Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1903
- Issue
- Heft 27 (10.7.1903)
- Date
- 1903-07-10
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Die Wahrheit Seite 5 Nr. 27 den Ministerpräsidenten aus judenfeindliche Agitationen in Ostgalizien aufmerksam zu machen und an ihn das Ersuchen stellte, eventuellen Exzessen vorzubeugen. Der Ministerpräsident versprach damals, die diesbezüglichen Weisungen an die galizische Landesregierung unverzüglich ergehen zu lasten, und es ist immerhin erfreulich, daß er an dem gegenwärtigen Statthalter von Galizien einen Mann gefunden hat, der, nach seiner eingangs citirten Erklärung, entschlossen ist, dem Gesetze und dem Rechte Jedermann gegenüber Geltung zu verschaffen. Lemberger Griefe. In dem düsteren, altertümlichen Lokale des Vereines „Zion“ und „Achawa“ haben sich am Sabbath des Wochenabschnittes Korach die Vertreter der zionistischen Handelsbeflissenen und Arbeitervereine zur gemeinsamen Beratung ihrer Angelegenheiten zusammengefnnden. Wer hätte vor mehreren Dezennien dem Gedanken Raum gegeben, daß junge Leute, kaum dem Knabenalter entwachsen, schon die ganze Schwere des bitteren Loses des Goluth nachempfinden werden, daß solch' junge Männer ihr persönliches Existenzinteresse dem allgemeinen jüdischen hintansetzen werden? Haben doch die Assimilationsalten, die Weisen und Führer der Gemeinden selbst das Judentum aus den Angeln der viertausendjährigen Gemeinschaft herauszuheben gesucht, um es aufzulösen und zu verwässern unter den Nationen. Wie anders heute I Heute knüpfen schon die Jungen und Jüngsten das national-unzertrennliche Band und reichen sich die Hände bald über den ganzen Erdball. Die Zeit also, welche der königliche Sänger David in seiner heiligen Weltschau kündete: Mipi olalim wejonkim jossadto oss die Zeit, in welcher unserem Volke aus dem Munde der Säuglinge und Zöglinge eine Veste gegründet wird, um dem Feinde entgegenzutreten, diese Zeit scheint nunmehr im Anzug zu sein. Man möge uns gestatten, ein klein wenig aus dem Thema zu fallen, um den geschichtlichen Hergang der letzten zwei Decennien zu illustriren. Das Jahr 1880 nehmen wir als das kritische Jahr au und die zwei Gemeinden Wien und Lemberg als unsere Brennpunkte der nationalen Arbeit. In Lemberg stand bereits 1867 der „8chomer Jsrael“ in voller nationaler Thätigkeit, Wacht haltend über die Ereignisse im Judentum in politischer, ökonomischer und sozialer Beziehung. „8ohomer jsrael" legte zuerst eine ausgesuchte Bibliothek mit zumeist jüdischen Büchern an; es existirte bereits ein organisirter Handwerkerverein „Jad charuzim“ zur Unterstützung seiner erwerbsunfähigen und kranken Mitglieder, ein Buchhalter- und Commisverein mit gleichen Zielen, Tomech dalirn, ferner eine Unzahl kleiner Vereine zu gegenseitiger Unterstützung. Anders in Wien. Weder ein jüdisch-politischer noch litterarischer Verein, noch ein Haudwerkerverein in einer so großen Gemeinde! *) Dafür die Assimilation in vollster Blüte, das sich christlich ausleben, eine blöde Nachäffung christlicher Bräuche und Sitten, die schließlich zur Christbaumbescheerung in jüdischen Häusern führte. Schwer, ja unendlich schwer gelang es uns, den ersten Zionsverein „Ahawath Zion“ mit Hilfe der Schiffschulpartei und einiger galizischer Juden, noch schlvieriger aber, den akademischen Verein „Kadimali“ zu gründen. Diese erst brachten Leben in die indifferente assimilatorische Masse, sie regten den Geist der Empörung und der Auflehnung gegen den Polizeigeist der Seitenstettenburg an, die das Generalstabscentrum der Assimilation bildete. Was wir vor 22 Jahren in ganz schüchterner Weise gewagt, man höre und staune, einen ersten jüdischen Abend in dem Restaurant Kühner zu feiern — heute bringt nus der Zionismus in Wien viele frohe jüdische *) Der geschätzte Autor scheint da nicht genau informirt zu sein. Einen jüdisch-politischen'Verein hat es damals allerdings nicht gegeben, aber für die Pflege der jüdischen Litteratur, für die Förderung des Handwerkesund besonders auf'humanitärem Gebiete gab es schon damals hervorragende Vereine und Institute, die musterhaft organisirt und für anderweitige Gründungen geradezu vorbildlich