Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1903
- Issue
- Heft 28 (17.7.1903)
- Date
- 1903-07-17
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 6 Die Wahrheit. Nr. 28 Wilde» Wasserfluthen? Wie am Nacken roh sie packen, SLimpf ins Antlitz sagen — Kannst Du, Herr? kannst Du,s ertragen? Sieh in Noth und Drangsal' Uns die Hoffnung leben! Hör uns rufen an den Stufen Deines Throns mit Beben! Laß der Armen Dich erbarmen. Die ihr Herz Dir geben! Darfst aus Ketten uns zu retten, Uns wie einst zu heben; Darfst zu trösten die Erlösten, Daß in Lust ste Schweben, Darfst nur unsre Thränen fragen — Kannst Du, Herr! kannst Du's ertragen? Solche mit dem Herzblute geschriebene Klagelieder kehren \ immer wieder, von dem gewaltigen Sprachkünstler Heller gluthvoll und erschütternd nachgedichtet, weil ganz nachempfunden. Was Wunder, daß die Dichter des Unglücks von pessimistischen Anwandlungen sich nicht frei halten konnten? Er greifend und niederschmetternd, tröstend und erhebend zugleich sind diese Stimmungen in einem Bußgebet ausgcdrückt, daß noch heute am Rüsttage des jüdischen Neujahrsfestes in den Synagogen gen Himmel gesendet wird. WasistderMensch? Will Gnad ein Mensch erwerben, Der jeden Tag kann sterben? Was kann der Staubkloß hoffen? Das Grab nur steht ihm offen. Da liegt er in der Grube, In einsam finstrer Stube. Sein Götterglanz umnachtet, Dem Thiere gleich geachtet. Kurz und geplagt sein Leben, Und Sund und Schuld sein Streben. Wenn in sich er gegangen. Kann er noch Heil erlangen. Recht thun und schaffen, nützen. Das kann ihn einzig schützen. Er selbst, was thut er wichtig? Ein Aschenhaufen nichtig! O! beffer nie geboren. Als ewig dort verloren. Streng muß vom ersten Leben Einst Rechenschaft er geben. Kühl nimmt den Arbeitsmatten Nur auf der Grabesschatten. Was kam er au? die. Erde, Der nichts kennt als Beschwerde? Der, glanz- und golduinflittert, Vor seinem Richter zittert? Der, will die Seel' entweichen. Vor Schrecken wird erbleichen? Ein Wirbelsturm umfängt ihn, Die Todesangst bedrängt ihn. Nackt aus der Erd' entsteht er. Nackt in die Erde geht er. Rasch ist im Netz er drinnen. Draus Keiner kann entrinnen, Muß Noth und Tod erleiden. Von Haus und Hofe scheiden. Und Hoffnung, Angedenken Wird man mit ihm versenken. Und von der Würmer Gnaden Wird er ein Raub der Maden. Wer dieses hört, wird stöhnen In wilden Klagetönen. Aus Reu' und Tugend sinnen. Vielleicht der Qual entrinnen. Aber rasch findet sich der Dichter wieder zurecht; seine Klage, sein Zweifel verstummt, die Lehre verweist ihn zur Ergebung in Gottes Willen, darin fuibet und bietet er Trost, darin Beruhigung, Erleichterung und Erhebung. Auf den Flügeln der leichtesten Phantasie erhebt sich der Dichter in die reine Höhe, das Lob und I>en Preis des Einig-Einzigen anstimmend. Alls Jehuda Halewi's und Gabirol's reichem Liederkranze hat Heller gar manche Blume mit kongenialer Schaffenskraft in den westlichen Boden verpflanzt. In dem schönen Buche selbst muß man sie aufsuchen, will man ihrer froh werden, wie man mit Genuß und Dank die herrlichen Gedichte lesen wird, die Lebensregeln, Wahrheitssprüche, weise Lehren und tiefe Anregungen enthalten. Als Schlußstein krönt Heller's Werk eine — die einzige — größere, in zusammenhängende Theile zerlegte Dichtung, das Lied vom Einen, ein Meisterstück der Uebersetzungskunst