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Die Wahrheit · 1903-07-24 · Heft 29 (24.7.1903) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1903
Issue
Heft 29 (24.7.1903)
Date
1903-07-24
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Die Wahrheils Seite 5 Nr. 29. dem Vorsitze des Grafen Pahlen) behauptet, daß 90 Perzent all er ru s s i s ch e n Juden eine ganz ungesicherte Masse bilden, die von der Hand in den Mund in den drückendsten hygienischen .Verhältnissen lebt und ein v e r z w e i f e l t e s P r o l e t a r i a t bildet, dem kein anderes in den anderen Theilen des Rayons gleicht." Mau kann sich denken, wie die Sache jetzt, vierzehn Jahre nach den Untersuchungen der Kommission liegt. „Die Preise ihrer Hause sinken, ihre Wohnungen fallen auseinander, ihr Mobilarvermögen wird verkauft; ihre Kaufs- und Zahlungskraft vermindert sich bis aufs Aeußerste; jede Wohlthätigkeit, mag sie noch so sehr entwickelt sein, erweist sich als nutzlos." Mancherorts haben 50, ja 75 Perzent keinen bestimmten Beruf, das heißt mit anderen Worten ausgedrückt, sie leben von der Hand in den Mund. „In Warschau war ein Dreißigstel aller Juden nicht im Stande, Gemeindesteuern zu leisten; mehr als die Hälfte der Todten wird auf Synagogalkosten begraben." In einem Blatte, das sich sonst durch seine antisemitische Propaganda bemerkbar macht („Nowoje Wremja"), war vor Kurzem das Folgende über die Juden Wilnas zu lesen: „Das. was man in Städten mit russischer Bevölkerung nie trifft — Gesichter ausgesprochen hungriger, chronisch hungriger Menschen mit einem charakteristisch hungrigen Augenglanze —, das überrascht in der Masse der jüdischen Bevölkerung so sehr, daß es Einem das Herz bricht." „Alle die Leiden der jüdischen Handwerker in den Vereinigten Staaten erblassen gegenüber dem Mangel der jüdischen Werkleute des Ansiedlungsrayons," bemerkt Soloweitschick. „Bei sämmtlichen Bevölkerungsklassen des weiten russischen Reiches," sagt Leroy-Beaulieu, „habe ich keine elendere gefunden, als jene mageren Inden im langen Kaftan und großen Stiefeln, die ruhelos die Straßen und Wege durchstreifen, irgend eine Beschäftigung suchend. Man spricht heutzutage viel von der Wiederausrichtung des Proletariats und der sozialen Erlösung. Ich kann es behaupten, daß in unserem Europa es Niemand gibt, der mehr Mühe hätte, fein Kornbrod zu erwerben, als die neun Zehntel der russischen Juden. Tatsächlich ist es festgestellt, daß wenn mau die jüdischen Taglöhner und Fabriksarbeiter bei Seite läßt, die Handwerker des Ansiedlungsrayons sich gegenwärtig in einem so entsetzlichen Elend befinden, daß man nicht selten einen Handwerker sehen kann, der kaum das trockene Brod erwirbt und gezwungen ist, mit seiner Familie zu betteln und nicht weiß, wo er sein müdes Haupt niederlegen soll." Wie reagirt nun dieses bemitleidenswerthe Proletariat auf eine drückende Lage? „Ein Drittel wird sich taufen lassen, ein Drittel wird auswandern und ein Drittel wird vom Tode hingerrfft werden", soll seinerzeit Pobjedonoszeff auf die Frage erwidert haben, was aus den verfolgten Juden in Rußland werden soll. „Nun, der Tod hilft hier trotz seines thätigen Eifers ebenso wenig, wie der Typhus das Problem der bäuerlichen Hungersnöthe in Rußland lösen kann; von der Taufe machen gewöhnlich nur die bürgerlichen jüdischen Klassen Gebrauch (der neueste Erlaß der russischen Regierung hat übrigens auch diesem Lösungsmodus einen Riegel vorgeschoben), und die Auswanderung? Schon hat sich die türkische Regierung veranlaßt gesehen, Maßregeln gegen die Einwanderung der russisch-jüdischen Armen in Palästina zu treffen. Das Londoner East-End ist von armen russisch-jüdischen Emigranten überfüllt, wovon die meisten in den Sweatingbetrieben beschäftigt sind. Schon überströmen russisch-jüdische Arbeiter und Handwerker die nordamerikanischen Städte, und Transvaal lerut den russisch-jüdischen Hausierer kenuen; die Masse des russisch-jüdischen Proletariats bleibt jedoch von diesem Abströmen unberührt," Wohl vereinigten sich die bedanernswerthen Handwerker und bildeten Handwerkerorganisationen zur Linderung ihres Elends, allein wenn man glauben würde, daß sie der Agitation Vorschub leisten, so ginge mau sehr fehl, denn sie vertreten vielmehr in ihrem