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Die Wahrheit · 1903-07-24 · Heft 29 (24.7.1903) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1903
Issue
Heft 29 (24.7.1903)
Date
1903-07-24
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Cfeftc 6 Die Wahrheit. Kr. 29 Angelegenheiten, welche mit den Eigenthümlichkeiten seines Arbeitsgebietes verknüpft sind, behält sich der „Bund" Autonomie vor. Alle teroristischen Bestrebungen verwirft der „Bund" aus das entschiedenste. Ueber den ganzen Ansiedlungsrayon wurde ein Netz von Organisationen verbreitet, die, abgesehen von seinen eigenen politischen Doktrinen, doch der Idee der Klasseusolidarität, der Idee des Ganzen, des Staates und des gesellschaftlichen Friedens Vorarbeiten. Das Hauptmittel des Klaffenkampfes zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber ist die Arbeitseinstellung. Im Ganzen zahlt man vom Ende des Jahres 1897 bis zum Sommer 1900 Z12 jüdische Strikes, von welchen der „Bund" in Kenntniß gesetzt worden ist. Die Gesammtzahl der Stinkenden — die Zahlenangabe ist für die wirtschaftliche Lage der russischen Juden bezeichnend i— betrug 27.890. Ein anderes Mittel besteht in der Gewinnung der öffentlichen Meinung für die Arbeiterklasse; die Komiles des „Bundes" erlassen in einzelnen Fällen Appellationen an die öffentliche Meinung und boykorttren gelegentlich einzelne wirerstrebende Fabriksbesitzer. Der „Bund" verfolgt, wie mau sieht, ats Träger einer Arbeiterbewegung eine planmäßige, zielbewußte Politik, welche ganz dem Sinne des positivistischen Umschwunges der russischen Sozialdemokratie entspricht. Fragt man aber, was der „Bund" dem Juden, also nicht dein Arbeiter, geben kann, so erhält man bloß negative Resultate; denn, indem der „Bund" als Kompromiß zwischen der jüdischen Eigenthünmlichkeit und den politischen Dogmen des russischen Sozialismus entstanden ist, sucht er das jüdische Proletariat für nichrjüdische Zwecke zu organisiren. So lange aber die nationale jüdische Ergenthümlichkeit der russischen Juden überhaupt noch besteht, werden die von den Russen durch den „Bund" adoptirteu Dogmen keinen Anklang in der Masse der russischen Juden finden. Der „Bund" glaubt dies dadurch überwinden zu können, daß er von seinem speziellen Gebiete aus allgemeine jüdische Fragen durch kosmopolitische Postulate zu lösen versucht „Von seinem partiellen Standpunkte aus hat er vielleicht Recht; aber über diesen Standpunkt katm er sich nicht erheben. Den Volkswilleu. der, unbekümmert um alle Schranken und Dogmen, eine lebendige Kulturarbeit erzeugt, kann der „Bund" nicht repräsentiren. Und nur dieser Wille, der unmittelbar wirkt, kann die komplizirte jüdische Frage in Rußland lösen. Der „Bund" , ist und bleibt eine Klassenorganisation, die von engen Klasseniuteressen getragen wirv; die russisch-jüdische Bevölkerung wird sich unabhängig von ihm ihre Bahn durch die Geschichte der Menschheit brechen." Die Äudeu und der Talmud. xxr Als wichtigen Beweis für die Originalität der Sitten lehren der Talmudlehrcr halten wir noch den Umstand, daß sie jede ihrer Sittenlehren zumeist sogleich aus eine Bibelstelle zurücksührten mit den Worten sebsnsewar, denn es wird in der heiligen Schrift gesagt. Aber im Neuen Testamente werden die Sittenlehren ohne Beziehung aus die Bibel abstract gelehrt. , Wir werden dies unter sehr vielen an einem Beispiele z zeigen. Jesus sprach zu seinen Aposteln: Gehet, lehret, umj sonst hbbt ihr genommen, umsonst sollt ihr dem Volke geben!! (Matth. 10. 8.) Der Talmud (Nedorim 36) leitet diese Lehre folgendermaßen von einer Bibelstelle ab: nämlich Moses sprach zu Israel: Siehe ich lehre dich Gesetze und Rechte wie der Ewige, mein Gott, mir besohlen hat. (Deuter. 