waren. Die Redaktion. Feste, leider gar oft in nichtjüdischer Weise. Genug, das assimilatorische, zerstreute und zersprengte Israel sammelt und organisirt sich. Mit Freuden begrüßen wir die vielen jüdischen Handwerker vereine, und nun sind wir beim Thema. Wir im Vereine „Schomer Jsrael“ haben vor drei Jahrzehnten schon aus die Dringlichkeit der Organisirung unseres Volkes hiugewiesen und erwarteten vom „Jad charuzim“ Handwerkervereine in Lemberg eine agitatorische Thätigkeit behufs Organistrung der Handwerker in Galizien. Aber vergebens. Jene Zeit kehrt wohl nicht wieder, wo ein Baron Hirsch unter den Lebenden weilte und eine Goldfluth über Galizien ausgehen ließ. Diese Aera ist für immer vorüber, aber die Einigung aller jüdischen Arbeiter zu vollbringen, bleibt stets als eine große Aufgabe für Männer mit Herz und Kopf. Diese Aufgabe erscheint wohl nicht so ganz unmöglich, allein der judenvernichtende Sozialoemokratismus hat hier mit seiner ganzen Wucht eingesetzt. Die wenigen Schreier erhalten ihren Lohn aus den verschiedensten sozialistischen Kassen und agitiren zum Verderben unserer jüdischen Sache. Indessen wurde im Vereine „Schomer Jsrael“ sehr lebhaft der Gedanke in Discnssion gezogen, es sei ein „allgemeiner jüdischer Handwerkertag" nach Wien einzuberufen, um vom Centrum aus eine Organisirung des jüdischen Handwerkerstandes herbeizusühren. Diese Organisation müßte eine Centralleitung in Wien und Lokalleitungen in allen größeren Arbeitscentren besitzen. Diese Organisation hätte sich nicht mit umftürzlerischen Ideen zu befassen, sondern einzig und allein dafür Sorge zu tragen, wie dem Arbeiterstande Arbeit zu geben, wie die schwachen Kräfte zu sammeln und zu einigen sind im Sinne von Gewerkschaften, Arbeiterasyle anzulegen, die Bildungsstufe des Arbeiterstandes zu fördern, und was uns das Wichtigste ist, wie unsere jüdischen Arbeiter bei ihrer jüdischen Fahne zu erhalten sind. Ein derartig orgauistrter Arbeiterstand brächte einen echten und rechten Mittelstand zu Wege, ohne das gehirnzerfressende Spekulantentum, welches leider die Jireu- und Moralanstalteu bevölkert. und ein deraitiger Mittelstand wäre auch das verläßlichste sanft aufsteigenve Element. Darum auf Ihr arbeitsfrendigen Brüder zur wahren jüdiich erlösen en Arbeit! Auch eine andere Aufgabe, welche sich der politische Verein „Schomer Jsrael“ gestillt hat, darf der Mitarbeit aller gut jüdiich denkenden Kreise nicht entraten. Die.Aufgabe besteht darin, die Gemeinde Lemberg, die über 2000 Häuser mit christlichen Hausbesorgern verfügt, zu bewegen, jüdische Hausbesorger einzuführen und auch die Dienerschaft so viel als möglich aus Juden zu rekrutiren. Schon im Winter hat Ihr Correspondent im Vereine „8chomer Jsrael“ unter dem Schlagwort „National-jüdische Arüeit" auf. die Nothwendigkeit hingewiesen, daß unsere Brüser und Schwestern aller bürgerlichen Arbeiterklassen in sich vereinigen und daß keiner sich einer ehrlichen Handarbeit schämen solle. Von diesen Gesichtspunkten ausgehend, stellte er den Antrag, die jüdischen Hausherren mögen ihre Hausbesorger nur aus jüdischen Kreisen nehmen. Schon damals konnte eine Majorität für diesen Antrag erzielt werden, jedoch anläßlich des schrecklichen und grausamen Raubmordes, an dem sich christliche Hausbesorger, betheiligteu, wurde die Frage acuter, und zwei Versammlungen sprachen sich mit Stimmeneinhelligkeit für den Antrag aus. Wird dieser Antrag realisirt, dann wäre damit ein Theil des jüdischen Elends in Lemberg behoben. Mehr als zweitausend Häuser gehören jüdischen Eigentümern —■ und mehr als 3500 jüdische Familien fallen der jüdischen Gemeinde Lemberg zur Last. Weiters stellte Ihr Correspondent den Antrag, es seien für die Mädchen jüdische Wirthsschaflsschulen in Lemberg zu errichten und aus ihren Reihen jüdische Köchinnen, Wirthschafterinnen heranzubilden. Auch dieser Antrag wurde angenommen, und es handelt sich jetzt darum, ,den Cultusvorstand zur Errichtung einer derartigen Schule zu bewegen. Wir wollen als gute Inden und vertraueusstarke Zionisten unser Volk nicht blos zum Erwerbe von Grund und Bosen und Häuiern bringen, sondern auch zur Arbeit und Selbstbedienung führen. Schließlich