Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1903
- Issue
- Heft 29 (24.7.1903)
- Date
- 1903-07-24
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Die Wahrheit. Nr. 29. verä Io? roschö wetobh 16 werosch wera lo? zaddik wetobh lo su zaddik gomur; zaddik wera lo zaddik scheeno gomur. Warum gibt es gerechte Menschen, denen es schlecht ergeht, und Böstwichter, die im Glücke erstrahlen? Darauf antwortet der Allweise: Wenn es einem Zaddik schlecht ergeht, so ist es gewiß kein vollendeter Gerechter, denn einem solchen kann es nie schlecht ergehen. Desgleichen bei einem Bösen: ist es ein Mensch, der noch nicht ganz der Sünde ergeben ist, so muß bisweilen ihm Glück erblühen; dem verstockten Bösewicht blüht kein Glück. So löst unser Schrifttum das Geheimnis mit der Mahnung an uns, das Unglück nicht mit Vorwürfen gegen die Vorsehung, sondern gegen. uns zu tragen, denn bei strenger Selbstprüsung werden wir gewiß manche Schwächen entdecken, die unser Unglück uns begreisticb machen. Mögen wir daher in auflichtiger Zerknirschung unser Herz prüfen und auf dem Friedhose, den wir an diesem Trauertage besuchen, unseren Teueren Besserung und frommen Wandel geloben, dann wird Gott sich unser erbarmen, wenn wir es auch nicht verdienen, und neues Leben wird aus dem Grabe unserer Hoffnungen sprießen. Sehr zutreffend bemerkt ein gewiß sehr scharfsinniger Talmudforscher wie der große Marscha (Samuel Edels aus Posen, gestorb. 1631 in Ostrog): Nur der wirklich göttlicher Gnade Würdige ist ein zaddik gomur, und der ein Böser, dem es gut geht, der noch nicht so tief gesunken, daß Gottes Gnade ihn nicht wieder besserte. So mögen wir auch die letzten Schieckenstage von Kischinew als eine Mahnung auffassen, bei Gottes Lehre auszuharren und nicht dem Fuchse zu folgen, der uns wie die Fische aus unserem Lebenselemeut locken will, damit wir rasch zugrunde gehen. Als nämlich Rabbi Akiba zur Todesqual geführt ward, weil er entgegen dem hadrianischen Edikt öffentlich lehrte, da harte er vorher die Vorstellungen und Bedenken des Papos b. Jehuda, die heidnische Uebermacht so heranszusordern, mit jener bekannten Fabel vom Fuchse und den Fischen, die den Verlockungen ihres Feindes zum Trotze in ihrem Lebenselemeute, dem Wasser blieben, entkräftet und behauptet: wir Juden können weder durch Unter Wei sung vor dem Feinde, noch durch Fahnenflucht uns retten, sondern dadurch, daß wir in unserem Lebenselemente, der Thora, verharren, die ein mekör majim chajjim ist und bleibt. Wie Rabbi Akiba und seine Genossen, die 10 Märtyrer, die wir in einer erschütternden kinnah am 9. Ab beweinen, wollen wir die Märtyrer von Kischinew und allerwärts am 9 Ab beweinen, deren siillleidend Antlitz »uu - verklärt aus uns herabsieht, uns anstehend, ihr Gedenken, ihr fmchtlares Opfer zu ehren, ihnen durch Ausdauer im Glauben der Väter, in der Ueberzeugung des endlichen Sieges der Gerechtigkeit unsere Lieb' und Treue übers Grab hinaus zu be- , wahren. Auch heute ertönt wie zu Rabbi Akibas Zeiten aus der Höhe der reinen, aufgeklärten besseren Welt eine bat kol, eine heilige Stimme: Heil Euch, Jbr großen Dulder, deren Seele für Got.'es Verherrlichung zum Himmel stieg; Heil Euch auf dieser Welt, die Ihr erschüttert, niedergeschmettert in heiliger Bewunderung zu Euch, Ihr Vollendeten, emporschaut! Heil Euch, Ihr Zeugen Gottes, auf jener Welt der Seligkeit, wo der Weltenrichier Euch ewigen Glanz verleiht I K r u m a u, im Tyamns 5663. Rabbiner Dr. L. H i r s ch. Die rechtliche miü wirthschaftliche Lage der Juden in Rußland. Ein Schrei des Entsetzens und der Entrüstung durchbrauste die ganze zivilisirte Welt, als sich die Schreckenskunde von Kischinew verbreitete; aber auch liebedienerische Federn tvaren rasch zur Hand, die den unmenschlichen Ausbruch einer fanatistrten, verblendeten und rohen Meute zu erklären und verständlich zu machen bereit waren. Die schounugslose Ausbeutung des armen ruffischeu Volkes durch gewissenlose jüdische Wucherer sollte als begreifliche Ursache jener fürchterlichen Metzeleien hingt nommen werden. Man rechnete eben mit der Unkenntniß der russischen Zustände, um in der leichtsinnigsten Weise ein Schlagwort in die Massen mit Erfolg zu werfen und dadurch den gerechten Torn zu dämpfen und das natürliche Mitleid abzuschwächen. Um jedoch der Wahrheit zum Siege zu verhelfen, seien im Folgenden die rechtlichen und wirthschaftlichen Verhältnisse der Inden in Rußland auf Grundlage russischer Quellen dargelegt; sie finden sich in authenischer Weise vor in einer soeben, ich .möchte sagen, zur rechten Zeit erschienenen Studie über „die Organisation des jüdischen Proletariats in Rußland".