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Die Wahrheit · 1903-07-17 · Heft 28 (17.7.1903) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1903
Issue
Heft 28 (17.7.1903)
Date
1903-07-17
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8. . Die Wahrheit . Nr. 28 Stampfen. An» 9 August d. I. feiert unsere altehrwürdige Gemeinde den hundertjährigen Bestand ihres Tempels. Dieser Tempel war zu Ende der Achtzigerjahre bereits dem Verfalle nahe; daß der prächtige Bgrockbau erhalten geblieben ist, ist ein Verdienst des Wiener Bankiers, Herrn Siegmund Geiringer, dessen Familie aus Stampfen stammt und der bei einem Besuch in dem Orte den desolaten Zustand des Tempels bemerkte. Herr S. Geiringer setzte sich mit dem Cultusvorsteher, Herrn Leopold Kugler, in Verbindung und erklärte sich bereit, alle Kosten der Renovirung des Tempels zu tragen. Und so konnte der Tempel wieder aufs schönste in Stand gesetzt werden. Im Jahre 1891 wurde der Tempel neuerlich durch Rabbiner Winter eingeweiht; zu der schönen Feierlichkeit erschien auch die katholische Geistlichkeit, und der Pfarrer von Stampfe» hielt im Tempel an Herrn Geiringer eine herzliche Ansprache, in der er hervorhob, wie edel es sei, zur Ehre Gottes. sein Scherflein beizutragen. Der Pfarrer schrieb sich als Erster in das vom Cultusvorstande angelegte Gedenkbuch ein. Der damalige ungarische Cultus- und Unterrichtsminister sprach Herrn Siegmund Geiringer in einem Schreiben seine Anerkennung und seinen aufrichtigen Dank aus. Gegenwärtig ist Herr Emanuel Just Cultusvorsteher und hat sich derselbe große Verdienste mn die Gemeinde erworben. Das Fest verspricht ganz außerordentlich zu werden und soll die Teilnahme so groß sein, daß die Stampfener, welche in Wien wohnen, ein eigenes Comitö gebildet haben und mittelst Seperatzug die Hinfahrt antreten werden. In Stampfen selbst hat sich ein lögliedriges Somit« gebildet, welches sich mit den Vorarbeiten besihäftigt. Es soll an dem Tage, außer der Begrüßung der Festgäste und einer Festsitzung im Gemeindehauses ein Festgottesdienst und ein Bankett stattfinden. Der Cultusvorstand wandte sich wegen Uebernähme der Function beim Festgottesdienste an Herrn Obercantor Bauer in Wien, welcher als junger Cantor von 16 Jahren in der hiesigen Gemeinde zum ersten Male an den hohen Festtagen vorgebetet hat und dessen Vortrag noch heute in angenehmer Erinnerung ist. Obercantor Bauer sagte sein Erscheinen zu und wird mit seinem Chore die Function beim Festgottesdienste ausüben. Diese Nachricht. hat^in der Gemeinde allgemeine Begeisterung hervorgeruien/: — Montag, den 13. d. M. fand unter Vorsitz des Herrn Dr. Eisenstädter in Guths Restauration eine Versammlung der „Stampfner" statt. Nach der Begrüßung der Erschienenen referirte der anwesende Cultusvorsteher der Stampfener Gemeinde, Herr Em. Just, über die bisherigen Vorarbeiten, worauf ein Wiener Comit« unter der Obmannschaft des Herrn E. Engel und ein Jungherren-Comit« unter der Obmannschaft des Herrn Dr. Braun gewählt wurde. Weiteres wurde beschlossen, zur Erinnerung an das Jubiläum einen humanitären Verein „Die Stampfner in Wien" zu gründen. In den nächsten Tagen findet eine zweite Sitzung des Wiener Comites statt. Hriest. (Neuer Tempel.) Die seit Jahrzehnten auf der Tagesordnung stehende Frage der Errichtung eines neuen Tempels hat, nachdem sie für die Wahlen des Jahres 1901 zum Wahlprogramm geworden war, nunmehr ihre erfreuliche Lösung gefunden, indem die Versammlung der Steuerträger am 15. Juni den Beschluß faßte, in der Via S. Francesca ein Grundstück zu erwerben, aus welchem der Bau des neuen Tempelgebäudes, das zugleich die Gemeindekanzlei und die Rabbinerwohnung enthalten wird, ausgeführt werden soll. AerKn. Eine für die jüdischen Gemeinden und die freie Religions- Übung