und der Nachdichtilng. Mit der Liebe des Freundes, mit der Wärme des gesetzestreuen Juden, mit der Begeisterung des für alles Schöne warm empfindenden Mannes, mit scharfem Kennerblicke hat David Kaufmann in der ersten Auflage der „echten hebräischen Melodien" seinem Heimgegangenen Freunde ein Denkmal errichtet, und ach! die zweite Auflage ist gleichfalls ein Zeichen der Pietät, aber für ihn selbst, den uns so plötzlich Entrissenen, errichtet von der um ihn ewig trauernden Gattin. Die Inden in China. Ueber die Juden in Kai-feng-fu, der Haupstadt der chinesischen Provinz Honan, ist jetzt neue Kllnde zu uns gedrungen, welche wir dem Berichte danken, den ein Herr Powell in Kai-feng-fu einer Anzahl von Glaubensgenossen in Schangai erstattet und in der Missions-Zeitschrift China’s Missions veröffentlicht hat. Das Vorhandensein einer jüdischen Kolonie im Reiche der Mitte wurde zuerst zur Zeit der Königin Elisabeth von England durch mehrere römisch-katholische Missionäre bekannt. Einer der letzteren, Pater Ricci, wurde während seines Aufenthaltes in Peking von einem chinesischen Studenten besucht, der nach der Haupstadt gekommen war, um sein Examen für einen Regierungsposten zu bestehen. Der Kandidat wünschte dringend, die Bekanntschaft eines Mannes zu machen, der, wie er wähnte, ein Glaubensgenosse voll ihm lväre; denn es war ihm gesagt worden, daß Ricci nur einen Gott, den Herrn des Himmels und der Erde verehre, ohne Muhammedaner zu sein. Ricci war betroffen durch die Gesichtszüge seines Besuchers, die von denen der gewöhnlichen Chinesen so verschieden waren, und nahm ihn mit in seine Betkammer, wo er vor dem Bilde der „heiligen Familie" mit Johannes dem Täufer und einem anderen Bilde, das die Evangelisten darstellte, niederkniete. Sein Besucher folgte dem Beispiel, bemerkte aber: „Wir in China verehren unsere Ahnen." Das ist Rebecca mit ihren Söhnen Jakob und Esan; aber warum werden auf dem anderen Bilde nur vier Söhne Jakob's verehrt; gibt es nicht deren zwölf?" Es wurden gegenseitig Erklärungen ansgetauscht, und es stellte sich heraus, daß der Gast ein Israelit, Namens Ngai war, der von Kai-feng-fu, der alten Hauptstadt der Song-Dynastie, nach Peking gekommen war. Er erzählte, daß dort seine Gemeinde eine Synagoge hätte, die kürzlich wieder ausgebessert sei, und in der eine bereits über 400 Jahre alte Gesetzrolle wäre. Er fügte hinzu, daß in Hang-tschau-fu in der Provinz Tsche-kiang mie noch größere Jnbengemeinde bestehe, welche gleichfalls eine Synagoge besitze. Es ist bekannt, daß sich Inden zur Zeit der Han-Dynastie (200 v. Ehr. bis 220 n. Ehr.) in China ansässig gemacht haben. Die Ansichten über das wirkliche Jahr der Niederlassung gehen allerdings auseinander. Manche Autoritäten nehmen 34 nach Chr. an, andere dagegen halten 69 n. Chr. für das wahrscheinlichere Datum — das will heißen: zur Zeit des Falles von Jerusalem. Jbn Batna, ein Schreiber des XIV. Jahrhunderts, bemerkt in seinem Bericht über die Stadt Hang- Tschau: „In der zweiten Hälfte wohnen Juden, Christen und Türken. Diese sind zahlreich; aber ihre Zahl ist nicht bekannt; der schöne Theil der Stadt gehört ihnen. Ihre Straßen sind gut angelegt; ihre angesehenen Männer sind reich." Damals war Kai-seng-su eine große, blühende Stadt; ihre Wälle waren etwa 20 englische Meilen lang, nährend ihre Bevölkerung kaum