*) Der Befreier der russischen Leibeigenen, der Czar Alexander II. verlieh auch den Inden so manche Rechte. Durch eine Verordnung durchbrach er das alte Verbot der Ansiedlung der Juden in den russischen Provinzen, indem er allein jüdischen Handwerkern, Kausteuten erster Gilde und akademisch gebildeten Juden das Wohnrecht in ganz Rußland gewährte, damit wirthschaftlich fortgeschrittene Elemente sich in Mittelrußland ansiedeln. Kaum machten jedoch einzelne jüdische Stände von ihren Rechten Gebrauch, als die Negierung Alexander's III. mit ihren reaktionären Maßregeln gegenüber den Juden einsetzte. Wie sie mit Judenhetzen unmittelbar begann, so fuhr sie mit Judenverfolgungen fort. Es begann eine Periode der Ausweisungen der Juden ans den Zentralprovinzen Rußlands in den „Ansiedlungsrayon", aus dem stachen Lande in die Städte. Allen Juden wurde von nun au verboten, sich auf dem glatten Lande anzusiedeln. Ausgenommen wurden nur Gastwirthe; aber auch diese Ausnahme fiel während der Regierung Nikolaus' II. mit der Einführung des staatlichen Weinmonopols weg (1897). „Bis zu 75,000 jüdischer Familien mußten da ihre alten Wohnsitze verlassen; sie zogen in die Städte des Ansiedlnngsrayons, um die auch ohnedies kümmerliche Existenz der dortigen jüdischen Bevölkerung durch ihre Konkurrenz noch mehr zu drücken. So entsteht dort eine Ueberfüllung von Menschenkrästen, wie sie sonst nur durch große technische Unwälznngen hervorgerufen zu werden pflegt... Das russisch-jüdische Proletariat ist daher jetzt eine einzigartige Erscheinung unserer Zeit. Sie bildet nicht die Kehrseite einer hoch entwickelten Industrie; sie wurzelt vielmehr in der einseitig nationalistischen Politik des russischen Staates". Die in diese Verhältnisse genau eingeweihte Verfasserin der uns vorliegenden Studie charakterisirt die Lage dieses Proletariats höchst anschaulich mit den folgenden Zahlenangaben. Die Inden, welche 5,189.000 oder 4'13 Perzent der gesammten Bevölkerung Rußlands ausmachen, vertheilen sich aus die einzelnen Theile -folgendermaßen: Kaukasus 0'63, Mittelasieir0'16, Sibirien 0'6, europä sches Rußland 4'81 Perzent, davon kommen auf die polnischen Provinzen im Durchschnitt 14'01 Perzent. Daraus läßt sich die ganze Bedeutung des Begriffes „Ansiedlungsrayon" erfassen. Nur so konnte es geschehen, daß fast alle Juden Rußlands in ein enges Gebient eingeschlossen wurden, so daß man überall dort, wo von russischen Juden die Rede ist — im Gegensätze zu den westeuropäischen Verhältnissen — an eine Maffenerscheinung zu denken hat. Umso klarer wird diese Thatsache, wenn man noch hinzufügt, daß diese Massen auch nach ihren Berufen rechtlich begränzt sind, daß es sich hier meistens um proletarische Existenzen handelt.; Folgende Zahlen gibt z. B. Subbotin (in der russischen Zeitschrift „(Swjet") für das Jahr 1898 an: 32.000 jüdische Familien (130.000 Menschen) ernähren sich im Ansiedlungsrayon von der Landwirthschast, soviel es noch aus dem zum Gebiete der Stadt gehörenden Boden möglich war (Gartenobst-, Tabak- Weinbau), 112 000 Juden waren als Taglöhner, 450.000 als Handwerker, 64.000 als Fabriksarbeiter beschäftige. „Noch 1887", erzählt Subbotin weiter, „wurde in der Hohen Kommission zur Benrtheilung der jüdischen Frage (unter *) Volkswirthschaftliche Abhandlungen der Badischen Hochschulen,. VII. Band. 2. Ergänzungsband. „Die Organisationen des jüdischen Proletariats in Rußland von Sara Rabinowitsch." Karlsruhe, 1903» G. Braun. S. „Pester Lloyd".