der Juden überhaupt bedeutsame Entscheidung ist jüngst getroffen worden. Für das städtische Schlachthaus in Angermünde wurde am 14. April 1894 eine Betriebsordnung erlassen, die auch Bestimmungen über die nach jüdischem Ritus vorzunehmenden Schächtungen enthält. Diese Bestimmungen sind durch Bekanntmachung des Magistrats vom i. Juni 1901 ab durch neue ersetzt, die das Schächten nicht zulassen, sonder» die Tödtung durch Schlagbolzen usw. anordnen. Der Kaufmann Frankenstein bat im Dezember 1901 um die Erlaubnis zur Schlachtung eines Rindes nach jüdischem Ritus im städtischen Schlachthäüse, wurde jedoch vom Magistrat abschlägig beschieden. Frankenstein -erhob schließlich Klage und behauptete, das Schächtverbot verstoße gegen die den Juden gesetzlich durch das Allgemeine Landrecht und die Verfassung gewährleisteten Rechte; es werde den Juden in Angermünde unmöglich gemacht, ihren Religionsvorschriften zu genügen. Die freie Religionsübung könne für einzelne Orte durch Gemeindebeschlüffe nicht aufgehoben werden. Der Bezirksausschuß wies jedoch die Klage als Unbegründet zurück, da die Gemeinden infolge der ihnen gesetzlich zusieh enden kommunalen Autonomie befugt seien, die in ihren Schlachthäusern anzuwendenden Schlachtmethoden festzulegen und das Schächten schlechthin zu verbieten. Diese Entscheidung focht Frankenstein beim Ober-Verwaltungsgericht au, welcher indessen der Ansicht des Bezirksausschusses beitrat und aussührte, keine ein öffentliches Schlachthaus unterhaltende Gemeinde sei verpflichtet, die Anwendung des Schächtschuitts zu gestatten; vielmehr folge ihre Berechtigung zu einem entsprechenden Verbot aus der Befugnis, Normativbestimmungen auch über die anzuwendende Schlachtmethode aufzustellen. Potsdam. In erhebender Feier beging mn 17. Juni unsere Gemeinde die Einweihung ihrer neuen Synagoge, welche an der Stelle der alten, vor 157 Jahren durch die Munifizenz Friedrichs des Großen errichteten, aufgeführt worden ist. Rach Ueberreichung des Schlüssels durch den Baumeister an den Bürgermeister, welcher denselben dem Vorsitzenden des Gemeindevorstandes, Herr» Justizrath Dr. Friedländer, aushändiäte, wurde die Synagogenpforte geöffnet, und unter Vorantritt der Träger der Thorarollen hielten die Ehrengäste, darunter der Bürgerin ister und mehrere Stadträthe (der Oberbürgermeister und der Ober- Präsident waren durch die Einweihung der Elektrizitätswerke am Erscheinen gehindert), den feierlichen Einzug in das bis auf den letzten Platz gefüllte Gotteshaus. Der gesangliche Theil wurde durch, eine Lewandowski'sche Composition des „Ma Towu* unter der bewährten Leitung des Herrn Chördirektors Th. Schönberger eiogeleitet. Das Solo darin sang in bekannter Meisterschaft der Obercantor unserer Gemeinde, Herr Z. Schönberger. Herr Rabbiner Dr. Rieger-Hamburg, welcher, der ehrenvollen Einladung zur Einweihung gefolgt war, zündete unter einem ergreifenden Gebete die ewige Lampe an und schloß mit dem üblichen Segensspruch 8ch«hech«joan.. Nachdem Vorbeter und Gemeinde abwechselnd Schema jisroel uno cGadIu gesungen, stimmte der Chor mit großer Begeisterung den Lewandowski'schen 8«u Scbsorim an, worauf die Thorarollen, während Herr Ohexcantor Schönberger Uwenucho jomar in edlem, vornehmem, von tief religiöser Empfindung durchdrungenem Vortrag rezjtirte, in die heilige Lade gestellt wurden. Nachdem die letzten feierlichen Akkorde des Lsksäern verklungen waren, schilderte der Vorsitzende des Vorstandes, Herr Justizrath Dr. Friedländer, in beredten Worten die Geschichte des alten und neuen Gotteshauses, dessen Vollendung nur Dank der großen Opferfreudigkeit sänuntlicher Gemeindemitglieder gelungen sei. Sodann ergriff der Rabbiner der Gemeinde, Herr Dr. Kaelter, das Wort zur Weihepredigt, der er die Worte „Wahrheit, Liebe Und Frieden" zu