Grundton jenes staatsfreundlichen Organisationsprinzip, welches das Wrsen des historischen Jaoeuth nms bildet. „Aber daneben ist in Rußland ein anderes Proletariat emporgewachsen und hat angefangen sich zu regen, nämlich das russische Fabriksproletariat. Die Jndustrialistrung Rußlands hat da eine Arbeiterklasse geschaffen, die sich seit den siebziger Jahren für die revolutionären Lehren der russischen Soziologie und Publizisten empfänglich erwiesen hat. In den letzten zwei Jahrzehnten emanzipirt sich diese Masse von jenen Lehren immer mehr und organisirt sich allmälig, zu rein wirtschaftlichen Vereinen. Leicht begreiflich ist, daß das russiisch-jüdische Proletariat dort, wo es mit russischen Genossen unter gleichen Verhältnissen lebt, mit in den Strom der russischen Arbeiterbewegung hineingezogen wurde. Doch die Eigenthümlichkeit seiner Sitten, seiner Sprache, seiner Religion und seiner rechtlichen Lage bewirkte, daß auch dieser Theil des jüdischen Proletariats nicht völlig in jener Bewegung aufging. Er modelte auf seine eigene Weise die russischen Einfiüsse um, indem er sich unter die Leitung einer russisch-jüdischen, sozialrevolutionären Organisation, des „Bundes" stellte. Diese wird ihrerseits von der Bestrebung geleitet, das gesammte russisch-jüdische Proletariat ' auf ihre Weise zu organisiren". Um diese Orgauisation genau zu verstehen, muß man einen Blick auf die jüdische Arbeiterbewegung in Rußland vor der Gründung des sogenannten „Bundes" werfen. Man würde es wohl begreiflich finden, wenn der jüdischrussische Arbeiterstanb der sozialistischen Propaganda Gehör geschenkt hätte; denn alle ihm Zugehörigen sind ja von Haus aus Proletarier. Durch Generationen hindurch verfolgt sie aussichtslose Armuth; ohne Hoffnung auf ererbten Besitz, auf ökonomische Besserung ihrer Lage, auf die Gunst der sie verfolgenden Regierung und doch persönlich frei, haben sie außer der kümmerlichen Existenz nichts zu verlieren. Gleichwohl hielten sie sich lange fern von der sozialistischen ^Bewegung. In den siebziger Jahren aber entstand unter den zu den Sozialismus hinneigenden russichen Juden das Bedürfnis des Zusammenschlusses. Doch schlugen sie vorerst einen loyalen Weg ein: sie kramten den Zehnstundentag der Zunftgesetzgebung Katharinas II. heraus, um das jüdische Handwerksproletariat zum wirtschaftlichen Kampfe anzuregen. Bald traten sie mit einem Manifeste „an die jüdische Jugend" hervor. „Es ist Zeit," heißt es darin, „daß auch unsere (d. h. jüdischen) Proletarier zurückerobern, was die Ausbeuter ihres eigenen Volkes ihnen geraubt haben... Die Menschenbrüdenuig kennt keine Eintheilung nach Völkern und Stämmen, sie kennt nur nützliche Arbeiter und verderbenbringende Ausbeuter. Gegen diese soll das arbeitende Volk den Kampf beginnen." Bald darauf veröffentlichten russich-jüdische Sozialisten eine Reihe literarischer Produkte, die in dem Geiste der rusischen Marxisten abgefaßt waren. , Das geistige Zentrum der rusischen Juden, die Stadt Wilna, wurde auch zum Mittelpunkte der ersten sozialen Strömungen, welche von der russischev Sozialdemokratie auf die russich-jüdifchen Arbeiter verbreitet wurden. Mit der Verbreitung der marxistischen Ansichten beginnt die sozialistische Organisirnng der jüdischen Arbeiter in Wilna. Bon hier verbreitete sie sich auf Weißrußland, Litauen und Polen. Doch ist sie in diese» - Theilen Rußlands nicht gleicher Art. In Polen bestand schon 1893 eine geheime, der russichen sozialdemokratischen Organisation untergeordnete jüdische sozialdemokratische Partei, in Litauen und Weißrußland hingegen bewegte sie sich in gesetzlichen Bahnen. Es währte nicht lange und die jüdische Arbeiterbewegungjerlangte imjAnsiedlungsrayon einen einheitlichen Charakter. Im Jahre 1897 vereinigte sich die polnisch-jüdische sozialdemokratische Partei mit den litauisch-weißrussischen jüdischen Arbeiterführern zum „jüdischen Arbeiterbunde für Polen und Rußland" der unter den verkürzten Manien „Bund" bekannt ist. Dieser „Bund" betrachtete sich immer als von der russischen sozialistischen Bewegung abhängig, und als 1898 die jozialdemokratische Partei in Rußland gegründet wurde, ließ er sich von dieser als Anterabtheilung aufnehmen. Nur in de»

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