Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1903
- Issue
- Heft 29 (24.7.1903)
- Date
- 1903-07-24
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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akrchsit Redactlon liub Administration: Wien, II/,. Novaragaffe 27 ft. k. österr. Postkv-rcassa Check-Como Nr. 846.28!" Inserate 20 Heller per S!o»pareille-Z«ile. Abonnements- und JnserationSbeträge sind in Wien zahlbar und klagbar. Mkhängige Heitfchrifi für Misch, Interessen. Erscheint jeden Freitag. Motto: „Das Siegel Gottea ist Wahrheit!" i Berugspreis: | Ganzjährig. . . L 12.— j Halbjährig .... ft. 8.—! Für Cultusbeamte:! Ganzjährig.... ft. 10.— Für Ausland:! Ganzjährig . . .8 Mark. 6 Rubel oder 16 FcS tlr. 89. Wien, 24. 3nli. 1903. Inhalt r Der neunte Ab. — Die rechtliche und wirtschaftliche Lage der Juden in Rußland. — Die Juden und der Talmud. — Eingesendet zum „Eingesendet" in Nr. 24. — Aufruf an alle Landsleute aus Stampfen! — Jüdische Arbeitgeber! — Verschiedene Nachrichten. — Kischinew. — Zur Centennarfeier Salomvn Sulzer's. — An die P. T. Mitglieder des österr.-ungar. Cantoren-Vereines. Der neunte Äb. Jesch jomim, schekol jisroel misanim hohem mipne hazoros scheiru hohem: Es gibt Tage, da ganz Israel fastet wegen der stattgehabten Gräuel, um die Herzen den Wegen der Buße und der Umkehr zu öffnen! Insbesondere gehören zu diesen Tranertagen der 17. Tamus und 9. Ab, jene Unglückstage, die die „3 Wochen" begrenzen. Am 17. Tamus ereigneten sich bedeutende Unglücksfälle. An diesem Tage wurden die Gesetzestafeln zerschmettert, als Moses das dem goldenen Kalbe fröhnende Volk erblickte; das tägliche Opfer hörte auf zur Zeit des 1. Tempels; zur Zeit des 2. Tempels ward die Stadt an diesem Tage zerstört; Apostomos verbrannte die Thora und stellte unter Beihilfe nichtswürdiger Uebcrläufer im Tempel zu Jerusalem ein Götzenbild auf, eine Untat, die unsere Verbannung und die Vernichtung unseres Heiligtums zur Folge hatte. Auch der 9. Ab hat Unglück der mannigfachsten Art gebracht. Der 1. und 2. Tempel fielen in Trümmer; die Kundschafter brachten die schwere Strafe über das kleinmütige Volk ohne Gottvertranen, daß die Murrenden im Elende der Wüste ihr Leben verbringen mußten; an diesem Tage sielen die Helden von Bethar gegen Hadrians Blutjäger in ruhnivollem Kampfe gegen Unterdrückung der heiligsten Rechte; an diesem unseligen Tage zog Turnus Rufus den Pflug über den Tempelberg und erfüllte die Weissagung: „Zion wird einem Felde gleich gepflügt"; an diesem Unglückstage verließen Spaniens Juden das treulose Vaterland, das seine besten Bürger der Verblendung einzelner Machthaber zuliebe verlieren mußte. Unglück über Unglück, um uns aufzurütteln zur Erforschung unseres Gewissens und unserer Vergangenheit, worin für unsere Zukunft reicher Segen verborgen liegt. Denn nur wer offen seiner Leiden Ursprung kennt, wer nicht stets die Außenwelt für sein Unglück verantwortlich macht, sondern seine Fehler kennen und ablegen lernt, verhindert einen chorbau hagodol, eine große Verwüstung seines und seines Volkes Heiligtums. Darum haben ganz Israel und seine Lehrer die Profetensatzung für alle Geschlechter übernommen, diese Trauertage durch Kasteiung und Umkehr, Buße und Einkehr zur Erweckung eines besseren Wandels zu beobachten, und es ist ein frevelhaftes Beginnen, diese Fasttage zu übergehen. Man suche nur, gar leicht werden sich auch in unseren Leidenstagen Beziehungen finden, die uns die Bestimmungen unserer Lehrer verständlich machen. Zu allen Zeiten z. B. gab es rische jisroel, die ohne weiters dem Feinde bei der Zeritörung unseres Heiligtums, unserer religiösen Rechte, unserer bürgerlichen und wirtschaftlichen Stellung halfen und ihre Abstammung mit den gemeinsten Mitteln vergessen machen wollten. Dies ist zwar nur die böse Leidenschaft im Menschen, für die wir nie den Juden verantwortlich machen können; denn es ist eben die Meinung Aller, durch Bekämpfung, Verläumdung und Entstellung gewisser Tatsachen die Aufrichtigkeit ihrer Heuchelei, ihres Verrates zu bekunden und sich Freunde dort zu werben, wo solch elendes Treiben Beifall finden kann. Jeder besser Denkende wendet sich von solcher Niedrigkeit des Geistes und Herzens empört ab. Das sind die risohe Jisrosl, welche das Heiligtum preisgeben l Darum eben die große Trauer, an die man selbst Kinder gewöhnt, indem man ihnen nur das Nötigste verabreicht, damit sie mit der Gemeinde trauern, mit ihr Leid und Freude ertragen lernen und so mit dem religiösem Leben nach und nach bekannt werden. Denn nicht nur die Freuden, sondern mehr noch die Leiden sind imstande, den Menschen zu bessern und edlen Plänen zuzuführen. Man sollte besonders in unseren Tagen es beherzigen, ivo soviel Entsetzen, Grausamkeit und Niedertracht uns gebeugt haben, und wir müssen mit erneuter Kraft unser Heiligstes verteidigen. In uns ist die Menschheit geschändet worden, und mit tiefster Erschütterung muß jeder Fühlende an die Untaten rasender Wilden denken, die die gesittete Menschheit tief erniedrigen. Es ist eine Zeit, in der mau kein sehechejonu machen darf, denn solche Tage sollen nie wiederkehren. ülicheuichuos rosoh chodesch ab en somchin kloll. Mit Beginn des Ab darf man sich überhaupt nicht mehr freuen, denn alle jene Bluttaten, die seit ältester Zeit Israel vermindert, werden uns iuden kinot in Erinnerung gebracht, um uns zum Ernst und zur Umkehr anfzufordern und zur Besserung zu führen. Ja, lasset uns namentlich in diesen Tagen schwerer Heimsuchung um so inniger die Kiuoth, die herrlichen Zionslieder, unser wehmütig Herz durchdringen, als das Leid unserer Brüder und ihr Heroismus gewachsen sind. Wie erhaben ist doch das Gefühl, das uns angesichts der Festigkeit und Glaubensstärke unserer Väter beseelt, die schneller als der gewaltige Adler ihr Leben für die Heiligung des göttlichen Namens ließen. Allerdings mag so mancher jene alte Frage aufwerfen, die nach Talmud Berachoth bereits Mose dem Ewigen vorlegte: mipne ma jesch zaddik wetobh 16 wejesch zaddik