Grunde legte. In blumenreicher Sprache und gedankentiefem Inhalt entwickelte der Redner diese drei Leitsterne des Judenthums, um dann mi; einem Gebete für den Landesherrn und das, ganze kaiserliche Haus zu schließen. Nach dem Vortrag der Keduschah v on Lrwandowski und dem Priestersegen sang, der Chor Psalm 150. Damit endete die Feier, welche auf alle Theilnehmer einen weihevollen Eindruck geübt hat. Am Abend schloß sich ein Festessen an. an welchem fast die. ganze Gemeinde theilnahm. Nachdem Herr Repräsentant Rudolf Hirschberg im Namen des Festausfchussesj die Erschienenen begrüßt hatte, brachte Herr Justizrath Dr. Friedländer in schwungvoller Rede das Hoch auf Se. Majestät den Kaiser und König, der den Bau der neuen Synagoge mit Seinem Wohlwollen begleitete, aus, in welches die Versammlung begeistert einstimmte. Herr Rabbiner Dr. Kaelter toastete auf den Gemeindevorstand und die Repräsentanz, Herr Gemeindevorsteher Nathan auf die drei anwesenden Rabbiner Herrn Dr. Tobias Cohn, das frühere geistliche Oberhaupt unserer Gemeinde, der als Ehrengast an der Einweihung und dem Festmahl' theilnahm, Herrn Dr. Rieger, dem jetzigen Prediger des Hamburger Tempels,, und unserem gegenwärtigen Rabbiner, Herrn Dr. Kaelter, der es in kurzer Zeit verstanden hat, sich die Herzen seiner Gemeinde zu erobern. Zwei sinnige Tafellieder steigerten die Feststimmung. und Fräulein Heilbron erfreute durch den schönen Vortrag mehrerer Gesänge Herr Repräsentant Zilenziger rühmte die Verdienste des Obercantors Schönberger um die Regelung und musikalische Ausgestaltung des Gottesdienstes. Die Anwesenden bekräftigten ihre Verehrung, für den Vorbeter durch ein donnerndes Hoch. Das Festmahl schloß mit dem von Herrn Obercantor Schönberger vorgetragenen Tischgebet. So nahm die Feierder Synagogen - Einweihung in allen ihren Theilen einen glänzenden Verlauf und wird Allen, die Zeugen derselben waren, in wohlthuendec Erinnerung bleiben. ZSern. (Schweizer Israelitischer Gemeindebund.) Es ist ernstlich davon die Rede und dürfte in kürzester Zeit eine vollendete Tatsache werden, das sich alle jüdischen Gemeinden der Schweiz zu einem gemeinsamen Bunde vereinigen wollen, welcher in allen die Juden betreffenden Angelegenheiten das entscheidende Wort ausgeben wird. Der Bund würde durch ein aus den delegirten Mitgliedern der einzelnen Gemeinden hervorgehend es Zentral-Komite geleitet werden. Eine Gemeinde, die aus fünfzig Mitgliedern besteht, entsendet einen Vertreter, diejenige von hundert Mitglied ern deren zwei, usw. Der Bund will nur die politisch-socialen Frag en, aber nicht die religiösen internen verfolgen. Die Schweiz hat 22 Gemeinden mit einer jüdischen Gesammtbevölkerung von ca. 12.500 Personen. London. Der Lordmayor Sir Markus Samuel ist zum Barone ernannt worden. Litteratur. Brandete illustrirter Volkskalender für das Jahv der Welt 5664 g. Z. 1903—1904 ist vor Kurzem im 23. Jahrgang wieder erschienen. Das Buch ist 270 Kleinoktav-Seiten stark und zeigt auf dem Titelblatt das Bildnis Sir Markus Samuels in der Gajamntstracht als Lordmajor von London. — Eine Anpreisung dieses Werkes errachten wir als überflüssig, da dasselbe in den weitesten jüdischen Kreisen hinlänglich bekannt ist. Wir erwähnen nur kurz, daß dasselbe eine wertvolle Nachschlagestelle für alle Gebiete unserer Religion, der Liturgie, der zeitgemäßen,jüdischen Litteratur, wie für Commerz und Handel ist. Einige aus der Feder des bekannten Schriftstellers I. Brandeis dem Kalender beigebene Aufsätze in Poesie und Prosa bilden für Jedermann eine anregende und belehrende Lectüre. Somit wünschen wir dem Brandeis'schen Kalender die weiteste Verbreitung. Zu beziehen, durch die Buchhandlung I. B. Brand eis in Prag, Zeltnergaffe 33 neu.

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