Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1903
- Issue
- Heft 27 (10.7.1903)
- Date
- 1903-07-10
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Die lDahrheu. Nr. 27. Zwei Drittel der österreichischen Juden (810.000) wohnen in Galizien, wo sich Handel und Industrie zu erheblichem Teil in ihren Händen befinden. In diesem Lande haben die Jesuiten und die von ihnen beeinflußte Schlachta seit jeher für die anti semitischen Bewegungen den Boden vorbereitet. Und hier vor allem könnte der Antisemitismus nach russischem Vorbild gefährlich werdeit, sowohl für die Inden, wie auch für diesesarme Land, welches nur im Frieden sich ans dem jetzigen Zustande erheben kann — und mir durch das Mitwirken aller, ehrlichen Elemente, ohne Unterschied der Konfession. Nach Galizien kamen die Inden unter der Herrschaft Kasimirs. Diesen König, der mit dem Spottnamen „Bauerukönig" bezeichnet wurde, hasste die Schlachta ob seiner Humanität, und sie kann ihm bis heute die „Verpestung des Vaterlandes mit der jüdischen Seuche" nicht vergessen. Uebrigens galt di. Gunst des Königs Kasimir, wir historisch erwiesen, weniger den Juden als den schönen Töchtern Israels. Wie dem auch sei, die Inden waren da, und jeder Unbefangene wird zugeben müssen, dast sie in ganz Polen viel zur Hebung der Industrie und des Haudtls beigetragen haben. Der polnische Adel hat trotzdem die Juden immer als minderwertig behandelt, als ein Mittelding zwischen Mensch und Tier, und dies wurde von den Jesuiten und von dem polnischen Klerus öffentlich gepredigt und in den Schulen gelehrt. Die Ermordung eines Inden wurde daher gewöhnlich als nicht strafbar angesehen. Diese Traditionen haben sich in Galizien bis heute er ballen. Trotzdem haben es die Schlachzizen .verstanden, sich den Juden zu einem gefügigen Werkzeuge umznschaffen, was ilmen gelingen mußte, da der Jude rechtlos und die Schlachta allmächtig war. Um die Interessen der Inden mit denen der Schlachta zu verbinden, wurde der polnische Jude zum typischen Wirtshaus- Pächter erzogen, wahrend der Schlachzi; — Eigentümer der Schenken blieb. Der Wirtshanspächter war verpflichtet, über jede Bewegung, ja selbst über jedes Gespräch der Bauern die Herrschaft gerrau zu unterrichten. Er wurde übrigens sehr oft zum Vollstrecker der Befehle seines Herrn gemacht. Deswegen kehrte sich der Unwille der bedrückten Bevölkerrng immer vor allem gegen die Wirlshauspächler, also gegen die Inden. Von dem Bauer gehaßt, von der Schlachta drangsalirt, mußte der polnische Jnde .mil der Zeit jedes Gefühl der Selbständigkeit und der Menschenwürde verlieren. Er war. angewiesen, sich an di. -Mächtigeren zu halten und für jeden Pieis ihre Gunst zu erwerben, dadurch aber steigerte sich der Haß der Menge gegen ihn. Das wollte eben die Schlachta — sie har planmäßig unter den breiteren Volksschichten den Antisemitismus gezüchtet und sich das Judentum zum historischen Sündenbock gemacht. Die Lage eines polnischen Inden war somit immer und ist noch jetzt sowohl für ihn selbst wie auch für die breiteten Volksschichten unerträglich. Der in Galizien allmächtige Schlachziz verachtet den Juden, unterdrückt ihn, läßt sich durch U)i> in verschiedenen unlauteren Angelegenheiten vertreten und anerkennt im Juden einen Menschen blos dann, wenn er von ihm Geld braucht, was das historische Sprichwort der Schlachzszen trefflich erläutert: „In Verlegenheit gehe zum Juden, ist die Verlegenheit vorbei, dann schaue Jude, daß du weiterkommst l" Der Bauer wiederum haßt den Inden als den Helfershelfer der Schlachta bei Wahlschwindeleien und so fort. Es bedarf somit keiner großen Agitation, um antisemitische Exzesse in Galizien herbeizuführen. Deshalb ist die Nolle der Schlachta sehr leicht: Wenn sie mit ihrer Unterdrückung der ruthemschen Bauern zu weit gegangen ist, so daß sich eine Gährung unter der Bevölkerung bemerkbar macht, dann bestellt man antisemitische Unruhen, läßt anfangs die Juden ruhig prügeln, hierauf unterdrückt man die Bewegullg mit Gewalt Der Schlachziz schmunzelt dann vergnügt, denn er konnte sich dem Juden gegenüber als „Beschützer" aufspielen und ihm beweisen, daß der