44.) Dies, sagt der Talmud, bedeutet: Wie ich, sprach Moses, euch umsonst gelehrt habe, so sollet auch ihr umsonst lehren! Eine Aeußernna des Dr. Ernst Renan über die Originalität der talmudi,scheu Sittenlehre lautet folgendermaßen: ..Die Synagoge war reich au glücklich ausgeprägten Sinniprüchen, die eine Art von gebräuchlicher Sprächwörter-Literatur bildeten. Jesus bediente sich zwar immer dieser mündlichen Belehrungsart, jedoch nicht ohne sie mit dem tieferen Inhalte seines Geistes zu sättigen. (Wie Professor Huber, ebenso zeigtauch Renan seine Behauptung an keinem Beispiel. Alle Tugenden der Demut, des Vergebens, der Menschenliebe, der Selbstverleugnung, der Strenge gegen sich selbst, kurz alle Tugenden, die maü mit gutem Fuge christliche nennen kann, — wenn man eben damit sagen will, daß sie von Jesus wahrhaft gepredigt worden sind — waren als Keime schon in seiner srü heften Lehre enthalten. Zu den Grundsätzen des Judentums, betreffend Almosen, Mitleid, gute Werke, Sanftmut, Friedfertigkeit, vollkommeue Uneigennützigkeit des Herzens, hatte er (Jesu) wenig hiuzuzufügen. Doch wußte er sie mit einer Weihe zu salben, welche die längst bekannten Wahrheiten in einem neuen Lichte erscheinen ließ." (Bisher Renan in seinem Leben,Jesu, III. C.) Viel kürzer sagt diesen Inhalt Dr. Theol. M. Schwalb, Prediger in Bremen, in seiner Schrift: „Christus und das Judentum", 13. S.: „Also, Jesus hat keine einzige originelle -Lritteulehre gelehrt. Demnach sind die Sittenlehren im Neuen Testamente ganz altes jüdisch.s, Eigentum. Gesetzt, ohne zuzugestehen, daß Jesus salbrulgs-und begeisterungsvoller vortrug, so kommt dies daher, weil er nicht als „Schullehrer", sondern als Volksprediger, als gallil.. Wanderprediger (Sanhedr. 70) sprach; dieser kann gewöhnlich, weil er mehr zum Herzen spricht, eher enthusiasmiren, als der tägliche Unterricht des Lehrers in der Schule, der zumeist zum Verstaube spricht. Ueberdies konnte Jesu seine zumeist geld- und geistesarmen Zuhörer leicht begeistern. Er verlangte kein Verständnis, nur den Glauben an ihn, auch Paulus. Heil denen, die arm am Geiste sind, denn ihrer ist das Himmelreich, lautet die erste Lehre seiner Bergpredigt." (Matth. Y. 3). Nachdem wir die Originalität des Talmud betreffs seiner sittenlehren genügend nachgewiesen haben, werden wir jetzt die Quellen angeben, aus welchen sie in das. Neue Testament übertragen wurden, ohne daß wir diejenigen, die sie übertragen haben, des Plagialismus beschuldigen. Zunächst durch Jesus, der in seinen Disputationen mit den Pharisäern umfassende Kenntnisse aus der Morallehre und auch aus der Tradition bekundete. Dahin gehören die in den 4 Evangelien in seinem Namen mitgeteilten Sittenlehren. Er brauchte keine Bezugsquellen anzugeben, indem er erklärte, daß er nur die Lehre Moses und der Profeten zu erfüllen gekommen sei, und daß die Pharisäer auf dem Trone Moses sitzen. Er sprach zumeist vor Unwissenden und vor Pharisäern; eine Angabe seiner Quellen wäre für die ersteren unnütz und für die letzteren überflüssig gewesen. Weitcrs auch Paulus bezüglich der in seinen 14 Briefen enthaltenen Sittenlehren. Da er sich als Pharisäer, wie auch als Schüler des Tanai R. Gamaliel und als ein mit den Lehren der Pharisäer Vertrauter angekündigt hat, (Apostg. 22—23) so versteht sich von selbst,, daß seine Lehren den Pharisäern allgehören. Blos das mosaische Zeremonialgesetz erklärte er mit der Ankunft Jesu als ausgehoben, aber die Morallehre behielt weiter Gültigkeit. Auch die Verfasser der nachfolgenden Briefe, Jakobus .Petrus und Johannes, kannten die Tradition; denn Jakobus war viele Jahre erster Vorsteher der Kirche zu Jerusalem, Petrus soll von Jesus zum Felsen der Kirche und zu seinem Vertreter ernannt worden sein (Matth. 16) und Johannes wurde nebst Jakob und Petrus eine Säule der Kirche genannt (Galat. 2. 19), was ohne jüd.-theol. Kenntnisse nicht möglich wäre. Im Briese Judas wie in der Offenbarung Johannes sind gar keine Sittenlehrrn. Die in der Offenbarung vyrkommenden Allegorien und Symbole sind dem alten Testamente entnommen, was jeder Bibelkenner bemerkt. ' Als weitere Quelle bezeichnen wir die Mitteilungen der Judeu-Christeu, welche, wie bekannt, in den ersten drei Jahrhunderten der Kirche mit ihren jüdischen Glaubensgenossen die Synagogen besuchten, daselbst, besonders an Sabbat- und Feiertagen, ihre Moralpredigten auhörten und hievon ihren neuen Glaubensgenossen Mitteilungen machten, eventuell. sich

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