Kindern die Möglichkeit geboten werde, das Judentum gleichzeitig mit dem profanen Wissen in ihren jungen Kinderseeleu aufzunehmen. Eine unabweisliche Notwendigkeit ist aber auch die Errichtung einer Zklassigeu Mittelschule, an welcher Hebräisch und Talmud neben den Gymnasialgegenständen gelehrt wird. Geschieht dies nicht und wird das jüdisch-rabbinische Wissen aus das kleinste Maß sich reduziren, dann muß auch die Zahl der Rabbiner abnehmen, da das Staatsgesetz die Anstellung eines Rabbiners von der Beibringung eines Maturitätszeugnisses "abhängig macht. Galizien und Bukowina, welche zusammen mehr Inden als die übrigen österreichischen Länder besitzen, haben die heiligste Pflicht, dafür zu sorgen, daß aus diesen Kreisen gediegene Talmudisten und Hebraisten und tüchtige, befähigte und würdige Rabbinatscandidaten hervorgehen. Der Rabbinercongreß möge darum nicht verabsäumen, die diesbezügliche Anregung zu geben und ein Comils einzusetzen, dem das Mandat erteilt wird, die jüdische Mittelschule baldigst ins Leben zu rufen. Nur dann wird sich der zusammentretende Congreß als der erste und erfolgreichste in Israel rühmen dürfen, der gewirkt haben wird zur Regeneration des galizisch bukowinischen Judentums. Dr. B. Die Ansichten hervorragender kroatischer Christen über den Zionismus. Bei Gelegenheit der Geldsammlung für nnstre unglücklichen Stammesbrüder in Kischinew, die ich in meinem Rabbinatssprengel veranstaltete, hielt ich mit mehreren christlichen Persönlichkeiten, die sich an der Geldsammlung berheiligten, Rücksprache über die Berechtigung! der zionistischen Idee, über deren moralischen, respektive auch aktuellen Werth. Dr. Kr., ein hervorragender Politiker und bedeutender Advokat unseres Landes, meinte: „Es zeigt endlich einmal von einem gewissen Grude von Selbstachtung des jüdischen Volkes, daß es sich als Nation zu fühlen beginnt. Dieses Bewußtsein wird ihm gewiß die Achtung derjenigen Völker in erster Reihe zuiühren, welche selbst große nationale Kämpfe um ihre nationale Selbstständigkeit zu bestehen haben. Aber selbst abgesehen davon, wird Israel aufhören ein Gegenstand des Spottes zu werden." „Im günstigsten Falle pflegte man das jüdische Volk ob seiner kein endnehmenwollenden Leiden zu bedauern, zu bemitleiden. Dies wird nun aufhören und an Stelle des Mitleides wird die Hochachtung treten, die man einem Volke entgegenbringt. das sich selbst zu achten versteht." Dr. Ritter v. E. B. meinte: „Die Lösung der Judenfrage, wie sie die Zionisten anstreben, wäre die glücklichste. Das monarchische Prinzip müßte in dem jungen I u d e n st a a t zur Geltung und praktischen Anwendung kommen. Die republikanische Regierungsform wäre von aller Anfang an eine verfehlte. Denn der Jude ist durch seine zweitausend Jahre währende Vaterlandslosigkeit zum Prinzipe der Verneinung erzogen worden und erkennt er deswegen in seinem eigenen Kreise keine Autorität an. Das sehe ich am Besten, wenn ich an jüdischen Feiertagen das jüdische Gotteshaus aufsuche. Es macht auf mich immer den Eindruck, als stünden Geistliche, Vorbcter und Meßner bei Euch in ein und demselben Range. Eine solche Zerfahrenheit würde gewiß auch im Verwaltungsleben des jüdischen Staates herrschen, wenn derselbe republikanische Verfassuug erhielte. Das wäre aber auch das Ende des jüdisch en Staates. Daher müßte anfangs monarchisch und mit eiserner Hand regiert werden. Als Fürsten würde ich Baron Rothschild Vorschlägen, der zweierlei besitzt, was ein regierender Fürst zu besitzen nöthig hat, und zwar: Geld und Autorität."