Bauer der gemeinsame Feind ist, und der Bauer seinerseits fühlt um so schwerer die Hand des Schlachzizen. Ich weiß mich sehr gut an einen derartigen typischen Fall im Bezirke Cieszänow zu erinnern. Damals war ich an Ort und Stelle. Es war iin Jahre 1884 oder 1885. Zwischen der k. k. Bezirkshauptmannschaft und der schlachzizischen Bezirks - Vertretung einerseits und den Gemeindevertretungen andererseits kam es zu einem Konflikt. Wenn mich das Gedächtnis nicht irre führt — handelte es sich um Erhaltung und Bau von Straßen, wobei man von den Dorfgemeinden verhältnismäßig viel größere Leistungen verlangte als von den gntsherrlichen Besitzern. Kur; und gut, manche Gemeinde — besonders Lublinic und die umliegenden Dörfer — protestirten energisch, ja, revoltirten sogar. Manche „Bezirksgrößen" haben damals unumwunden erklärt, man müsse einen Vorwand finden um „die freche Bewegung" rücksichtslos zu unterdrücken, Eines Morgens erhielten nun die Gemeindevorsteher Ansforderungen, versehen mit einer amtlichen Stampiglie, die Bauernschaft zn versammeln und zu veranlassen, gegen die Inden loszuziehen, damit dieselben ans dem Lande vertrieben würden. Es ist damals merkwürdigerweise — abgesehen von einigen kleineren Prügeleien — zu keinem Unglück gekommen. Die Juden sind aber der Angelegenheit nachgegangen und haben eine strenge Untersuchung verlangt. Zu vertuschen war die Sache nicht mehr — umsoweniger als sie sehr ungeschickt inszeniert war. Es war allgemein bekannt, daß hinter dieser Aktion eine ganze Anzahl bekannter Personen stand, es wurde aber nur ein Sündenbock gesucht. Ein junger Mann, namens Bolfiewicz, nahm die Schuld auf sich, er wurde verhaftet und zu einer mehrwöchentlichen Arreststrafe verurtheilt. - Das war Bezirkspolitik. Viel vorsichtiger verfahren aber die Landespolitiker. Diese nehmen Agitatoren an, die aus eigenes Risiko das Land bereisen. So war es auch vor fünf Jahren, als nach den berühmten „polnischen Wahlen" der Unwille der breiten Volksschichten immer lauter wurde. Eine ähnliche Geschichte wiederholt sich nun jetzt in Ostgalizien. Man möchte nämlich die rulhenische Bauernschaft — die bereits während der letzten Streilbewegnng eine ungewöhnliche Solidarität sowie Organisation zeigte — mit den Inden „beschäftigen",'andererseits aber die Bauern, die sich, zu Exzessen gegen die Inden verleiten lassen, durch Verhängung des Ausnahmezustandes oder gar des Siandrechtes ihrer Organisation berauben, sowie ihre Opposition sür längere Zeit überhaupt^ unterdrücken. In verschiedenen Gegenden Ostgaliziens treiben sich tatsächlich in letzerer Zeit von der Schlachta bestellte Subjekte herum, die zu Judenmassakres die Bevölkerung aufreizen. Das rulhenische Tageblatt „Drlo" berichtete vor kurzem über solche Agitationen in den Bezirken Kolomea und Nohatyn. Ueber das gleiche Thema schrieb auch der bekannte rulhenische Schriftsteller Dr. Iwan Franko in der Wiener „Zeit", DerLemberger (zionistische) „Waschod" bestätigt diese Nachrichten und berichtet über ähnliche Agitationen in den Bezirken Tarnopol und Zbaraz. ~ Aus dem Bezirke Kolomea wird im weiteren gemeldet, daß die Agitatoren, die sich recht ungeniert benehmen, polnischruthenisch radebrechen. Welcher Nationalität diese Subjektangehören, ist schließlich gleichgiltig, daß sie jedoch im Interesse der Schlachta handeln und von derselben bestellt sind — liegt auf der Hand. Die rulhenische Presse erfüllt nur ihre Pflicht, indem sie das rulhenische Volk vor dem unwürdigen Streiche rechtzeitig warnt und die öffentliche Meinung der zivilisierten Welt ans diese Vorbereitungen aufmerksam macht. Die Schlachta bedarf wiederum eines Blitzableiters, deshalb müssen alle ehrlichen Elemente auf' der Hut fein, damit nicht Kifchinew sich in Galizien wiedeihole mit der besonderen Wirkung, daß der Jude und vor allem auch die verführten Ruthenen für lange Zeit die Zeche zu bezahlen haben." Daß die vorsteheilden Schilderungen nicht so ganz aus der Lust gegriffen sind, geht schon aus der Thatsache hervor, daß die österr.-ifrael. Union sich auf Grnnd direkter Mitiheilungen ihrer Vertrauensmänner anfangs Juni veranlaßt sah,